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Full text of "Kolonialgeschichte der Neuzeit; ein Abriss"

Kolonialgeschichte 
der Neuzeit 

EIN ABRISS 

VON 

VEIT VALENTIN 



MIT ZWEI FARBIGEN KARTEN 







TÜBINGEN 

VERLAG VON J. C. B. M O H R (PAUL SIEBECK) 

1915 



ALLE HECHTE VORBEHALTEN. 



COPYRIGHT 1915 BY J. C. B. MOHR (PAUL SIEBECK), TÜBINGEN. 



DRUCK VON H. LAUPP JR. IN TÜBINGEN. 



Vorwort. 

Dieser Abriß der Kolonialgeschichte der Neuzeit ist 
ein Versuch, die Studierenden, die Lehrer und den 
weiteren Kreis der Geschichtsfreunde in ein Gebiet der 
neueren Historie einzuführen, das der Forschung wie 
der Bildung bei uns noch immer weniger nahe liegt. 
Ich habe diesen Versuch auf Anregung des* Herrn Ver- 
legers, Herrn Dr. Paul Siebeck, gewagt, und ich bin 
dieser Anregung um so lieber gefolgt, als ich durch 
die Zeitereignisse in meinen seit Jahren betriebenen 
Quellenstudien über die deutsche Revolution von 1848/49 
gehemmt wurde, und mir die Probleme der neueren 
Kolonialgeschichte aus einer zuerst 191 2 gehaltenen, 
dann im letzten Winter wiederholten Spezialvorlesung 
vertraut waren. 

Ich hätte aber die Aufgabe einer knapp zusammen- 
fassenden Darstellung nicht auf mich genommen, wenn 
ich nicht den vorliegenden Stoff unter einem neuen 
wissenschaftlichen Gesichtspunkt hätte gestalten können. 

Die kolonialen Unternehmungen der europäischen 
Völker beschäftigen eine große Zahl von Einzelwissen- 
schaften: der Geograph, der Ethnologe, der National- 
ökonom befassen sich mit den Problemen der Landes- 
abgrenzung, der Bodengestaltung, der klimatischen Be- 
dingungen, der anthropologischen Art und der sozialen 
Zustände der Eingeborenen, endlich der Besiedelungs- 
und Wirtschaftsverhältnisse. 

Was ist nun das Geschäft des politischen Histori- 



IV Vorwort. 

kers ? Er muß von allen diesen Einzeldisziplinen lernen, 
um imstande zu sein, die Fragen seiner Wissenschaft 
zu beantworten ; er muß einen genauen Begriff von dem 
Wert haben, den ein überseeisches Gebiet an sich besitzt, 
um die Bedeutung beurteilen zu können, die diesem 
Gebiete für ein europäisches Volk zugekommen ist. 
Diese Bedeutung ist der eigentliche Gegenstand der 
historischen Forschung; sie ist etwas von Grund aus 
Po litisch es. 

Um aber nun zu diesem letzten und höchsten Punkt 
zu gelangen, muß der Historiker große Schwierigkeiten 
überwinden. Sie liegen in der Natur des kolonialge- 
schichtlichen Stoffes : wir haben da eine große Fülle 
von Einzeltatsachen, von Geschehnissen lokaler Natur, 
wir haben eine merkwürdige Verschlingung der Ent- 
wickelungslinien und eine verwirrende Fülle von Schau- 
plätzen und Menschen, mit denen uns kein unmittel- 
barer Zusammenhang verbindet. Jedes kolonialgeschicht- 
liche Faktum gehört zwei Welten an, der mutterländi- 
schen und der überseeischen, es ist damit Glied von 
zwei an sich heterogenen historischen Entwickelungs- 
reihen — und so entsteht eine Unstimmigkeit, die schwer 
aufgelöst werden kann. 

Ich unterscheide nun drei Betrachtungsweisen, durch 
die man des Stoffes und seiner Schwierigkeiten Herr zu 
werden versucht: die erste Betrachtungsweise geht aus 
von der geographischen Verteilung der Kolonien, die 
zweite geht aus von der kolonialen Arbeit der einzelnen 
Nationen, die dritte geht aus von der Epochenbildung 
des gesamtgeschichtlichen Verlaufes. 

Die bisher vorhandene kolonialgeschichtliche Lite- 
ratur wendet eine dieser drei möglichen Betrachtungs- 
weisen an. Ich habe nun den neuen Versuch gemacht, 
eine Vereinigung der drei Betrachtungsweisen herbeizu- 



Standpunkt des politischen Historikers. Drei Betrachtungsweisen. V 

führen und zwar im Standpunkte des politischen Histo- 
rikers. 

So behandele ich in dem ersten Kapitel die Epochen 
der neueren Kolonialgeschichte und komme da, an Supan 
anknüpfend, zu einer Einteilung, die als maßgebendes 
Prinzip die Vorherrschaft der Einzelnationen einnimmt. 
In der Aufeinanderfolge von spanisch-portugiesischer, 
holländischer, französisch-englischer Kolonisation ist die 
Grundlage gegeben für die weitere Entwickelung, die 
dann zuerst die englische Vorherrschaft und darauf den 
Wettbewerb aller aufstrebenden Mächte bringt. Kjellen 
verdanke ich den glücklichen Ausdruck »planetarisch«. 
Diese Epocheneinteilung, die den großen geschichtlichen 
Gegensatz von alten Kolonialmächten und neuen Welt- 
mächten zergliedert und verfeinert, erscheint mir am 
natürlichsten und praktischsten ; jede andere, die das 
maßgebende Prinzip aus der Entwickelung der politi- 
schen Ideen nimmt, ist meines Erachtens mehr gewagt, 
als treffend — so etwa, wenn man den Gegensatz von im- 
perialistischer und merkantilistischer Kolonisation durch- 
führen wollte. Denn, vom politischen Standpunkte aus, 
hat sich nur der Stil der Kolonisation und nicht der Sinn 
der Kolonisation geändert. Der koloniale Gedanke, wie 
ich unter Ablehnung ökonomischer Auffassungen immer 
wieder betone, ist seit Beginn der Neuzeit ein Ausfluß 
des Staats- und Machtgedankens gewesen, und so ist 
die Kolonisation der letzte und strengste Gradmesser 
nationaler Kraft und nationalen Selbstbewußtseins ge- 
worden. 

Mit dieser grundlegenden Fragestellung bin ich dann 
nach der Epocheneinteilung an die Behandlung der Einzel- 
nationen gegangen. Ich habe hier, jedesmal im Zusammen- 
hang ihrer geschichtlichen Gesamtentwickelung, zeigen 
wollen, was die Kolonisation für ihre historische Rich- 
tung, für ihr historisches Schicksal, für ihre historische 



YI Vorwort. 

Ehre bedeutete; bei der Einzelbesprechung der Kolonien 
habe ich endlich die dritte der drei Betrachtungsweisen 
angewandt und bin nach der geographischen Verteilung 
vorgegangen. 

So ist, nach meiner Auffassung, »Kolonialgeschichte« 
die unter einem eigenartigen Gesichtspunkte gewonnene 
Vereinigung von Geschichte der Kolonialvölker, Geschichte 
der Kolonisation und Geschichte der Kolonien. 

Eine Kolonialgeschichte, keine Kolonialpolitik wollte 
ich schreiben. Für die Bewertungen, wie sie die poli- 
tische Historie vornimmt, sind aber freilich alle Erkennt- 
nisse der Kolonialpolitik von großer Wichtigkeit, und je 
mehr sich die Betrachtung der Gegenwart näherte, desto 
notwendiger erschien es, Siedelungs-, Bevölkerungs- und 
Wirtschaftsprobleme anzuschneiden, um den politischen 
Wert einer Kolonie im historischen Gesamtbilde heraus- 
zuarbeiten. Von allem Systematischen habe ich aber 
grundsätzlich abgesehen; die Erörterung der Einteilungs- 
prinzipien der Kolonien — also die Unterscheidung etwa 
in Siedelungskolonien, Ausbeutungskolonien, koloniale 
Stützpunkte — so fesselnd sie sein mag, habe ich ver- 
mieden. Ich lege Gewicht auf diese strenge Abgren- 
zung der Kompetenz. Der Historiker wird ja immer 
geneigt sein, in jeder Einzelkolonie einer Nation wieder 
einen besonderen Fall zu sehen und das Eigentümliche 
dieses Falles zu betonen. 

Diese Richtung auf das Individuelle in der Koloni- 
sation ermöglicht aber wiederum eine neue Art von 
allgemeiner Erkenntnis, die mir als das letzte Ziel meiner 
Darstellung vor Augen gestanden hat, nämlich eine ver- 
gleichende Charakteristik der Kolonialvölker 
und ihrer Arbeit. 

Bei einem so gewaltigen Stoffe, der in die ver- 
schiedensten Wissensgebiete hineinreicht, wird man es 
begreiflich finden, daß dem Verfasser einzelne Abschnitte 



Verhältnis z. Kolonialpolitik. Vergl. Charakteristik d. Kolonialvölker. VII 

innerlich und quellenmäßig vertrauter sind, andere da- 
gegen ferner stehen. Das Literaturverzeichnis legt über 
die oft schwer zugänglichen Grundlagen und Hilfsmittel 
Rechenschaft ab: es ist keine Sammlung von Titeln, 
sondern eine kritische Zusammenstellung dessen, was 
mir wirklich Nutzen brachte, so verschieden natürlich 
der wissenschaftliche Wert im einzelnen ist. 

Die beiden Kartenskizzen wollen den großen histo- 
rischen Gegensatz von alten Kolonialmächten und neuen 
Weltmächten veranschaulichen. Aus praktischen Grün- 
den verbot es sich, auf der ersten Karte auch das alte 
vorrevolutionäre Kolonialreich Frankreichs, sowie das 
alte vor dem Abfall der Vereinigten Staaten vorhandene 
Kolonialreich Englands zur Darstellung zu bringen. Die 
Skizzen sind nach meinen Angaben von unserem Uni- 
versitätszeichner unter Benützung des Levyschen Schemas 
angefertigt worden, auf das mich Herr Professor L. Neu- 
mann in Freiburg in dankenswerter Weise aufmerksam 
gemacht hat. 

Endlich noch ein Wort über die Schreibung über- 
seeischer Namen. Ich habe hier weder unsere ältere 
Gewohnheit mitgemacht, die fremde Orthographie ehr- 
fürchtig zu übernehmen, noch auch unsere neuere, die 
fremden Namen gewaltsam einzudeutschen. Es gibt 
meines Erachtens eine auf Gefühl und Uebung be- 
ruhende Unauffälligkeit der Schreibung, die nicht falsch 
sein kann, weil sie eben nicht im deutschen Sprach- 
zusammenhang stört. 



Freiburg i. Br., Pfingsten 191 5. 



Veit Valentin 



Inhalt. 

Seite 
Vorwort III— VII 

Standpunkt des politischen Historikers. Drei Betrach- 
tungsweisen. — Verhältnis zur Kolonialpolitik. — Ver- 
gleichende Charakteristik der Kolonialvölker. 

Erstes Kapitel. Die Epochen der modernen Kolonial- 
geschichte i— 17 

Was ist Kolonisation? S. 1. — Die spanisch-portugie- 
sische Epoche S. 3. — Die holländische Epoche S. 5. 

— Die französisch-englische Epoche S. 7. — Die bri- 
tische Epoche S. 9/1 1. — Die Völkerwanderung der 
Weißen und ihre Gegenströmungen S. 17. 

Zweites Kapitel. Die spanische Kolonisation .... 18—40 
Das Spanien der katholischen Könige. Columbus S. 19. 

— Herkunft, Anschauungen und Pläne des Columbus 
S. 21. — Die Entdeckung von Amerika S. 23. — Die 
Gewinnung des spanischen Kolonialreiches. Ferdinand 
Cortez S. 25. — Mexiko, Peru, Chile. Die Welser in 
Venezuela S. 27. — Wesen der spanischen Expansion. 
Das Kreolentum S. 29. — Die Indianer. Schutzpolitik 
der Regierung. Die geistlichen Missionen S. 31. — Die 
Verwaltungsorganisation S. 33. — Die Bedeutung der 
Kolonien für das Mutterland S. 35. — Die Abschlie- 
ßungspolitik und ihr Scheitern S. 37. — Die Losrei- 
ßung der spanischen Kolonien S. 39. 

Drittes Kapitel. Die portugiesische Kolonisation . . 41— 53 

Wert der kolonialen Leistung der Portugiesen S. 41. — 
Vasco da Gama. Versuche, Indien zu beherrschen S. 43. 
— Der bewaffnete Indienhandel S. 45. — Wirkung auf 
das Mutterland. Der Negerhandel S. 47. — Jüngste 
Zustände in den afrikanischen Kolonien S. 49. — Bra- 
silien als portugiesische Kolonie S. 51. — Brasiliens 
Selbständigkeit. Gesamtergebnis S. 53. 



Inhalt. IX 

Seite 

Viertes Kapitel. Die holländische Kolonisation ... 54—68 

Die neue Richtung der Holländer S. 55. — Die ost- 
indische Kompagnie : ein politisches Kampfmittel S. 57. 

— Ihre Organisation. Ihre Erfolge in Indien und Af- 
rika S. 59. — Die westindische Kompagnie. Graf Mo- 
ritz in Brasilien S. 61. — Der Niedergang Hollands 
S. 63. — Das Ende der Kompagnie. — Der Kolonial- 
besitz des Königreiches S. 65. — Der Kultuur-Stelsel. 
Bedeutung des ostindischen Besitzes S. 67. 

Fünftes Kapitel. Die französische Kolonisation . . . 69—101 

Bedeutung der Beziehung zu England S. 69. — Das 
erste und das zweite Kolonialreich. Die Anfänge S. 71. 

— Kanada. Westindien. Die Kompagnien. Louisiana 
S. 73. — Koloniale Katastrophen S. 75. — Glanz und 
innere Schwäche der vorrevolutionären Kolonisation 
S. 77. — Neue Anfänge. Der Senegal. — Algerien S. 79. 

— Bedeutung von Algerien. Die Besetzung. Verwal- 
tungsprinzipien S. 81. — Bedingungen der Ansiedelung. 
Die Landpolitik S. 83. — Napoleon III. Die Elsaß- 
Lothringer. Verwaltungsentwickelung S. 85. — An- 
gliederung oder Autonomie? Ergebnisse S. 87. — 
Tunesien. — Westafrika S. 89. — Das Kongogebiet. 
Oboe. Die Krise von Faschoda S. 91. — Die Inseln 
im Indischen Ozean. Madagaskar S. 93. — Indochina 
S. 95. — Ozeanien. Allgemeiner Charakter der französi- 
schen Kolonisation S. 97. — Marokko S. 99. — Gegen- 
satz von Kolonialpolitik und Revanchepolitik S. 101. 

Sechstes Kapitel. Die englische Kolonisation . . . 102 — 167 

Entdeckungsfahrten. Englands Aufschwung. Nordamerika 
S. 103. — Die staatsbildenden Kräfte der Kolonisation : 
das Puritanertum S. 105. — Die Neu-Englandstaaten. 
Kolonien autonomer und autoritativer Herkunft S. 107. 

— Verwaltung und Wirtschaft der nordamerikanischen 
Kolonien S. 109. — Die inneren Gegensätze. Der Macht- 
gedanke im Mutterland S. m. — Das amerikanische 
Selbstgefühl und die Politik des Mutterlandes S. 113. 

— Losreißung und Staatsgestaltung S. 115. — West- 
indien. Jamaika S. 117. — Kanada: das ältere franzö- 
sische und das neuere englische Kanada S. 119. — 

Valentin, Kolonialgeschichte. 



X Inhalt. 

Seite 
Selbstverwaltung. Landverteilung. Das »größere Ka- 
nada« S. 121. — Die Dominion von Kanada S. 122. 

— Indien: das Problem S. 123. — Epochen indischer 
Geschichte. Die ostindische Kompagnie S. 125. — 
Aufgabe des englischen Staates? Lord Clive S. 127. — 
Der Kampf um Indien. Uebernahme durch den Staat 
S. 129. — Das Kaisertum. Die Verwaltung. Einheimi- 
sche Gewalten S. 131. — Die englische Dekadenz und 
die nationalindische Bewegung S. 133. — Indien als 
Basis der englischen Weltstellung. England in Ost- 
asien S. 135. — Australien. Entdeckung. Die Depor- 
tationszeit S. 137. — Zusammensetzung der Bevölkerung. 
Die jüngeren Kolonien S. 139. — Die Goldfunde. Auf- 
schwung, Selbständigkeitstrieb, politischer Ehrgeiz S. 141. 
Zusammenschluß. Der Commonwealth 143. — Neu- 
seeland S. 143/45. — Afrika : der Sklavenhandel S. 147. 

— Der politische Sinn der Bekämpfung der Sklaverei. 
Die Sierra Leone S. 149. — Südafrika. Die Buren 
S. 151. — Der große Trek: selbständige Burenstaaten 
S. 153. — Entwicklung der Kapkolonie. Gold- und 
Diamantenfunde S. 155. — Cecil Rhodes. Nieder- 
werfung der Burenstaaten S. 157. — Die südafrikanische 
Union. — Aegypten S. 159. — Der Sudan. Ostafrika 
S. 161. — Verwaltung des Kolonialreiches. Der ältere 
Imperialismus S. 163. — Der jüngere Imperialismus. 
Chamberlain S. 165. — Zwiespälte : Kolonialbrite und 
Home-Engländer S. 167. 

Siebentes Kapitel. Die russische Kolonisation . . . 168—172 

Wesen der asiatischen Expansion S. 169. — Sibirien 
und Zentralasien: Jagd nach der Grenze S. 171. Der 
Gegensatz zu England S. 172. 

Achtes Kapitel. Die Kolonisation der Vereinigten Staaten 173—180 
Das Neuland: seine Verteilung. Die Staatenbildung 
S. 175. — Hawaii, Samoa. Die spanische Erbschaft 
S. 177. — Die Vereinigten Staaten und der Macht- 
gedanke S. 179. 

Neuntes Kapitel. Die Kolonisation kleinerer Staaten 181— 192 

Höhepunkte der Kolonisation im 17. und 18. Jahrhun- 
dert. — Die Ostseemächte. — König Leopold IL S. 181. 



Inhalt. XI 

Seite 

— Die Internationale Afrika- Gesellschaft. Der Kongo 
S. 183. — Die Berliner Afrikakonferenz. Der Kongostaat 
S. 185. Der neutrale Kongostaat wird Kolonie des neu- 
tralen Belgien S. 187. — Die Wirtschaftsentwickelung. 

— Die Kongogreuel S. 189. — Einspruchsrecht der 
Signatarmächte. — Die italienische Kolonisation S. 191. 

Zehntes Kapitel. Die deutsche Kolonisation .... 193—215 

Beruf der Deutschen zur Kolonisation S. 193. — Staat- 
lose Expansion des Deutschtums. — Die koloniale Be- 
wegung S. 195. — Der Kolonialverein. Die Besitz- 
ergreifungen in Afrika S. 197. — Neuguinea. Englands 
Mißgunst S. 199. — Bismarcks Stellung zur Kolonisa- 
tion. — Neue Richtung seit 1890 S. 201. — Der Helgo- 
landvertrag. Die Kolonialverwaltung S. 203. — Togo. 
Kamerun S. 205. — Deutsch-Südwestafrika S. 207. — 
Deutsch-Ostafrika S. 209. — Afrikanische und pazi- 
fische Weltstellung — Das Kiautschougebiet S. 211. — 
Entwicklung und Bedeutung Tsingtaus S. 213. — Die 
Gegenströmung gegen die Völker des europäisch-ameri- 
kanischen Kulturkreises : die Kolonisation der asiatischen 
Völker. — Allgemeine geschichtliche Bedeutung der Ko- 
lonisation S. 214. 

Anhang I. Quellen und Literatur 216 

Anhang II. Vergleichende Uebersicht des Bestandes des 

Kolonialbesitzes 223 

Anhang III. Gesamt-Uebersicht der Einzel-Kolonien . . 224 
Anhang IV. Zeittafel: 1. die alten Kolonialmächte. 2. die 

neuen Weltmächte. 
Anhang V. Kartenskizzen: 1. die alten Kolonialmächte. 

2. die neuen Weltmächte. 



Berichtigung. 

S. 8 Zeile 16 von unten lies Hawaii. 

S. 65 > 2 » » » Residentien. 



Ergänzung zu Seite 190. 

Die Anerkennung der Annexion des Kongostaates durch Belgien 
(15. November 1908) erfolgte seitens des Deutschen Reiches durch 
eine Note vom 18. November 1908, seitens Großbritanniens durch eine 
Note vom 27. Juni 19 13. 



Erstes K apitel. 
Die Epochen der modernen Kolonial- 
geschichte. 

Kolonisation ist im letzten und höchsten Sinne der 
Machtausdruck des reifgewordenen modernen Staates. 
Sie beginnt, geschichtlich betrachtet, mit dem Abenteuer 
und der Entdeckung Einzelner und sie wächst an zur 
wirtschaftlichen Unternehmung, zur seemännischen Ent- 
faltung, zur wirtschaftlichen und geistigen Expansion mit 
militärischen Machtmitteln. Die Kolonisation kann somit 
angesehen werden als letzter Gradmesser nationaler Kraft 
und nationalen Selbstbewußtseins. Jede der europäischen 
Großmächte hat Kolonisation versucht ; für jede lag auf 
diesem Gebiete die strengste Prüfung ihrer sittlichen 
und wirtschaftlichen Kräfte. Die Abwandlung der neu- 
zeitlichen Geschichte, die Kämpfe um politische Geltung 
und Hegemonie in Europa sind ohne die Kenntnis des 
kolonialen Wettbewerbes nicht zu verstehen. 

Wir unterscheiden eine Anzahl Epochen der neueren 
Kolonialgeschichte und gewinnen uns so eine Vorstel- 
lung von dem Stoff und seinen Problemen. Rein chro- 
nologisch die Ereignisse der Kolonialgeschichte zu ver- 
folgen, wäre ein verwickeltes und verwirrendes Unter- 
fangen. Denn die Bedeutung der kolonisatorischen 
Leistungen, die besonderen Gründe der Versuche und 
des Scheiterns der einzelnen nationalen Unternehmungen 
lassen sich nur aus dem besonderen Zusammenhang der 
nationalen Schicksale erkennen. Es wird sich also 

Valentin, Kolonialgeschichte. I 



2 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

empfehlen, zuerst den Ablauf der kolonialen Ereignisse 
im Großen zu betrachten, um dann die kolonisatorischen 
Unternehmungen der einzelnen Nationen im Einzelnen 
zu verfolgen. 



Die erste Epoche ist die spanisch-portugiesi- 
sche. Die Anfänge gehen auf die Portugiesen zurück : ihre 
verwegenen Seefahrten, kaufmännisch und abenteuerlich 
zugleich, bekommen im ausgehenden Mittelalter eine 
neue Bedeutung. Von jeher hatten sie die Nord- 
westküste Afrikas gestreift; nun legte sich vor das 
Abendland im Osten der starke Block des islamitischen 
Großstaates — der alte Weg nach Indien wurde er- 
schwert und dann endgiltig versperrt. Konnte nicht — 
das war jetzt die Forderung — Indien auf dem See- 
wege, von Afrika her erreicht werden? So bekamen 
die portugiesischen Unternehmungen ein großes welt- 
weites Ziel ; ihr Charakter selbst ist noch durchweg 
mittelalterlich und romantisch. Der junge Prinz Hein- 
rich will große ritterliche Taten vollbringen, die Gott 
und den Damen gefallen. 141 5 hat er wie ein Kreuz- 
fahrer das afrikanische Ceuta erobert; die Geschichte 
hat ihn mit dem Beinamen des Seefahrers geehrt. Die 
Canarischen Inseln, die Azoren, Madeira werden besetzt 
und besiedelt, die Küste Afrikas an verschiedenen Punkten 
berührt. Das große Geheimnis war, ob jenseits der mächti- 
gen Wüste, die man als die Grenze kannte, sich fruchtbares 
Land befände. Handelsbeziehungen der Mauren deuten 
darauf, man wagt sich südlicher — Kap Verde, das 
grüne Vorgebirge, wird entdeckt, ein Name von histo- 
rischer Denkwürdigkeit. Man hat die Schätze Indiens 
nicht erreicht, auf dem Seeweg, noch nicht; aber die 
Schätze Afrikas sind entdeckt. Sklaven und Goldstaub 
kommen nach Portugal, Forts werden gebaut, hölzerne 



Die spanisch-portugiesische Epoche. 3 

Kreuze und steinerne Wappenpfeiler werden an den 
Küsten errichtet, der Herrscher an der Kongomündung 
läßt sich taufen, und der König von Portugal legt sich 
den Titel Herr von Guinea bei. Der Portugiese Bartho- 
lomäus Diaz erreicht dann das Kap der guten Hoffnung. 

Der große Gedanke, den Seeweg nach Indien zu 
finden, lockt zum Wettbewerb. Spanien, nach langen 
inneren Kämpfen geeinigt, gekräftigt und nationaler 
Machtentfaltung entgegengereift, überflügelt unerwartet 
und schnell den portugiesischen Nachbar. Kolumbus 
entdeckt Amerika: er glaubt den Ostrand Asiens be- 
rührt zu haben und hält Haiti für Nippon. Alexander VI. 
vermittelt zwischen dem älteren Erfolge Portugals und 
den neuen, noch gar nicht übersehbaren Aussichten 
Spaniens. Die berühmte Demarkationslinie teilt das 
heidnische unentdeckte Neuland mit seinen märchen- 
haften Schätzen in eine westliche und östliche, in 
eine spanische und eine portugiesische Hälfte. Eine 
höchst denkwürdige Handlung! Die oberste Autorität 
der alten Welt und der alten Zeit entscheidet über eine 
völlig anders geartete Zukunft, über das Schicksal ferner 
geschichtlich mit Europa unverbundener Menschen, über 
nie geschaute, unbegriffene Zonen. Aber diese Ent- 
scheidung, so plump und so verwegen sie ist, so sehr 
sie bestritten und verändert wird, ist schließlich doch 
autoritativ: sie giebt den Ausgangspunkt und das 
Kampfobjekt der nächsten Epoche. Sie ist zudem die 
erste mathematische Grenze in der Weltgeschichte und 
vorbildlich geworden für die neuzeitliche Methode der 
aufteilenden Eroberung. 

Mit schnellen Schritten gehen Entdeckung, Besitz- 
ergreifung und Ausbeutung weiter: die Spanier nehmen 
eine der kostbaren sogenannten »westindischen« Inseln 
nach der andern, sie legen die Hand auf das mittel- 
amerikanische Festland, sie schreiten nach Mexiko nord- 



a I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

wärts, nach Peru und Chile südwärts: immer bereit, neue 
Menschenkraft an das kühne Soldaten- und Eroberer- 
werk zu setzen. 

Die Portugiesen erreichen indessen das große ur- 
sprüngliche Ziel: Indien. Vasco da Gama landet 1498 
in Calicut. Faktoreien und Forts werden gegründet, 
freundschaftliche und kaufmännische Beziehungen werden 
angeknüpft. Das kaufmännische Moment ist bei den 
Portugiesen das überwiegende, und so kommt es haupt- 
sächlich zu einer punktweisen Kolonisation. Aber es ist 
doch sehr bezeichnend, daß ohne Einsatz der ganzen staat- 
lichen Kraft die Dauer fraglich ist: Goa wird 15 10 ero- 
bert, und d'Almeida schreibt, daß man der Herr der See 
sein müsse, um der Herr Indiens zu sein. Er schlägt die 
Flotte der Türken, der Araber und des Sultans von 
Aegypten. Die Ausdehnung geht nach Hinterindien 
weiter, greift nach den Sundainseln und Molukken hin- 
über und umzieht auch das östliche dem indischen 
Ozean zugewandte Afrika. Sogar mit China werden 
Handelsbeziehungen angeknüpft. Und hier in Ostasien 
stoßen nun die zwei christlichen Kolonialmächte wieder- 
um feindlich aufeinander, sie greifen über und antworten 
durch Uebergriffe. Ein neuer Vertrag rückt die Meri- 
diangrenze etwas nach Osten. Die Spanier bemächtigen 
sich der Philippinen und Marianen und nehmen so Teil 
an der ostindischen Welt; dafür sind die Portugiesen in 
Brasilien Teilhaber der westindischen. 

Das Ergebnis ist: Spanier und Portugiesen haben 
durch ihre Fahrten und Unternehmungen den europäi- 
schen Kulturkreis mächtig erweitert, sie haben die Hand 
auf gold- und silberreiche Länder gelegt, sie haben den 
katholischen Glauben ausgebreitet und so eine Um- 
gestaltung der europäischen Lebensbedingungen und 
der europäischen Machtverhältnisse vollzogen. Afrika, 
Asien, Amerika sind aufgeschlossen; ihr Leben ist nur 



Die holländische Epoche. 5 

eben gerade berührt und zum kleinsten Teile wirklich be- 
kannt, aber es ist gleichsam der Vorhang von ihm weggezo- 
gen, und der verlockende Anblick, die verlockende Kunde 
ruft Rivalen auf diesen Kampfplatz der großen Welt. 



Die zweite Epoche ist die holländische (1598 
bis 1670); das Ringen der vereinigten Niederlande um 
ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmung gibt diesem 
Zeitraum seinen Sinn. Holland ist die führende Macht 
in dem Kampf gegen das Uebergewicht des Hauses Habs- 
burg. Philipp II. hatte durch Personalunion die spani- 
schen und die portugiesischen Besitzungen vereinigt : 
eine wahrhaft erdrückende Macht und doch auf die 
Dauer kraftlos gegen ein Volk, das um den ganzen 
Sinn seines Daseins zu kämpfen wußte. Die Holländer 
haben ihren Freiheitskrieg gegen Spanien auf allen 
Meeren ausgefochten, und die Portugiesen, deren Kolo- 
nien von den Spaniern schlecht genug geschützt wurden, 
waren dabei die Verlierenden. Gleichzeitig mit den 
Holländern erstarkt der nationale Gedanke in England, 
in Frankreich : auch diese gegen die habsburgische 
Umklammerung sich aufbäumenden Mächte entwickeln 
Kolonialinteressen, Dänemark und Schweden folgen. 
Träger der Kolonisation werden jetzt die Handelsaktien- 
gesellschaften, die als »Kompagnien« berühmt geworden 
sind. Kaufmännische Genossenschaften übernehmen den 
auswärtigen Handel und mit ihm den kriegerischen 
Schutz der Seeschiffahrt und die kolonisatorische Tätig- 
keit in überseeischen Ländern. So vermeidet der Ein- 
zelne ein erdrückendes Risiko, und der absolute Staat 
sichert sich durch die Monopolstellung, die er verleiht, 
das letzte Wort und das oberste zusammenhaltende 
Interesse. Diese Handelskompagnien, die holländisch- 
indische in erster Linie, entfalten eine großartige Tätig- 



(5 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

keit. Holland setzt sich in den Besitz der Gewürzinseln, 
siedelt sich in Formosa an, nimmt Ceylon, Mauritius, 
dann als Etappenstationen nach Indien St. Helena und 
das Kap. In Amerika können die Spanier ihren Besitz- 
stand im wesentlichen behaupten, soweit er kontinental 
befestigt ist; an den leichter zugänglichen westindischen 
Inseln setzen die Konkurrenten erfolgreich ein. Die 
Flibustier, Freibeuter aus allen Nationen, abenteuerliche 
Schleichhändler und Seeräuber, nisten sich auf den kleinen 
Antillen ein und jagen den Spaniern ihre kolonialen Ge- 
winne ab. England steht noch bescheiden im Hinter- 
grund, kaum selbst über Piraterie hinausgewachsen; es 
beginnt mit St. Christopher, Barbados, Antigua, Tobago, 
Jamaika. In Frankreich erstrebt der große Coligny Rio 
de Janeiro für seine Hugenotten; Martinique und Guade- 
loupe werden wirklich französisch. Historisch viel be- 
deutungsvoller als die Wechselfälle der westindischen 
Romantik sind aber die Siedelungskolonien in Nord- 
amerika. Neuholland, Neufrankreich, Neuengland ent- 
stehen, Zufluchtsorte wagemutiger Volksgenossen dieser 
aufstrebenden Nationen. Hier in Amerika versagen die 
Holländer zuerst. Sie haben auf die Dauer doch nicht 
so viel staatliches Selbstgefühl und überquellende Volks- 
kraft wie die jüngeren stärkeren Kolonialmächte. 



Der Wettbewerb dieser beiden, Englands und Frank- 
reichs, erfüllt die nächste, die dritte Epoche, die fran- 
zösisch-englische (1670 — 1783). Frankreich ist die 
vorwärtsdrängende Macht, die mit einem glühenden 
politischen Ehrgeiz die beherrschende Weltstellung er- 
strebt. Colbert vollendet, was Richelieu begonnen hat : 
er ist der Schöpfer des französischen Kolonialreiches. 
In Vorderindien werden Faktoreien errichtet, in Siam 
wird der holländische Einfluß zurückgedrängt, Mada- 



Die französisch-englische Epoche. y 

gaskar wird erstrebt. Von den kleinen Antillen werden 
weitere erworben, St. Croix, St. Lucia, in Guyana wird 
Cayenne erobert und mit dem anspruchsvollen Namen 
Aequatorialfrankreich geschmückt, in Kanada wird der 
Kampf gegen die Irokesen im Bunde mit den Huronen 
durchgeführt : Waldläufer und Missionare sichern den 
Franzosen die Herrschaft im Land der oberen Seen; 
am Mississippi begründen sie ihr Louisiana, in Afrika 
die Senegalkolonie. 

Und dagegen erhebt sich nun England: alle euro- 
päischen Kriege von Ludwig XIV. bis auf Friedrich den 
Großen werden in beiden Indien um die koloniale Vor- 
macht zwischen England und Frankreich mitausgekämpft. 
Frankreich muß an dem unseligen Versuche, den euro- 
päischen Kontinent unter seine Hegemonie zu zwingen, 
scheitern ; und während es ihm mißlingt, die erste Land- 
macht in Europa zu werden, wird England die erste 
Seemacht in der großen Welt. 

In Vorderindien schreitet die englische Kompagnie 
allmählich von der punktweisen Gründung, von Aus- 
beutungsfaktoreien zur militärischen Eroberung; zu den 
Neuenglandsstaaten in Nordamerika kommen mehrere 
neue: Nordkarolina, benannt nach König Karl IL, Neu- 
Amsterdam, den Holländern abgenommen, wird New- 
York genannt, dann der Quäkerstaat Pennsylvanien, 
Delaware, Connecticut; dazu im Norden, jenseits der 
französischen Besitzungen Neufundland, Neuschottland, 
Neubraunschweig. Von Spanien behält es im Utrechter 
Frieden Gibraltar und Menorca. 

So stehen sich die beiden bevorzugten National- 
staaten Europas, England und Frankreich, als ewige 
ozeanische und kontinentale Konkurrenten gegenüber. 
Frankreich meint den Besitz und die Aussichten über 
See gering anschlagen zu können, da es Europa doch 
für seinen sicheren Bezirk hält. England hält Frank- 



8 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

reich aber auf dem Kontinent durch die schwächeren 
aufstrebenden Mächte gebunden und gewinnt dabei eine 
Position draußen nach der andern. Im Pariser Frieden 
von 1763 gibt Frankreich Kanada preis und behält nur 
die kleinen Fischereistationen St. Pierre und Miquelon. 
Von den kleinen Antillen bekommt England St. Vincent, 
Dominika und Tobago. Die ostindische Kompagnie 
Frankreichs wird aufgelöst — England ist auch unbe- 
strittener Herr in Vorderindien. Damals hat England 
seine erste Weltmachtsposition gehabt; die Umformung 
beginnt mit dem Abfall der 13 Staaten von Nordamerika. 
Dieses große Ereignis verlegt den Schwerpunkt des 
englischen Kolonialreiches von Amerika nach Asien. 
England beginnt die asiatische Macht zu werden, die 
es seitdem in immer umfassenderem Sinne geworden ist. 
Die indische Stellung Englands erhält durch die Aus- 
dehnung über die Südsee eine neue Stütze: Neusee- 
land, Australien, Hawai werden entdeckt, erforscht, besetzt 
und besiedelt. 



Die vierte Epoche ist die britische (1783 — 1876). 
Sie beginnt mit einem letzten grandiosen Ringen zwi- 
schen Frankreich und England um die Vormachtstellung 
in der Welt. Napoleon I. ergreift noch einmal die Tra- 
dition des alten königlichen Frankreich ; man kann 
sagen, daß der königliche Absolutismus ihm die letzten 
Möglichkeiten des Gelingens noch gerade vor seinem 
Sturze genommen hat. Aber Napoleon, der Aegypten 
erobert und Indien ins Auge faßt, hat für eine kurze 
Zeit doch diesen europäischen Kontinent unter seine 
Faust gezwungen und, indem er ihn absperrte und alle 
seine Kräfte zusammenballte, den Kampf mit England 
in einer unerhört großen Art aufgenommen. England 
ist dann auf allen Linien der Gewinner geblieben; Frank- 



Die britische Epoche. g 

reich und alle seine kontinentalen Verbündeten, Vasallen 
und Opfer müssen die Kosten bezahlen. England be- 
kommt Helgoland und die indischen Plätze von Däne- 
mark, Malta vom Malteserorden, Kapland und Ceylon 
von Holland, das französische Westindien. Java gibt es 
allein heraus und das besetzte Buenos Aires kann es 
nicht halten. Mit Portugal ist es aber durch Kriegs- 
bündnis und Handelsverabredung im dauernden Einver- 
ständnis, sodaß der Rest der portugiesischen Besitzungen 
in Afrika und Südamerika als britische Dependenzen 
für weiterhin anzusehen sind. Keiner der europäischen 
Kulturstaaten kann dieser imponierenden Kraftentfaltung 
gegenüber aufkommen, gelähmt und geschwächt, wie sie 
durch die lange Kriegsperiode sind. Nur zwei Mächte 
ragen in der ozeanischen Welt neben England als eine 
Drohung auf: die Vereinigten Staaten und Rußland. 
Die amerikanische Republik ist für England ein unheil- 
verkündendes Beispiel : sie dehnt sich auf dem nord- 
amerikanischen Kontinent immer mehr nach Westen, sie 
kauft von Napoleon Louisiana, sie bedroht Kanada. 
1812— 18 14 ist Krieg zwischen England und den Ver- 
einigten Staaten. Napoleon hofft von dieser Seite her 
Erleichterung, und England muß in einem schnellen 
Frieden die Unbesiegbarkeit des Tochterstaates aner- 
kennen. Amerika ist aus der europäischen Bevormun- 
dung herausgewachsen. Die spanischen Kolonien in 
Südamerika fallen ab und konstituieren sich als selbst- 
ständige Staaten; England erkennt sie zuerst an und 
triumphiert dadurch nachträglich noch einmal über Napo- 
leon und seine Vasallen. 

Aber in Asien entwickelt sich jetzt ein Kolonialreich, 
das der Seeherrschaft nicht bedarf, um sich auszudehnen : 
Rußland streckt sich über den ganzen asiatischen Kon- 
tinent, in ewigen Kämpfen mit kriegerischen Nomaden, 
durch die Möglichkeiten des Pelzhandels, durch die 



10 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

Leichtigkeit militärischer Triumphe immer weiter gelockt. 
Schon unter Katharina II. sind die Aleuten besetzt wor- 
den. Bis nach Alaska und Californien dringt die Pelz- 
raubwirtschaft der Russen vor. Es gibt eine russisch- 
amerikanische Kompagnie, die von der Regierung des 
Zaren ein Monopol hat. Durch die Weite des Gebiets 
und die günstigen Möglichkeiten, die neue Meeresküsten 
diesem schweren Kontinentalstaat bieten, wächst der 
politische Ehrgeiz ins Große: Alexander I. will den 
nordpazifischen Ozean in eine russische See verwandeln, 
er stößt auf England in Kanada und auf die Vereinigten 
Staaten. 

Niemals ist aber die große Welt britischer gewesen 
als nach 1815. Frankreich hat in die Restaurationszeit 
fast nichts an Kolonien mitgenommen; es schafft sich 
durch die Eroberung Algiers für das verlorene Aegypten 
einen Ersatz, und es wird bald ein kolonialpolitisches 
Schlagwort, daß sich Algier und die Senegalkolonie die 
Hand reichen müssen, über die Wüste Sahara hinweg. 
Aber noch herrscht eine gewisse Ruhe, und durch die Anti- 
sklavereibewegung werden gerade die tropischen Kolonien 
plötzlich entwertet. Die ethische Bekämpfung der Sklaven- 
haltung geht auf Deutsche und Quäker in Nordamerika 
zurück. Die englischen Philanthropen haben den Ge- 
danken aufgenommen, und die englische Regierung 
hat ihn politisch und geschäftlich glänzend ausgenutzt. 
England fand hier einen willkommenen Anlaß , sich 
überall als der Vormund und Protektor einzumischen. 
Gerade weil seine Ueberlegenheit nach den napoleonischen 
Kriegen so unbestritten ist, ist es jetzt weniger zu neuen 
Unternehmungen geneigt: es richtet sich zu Hause ein 
auf die Weltherrschaft und baut das Gewonnene aus. 
Mit Frankreich zusammen übernimmt es käuflich den 
Besitz der kleineren Konkurrenten Holland und Däne- 
mark an der Guineaküste; im Süden Afrikas dringt es 



Die britische Epoche. I j 

langsam vor, ficht eine Anzahl Kaffernkriege aus, muß 
widerstrebend die holländischen Kolonistenstaaten der 
Buren, Transvaal und Oranjefreistaat, anerkennen, ohne 
aber jemals den Gedanken der Oberherrschaft aufzu- 
geben; es gewinnt sich einstweilen Schutzstaaten, die 
einschnüren und eindämmen : Natal und Griqualand. 
Im Osten Afrikas sticht es Frankreich beim Sultan von 
Sansibar aus, und endlich gelingt es ihm, die ganze 
französische Arbeit um Aegypten, die im Suezkanal zu- 
letzt noch ihr Größtes geleistet hat, für sich nutzbar zu 
machen; und Aegypten, wo sich England behutsam durch 
geschäftliche und politische Transaktionen eindrängt, er- 
öffnet dann wieder gewaltige Aussichten nach dem nahen 
und fernen Orient. 

Den Weg nach Indien sichert sich England durch 
eine planmäßig ausgebaute Kette von Kohlenstationen, 
dem unentbehrlichen Hilfsmittel der aufkommenden 
Dampfschiffahrt. Wenn sich England an anderen Punk- 
ten zurückhält, wenn es etwa für Kanada 1838 be- 
schränkte Autonomie bewilligt, um der Ablösung vorzu- 
beugen, so wird die militärische Eroberung von Vorder- 
indien jetzt in einer Reihe von glänzend durchgeführten 
Feldzügen vollendet. Hier entsteht der britische Im- 
perialismus, denn die Behauptung dieser Position wird 
entscheidend für das Dasein Englands als Weltmacht. 
Rußland nähert sich immer mehr vom Norden, es er- 
obert den Kaukasus und Turkestan, es beansprucht den 
Pamir. In Persien und Afghanistan kreuzen sich die 
Interessen der beiden Weltmächte am empfindlichsten; 
1837, im Heratkrieg, stehen sie sich schon mit offener 
Feindlichkeit gegenüber. Und der Gegensatz setzt sich 
fort im asiatischen Osten, der noch in der fremden 
Pracht seiner farbigen Kultur abgeschlossen dasteht. 
England schlägt Bresche in die chinesische Mauer: es 
führt den Opiumkrieg gegen China und gewinnt Hong- 



12 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

kong. Aber Rußland kommt vom Norden bedrohlich 
nahe, es besetzt das Amurland und Sachalin. Frank- 
reich endlich stellt sich in Hinterindien wieder ein und 
imponiert durch brillante Feldzüge. Cambodja, Cochin- 
china, Annam und Tongking werden missioniert, kauf- 
männisch erschlossen, beansprucht und besetzt, Siam 
wird bedrängt und bevormundet. Aber England bleibt 
auch hier nicht aus : es entwickelt seine Besitzungen an 
der Malakkastraße, die Straits Settlements, die jetzt 
eine besondere Bedeutung gewinnen zwischen China 
und Australien. Nur von den Inselgruppen der Südsee 
sichern sich einige die Franzosen. 



Die letzte Epoche der modernen Kolonialgeschichte, 
in der wir uns heute befinden, ist die planetarische, 
seit 1876. Der ganze Planet wird jetzt von kolonisie- 
renden Staaten verteilt und beherrscht, die britische 
Vorherrschaft wird mehr und mehr in Frage gestellt 
und ihres inneren Sinnes beraubt. Die Kolonisations- 
tätigkeit ist jetzt bewußt imperialistisch. Man kann im 
Lauf der kolonialen Entwicklung einen Gegensatz zwi- 
schen merkantilistischer und imperialistischer Richtung 
verfolgen. Die Staaten, die kaufmännisch kolonisieren, 
denen es im wesentlichen auf den materiellen Gewinn 
ankommt, können wohl augenblickliche Erfolge erzielen, 
aber das Erworbene nie als einen wirklichen Besitz be- 
haupten. Nur die Staaten, die ihre ganze geschichtliche 
Ehre und ihre ganze nationale Kraft an die Kolonisation 
setzen, können die Herrschaft in der großen Welt so 
sehr zu einem Stück ihres eigenen Seins machen, daß 
sie mit ihr zusammen wachsen und blühen und sie 
erst aufgeben, wenn sie sich selbst zum Niedergange 
neigen. Die letzte Epoche der Kolonialgeschichte ist 
erfüllt von dieser Erkenntnis. Es handelt sich nicht 



Die planetarische Epoche. 13 

mehr um eine wählerische Ausbeutung kostbarer tropischer 
Länder, sondern um eine von der Not diktierte, mit 
rastlosem, unbarmherzigem Eifer durchgeführte Auftei- 
lung der gesamten Erdoberfläche durch die Angehörigen 
der weißen Rasse, um eine rücksichtslose Bekämpfung 
und Unterwerfung Eingeborener niederer Rassen: die 
militärische Gewalt hat immer und überall das letzte 
Wort. Der weiße Mann siedelt sich an, baut Straßen 
und Eisenbahnen, zwingt zur Arbeit, und nur durch 
diese Mittel können die neuen weißen Millionen leben 
und genießen. Zum erstenmal in der Entwickelung der 
Menschheit entsteht ein Zusammenhang von allen mit 
allen: Weltinteressen, Weltverkehr, Weltpolitik. 

Die neue Epoche ist durch die Kolonisationsbestre- 
bungen des Deutschen Reiches miteingeleitet worden. 
Das war für die damalige Welt eine Ueberraschung. Sie 
kannte die deutsche Geschichte schlecht, wenn sie un- 
serem Volk keine kolonisatorische Fähigkeit und Kraft 
zutraute. Die Tätigkeit der Hansa und des deutschen 
Ordens sagt den Wissenden genug, und auch über See 
haben die Deutschen ja immer wieder Versuche gemacht: 
die Welser und Fugger im 16., der Graf von Hanau 
und der große Kurfürst im 17., die ostindischen Han- 
delsgesellschaften Karls VI. und Friedrichs des Großen 
im 18. Jahrhundert. Die kontinentalen Konflikte und 
die Problematik ihrer Staatsform haben aber dann 
die Deutschen völlig beschäftigt. Was nach der 
Reichsgründung begann, steht mit diesen alten Ver- 
suchen in keinem inneren Zusammenhang. Patrioten 
und Politiker haben schon frühe unserm Vaterlande den 
Ruhm und die Arbeit überseeischer Besitzungen gewünscht. 
Missionare und Kaufleute sind dann vorgedrungen und 
haben, oft zu ihrem Schaden und zu ihrer Gefahr, den 
Schutz einer geachteten Flagge vermißt. Das offizielle 
Deutschland hat sich sehr mit Recht durchaus zurück- 



\A I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

gehalten und erst in dem Augenblicke stark und ent- 
schieden zugegriffen, als es die Gunst der Umstände zu- 
ließ, und als die Eigenschaften der persönlich Beteilig- 
ten den Erfolg sicherten. So wird das Deutsche Reich 
behutsam und bescheiden aus dem Schutzherrn seiner 
Untertanen zum Schutzherrn überseeischer Gebiete, und 
aus dem Schutzherrn zur Kolonialmacht. 

Die achtziger Jahre, in denen sich dies vollzog, sind 
angefüllt von den lebhaftesten und erfolgreichsten Bestre- 
bungen anderer. Der Herzog von Brabant, später Leo- 
pold IL, beginnt seine Gründung des Kongostaates — ein 
kolonialgeschichtlicher Sonderfall, der nur möglich war in- 
folge des Zusammenwirkens großer persönlicher Eigen- 
schaften und internationaler Eifersucht. Italien wirft sich 
auf das nordöstliche Afrika, unter dem Zwange seiner über- 
quellenden Volkskraft, und findet nach manchen Fehl- 
schlägen endlich in Tripolis ein weites Bestätigungsfeld 
seines nationalen Ehrgeizes. Frankreich bringt alle 
Niederlassungen in Nord- und Westafrika in einen 
großen politischen Zusammenhang, Portugal wird wach 
und gedenkt zu spät eine Brücke von der Westküste 
Afrikas nach der Ostküste zu schlagen, es wird von 
dem befreundeten England unter Kriegsdrohungen zu- 
rückgedrängt. England nimmt das Meiste und Beste: 
den Sudan, Uganda, Nigeria, Betschuanaland, es unter- 
wirft die Burenrepubliken, gewinnt Sansibar, das Em- 
porium des afrikanischen Ostens, muß aber zu seinem 
eifersüchtigen Schmerze sehen, wie Deutsch- Ostafrika 
an den Kongostaat reicht und so die Kap-Kairo-Linie zer- 
stört. Der Reichsgedanke wird in Britannien wach, spinnt 
sich von einem Kolonialzentrum nach dem anderen weiter 
und ergreift, gerade durch den Mitbewerb anderer an- 
gestachelt, bereits den nahen und den fernen Osten. In 
ganz Afrika sind jetzt die Grenzen gezogen: und jede 
dieser Grenzen in Marokko, am Niger, am Nil, am Kongo 



Die Ergebnisse der modernen Kolonisation. j t 

bedeutet eine Kriegsgefahr. Die alten Kolonialmächte 
treten ganz zurück. Spanien verliert sejne letzten wert- 
vollen Besitzungen an die Vereinigten Staaten und ver- 
kauft die bedeutungslos gewordenen Inselgruppen, die 
Karolinen und die Nachbarinseln, an das deutsche Reich. 
Holland hält sich noch auf seinem indischen Archipel, der 
zu kostbar ist, als daß ein Weltstaat ihn einem andern 
gönnen könnte. Die Vereinigten Staaten treten in die 
Reihe der Kolonialmächte ein und treffen im stillen 
Ozean auf Japan, den Blenderstaat, der sich auf dem 
asiatischen Kontinent festsetzt und Rußland zurückdrängt. 
China beginnt seinen gewaltigen Kampf um die Gestal- 
tung seiner unerschöpflichen Volkskräfte, und dieser 
Kampf ist es, der den Weltmächten in der Aufteilung 
Einhalt gebietet. Frankreich und England treffen und 
reiben sich in Hinterindien, Rußland und England in 
Zentralasien. Die Krisen in der großen Welt folgen 
schnell aufeinander : es handelt sich immer um das 
Gleiche, um Hinterländer, um Einflußsphären, um wirt- 
schaftliche Bedingungen und politische Bevormundung. 
Von dem afrikanischen Kreis ist die Kriegs- und Kon- 
kurrenzgefahr nach dem ostasiatischen hinüber und dann 
nach dem islamitischen zurückgewandert. Rußland und 
England haben sich über Persien, England, Deutschland 
und die Vereinigten Staaten über Samoa, Deutschland 
und Frankreich über Marokko verständigt. Das Deutsche 
Reich ist bei allen diesen Konflikten der jüngste und 
der kraftvollste Teilhaber gewesen, und so ist um seine 
Weltgeltung -der erste Weltkrieg im eigentlichen 
Sinne entstanden, der erste Krieg, der den ganzen 
Planeten bewegt, so wie ihn die weiße Rasse koloni- 
satorisch aufgeteilt hat. 

* 

Was sind die Hauptergebnisse der modernen Kolo- 
nisation? Die Kolonisation hat ein neues Zeitalter der 



l6 I. Die Epochen der neueren Kolonialgeschichte. 

Völkerwanderung eröffnet. Die Weißen haben sich über- 
all verbreitet. Amerika und Australien sind europäi- 
siert; Afrika wird fast ganz von den Weißen beherrscht. 
Sie können sich an bestimmten Punkten dauernd an- 
siedeln, an anderen teilweise und mit Eingeborenen ver- 
mischen, wieder an anderen sind sie auf die bloße Aus- 
beutung angewiesen. Asien ist der eigentlich schwierige 
und rätselhafte Erdteil; nur der gemäßigte Klimagürtel 
ist dauernd für Weiße besiedelbar: er ist in russischen 
Händen oder unter der Herrschaft fremdrassiger Völker; 
Mischkolonien sind im Gebiete dieser Völker vorhanden 
oder möglich. Die größere Masse des asiatischen Kon- 
tinents wird von Europäern militärisch und kaufmännisch 
beherrscht; die Souveränität der fremdrassigen Völker 
erhält sich nicht ohne Mühe, Anfeindung und Hilfe in 
der Türkei, in Persien, in China. 

Diese Völkerwanderung der Weißen hat Gegen- 
strömungen hervorgerufen : die Verbreitung der Schwar- 
zen über Amerika, die Verbreitung der Gelben in Austra- 
lien, Amerika und Indien, die Verbreitung der Inder in 
Afrika. Unglaublich viel Menschen- und Naturwerte sind 
durch die koloniale Expansion früherer Jahrhunderte zer- 
stört worden. Wälder sind untergegangen, Tierarten sind 
ausgestorben, primitive Menschenrassen sind dezimiert, 
versklavt oder ausgerottet worden. Der prunkende Bau 
der europäisch-amerikanischen Zivilisation ruht auf dem 
Trümmerhaufen, der übrig geblieben ist bei der Ver- 
nichtung von Gesundheit, Glück, Sitte, Kultur schwächerer 
Rassen. Aber in der unausgesetzten Reibung dieser 
Kämpfe, bei diesem ewigen Wettbewerb untereinander 
sind die europäischen Nationen das geworden, was sie 
sind : sie sind einheitliche stolze Völker, die den Staats- 
und Machtgedanken als den Atem ihres Lebens erkannt 
haben, die an den notwendigen Aufstieg der einen und 
an den notwendigen Niedergang der andern glauben und 



Die Völkerwanderung der Weißen und ihre Gegenströmungen. i y 

ihrer geschichtlichen Ueberlieferung und ihrem politischen 
Selbstbewußtsein alle Kampfesopfer zu bringen bereit 
sind. Denn diese Opfer der Gesamtheit allein sind es 
gewesen, die in den letzten Jahrhunderten immer mehr 
die Sicherheit, die Ordnung, die Achtung vor der Per- 
sönlichkeit ermöglicht haben ; auf ihnen beruht unsere tech- 
nische Arbeit, unsere künstlerische und wissenschaftliche 
Schöpferkraft, unsere Weltanschauung und unsere gei- 
stige Freiheit. 



Valentin, Kolonialgeschichte. 



18 



Zweites Kapitel. 
Die spanische Kolonisation. 

Daß Spanien eine große koloniale Macht wurde, 
hat man als die Folge von Zufälligkeiten angesehen; 
den inneren Beruf zur überseeischen Entwicklung hat 
man ihm nicht zuerkennen wollen. Vom rein ökono- 
mischen Standpunkt aus mag darin manches Richtige 
sein. Das Spanien des 15. Jahrhunderts zeigt wenig 
kaufmännische und maritime Initiative. Aber gerade 
der Aufschwung Spaniens scheint doch zu beweisen, 
daß der geschäftliche Unternehmungsgeist nicht das 
einzige, ja nicht einmal das wichtigste der Momente ist, 
die koloniale Machtentfaltung bedingen. 

Die katholischen Könige Ferdinand und Isabella 
hatten die Gegensätze der Landschaften und der Ein- 
wohner, die auseinanderstrebende historische Richtung 
der Teile Spaniens, die Stärke der provinzialen Son- 
dergewalten bis zu einem gewissen Grade überwunden, 
und diese politische und geistige Einheit bedurfte nur 
großer Aufgaben, um sich zu befestigen und zu entfalten. 
Militärisch und landwirtschaftlich war der Grundcharakter 
der Reiche: ein stolzer, kriegslustiger Adel, arme Bauern, 
Gewerbfleiß nur in dem rührigeren Catalonien und im 
Süden bei den seidenwebenden Mauren, Handel und 
Schiffahrt in wenigen Hafenplätzen ; Juden und Italiener, 
auch Franzosen machten Geldgeschäfte, vermittelten die 
Einfuhr fremder Waren, stellten Leute für Luxushand- 
werke, versuchten durch alles das diese schwere, steife, 



Das Spanien der katholischen Könige. Columbus. iq 

lässige spanische Art und Lebensgestaltung etwas be- 
weglicher und geschmeidiger zu machen. 

Ein Italiener ist es denn auch gewesen, der die 
katholischen Könige auf überseeische Unternehmungen 
wies. Columbus, Christoforo Colombo, Cristöbal Colon, 
ist in Genua sehr wahrscheinlich 1446 geboren, als der 
Sohn eines Wollwebers — in Genua, der alten Rivalin 
Venedigs um den Preis der Seeschiffahrt. In eigener 
Sache, wie in fremden Diensten hatten die Ligurer seit 
Jahrhunderten das Meer befahren; als Schiffsbauer, als 
Admirale, als Entdecker waren sie vornan — hartnäckig, 
habgierig, tückisch, aber in einzelnen Volksgenossen zu 
ungewöhnlicher Größe gesteigert. 

Mit vierzehn Jahren ging Columbus auf die See, erst 
mit dreißig hatte er den atlantischen Ozean kennen gelernt. 
Er diente auf englischen Schiffen, fuhr nach Guinea und 
soll bis nach Island gesegelt sein. Was kam damals 
einem Schiffskapitän an Nachrichten zu Ohren ? Wie 
war die Stimmung auf See? Die Entdeckungen der 
Portugiesen hatten die schiffahrende Welt in eine hastige 
und heiße Erregung versetzt. Jede Nebelbank im Westen 
des Ozeans wurde für ein neues, reiches Land gehalten; 
viele wollten geschnitzte Hölzer oder Schilfrohre auf- 
gefangen haben, woraus also sicher die Nähe des Landes 
zu schließen wäre. Man versuchte sich in Berechnungen, 
vertiefte sich in Projekte, verirrte sich in Phantasien. 
Auf den Weltkarten der Zeit finden sich im Westen 
immer Andeutungen des unbekannten Landes ; eine 
Insel Antilia kehrt dabei häufig wieder. Die Insel Zi- 
pangu, von der Marco Polo spricht, zwischen Ostasien 
und Europa, schien bei der Kugelgestalt der Erde leicht 
erreichbar. Aus den antiken Schriftstellern gewann man 
zudem die Vorstellung von der geringen Menge Wasser 
im Vergleich zu der Menge Erde auf der Erdoberfläche. 
Man meinte auch, das irdische Paradies müsse auffindbar 

2* 



2Q II. Die spanische Kolonisation. 

sein; es gibt darüber merkwürdige Lehren: es sei von 
menschlichen Ungeheuern belebt, erhebe sich gewaltig zu 
riesigen Bergmassen bis in die Mondsphäre, sodaß es von 
der Sintflut nicht bedeckt worden sei, habe aber trotz- 
dem ein wundervoll liebliches Klima. 

Mit all diesen Berichten, Behauptungen, Spekula- 
tionen antiker und mittelalterlicher Herkunft befaßt sich 
Columbus. Einen entscheidenden Einfluß auf seine Vor- 
stellungen hat nach der alten und nicht erfolgreich wider- 
legten Anschauung der florentinische Astronom und 
Physiker Toscanelli; von ihm stammt ein Brief an einen 
Portugiesen, durch den er hoffte den König von Portu- 
gal zur Ausführung seiner Ideen zu bringen. Columbus 
verschaffte sich ein Duplikat des Briefes, und darin ist 
nun alles ausgesprochen, woran er bis zu seinem Tode 
fest geglaubt hat: es sei möglich durch eine Fahrt west- 
wärts das Land der Gewürze und der Edelsteine, das 
Land wohlhabender Städte und reicher Provinzen, das 
Land mächtiger Könige und Fürsten, das Land des 
Großkhans zu finden — also »Indien«. Mit solchen Plänen 
angefüllt kommt Columbus 1483 nach Portugal und, weil 
man hier den Phantasten abweist, geht er nach Spanien. 

Seine Briefe zeigen uns, wie er auf die Menschen 
gewirkt hat, halb wie ein Zauberer, halb wie ein Prophet. 

>Ich habe mit wissenschaftlichen Männern, Geistlichen 
und Weltlichen, Lateinern und Griechen, Juden und Mau- 
ren und vielen Andern verkehrt. Dazu gab mir der 
Herr den Geist der Erkenntnis. In der Schiffahrtkunde 
gab er reiche Fülle; von der Sternenkunde gab er mir, 
was ich brauchte und auch von der Geometrie und 
Arithmetik. In dieser Zeit habe ich alle Arten von 
Schriftwerken studiert: Geschichtswerke, Chroniken, Phi- 
losophie und andere Wissenschaften.« 

Ein anderes Mal schreibt er an die spanischen 
Könige: »Die heilige Trinität bewog Eure Majestäten zu 



Herkunft, Anschauungen und Pläne des Columbus. 21 

dem Unternehmen nach Indien, und durch ihre unend- 
liche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. 
Deshalb kam ich als ihr Botschafter zu Euren Majestäten 
wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche 
sich im Glauben übten und so viel für seine Verbrei- 
tung taten . . .« 

Wir haben noch Excerpte von Columbus aus bib- 
lischen und antiken Autoren, deren Prophezeiungen er 
auf sich bezieht. Ja er trieb den Glauben an seine 
göttliche Sendung so weit, daß er den Gedanken faßte, 
den Ungläubigen den Besitz des heiligen Grabes zu 
entreißen. — 

Jahrelang hat er auf die Entscheidung der Könige 
gehofft und abwechselnd in Cordoba und Sevilla gelebt, 
immer mehr vertieft und versenkt in seine verwegenen 
Hoffnungen: eine glühende Natur, aber gehüllt in träu- 
merischen Ernst. Der Schwung und die Schwärmerei 
seiner Rede ließ die Hörer innerlich erzittern. 

Und welche Forderungen stellte er an die Krone! 
Er verlangte Rang und Würde eines Almiranten, Er- 
hebung in den Adelstand, das Vizekönigtum in neuen 
Ländern, ein Zehntel aller Einkünfte daraus; er wollte 
der einzige Richter in allen Prozessen zwischen Spanien 
und den neuen Ländern sein und endlich noch einmal 
ein Achtel des Gewinnes haben, wenn er ein Achtel 
der Ausrüstungskosten bestreite. Man begreift, daß die 
spanischen Majestäten mit erstauntem Hochmut die ver- 
wegenen Ansprüche dieses abenteuerlichen Schwärmers 
aufnahmen. Die Königin Isabella, so wird es ausge- 
schmückt, war ihm günstig, aber seine Forderungen er- 
schienen zu hoch. Man wollte handeln. Columbus 
handelte aber nicht, sondern zog ab, um nach Frank- 
reich zu gehen. Da wird er eingeholt, zurückgebracht, 
es wird ihm zugestanden, was er will, und die Fahrt 
wird vorbereitet, die weltgeschichtliche Fahrt von 1492, 



22 n. Die spanische Kolonisation. 

die das Märchen der Jahrhunderte geworden ist. Wir 
kennen sie seit der Kindheit; sie bleibt immer wunder- 
sam und ist zugleich Geschichte großen Stils: denn das 
Tagebuch Columbus ist zum größten Teile wörtlich er- 
halten und läßt uns alles bis ins einzelne verfolgen. 
Auf den Canarischen Inseln wird er einen Monat auf- 
gehalten, um das beschädigte Steuer des einen Schiffes 
zu bessern; dann geht es weiter nach Westen in. das 
Unbekannte. Columbus führt doppelte Berechnung; die 
kleineren Zahlen öffentlich im Schiffsjournal, die großen 
wahren heimlich. Er traut sich allein den Mut zu, die 
Weite der Fahrt zu messen und zu wissen. Die Dekli- 
nation der Magnetnadel beobachtet er als erster ; täg- 
lich mehren sich Anzeichen und Vermutungen — ein 
dunkler Horizont, Nebel ohne Wind, schwimmender Tang. 
Die Mannschaft murrt wiederholt, wegen des Kurses, 
wegen des Windes. Die Spanier schelten auf den Li- 
gurer. Er bleibt fest, schert sich nicht um Klagen 
und sagt, er werde unter allen Umständen versuchen, 
die Insel zu erreichen. Dem Glücklichen, der zuerst 
das Land sieht, verspricht er eine Pension. Hoffnung 
und Niedergeschlagenheit wechseln. Man fischt Zweige 
auf, auch einen Stab, der im Feuer bearbeitet ist. Und 
dann in der Nacht zum 12. Oktober sieht Columbus 
einen nahen Lichtschein, und am frühen Morgen ist das 
Land erreicht, die Insel Guanahani, eine der Bahama- 
Inseln, die Columbus San Salvador nennt. Dem Hei- 
land weiht er das erste Stück der neuen Welt. 

Die Entdeckungsfahrt geht weiter, nach Haiti, Cuba 
(»Hispaniola«). In Spanien wird er mit den höchsten Ehren 
empfangen ; sein Wappen, das er als Grande empfängt, 
enthält außer dem Familienwappen die Wappen von 
Castilien und Leon und die goldenen Inseln in blauen 
Meereswogen. Und der berühmte Gedächtnis vers ent- 
stand: A Castilla y Leon Nuevo Mundo diö Colon. 



Die Entdeckung von Amerika. 23 

Ich berühre nicht die weiteren Reisen des Columbus. 
Sein Leben ging zu Ende in Enttäuschungen, Verrat, 
Irrtum und Schuld. Auf die Persönlichkeit kommt es 
hier an, die am Anfange der Kolonialgeschichte der Neu- 
zeit mächtig und bedeutungsvoll steht: ein hochgespann- 
ter Willensmensch ist er gewesen, der einen Idee mit 
maßloser mystischer Inbrunst hingegeben. Er hat sich 
in vielem verrechnet, aber er hat auch vieles im ein- 
zelnen treffend und vorzüglich beobachtet; er hat seine 
Tat nicht gering geschätzt und seinen Lohn ungeschmä- 
lert haben wollen. Ein korrekter und nützlicher Vize- 
könig der spanischen Krone konnte er nicht sein, weil 
er eine geniale Entdeckernatur war, nicht nur im Sicht- 
baren, sondern auch im Geistigen. Das Ende, das ihn 
wegnahm, zerrissen vom Zorn und Sehnsucht, ist das 
erschütternde Schicksal eines Führers der Menschen. 



In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts er- 
weiterten zahlreiche Entdecker das spanische Kolo- 
nialreich über die Inseln, nach Mittel- und Südame- 
rika, aber ebenso nach Norden, nach Mexiko, Florida 
und weiterhin. Spanien zeigte, daß es eine unge- 
heure Ausdehnungskraft besaß. Man hat berechnet, 
daß jährlich 160000 Menschen nach den Kolonien ab- 
strömten, bei einer Bevölkerung von wenigen Millionen 
eine sehr große Zahl. Der abenteuerliche Sinn des Volkes 
war durch die Erzählungen, durch die phantastischen 
Ausschmückungen in einen wahren Taumel versetzt. Man 
glaubte an das Dorado, an das Goldland. Mit Schwert, 
Kreuz und leeren Taschen, so machten sich diese Tau- 
sende auf ihren Glücksweg, Ritter und Räuber, Kreuz- 
ritter und Raubritter, soldatische verwegene Naturen, 
die von Herrschaft und Reichtum träumten. Sie stellten 
sich an das Steuerruder, durchbrachen die Urwälder, 



24 IL Di e spanische Kolonisation. 

durchschritten fieberschwangere Sümpfe, drangen durch 
Bergtäler in die fernsten Hochländer, raubten, verge- 
waltigten, unterwarfen und machten Beute. 

Die Ritterromane haben auf das spanische Geistes- 
leben damals einen sehr starken Einfluß geübt; 1508 
erschien der Amadis von Gallien und dann unzählige 
Nachbildungen und Nachahmungen, die überaus beliebt 
waren. Diese ganze unwahrscheinliche, grausame und 
üppige Welt schien nun in dem neuen Indien in greif- 
bare Nähe und Wirklichkeit getreten zu sein. 1543 
hat Karl V. die Einfuhr von solchen Romanen nach 
Amerika verboten, und zwölf Jahre später trugen die 
Cortes darauf an, daß alle solche Bücher auch in Spanien 
verbrannt werden sollten — der beste Beweis für ihre ver- 
heerende Wirkung. 

Bedurfte es romanhafter Ausschmückung? Was hat 
diese Zeit für Schicksale gesehen! Da ist Ojeda, der 
Entdecker Venezuelas — Klein -Venedig nannte er das 
Land nach den Pfahldorfresten — Ojeda, der im Kampf 
mit den Eingeborenen alle seine Begleiter verlor, sich 
selbst nur durch seinen Riesenschild vor den Giftpfeilen 
schützte und dann im Elend starb; da ist Nicuesa, der 
sich aus den Sümpfen des Goldlandes Veragua ent- 
kräftet zu Baiboa schleppte; der aber versagte ihm die 
Landung und zwang ihn aufs Meer zurück, wo er unter- 
ging. Baiboa selbst ist der erste, der Mittelamerika 
durchquerte und an den neuen Ozean kam, den er den 
stillen nannte — Baiboa geriet in Streit mit seinem 
Statthalter und wurde enthauptet. Da ist endlich auch 
jener Juan Ponce de Leon, der Statthalter von Cuba, 
der auszog, um das Land mit dem Bronnen der ewigen 
Jugend zu entdecken, die Insel Bemini, und der auf dieser 
Fahrt Florida erreichte. 

Ferdinand Cortez, der Eroberer von Mexiko, ist die 
sympathischste Gestalt unter den Conquistadores : ein 



Die Gewinnung des spanischen Kolonialreiches. Ferdinand Cortez. 2 5 

wirklicher Edelmann, überlegen, schweigsam, wissen- 
schaftlich gebildet, von guter Haltung und unermüdlicher 
Kraft, schlagfertig in seinen Aeußerungen zudem — unter 
Spottreime konnte er eine zugespitzte Antwort in Versen 
setzen. Stark, klar, einfach war er in allen seinen 
Lebensäußerungen. Wir haben seine Berichte an Karl V. 
über seine große Unternehmung, eine der wertvoll- 
sten Quellen für die Geschichte der Zeit. Seine ganze 
Energie, seine Schlichtheit und seine unbefangene Sach- 
lichkeit stecken darin. 

Die Grundstimmung dieser Berichte ist das große 
Staunen über die Absonderlichkeit und VVunderbarkeit 
der Dinge, in die der Eroberer mit seinen Leuten so 
plötzlich hineinkommt. Er ist feinfühlig und klug ge- 
nug, um sofort zu wissen : hier ist kein lächerliches 
oder gemeines Barbarentum, sondern eine zwar wunder- 
liche, aber feine und eigenartige Kultur. Mit der liebe- 
vollen Hingabe des geistigen Menschen schildert dieser 
zielsichere Feldherr die Hauptstadt des neuen Landes, 
ihre Lage zum Gebirge, ihr Klima, die Bauart der 
Straßen, die nur zur Hälfte fest und zur anderen Hälfte 
Kanal sind, die Sitten der Indianer, den ständigen 
Markt mit seinen Säulenhallen, wo 60000 Käufer zu- 
sammen kommen; er zählt alles auf, was verkauft 
wird und rundet so sein Bild zu einer Schilderung 
des ganzen gesellschaftlichen Lebens. Höchst anschau- 
lich ist auch seine Beschreibung von dem Riesenbau des 
indianischen Haupttempels , einem Komplex, in dem 
500 Menschen Platz finden können, und der überragt 
wird von einem Turm, der höher ist als der Turm der 
Kathedrale von Sevilla. Cortez hat sich mit allem be- 
schäftigt, was das Dasein der Eingeborenen berührte, 
die für ihn Schutzbefohlene und Untertanen, und erst 
notgedrungen Feinde und Opfer waren. Ihre kunstreiche 
Wasserleitung hat er besonders bewundert, und er schickte, 



26 H. Die spanische Kolonisation. 

um zu zeigen, wie gewandt und anstellig diese Heiden 
waren, zwei aztekische Taschenspieler nach Rom, die 
Papst Clemens VII. unterhalten sollten. 

Auch sonst sind wir in der Eroberung von Mexiko 
vorzüglich orientiert. Bernal Diaz heißt der Begleiter 
des Cortez, der dies ganze denkwürdige Ritterepos farbig 
und wirksam und sogar nicht ohne Kritik erzählt. 

Eifersucht und Zwist ist eine in der Geschichte der 
Conquistadores immer wiederkehrende Erscheinung. So 
hat auch Cortez seine Fahrt nach Mexiko begonnen 
gegen den ausdrücklichen Willen seines Vorgesetzten 
Velasquez, des Statthalters von Cuba. Man hatte gute 
Tauschgeschäfte in Veracruz gemacht und dachte nun, 
das wahrhafte Goldland endlich erreichen zu können. 
Nach der Landung von Veracruz läßt Cortez die Schiffe 
verbrennen — dieser sagenhafte Grad von äußerstem 
Heldenmut wird hier geschichtlich verwirklicht. So zieht 
er also dem ganz Unbekannten mit seinen paar Hundert 
Soldaten abenteuerlich entgegen. Zuerst scheint alles 
zu glücken, als ob die beispiellose Kühnheit beispiellos 
belohnt werden sollte. Aber die Mexikaner merken 
bald, daß die Spanier nicht die Abkömmlinge alter 
Götter waren, sondern mit sehr menschlichen Absichten 
und Leidenschaften in die Fremde kamen, und als nun 
gar durch das Erscheinen eines zweiten Heeres der 
Konflikt zwischen Cortez und seinem Statthalter klar 
wird — da erfolgt ein gefährlicher Umschwung. 

Cortez kann sich nicht mehr in der Hauptstadt hal- 
ten, er schlägt sich unter furchtbaren Verlusten über 
die durchstochenen Dämme ins Freie : ein grandioses 
Notturno. Dieser heroische Verzweiflungskampf gegen 
eine aufflammende feindliche Welt war eine militärische 
Leistung ersten Ranges. Cortez kehrt zurück, belagert 
die Stadt 75 Tage lang, sie wehrt sich verzweifelt, und er 
zieht als Herr über Leichenhaufen ein. Das Vizekönig- 



Mexiko, Peru, Chile. Die Welser in Venezuela. 27 

tum Neu-Spanien wird eingerichtet, und Cortez ist der erste 
Vizekönig. In dem neuerbauten Mexiko wird an der Stelle 
des Haupttempels eine prunkende Kathedrale errichtet. 

Die Expedition nach Peru ist in allem das Gegen- 
stück zu der mexikanischen. Pizarro hat sie vollbracht, 
eine rechte Landknechtsnatur, mit dem Degen aus der 
untersten Volksschicht emporgekommen ; unter all den 
beutegierigen , skrupellosen Blutvergießern ist er am 
rohesten vorwärts geschritten, über das Grab eines wun- 
dervollen altertümlichen, sich selbst genügenden Staats- 
wesens, aber ebenso über seine eigenen Freunde und 
Waffenbrüder hinweg. Ueber 4 x / 2 Millionen Dukaten 
soll er erbeutet haben. Es wird berichtet, daß der 
gefangene Inka versprach, das Gemach, in dem er ein- 
gekerkert war, neun Fuß hoch mit Gold anzufüllen, um 
sein Leben und seine Freiheit zu gewinnen. Pizarro 
nahm dies Anerbieten an und stellte dann den Unglück- 
lichen vor ein Scheingericht, das ihn enthaupten ließ. 
Almagro, Pizarros Gefährte, versuchte noch weiter im 
Süden noch reichere Länder zu finden. Aber Chile 
enttäuschte die Spanier. In einem blutigen und wüsten 
Räuberdrama fanden beide Entdecker ihr Ende. 

Unter den Unternehmungen zweiten Ranges, die sich 
bis in die nordamerikanische Prärie, an den Mississippi, 
über ganz Mittel- und Südamerika ausstreckten, interes- 
siert uns noch am meisten derVersuch des deutschen Hand- 
lungshauses der Augsburger Welser am Orinoco. Zwei 
Deutsche hatten 1548 von Karl V. eine Belehnung über 
dieses Land erhalten, in dem man auch hier wieder das 
wahre Dorado vermutete ; sie ging zwecks Tilgung kaiser- 
licher Schulden 1 53 1 an die Welser über, als ein Kronlehen, 
das die Belehnten nun in Besitz zu nehmen hatten. Sie 
schickten Landsknechte hin unter bewährten Führern — 
auch ein Vetter Ulrich v. Huttens, Philipp, war darunter, 
— ein Sohn des Handlungshauses ging selbst hinüber; aber 



28 II. Die spanische Kolonisation. 

das Unternehmen scheiterte traurig an den Schwierig- 
keiten des Landes und dem wenig loyalen Verhalten 
spanischer Gewalthaber. 



Wir haben uns nun als die beiden wichtigsten histo- 
rischen Fragen die folgenden vorzulegen: was machte 
Spanien aus diesem Kolonialreich ? Und was wurde es 
selbst durch seine Kolonien ? 

Spanien hat in dem neuen Lande eine alte Gesell- 
schaft gegründet. Es hat seine historisch erwachsenen Zu- 
stände und Verhältnisse nach Möglichkeit in die Kolonien 
übertragen. Wir sehen also vor allem zahlreiche Adlige, 
die als ritterliche Glücksucher, wenn es gut gegangen war, 
zusammengedrängt in den Städten wohnten, um von dem 
Ertrage riesiger Majorate ein Herrenleben zu führen. Vielen 
ist das Abenteuern in der neuen Welt natürlich auch miß- 
glückt. Hunderte von Entdeckungsfahrten waren ohne jeden 
Erfolg. Und kaum ein Drittel der Glücksritter ist wieder- 
gekommen. Das zweite Element, das aus dem alten 
Spanien in das neue Spanien hinüber verpflanzt wurde, 
ist der übermächtige Klerus, der auch hier mit den weit- 
gehendsten Privilegien ausgestattet war und sich so der 
Hauptaufgabe spanischer Expansion, der Heidenbekeh- 
rung widmete. Dazu kamen endlich die allmächtigen 
königlichen Beamten. Das ganze System war auf Unter- 
werfung und Herrschaft zugeschnitten: jenseits der Meere 
sollte sich ein neues Stück Spanien entwickeln, dessen 
Dasein nur den überkommenen Geist und die überkom- 
mene Art des Mutterlandes zu unterstützen und zu kräf- 
tigen hatte. Der Boden als solcher hatte für die Spa- 
nier keinen Reiz. Nur einmal, 1523, ist von einem 
Auditeur des Gerichtshofes von San Domingo eine syste- 
matische Bodenkultur großen Stiles für Florida ernst- 
haft geplant worden. Karl V. hat diesen Gedanken 



Wesen der spanischen Expansion. Das Kreolentum. 20 

vergebens gefördert. Das Ansiedelungs- und Anbau- 
ungsmotiv trat sonst ganz zurück. Wer hinaus ging, 
der wollte reich werden und nicht selbst landwirtschaft- 
liche Arbeit tun. Die meisten Hidalgos, im Anfange 
besonders, wollten ja auch wiederkehren und mit dem 
erbeuteten Reichtum neue Familien in Spanien gründen. 
Jahrhundertelang haben die dankbarsten Provinzen Süd- 
amerikas, Buenos Aires, Caracas u. a. brach gelegen, 
weil sie keine Goldschätze versprachen. Die Auswande- 
rung aus Spanien bedurfte eines speziellen Erlaubnis- 
scheines der Krone; man mußte sich in Sevilla ein- 
schiffen und durfte nur nach einer bestimmten Provinz 
reisen — Auflagen, die für den weniger Bemittelten und 
Umsichtigen beinahe Hindernisse bedeuteten. Allmäh- 
lich bildete sich durch Vermischung mit den Indianern 
eine ansehnliche kreolische Bevölkerung. Denn die Ein- 
geborenen wurden keineswegs als minderwertig und 
widerwärtig verachtet. Hat doch eine Tochter des mexi- 
kanischen Kaisers Montezuma durch Heirat aztekisches 
Blut in die ersten Grandenfamilien Spaniens getragen. 
Um so verhängnisvoller war aber nun, daß dieser 
sozialen Achtung eine politische Aechtung entsprach. 
Jeder, der in Amerika geboren war, selbst von weißen 
Eltern, wurde von allen großen Aemtern ausgeschlossen. 
Die Majoratsherren der spanisch-kreolischen Städte waren 
also zur Ohnmacht und zum Müßiggang verdammt. Die 
ganze Gesellschaft bekam in ihrem Aufbau einen 
zugleich aristokratischen und indolenten Zug. Alles 
drängte sich zu Advokaten- oder geistlichen Stellen, 
man schätzte Titel, Orden und alle Aeußerlichkeiten 
symbolischer Ehrung sehr hoch, während eigene Arbeit 
in Handel und Agrikultur für verächtlich galt. So ent- 
wickelte sich das typische Kreolentum: genußsüchtig, 
weichlich, faul, hochmütig. Das Mutterland fand diese 
Eigenschaften im Interesse seiner Oberherrschaft nütz- 



oq II. Die spanische Kolonisation. 

lieh. Durch die Einführung der Neger als Sklaven kam 
noch ein drittes Rassenelement hinzu und es entstand 
eine Fülle von Varietäten. Das schwarze Blut wurde 
von Anfang an gründlich verachtet, und damit verlor 
auch das indianische an Wert. Eine kastenmäßige, von 
Feindschaft und Verdächtigungen belebte Abschließung 
der Gesellschaft war die Folge. Die spanische Regie- 
rung sah die Fülle der trennenden Momente nicht un- 
gern, und sie brachte ein neues dadurch hinein, daß 
sie einzelne intelligente Individuen mit einem Patent 
ausstattete, das ihnen die Rechte von Weißen verlieh. 
So waren die geborenen Führer der Mischlinge mit den 
Interessen der herrschenden Rasse verbunden. 

Die große Aufgabe und dauernde Schwierigkeit 
der spanischen Kolonialherrschaft war die Lage und das 
Schicksal der breiten Schichten der indianischen Bevöl- 
kerung. Columbus hatte auf der zweiten Reise keine 
Goldschätze erbeuten können und er brachte deshalb 
Eingeborene mit, die er als Sklaven verkaufen wollte. 
Die spanischen Könige befahlen, sie sämtlich in Frei- 
heit zu setzen; denn sie seien Untertanen wie andere 
Spanier auch. 1512 stellte ein Erlaß König Ferdinands 
allen denen, die sich zum Christentum bekehrten, Frei- 
heit in Aussicht; wer es nicht täte, sollte als Feind be- 
handelt und als Sklave verwandt werden. Es erfolgte 
dann die große Landverteilung. Zu jeder »encomienda« 
sollten eine Anzahl Indianersippen gehören und der 
Besitzer eines solchen Lehnsgutes, der >encomendero«, 
hatte Schutzpflichten: die Indianer waren seine an die 
Scholle gebundenen Arbeiter, die er zu bekehren und 
zu kultivieren hatte. Es war ihm verboten, sie vom 
Boden zu entfernen und sie zu verkaufen. Nur zu be- 
stimmten Arbeiten waren die Indianer zwangsverpflichtet; 
als solche Frohnden galten die Maiskultur, der Brücken- 
bau und die Erhaltung der Straßen. 



Die Indianer. Schutzpolitik der Regierung. Die geistl. Missionen. -2 j 

Das berühmte Gesetz von 1542 schuf einen neuen 
Zustand. Die Indianer wurden unmittelbar unter die 
Krone gestellt, aber gewissermaßen zu Untertanen zweiter 
Klasse gemacht, also in einen Grad von Unmündigkeit ver- 
setzt, der sie dauernd von den Spaniern trennte. So 
durften sie z. B. keine Schulden über 5 Piaster machen. 
Ihr Besitz konnte ihnen nicht weggenommen werden u. a. 
Sie waren also wirtschaftlich gebunden, sie waren fest- 
genagelt auf ihrer augenblicklichen Gesellschaftsstufe. 

Eine volle Unabhängigkeit der Eingeborenen ist auch 
geplant gewesen, aber sie war eben praktisch ausge- 
schlossen durch die in den natürlichen und historischen 
Umständen begründete Schwäche ihrer Stellung. 

Eine entscheidende Rolle in der Indianerfrage spiel- 
ten nun die geistlichen Missionen. Der eifersüchtige 
Wettbewerb zwischen Franziskanern und Dominikanern 
wurde bedeutungsvoll. Die Franziskaner vertraten mehr 
die Interessen der spanischen Krone und hielten die 
Eingeborenen zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen an. 
Die Dominikaner setzten sich warm für die Indianer ein 
und schützten sie gegen Mißhandlungen und Uebervor- 
teilung. Der Dominikanerpater Las Casas ist es denn 
auch gewesen, der im Interesse der Indianer die Einfuhr 
von Negersklaven befürwortete. Las Casas hat in auf- 
opferungsvoller Weise seine Lebenskraft den kolonialen 
Aufgaben gewidmet und wiederholt und unermüdlich 
weitblickende Reformvorschläge gemacht; so hat er auch 
die Ansiedelung von Farmern im Großen angeregt. 

Im Ganzen muß man das Urteil fällen, soweit sich 
die Dinge übersehen lassen, daß die Schutzpolitik der 
spanischen Regierung für die Indianer großartig und 
gerecht war. Das Sympathische daran ist der ritterliche 
und sachliche Zug. Spanien hat mit seinen Untertanen 
weder gehandelt noch hat es sie verhandeln lassen. 
Frauen und Kinder sind immer als Schutzbefohlene ge- 



32 II. Die spanische Kolonisation. 

halten worden und die Leibeigenschaft Kriegsgefangener 
war eine verhältnismäßig humane Haussklaverei. Auch 
die Negersklaverei war in den spanischen Kolonien hu- 
maner als anderswo. 



Die Missionsgründungen der geistlichen Orden haben 
besonders im 17. und 18. Jahrhundert geblüht. Es sind 
in ihrer Art großartige Organisationen, die mit souve- 
räner Psychologie auf die menschlichen Persönlichkeits- 
gefühle und Gemeinschaftsempfindungen aufgebaut sind. 
1567 kamen die Jesuiten nach Spanisch- Amerika. Sie 
gewannen schnell Ansehen und Reichtum und ließen 
nun erst systematisch der Eroberung durch Gewalt die 
geistliche Eroberung folgen, die »conquista espiritual«. 
Sie bewährten sich so, daß die spanische Regierung ihnen 
die Fürsorge für die Indianer im La Plata-Gebiet, ihre 
Unterwerfung und Zivilisierung förmlich übertrug. Und 
so dehnte sich ihr geistliches Reich immer weiter. Die 
reinste Verwirklichung jesuitischer Grundsätze stellt der 
»Jesuitenstaat« Paraguay dar. Das geistliche und das 
soziale, das wirtschaftliche und politische Moment, 
das Interesse und das Ideal verbinden sich in diesen 
Schöpfungen zu einer Gesamtheit, die von Intelligenz 
funkelt und künstlerisch bewundernswert ist. Vergegen- 
wärtigen wir uns einen solchen Gemeinschaftsstaat : 
gleichmäßig angelegte Straßen, gleichgebaute Hütten, 
ein Gemeinschaftsland, wo jeder erwachsene Indianer 
morgens und abends eine Stunde lang Arbeit leisten 
muß, deren Ertrag zur Hälfte dem Kult, und zur Hälfte 
dem Arbeiter fällt. In der Mitte der Mission liegt die 
Kirche und das Haus des Missionars; weit im Land 
verstreut sind die Haciendas der Viehzüchter. Kleine 
Forts mit Besatzungen schützen die Mission militärisch, 
die Missionare tun alles, um die Indianer vor jeder Be- 



Die Verwaltungsorganisation. 33 

rührung mit anderen Weißen zu schützen : es wird die 
Indianersprache gesprochen, es wird Tanz und Musik 
getrieben, jeder Einzelbesitz und Einzelwille ist in der 
Gemeinschaft aufgelöst, es wird gelernt, gearbeitet, gelebt 
und gestorben unter höherer Leitung; die Jesuiten sind 
Generalbevollmächtigte der weißen Kultur sozusagen, 
sie sind die Schöpfer und Herren dieser Zwischenstaaten, 
sie vereinigen das Vertrauen der Regierung mit der Ach- 
tung und Liebe der indianischen Bevölkerung. 

Die Verwaltung der Kolonien war folgendermaßen 
organisiert. Es gab zwei Vizekönigreiche Neu-Spanien 
(Mexiko) und Peru, von denen Peru als das vornehmere 
galt, sodaß ein Vizekönig von Neu-Spanien dorthin 
avancieren konnte. Den Vizekönigen waren 29 Gouver- 
neure unterstellt. Es gab 9 Gerichtsbezirke; die geist- 
liche Verwaltung gliederte sich in 4 Erzbistümer, denen 
24 Bischofssitze unterstellt waren. Der König von Spa- 
nien war kraft päpstlicher Verleihung der oberste Herr 
der amerikanischen Kirche. Die Vizekönige hatten ur- 
sprünglich vollständige königliche Machtvollkommenheit; 
sie wurden aber bald sehr beschränkt auf eine mehr 
oder weniger zeremonielle große Repräsentation. Sie 
hielten Hof, waren von Pagen bedient, gaben glänzende 
Feste und empfingen, besonders am Tage ihres Amts- 
antrittes, prächtige Geschenke. Die leitende Kolonial- 
behörde in der Heimat war der Indienrat. Von ihm 
gingen alle Verwaltungs- und Gesetzgebungsmaßregeln 
aus. 

Der Gesamtcharakter der spanischen Verwaltung, 
die im 17. und 18. Jahrhundert noch im Einzelnen ver- 
ändert wurde, ist merkwürdig geschlossen. Es war in diesem 
System etwas Festes und Folgerichtiges ; gewiß mutet es 
fremd und starr an, aber es ist dem spanischen Staat doch 
gelungen, sich in der neuen Welt mit seiner ganzen Eigen- 
art durchzusetzen und so imponierend zu behaupten, daß 

Valentin, Kolonialgeachichte. 7 



34 II. Die spanische Kolonisation. 

man außerhalb von dem Wert und der Entwicklung der 
spanischen Kolonien wenig wußte, und sich mit der 
Scheu vor diesem Geheimnis die Achtung vor der Kraft 
des Staates verbinden mußte, der das erreicht hatte. 

Was haben nun die spanischen Kolonien für das 
Mutterland bedeutet? Die spanischen Nationalökonomen 
des 18. Jahrhunderts haben die Behauptung aufgebracht, 
daß Spanien trotz der Millionen an Gold und Silber von 
seinen Kolonien mehr Schaden als Vorteil gehabt habe. 
Es ist das, soweit wir urteilen dürfen, eine historisch 
unbegründete Auffassung. Wir hören, daß jährlich über 
IOO Schiffe, von 400 bis 500 Tonnen Gehalt, hinüber- 
fuhren, und daß die Kaufleute bis zu 200 % Gewinn 
gemacht haben! Und dies war zur Zeit Karls V., 
da die Ausnutzung des Kolonialbesitzes noch in ihren 
Anfängen war. Eine einzige heimkehrende Flotte hat 
einmal 1000 Millionen Maravedis zurückgebracht! Und 
Sevilla ist durch die Kolonien eine Stadt von kleinen 
Königen geworden. 

Spanien ist ja im 16. Jahrhundert überhaupt ein 
Land von glänzender wirtschaftlicher Blüte: sein Handel 
und Gewerbefleiß erfreut sich eines ungewöhnlichen 
Glanzes, die Wollindustrie ernährt allein ein Drittel der 
Bevölkerung. Nur deshalb war Spanien im stände, 
so große Opfer an Kraft und Gut zu bringen, und 
die Vorteile waren denn auch recht beträchtlich und 
mehrten sich ständig; das ganze Leben der Nation 
bekam durch die Weite des Wirkungskreises einen 
unvergleichlichen Antrieb. Die Folgen des gewaltigen 
Edelmetallzuflusses, der zunächst viele Einzelne reich 
machte, ist hier nicht zu untersuchen. Die durch das 
amerikanische Gold und Silber hervorgerufene Preis- 
steigerung verteuerte und lähmte am Ende die spa- 
nische Industrie, und so kann man sagen, daß die 
Kolonien das Mutterland zunächst mächtig vorwärts 



Die Bedeutung der Kolonien für das Mutterland. 35 

schoben, um dann, als der Rückschlag erfolgte, die hei- 
mische Volkswirtschaft mit zu belasten. Mit Philipp II. 
beginnt schon dieser Niedergang; allgemeingeschichtlich 
ist er gewiß nicht in bloß ökonomischen Vorgängen, son- 
dern in der verhängnisvollen und selbstmörderischen 
Großmachtspolitik Philipps zu begründen. Hätte Phi- 
lipp IL seine Aufgabe weniger in der Ueberbrückung des 
konfessionellen Zwiespaltes auf dem europäischen Konti- 
nent gesucht, so wäre wohl ein stärkerer und lebendigerer 
Zusammenhalt von Mutterland und Kolonien und eine wohl- 
tätigereWechselwirkung zwischen beiden möglich gewesen. 

Wenn Spanien politisch und geistig aus seinen Ko- 
lonien spanische Provinzen machen wollte, so sah es sie 
auch wirtschaftlich nur als seine Domäne an. Der Monopol- 
gedanke suchte sich in strengen Ausschließungsbestim- 
mungen durchzusetzen. Fremde Ideen, fremde Waren, 
fremde Reisende — alles wurde mit drakonischen Maß- 
regeln bedroht. Fremde Schiffe, die sich in spanischen 
Gewässern fanden, wurden versenkt, fremde Matrosen, 
die landeten, wurden hingerichtet oder zur Zwangs- 
arbeit in den Minen verurteilt. Die Erzeugnisse der 
Kolonien wurden rein nach den Bedürfnissen des Mutter- 
landes befördert. Was das Mutterland nicht gebrauchen 
konnte, oder was mit der einheimischen Produktion 
konkurrierte, wurde geradezu wieder ausgerottet, wie 
etwa der Weinstock. 

Zur Beaufsichtigung des amerikanischen Handels 
wurde in Sevilla die berühmte Casa de contrataciön 
begründet — eine wirtschaftspolitische Behörde mit zen- 
tralen Befugnissen. Jedes Schiff, das für Amerika be- 
stimmt war, wurde von ihr inspiziert. Auch hier, wie 
in so manchem, hat Karl V. eine freiere Gestaltung er- 
strebt: er wollte das Monopol von Sevilla beseitigen. 
Es hat dann dennoch weiter bestanden und ist 1720 
nach Cadiz verlegt worden, als der Guadalquivir ver- 

3* 



ß6 H« Di e spanische Kolonisation. 

sandete. An dem Einfuhrmonopol wurde nicht gerüt- 
telt; dagegen hat die Ausfuhr nach den Kolonien zeit- 
weilige Erleichterungen erfahren. Die kanarischen In- 
seln durften von Anfang an direkt nach Amerika expor- 
tieren, und alle bedeutenden Ozeanhäfen Spaniens und 
seiner Nebenländer wurden zeitweilig dazu ermächtigt. 
Karl V. bemühte sich um niederländische und deutsche 
Kaufleute. Um dem amerikanischen Handel Regel und 
Sicherheit zu geben, wurde die Ausfuhr auf zwei Schiffs- 
karawanen im Jahr beschränkt. Die eine war die »Flotte«, 
die Silberflotte, mit dem Ausgangspunkt Veracruz; die 
andere hieß die Galleonen mit dem Ausgangspunkt 
Porto Bello am Isthmus von Panama. Die Warenpreise 
wurden in den Einschiffhäfen genau festgesetzt, und so 
hoffte die Staatsautorität den Geist der Spekulation und 
des Wettbewerbes auszuschalten. Es ist interessant, wie 
die kaufmännischen Gesellschaften in Lima, Mexiko und 
Cadiz einen Ausgleich dadurch zu erzielen versuchten, 
daß sie durch dürftige Versorgung des heimischen 
Marktes die Lieferpreise auf künstlicher Höhe hielten. 
So wurden erhebliche Geschäfte gemacht, ohne daß die 
Produktion und mit ihr das gesamte Wirtschaftsleben 
das entsprechende Maß von Belebung empfingen. 

Die Monopolgesetze der spanischen Krone wurden 
später praktisch undurchführbar, als die aufstrebenden 
Seemächte Holland, England und Frankreich die spani- 
sche Meerherrschaft zerbrachen. Die Kontrebande und 
die Piraterie, die »Freiheit« der See schwächte und 
störte die spanische Kolonialherrschaft auf das em- 
pfindlichste. Dieses so unkaufmännische Reich wurde 
durch die kapitalistische Unternehmung beweglicherer 
Nationen ausgehöhlt. Die majestätische Fassade hielt 
sich noch lange, aber die Arbeit wurde zum über- 
wiegenden Teile von Fremden getan. 1610 schätzte 
man 160000 Fremde in Castilien. Und so wurde auch 



Die Abschließungspolitik und ihr Scheitern. <ij 

der amerikanische Handel zum größten Teile von den 
Fremden gemacht. Frühe hat Frankreich schon geplant, 
sich den spanischen Kolonialbesitz anzugliedern. Es 
hat Anteil an den Galleonen gewonnen, es hat den Neger- 
Asiento an die französische Guineakompagnie übertragen 
lassen. England hat ihm dann den Rang abgelaufen, 
ist 1711 in den Negerasiento eingetreten und hat sich so 
das Privileg des schwarzen Handels für Südamerika ge- 
sichert. Der Schmuggel, durch den z. B. ein Platz wie 
Buenos Aires, der Stapelplatz peruanischer Produkte, 
groß geworden war, wurde jetzt durch eine berechtigte 
ausgebreitete Handels- und Gründungstätigkeit ersetzt. 



Unter dem bourbonischen Königtum ist der Versuch 
gemacht worden, das alte Zwangssystem in der Verwal- 
tungs- und Handelspolitik abzubauen, soweit es nicht 
von selbst zerfallen war. Die Kolonien blühten damals 
auf, freilich wesentlich mit Hilfe der Fremden, ohne daß 
das Mutterland die staatliche Kraft besessen hätte, sein 
Ansehen dadurch zu stärken. Ablösungstendenzen wur- 
den schon damals laut: die Vertreibung der Jesuiten 
machte in den Kolonien einen sehr schlechten Ein- 
druck, die Kreolen fühlten sich zurückgesetzt, der 
Freiheitskrieg derVereinigten Staaten war ein verlockendes 
Beispiel. Als dann Spanien von Frankreich in seine 
Kriege und Schicksale hineingerissen wurde, da wurde 
der Geist der Selbständigkeit in den Kolonien immer 
stärker. In London gründeten die Unzufriedenen einen 
Geheimbund, die Gran reunion americana. England 
machte den denkwürdigen Versuch, sich in Südamerika 
festzusetzen. Dieselbe Flotte, die das holländische Kap- 
land besetzt hatte, wagte auch einen Handstreich auf 
Buenos Aires. Aber General Beresford, der gelandet 
war, konnte sich nicht gegen einen Aufstand der Pa- 



^3 II« D* e spanische Kolonisation. 

trioten halten. Als dann die Bourbonen von Napoleon 
enttront wurden, waren die Kolonien in einer neuen 
Schwierigkeit. Mit den nationalen Junten in Spanien 
hatten sie ebensowenig inneren Zusammenhang wie mit 
dem napoleonischen Prätendenten. Die Kreolen traten 
jetzt mit ihren Interessen ganz in den Vordergrund: sie 
waren zugleich Träger liberaler Gedanken und Vertreter 
der nationalen Selbständigkeit der Kolonien. Die Revolu- 
tion brach aus. Venezuela und Buenos Aires erklärten 
zuerst ihre Unabhängigkeit, es folgten dann Uruguay, 
Paraguay, Bolivia und Colombia, Chile ; Peru, der Haupt- 
sitz des spanischen Einflusses, leistete am längsten Wider- 
stand. Bolivar und San Martino sind die Führer in 
diesen abwechslungsreichen, dramatisch zugespitzten 
Kämpfen. In Mexiko, das zuerst ruhig gewesen war, 
gestaltete sich die Bewegung zu einem Aufstand der Ein- 
geborenen, sodaß Kreolen und Spanier genötigt waren, 
zusammen zu halten. Nach dem endgültigen Erfolge 
der südamerikanischen Staaten traten aber die Kreolen 
zu den Eingeborenen über, und damit war das Schicksal 
der spanischen Herrschaft entschieden. 

Als die Bourbonen den spanischen Thron wieder- 
erlangt hatten, machten sie ernsthafte Versuche, sich 
ihr Kolonialreich zu erhalten. Ich gehe auf die Wechsel- 
fälle, die Kämpfe der Vizekönige und die Rückwirkung 
der spanischen Revolution von 1820 nicht weiter ein. 
Die süd- und mittelamerikanischen Republiken haben 
eine schwere Zeit des Ueberganges durchmachen müssen 
seit ihrer Befreiung, die durch die Anerkennung Eng- 
lands und der Vereinigten Staaten bestätigt und geseg- 
net wurde. Alle die neuen konstitutionellen Bildungen 
paßten auf die vorhandenen Verhältnisse ziemlich schlecht; 
die dünne weiße Oberschicht und die großen indiani- 
schen Massen klafften auseinander. Schwärmerei, natio- 
nalistische Phrase, persönliche Leidenschaften, soldatische 



Die Losreißung der spanischen Kolonien. 3g 

Willkür machten die Entwickelung dieser neuen Staaten 
sehr schwierig. Unbildung und Halbbildung arbeiten im 
Innern gegeneinander; Kämpfe um territoriale Abgren- 
zungen, Staatsstreiche Ehrgeiziger und zweifelhafte Finanz- 
operationen wechseln bunt ab. Die Entscheidungen lagen 
schließlich immer in der Hand theatralischer Generale 
mit napoleonischen Allüren. Der Priester Hidalgo und 
Kaiser Iturbide von Mexiko, der Diktator Flores in 
Ecuador, der Diktator Francia in Paraguay: das sind 
die abenteuerlichen Figuren aus diesen Konflikten. Seit 
der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aber die wirt- 
schaftliche Bedeutung und Zukunft Süd- und Mittel- 
amerikas für die beginnende Weltwirtschaft immer wich- 
tiger. Die Industrie, von fremdem, meist englischem 
Kapital gestützt, drang ein; das weite, dünn bevölkerte 
Land wurde ein Hauptziel der europäischen Auswande- 
rung. Die Spekulation, besonders die kühnere, ging 
sehr gern nach Südamerika. Das Land bedeckte sich 
schnell mit einem ansehnlichen Eisenbahnnetz. Man 
erkannte, daß hier Bodenschätze zu heben und große 
landwirtschaftliche Gewinne zu machen waren. Heute 
sind diese Staaten, besonders die ABC-Mächte, Argen- 
tinien, Brasilien und Chile, sehr ernst zu nehmen. 

Der ursprüngliche Gedanke, die spanischen Kolo- 
nien nach Art der nordamerikanischen Republik als 
Vereinigte Staaten von Südamerika selbständig zu machen, 
konnte nicht verwirklicht werden. Ihre gemeinsame Her- 
kunft und ihre gemeinsamen Interessen dem übermäch- 
tigen Staate im Norden gegenüber hält sie aber zusam- 
men. Besonders seitdem die Vereinigten Staaten selber 
eine Kolonialmacht geworden sind und den Spaniern die 
letzten überseeischen Besitzungen von Wichtigkeit ab- 
genommen haben, hat sich ein gewisses Mißtrauen in 
Südamerika entwickelt. Das Vorgehen der Vereinigten 
Staaten gegen die Republik Colombien, und die Art, 



aq II. Die spanische Kolonisation. 

wie sie sich des Panamagebietes bemächtigt haben, 
konnte diese Stimmung nur verschärfen. 

Auf der anderen Seite sind aber auch panamerika- 
nische Interessen lebendig, die in Kongressen und öf- 
fentlichen Organen an den Tag treten. 

Spanien, das alte Mutterland, steht bei diesen neuen, 
glänzenden Schicksalen und Aussichten der Tochter- 
länder melancholisch abseits. Die Statistiken zeigen, 
daß Spanien an dem Handel Perus und Chiles heute 
nicht mehr Anteil hat, als Schweden und weniger als 
Italien. Aber diese ökonomische Erwägung sagt eben 
doch nicht alles und nicht einmal das wichtigste. Noch 
keine Weltmacht hat sich dauernd auf ihrer Höhe halten 
können. Jeder Blüte ist ein Abstieg und ein Nieder- 
gang gefolgt, und für jede Führernation bricht, wenn 
ihr Welttag einmal heraufgestiegen ist, auch der Welt- 
abend an. Und es ist und bleibt doch etwas Großes, 
daß das spanische Volk einem halben Weltteil seine 
Sprache, seine Kultur und seinen Geist auf einen glän- 
zenden Weg mitgegeben hat. 



41 



Drittes Kapitel. 
Die portugiesische Kolonisation. 

Aus der Geschichte der Entdeckungen hat man sich 
daran gewöhnt, die Spanier und die Portugiesen neben- 
einander zu stellen und gewissermaßen gleichzuachten. 
Unter dem Gesichtspunkt der kolonialen Leistung ist 
das nicht haltbar. Die Portugiesen haben als Seefahrer 
sehr Bedeutendes geleistet und sind darin mit den 
Genuesen, Venezianern und Holländern zu vergleichen. 
Unter den Nationen, die jenseits der Meere staatliche 
Gemeinschaften von Lebenskraft und Dauer gegründet 
haben, steht die portugiesische in letzter Linie. 

Seitdem im 15. Jahrhundert die Hauptstadt von 
Coimbra nach Lissabon verlegt worden war, begann 
dieses neue Zentrum der Ausgangspunkt einer glänzen- 
den Reihe von Entdeckungsfahrten zu werden. Heinrich 
der Seefahrer ist, obgleich er persönlich nie an den 
Entdeckungsfahrten teilgenommen hat, der große An- 
reger gewesen. Und Vasco da Gama hat dann jene 
Leistung vollbracht, die S. Rüge an historischer Bedeutung 
mit Recht der des Columbus vergleicht. Als nautische Tat 
ist sie sicher nicht so groß, denn Vasco hat sich nicht 
wie Columbus in ein völlig unbekanntes Weltmeer frei 
hinausgewagt, sondern ist an den Küsten entlang ge- 
fahren und hat die letzte Strecke mit erfahrenen Lot- 
sen gemacht. Aber er ist insofern glücklicher als Co- 
lumbus daran gewesen, als er ein Ziel, was er erstrebt 
hat, auch wirklich erreichte und von dem neuen Land 



42 HI. Die portugiesische Kolonisation. 

allen erhofften materiellen Gewinn empfing. Das ist 
sicher der Ruhm der Portugiesen : sie haben den Ge- 
danken des Seewegs nach Indien zuerst gefaßt, sie 
haben ein Jahrhundert lang Versuche gemacht und sie 
allein haben ihn auch schließlich verwirklicht. Colum- 
bus hat der Krone Spanien eine neue Welt geschenkt, 
die sie erst entdecken, erobern und nutzbar machen 
mußte. Vasco da Gama hat sein Vaterland und Eu- 
ropa in den langersehnten unmittelbaren Verkehr mit 
der anderen Hälfte der Menschheit, der indischen und 
ostasiatischen gesetzt, in einen Verkehr, dessen emi- 
nente Kultur- und Wirtschaftsbedeutung man schon ge- 
nügend kannte, um die ganze Tragweite dieser Leistung 
abmessen zu können: als Vasco da Gama erfolgreich 
zurückkehrte, nahm der König von Portugal den Titel 
»Herr der Eroberung, der Schiffahrt und des Handels 
von Aethiopien, Arabien, Persien und China« an. Und 
wundervoll hat Camoes im sechsten Gesang seiner 
Lusiaden, des epischen Denkmals der portugiesischen 
Helden- und Entdeckerzeit, die Ankunft an der Küste 
Indiens geschildert. 

Schiffahrt und Handel mit Asien war auf dem neu- 
entdeckten Seewege nun gewiß nicht schwer einzurich- 
ten. Der indische König, der in Calicut die Portu- 
giesen empfing, sagte ihnen, daß er Zimmt, Gewürz- 
nelken, Ingwer und Pfeffer, Perlen und Edelgestein habe, 
und daß er von den Fremden Gold, Silber, Korallen 
und Scharlach wünschte. Aber ein solcher Austausch 
in Frieden war aus inneren Gründen unmöglich. Die 
Portugiesen versuchten das neue Land für ihre Krone 
und für ihre Kirche zu gewinnen, und dazu reichten 
ihre Kräfte auf die Dauer nicht aus. 

Die Anfangszeit ist groß und heroisch. Der erste 
Vicekönig d'Almeida besiegte bei Diu die ägyptische 
Flotte (1509); der Marschall d'Albuquerque bekämpfte 



Vasco da Gama. Versuche, Indien zu beherrschen. 43 

Araber und Inder, nahm Goa und eroberte Malakka. 
Dann wandte er sich nach Ormus am roten Meer, um 
dort den Handel nach dem Mittelmeer zu vernichten, 
die große Konkurrenz der portugiesischen Seeverbin- 
dung. Ganz bewußt vertrat er den Standpunkt, daß 
es nicht genüge, den Seeverkehr durch eine Kriegsflotte 
zu schützen, sondern daß man das Land selbst erobern 
und unterwerfen müsse. Man begreift, daß er sich 
Alexander den Großen zum Vorbild nahm: eine über- 
legene Herrschernatur ist er gewesen, durchaus könig- 
lich in Plänen, in Gerechtigkeit und in Freude am Be- 
lohnen. Aber es war ein Programm, das nicht von 
ihm, und nach seinem Tode noch viel weniger von 
seinen Nachfolgern durchgeführt werden konnte. Sie 
errangen glänzende militärische Erfolge; doch der ge- 
waltige Druck des Reichtums und der Volkskraft der 
Asiaten zersprengte immer wieder die Klammern, die 
die Portugiesen anzulegen versuchten. 

Aber freilich, der Handelsgewinn, das Anwachsen 
der Seegeltung und des nationalen Ruhmes von Portu- 
gal machten einen ungeheuren Eindruck im Abendland. 
15 14 empfing Leo X. eine portugiesische Gesandtschaft 
in Rom. Goldene Gefäße, reiche edelsteingeschmückte 
Gewänder kirchlicher Bestimmung wurden überbracht ; 
dann aber erschien auch ein riesiger Elefant, der erste 
seit dem Altertum in Italien, und ein Jagdleopard, der 
auf einem herrlich aufgezäumten Rosse kauerte. Dreimal 
mußte der Elefant vor dem Papst auf der Engelsburg 
die Knie beugen. — Wie weit war nun der Raum ge- 
worden für Europäertum und Christenheit! Die Portu- 
giesen knüpften mit Siam, China und Japan an, sie 
saßen auf den Sundainseln, und der Admiral Cabral, der 
in Ostafrika mit den Fürsten in Berührung treten sollte, 
wurde verschlagen und entdeckte so Brasilien. 



44 III. Die portugiesische Kolonisation. 

Der Abenteurergeist, der Handelstrieb und der Mis- 
sionseifer trieben die Portugiesen in die große Welt. 
Was sie begründeten, war schließlich nicht mehr, als 
eine Kette von kaufmännischen Kontoren, von Verpro- 
viantierungsplätzen , von Warenansammlungsorten , die 
durch Festungen verteidigt und mit kirchlichen Nieder- 
lassungen verbunden waren. Afrika ist den Portugiesen 
zunächst kein Selbstzweck gewesen ; was sie hier be- 
setzten, war Station für Indien. Die Küstenschiffahrt 
emanzipierte sich ja nur erst ganz allmählich von solchen 
Anlegeplätzen, die schnell besetzt und nur provisorisch 
und flüchtig ausgestattet wurden. Manchmal ließ man 
nicht einmal Menschen zurück , sondern nur Tiere : 
Haustiere — Schweine und Ziegen, die sich dann ver- 
mehrten und nach wenigen Jahren den Schiffen zur 
Verproviantierung dienten. Und da die afrikanische 
Küste ja zumeist Wüste und wenig verlockend ist, da 
auch die wilde Bevölkerung keinerlei erfolgreiche Han- 
delsbeziehungen versprach, so wurden die afrikanischen 
Niederlassungen von den Portugiesen bald recht ver- 
nachlässigt , bis der Negerhandel begann. Von den 
ersten Berührungen und Kolonisationsversuchen haben 
sich noch merkwürdige Spuren erhalten. Livingstone 
hat auf seinen Reisen Ruinen von großen Gebäuden der 
Jesuiten und der schwarzen Benediktiner gefunden. 
Schreib- und Lesekunst war als Ueberbleibsel unter 
Schwarzen bekannt, und an der Küste der Walfischbai 
in Deutsch-Südwestafrika ist 1893 von dem Kapitän 
eines deutschen Kriegsschiffes noch ein portugiesischer 
Wappenpfeiler, ein Padräo, der als Wahrzeichen der 
Herrschaft diente und eine Inschrift des Diogo Cäo 
trug, aufgefunden worden. 

Die Portugiesen haben die Eroberung von Afrika 
und Indien wohl phantastisch erstrebt, aber nur, und 
auch das nur beschränkt, den Handel nach Indien er- 



Der bewaffnete Indienhandel. 45 

reicht. Das Wichtigste war für sie, diesen Handel zu 
monopolisieren: nach dem Muster Venedigs wollten sie 
jetzt die Vermittler zwischen Europa und Asien sein. 
Nur so glaubten sie sich die enormen Profite des Tausch- 
handels zu sichern, der ja ein Täuschhandel war. Auf 
einen kleinen Umsatz sollten ganz große Gewinne ge- 
macht werden. Mit den plumpesten Mitteln versuchten 
sie die Mitbewerber zurückzustoßen, durch Gewalt oder 
auch durch falsche Nachrichten über die Gefahr der 
Meere. Und vom rein kaufmännischen Standpunkte aus 
war die Gründung von Festungen und das Halten von 
Garnisonen eigentlich eine Belastung. 

Wir haben den Bericht eines Engländers Sir Thomas 
Roe, der 161 3 von der ersten englischen Compagnie als 
Gesandter zum Großmogul geschickt wurde. Er kritisiert 
das portugiesische System auf das Schärfste : wenn man 
Krieg führen wolle, könne man keine Gewinne machen. 
Die tiefe Schwäche der portugiesischen Kolonisation ist 
damit aufgedeckt. Sie wollte die Eroberung und schei- 
terte damit — sie wollte dann eine wirtschaftliche Aus- 
beutung des Indienhandels mit staatlichen und militäri- 
schen Machtmitteln und scheiterte auch damit. Es 
wurde keine kaufmännische Compagnie privilegiert, wie 
es damals in Holland und England geschah. Die Krone 
selbst behielt alles in Händen und betrieb den Handel 
mit großen Schiffen, die völlig kriegerisch ausgestattet 
waren und eine starke Bemannung von Matrosen und 
Soldaten hatten. Engländer und Holländer wetteiferten 
darin , diese Caraquen wegzukapern : Francis Drake 
brachte solche Schiffe nach London und befeuerte da- 
durch den Unternehmungsgeist der Kaufleute der City. 
Sir Walther Raleigh nahm eine Caraque, die 700 Mann 
Besatzung und 36 Kanonen Bestückung hatte; sie war 
die größte, die man bis dahin gesehen hatte — ihre 



46 HI. Die portugiesische Kolonisation. 

Ladung bestand aus Gewürzen, Seide, Goldpuder, Per- 
len, Droguen, Porzellan und Elfenbein. 

Die Portugiesen betrieben also keinen Handel im 
neueren Sinne, sondern sie machten von Zeit zu Zeit 
Raubexpeditionen. Der Zweck wurde keineswegs er- 
reicht. Ein regelmäßiger, vielfältiger Austausch wäre 
viel vorteilhafter gewesen, und von Herrschaft und Si- 
cherheit auf dem Meere war gar nicht mehr die Rede. 
Es schmeichelte dem portugiesischen Hochmute, daß 
sich alle europäischen Nationen in Lissabon verprovian- 
tieren mußten. Sie zogen sich aber in den Holländern 
die glücklichern Nachfolger heran, die den Verschleiß 
für die einzelnen europäischen Staaten mit Sorgfalt und 
Erfolg betrieben — eine Kommissionärsrolle , mit der 
sich die Portugiesen nicht abgaben. 

Das Auftreten und Betragen der Portugiesen konnte 
ihre Stellung in Asien nur vollends vernichten. Die 
oberen Klassen wurden durch den Goldstrom gänzlich 
demoralisiert. Ihre Gewalttätigkeit und Räuberei führte 
zu zahlreichen Skandalen. Der Haß der Eingeborenen 
verfolgte sie ; die Kaufleute waren Glücksritter und die 
Beamten Tyrannen. Die Lissaboner Regierung tat da- 
gegen nichts; alle drei Jahre wurde das Personal voll- 
kommen gewechselt, und eine neue Ladung von Geld- 
machern ging in die Fremde. Die Zivil- und Militär- 
beamten durften sich an den Geschäften beteiligen, und 
daraus erwuchs eine Menge von Privatmonopolen. 

1582 wurde Portugal mit Spanien in Personalunion 
vereinigt, und das wurde nun diesem brüchigen und korrup- 
ten Kolonialreich zum letzten Verhängnis. Portugal verlor 
alle seine asiatischen Besitzungen an die Gegner Spa- 
niens bis auf Goa, Makao und die halbe Insel Timor, 
die es heute noch besitzt. 



Wirkung auf das Mutterland. Der Negerhandel. a.7 

Der Indienhandel war verloren gegangen; der Ne- 
gerhandel schuf den Portugiesen willkommenen Ersatz. 
Guinea, Kongo, Angola waren die Hauptdistrikte, Mo- 
zambique trat später hinzu. St. Paolo de Loanda war 
der erste Hafen für die Negerausfuhr. 

Die Kriege mit den Mauren haben die Sklaverei im 
Abendland heimisch gemacht. Und schon im 15. Jahrhun- 
dert sind dann afrikanische Neger aus Lagos in Portugal 
verhandelt worden. Je mehr die Entdeckungen fortge- 
schritten, desto besser entwickelte sich dies Geschäft. Die 
Sklaverei wurde bekanntlich nach Amerika verpflanzt, da 
die schwächlichen Indianer den Anforderungen nicht ge- 
nügten. Die spanische Regierung verbot den Negerhandel 
und hielt dieses Verbot auch im fiskalischen Interesse auf- 
recht. Gegen Erlegung bestimmter Gebühren gestattete sie 
aber einzelnen Personen oder Gesellschaften, jährlich eine 
bestimmte Anzahl von Schwarzen in die amerikanischen 
Häfen zu liefern. Anfänglich wurde der Bedarf auf 
4000 Köpfe bestimmt, er ist dann erhöht und wieder 
herabgesetzt worden. Dieser Monopolvertrag für die 
Sklaveneinfuhr ist historisch als Negerasiento (asiento 
span. = Vertrag) geläufig. Der Bedarf war jedenfalls sehr 
groß; die Klagen der Kolonisten über mangelhafte Ver- 
sorgung mit Arbeitskräften sind häufig. Ueber die Gesamt- 
zahl der nach Amerika exportierten Schwarzen gehen die 
Schätzungen auseinander : 9 Millionen ist die geringste 
Zahl. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind jähr- 
lich 60000 bis 100000 herübergebracht worden, und da der 
Durchschnittspreis 30 Pfund betrug, so kann man ermessen, 
wie groß der Umsatz gewesen ist. Die Hauptlieferung 
hatten nun die portugiesischen Kolonien; bis zu dem 
Negerasiento Englands machten die Portugiesen und Hol- 
länder, seitdem die Engländer das Hauptgeschäft. Auf Eng- 
land fällt wohl fast die Hälfte des gesamten Sklavenhandels. 

Die ganze Verwaltung der afrikanischen Kolonien 



4_g III. Die portugiesische Kolonisation. 

war auf den Negerhandel zugeschnitten. Befestigte 
Faktoreien dienten als Stützpunkte, Eisenbarren, Feu- 
erwaffen, Branntwein, Tabak, Baumwollwaren sind die 
Tauschmittel gewesen. Die reichen Bodenschätze der 
Kolonien wurden so wenig ausgenutzt, daß nicht 
einmal die notwendigen Lebensmittel für Portugiesen 
selbst gewonnen wurden. Nach Mozambique mußte 
Zucker von Amerika und Ostindien eingeführt werden ! 
Die ganze Verwaltung und Wirtschaft der Portugiesen 
in Afrika trägt die Merkmale grenzenloser Verdorben- 
heit. Reformen, die in der Aufklärungszeit in Angriff ge- 
nommen worden sind, gelangen nicht. Eine Ausdehnung 
nach dem Innern wurde gelegentlich versucht, aber dann 
wieder aufgegeben. Die Erfolge der Missionen waren 
äußerst bescheiden. Im Anfange des 19. Jahrhunderts 
gab es noch kaum über 1000 Christen! 1799 wurde 
die erste öffentliche Schule in Mozambique gegründet, 
300 Jahre nach der ersten Niederlassung. Von der Ver- 
waltungsorganisation bekommt man einen Begriff, wenn 
man bei Darmstädter liest, daß die Behörden von Mo- 
zambique die Zerstörung des Kastells an der Delagoa- 
bai 1842 erst ein Jahr später auf dem Wege über Rio 
de Janeiro erfuhren ! 

Als letzter von allen Staaten hat Portugal 1836 den 
Sklavenhandel verboten. In den afrikanischen Kolonien 
bestand aber die Sklaverei noch gesetzlich bis 1878, heim- 
lich noch weiter fort. Für ganz Afrika bedeutete ja das 
Aufhören des Negerhandels eine Krise, nachdem es 
Jahrhundertelang das unerschöpfliche Reservoir von Ar- 
beitskräften gewesen war. Alle Probleme der Aus" 
nutzung und Beherrschung Afrikas wurden jetzt von 
Grund aus verändert. Am empfindlichsten wurden die 
portugiesischen Kolonien betroffen. Im Anbau von 
Baumwolle, Kaffee, Zucker, Tabak fanden sie allmählich 
einen Ersatz. Aber da kein Kapital vorhanden war, so 



Jüngste Zustände in den afrikanischen Kolonien. aq 

kamen die Pflanzungen und der Handel größtenteils in 
die Hände der Franzosen, Engländer, Amerikaner. Seit 
den sechziger Jahren ist ein Aufschwung zu beobachten. 
Die Aufschließung und Verteilung von Afrika hat den 
Wert der portugiesischen Besitzungen erhöht und ist 
ihnen wirtschaftlich zugute gekommen. Rückständig 
und anrüchig sind die Zustände immer dort geblieben. 
England hat seit 1890 mit Portugal eine Reihe von 
Zwangsverträgen geschlossen, die ihm die Kolonien so 
ziemlich in die Hand geben. Seitdem sind in Portugal 
mächtige Anstrengungen gemacht worden , Geld- und 
Menschenkraft in die Kolonien zu stecken, um sie zu 
behaupten. Mehrere internationale Gesellschaften arbei- 
ten daran, die großen Werte, die in diesen Besitzungen 
stecken, flüssig zu machen, und davon verspricht man 
sich in Portugal viel. 



Für den Negerhandel fanden die Portugiesen ein 
geeignetes Absatzgebiet in ihrer Kolonie Brasilien. Bei- 
nahe gleichzeitig haben Spanier und Portugiesen Bra- 
silien entdeckt. Zuerst landete 1500 der Spanier Pinzon, 
der das Land wenig anziehend fand und auch trotz 
königlicher Privilegien nicht mehr zurückkehrte. Im 
selben Jahr faßte dann Cabral auf seiner Indienfahrt 
dort Fuß. Viel Interesse nehmen die Portugiesen in 
der ersten Zeit am Lande des Brasilholzes nicht. Die 
ethnischen und geographischen Bedingungen verlangten 
eine ähnliche Behandlung wie in den benachbarten spa- 
nischen Kolonien. Und besonders seit der Vereinigung 
Portugals mit Spanien hören wir von Belehnungen, 
Städtegründungen, Missionen. Auch hier haben sich die 
Jesuiten verdient gemacht, auch hier hat die Gesetz- 
gebung die Indianer befreien wollen — ein Akt, der 
aber in Brasilien völlig illusorisch blieb. Politisch wurde 

Valent in, Kolonialgeschichte. 4 



tjO III. Die portugiesische Kolonisation. 

die portugiesische Herrschaft wiederholt in Frage ge- 
stellt. Frankreich, England, und besonders Holland 
bemühten sich lebhaft um Herrschaftsgewinnung. Blutige 
Kämpfe haben wiederholt stattgefunden , Portugal hat 
schließlich das Meiste trotz der Verworrenheit und Min- 
derwertigkeit seiner eigenen Methoden behalten. Denn 
man wußte in der ersten Zeit überhaupt wenig aus 
diesem weiten Land zu machen. Der Negerhandel 
lieferte dann billige und robuste Arbeitskräfte. Auch 
hier haben sich die Portugiesen zahlreich mit den Ne- 
gern vermischt und sind, wie es in Afrika geschehen 
ist, bei dem abenteuerlichen und wilden Leben in den 
Wäldern des Innern völlig verkaffert. In der Mitte des 
17. Jahrhunderts ist sogar ein Negerstaat in Brasilien 
entstanden, der Staat Palmares, der bald auf 20000 
Einwohner anwuchs und in einem mörderischen Ringen 
von dem Generalkapitän Mello de Castro vernichtet 
werden mußte. 

Auch zur Deportation von Verbrechern und von 
Juden ist das Land benutzt worden, und, wie so häufig 
in der Kolonialgeschichte , sind diese ausgestoßenen 
Elemente in dem Neuland sehr nützlich geworden: 
allein sich und ihrer Energie überlassen, ohne Bevor- 
mundungen und heimatliche Kleinlichkeit, haben sie 
wesentlich zu der glücklichen Entwicklung Brasiliens 
beigetragen. Die Juden haben hier die Zuckerrohr- 
kultur eingeführt und damit eine mächtige Entwicklung 
eingeleitet. 

Minister Pombal hat dann den Indianern dieselbe 
persönliche und sachliche Freiheit gegeben, wie sie die 
weißen Kolonisten besaßen, allerdings mit gewissen Ar- 
beitsverpflichtungen, die eine andere neue Abhängigkeit 
an die Stelle der alten setzten und damit den inneren 
Sinn der Emanzipation illusorisch machten. Die ganze 
Reform war wenig praktisch; der bisherige soziale Auf- 



Brasilien als portugiesische Kolonie. c j 

bau und die bisherige wirtschaftliche Organisation war 
völlig erschüttert. Die tropische Landwirtschaft nahm 
sich die ihr nötigen Arbeitskräfte, wo sie sie bekommen 
konnte. Der Negerhandel erfuhr einen neuen Auf- 
schwung. Brasilien war ja der afrikanischen Küste am 
nächsten, und das war ein sehr günstiger Umstand, da 
auf den Negerschiffen infolge der unhygienischen Ver- 
frachtung immer ein Teil der schwarzen Ladung zu- 
grunde ging. 

Ein besonderes Glück war es für Brasilien, daß 
seine Bodenschätze erst in vollem Umfang entdeckt 
wurden, als schon die landwirtschaftliche Kultur stark 
entwickelt war. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts hören wir von bedeutenden Erfolgen der Gold- 
wäscherei. Tief im Innern des Landes wurden dann 
1700 die ersten Goldminen entdeckt; die Paulistas haben 
hierbei eine Rolle gespielt, ein Mischvolk von europä- 
ischen Verbrechern und Indianern, das eine Zeitlang eine 
abenteuerliche Selbständigkeit gegenüber dem Mutterland 
behauptete und mit den spanischen Missionen oft feind- 
lich zusammenstieß. In der Mitte des 18. Jahrhunderts 
waren 80 000 Menschen mit der Goldgewinnung be- 
schäftigt; der Wert der jährlichen Ausfuhr nach dem 
Mutterland betrug 60 Millionen Mark. Noch folgenrei- 
cher wurden die Diamantenfunde. Eine privilegierte 
Gesellschaft übernahm die Ausbeutung, und die portu- 
giesische Regierung tat in bezeichnender Bizarrerie alles, 
um die Diamantenproduktion einzuschränken, damit das 
Luxusobjekt bei geringer Masse einen möglichst hohen 
Preis hielte. Die tyrannischsten Maßregeln, ja die 
Todesstrafe bedrohte die Schmuggler. Rio de Janeiro 
verdankt seine Blüte den Diamanten. 

Brasilien, das in so vielen Beziehungen das Glücks- 
kind unter den Kolonialländern ist, hat auch in der 
napoleonischen Zeit dank der englischen Freundschaft 

4* 



C2 III. Die portugiesische Kolonisation. 

nichts von dem Mißgeschick verspürt, das die holländi- 
schen, spanischen und französischen Kolonien traf. Es 
hat sogar noch den Vorteil gehabt, auf eine leichte und 
natürliche Art seine Selbständigkeit zu erlangen. Als 
Napoleon das Haus Braganza 1807 absetzte, siedelte es 
über nach Brasilien. Es war das eine außerordentliche 
und segensreiche Fügung. Denn dieses Reich hatte 
schon lange das kleine verrottete Mutterland über- 
schattet; nun brachte das Kaisertum der Braganza viele 
Freiheiten und Vorteile. Alle Häfen wurden jetzt dem 
Verkehr geöffnet, die Fremden hereingelassen, alle wirt- 
schaftlichen Zwangsmaßregeln aufgehoben, sogar das 
Goldschmiedehandwerk gestattet, das bisher in diesem 
Goldland verboten war, und die Regierungsmonopole 
außer auf Diamanten und Brasilholz beseitigt. 

181 5 erhielten die Braganza Portugal zurück, aber 
Brasilien blieb mit ihm als ein selbständiger Staat ver- 
bunden, wurde 1822, wie man weiß, als Kaiserreich 
wieder selbständig und ist seit 1889 Republik. Bis 1827 
hat England durch einen Handelsvertrag eine völlige 
Vormundschaft über Brasilien ausgeübt; es ist in dieser 
Zeit geradezu als wirtschaftliche Domäne Englands 
zu betrachten. Seitdem ist es frei und unabhängig 
einer immer glänzenderen Zukunft entgegengegangen. 
Es ist ja eines der bevorzugten Länder der Erde. Es 
hat Platz für 500 Millionen Menschen, sein Umfang ist 
13 mal größer als der des deutschen Reiches. Die Ein- 
wanderung hat hier die besten Aussichten, und stark 
ist das deutsche Element. Strecken von Südbrasilien 
könnten ein deutsches Reichsland sein. Auch Italiener 
sind zahlreich hineingeströmt, und die Beziehungen zum 
Mutterland sind immer aufrecht erhalten worden. 

Im Ganzen wird das Urteil über Portugal als ko- 
lonisierende Macht so lauten müssen, daß einem an- 
fänglichen glänzenden , wenn auch äußerlichen Auf- 



Brasiliens Selbständigkeit. — Gesamtergebnis. 53 

schwung ein schnelles Versagen folgt; aber es sind 
nicht nur die materiellen und militärischen Kräfte, die 
nicht ausreichten, sondern das entscheidendste Moment 
in der Geschichte der Völker, das nationale Ethos. Es 
ist wahr , was ein französisches Wochenblatt einmal 
spitzig gesagt : Portugal ist weniger das westlichste 
Ende Europas als vielmehr das nördlichste Afrikas. 



54 



Viertes Kap itel. 
Die holländische Kolonisation. 

Die Holländer haben der europäischen Kolonisation 
eine neue Richtung gegeben; ihr System machte Epoche. 
Und zwei Jahrhunderte hindurch behauptete es sich, zu 
Anfang wenigstens mit glänzendem Erfolg. Holland 
verdankt seiner kolonial- und handelspolitischen Origina- 
lität seinen Rang unter den europäischen Nationen. Diese 
waghalsige Seetüchtigkeit und diese kaufmännische nüch- 
terne Initiative entsprang mit dem Größten, was Hol- 
land besaß, dem Trieb zur nationalen Selbstbestimmung 
und dem Bewußtsein seiner Volkskraft. Nur diese empor- 
drängende Elementargewalt hat die abgesplitterten nieder- 
deutschen Stämme befähigt, eine Macht in der großen 
Welt zu werden. 

Schon im 16. Jahrhundert waren ja die Niederlande 
der Hauptmarkt für Getreide, Material für Schiff- 
bau, gesalzene und getrocknete Fische, Spirituosen 
und Metalle. Amsterdam rüstete eine Flotte von 40 
Schiffen aus, und die Heringsflotte, die dreimal im Jahr 
in See stach, zählte 700 Fahrzeuge. Was die Portu- 
giesen aus Indien brachten, nahmen die Niederländer in 
Vertrieb, als behende zahlungsfähige Zwischenhändler. 
Diese Arbeitsteilung war ihr Profit, und als Kaufleute 
wären sie wohl damit zufrieden gewesen. Nichts be- 
weist aber mehr, wie unzulänglich die ökonomischen 
Motive für die großen Völkergeschicke sind, als der 
Aufstieg dieser holländischen Händler. Süddeutsch- 



Die neue Richtung der Holländer. cc 

land und das Rheinland hatten keine Kampfmittel gegen 
die spanisch-österreichischen Gegner der Reformation: 
die Niederländer hatten einen Verbündeten, das Meer, 
und das Meer gab ihnen Freiheit, die Freiheit ihres 
Glaubens und ihrer Nation. 

Als Vermittler zwischen den Ostseestaaten und 
der Atlantischen Welt waren die Niederländer empor- 
gekommen ; als Vermittler zwischen Europa und beiden 
Indien wurden sie groß. Es ist eigentümlich, wie sie 
in ihrem Kampfe gegen Spanien zuerst die alte Han- 
delsstellung für Spanien und Portugal beibehielten. 
1585 ließ aber Philipp alle niederländischen Schiffe be- 
schlagnahmen und ihre Besatzungen gefangen setzen. 
Es war einer der kritischen Augenblicke der hollän- 
dischen Geschichte. Doch dem Unternehmungsgeist 
und dem Enthusiasmus dieses Volkes war nichts zu 
hoch. 

Die Holländer versuchten zuerst die Verbindung 
mit dem Osten herzustellen durch das Polarmeer von 
Asien. Einmal gelangten die Schiffe nur bis Nowaja 
Semlja; dann versperrte das Eis den Weg. Die General- 
staaten ließen sich nicht abschrecken. Die nordöstliche 
Durchfahrt wurde noch wiederholt versucht und sogar 
ein Preis ausgesetzt. 

Inzwischen beschäftigte man sich mit der Fahrt ums 
Kap. Die Portugiesen hatten die Todesstrafe auf den 
Verkauf der Seekarten an Ausländer gesetzt. Trotzdem 
gelang es einem Amsterdamer Buchdrucker, sich von 
einem spanischen Geographen 25 Seekarten von Asien, 
Afrika, Amerika zu verschaffen, und so konnte denn 
die erste Reise gewagt werden: ein Geschwader von vier 
Schiffen ging in See, das auch wirklich Indien erreichte. 
Es bildeten sich nun verschiedene Gesellschaften, neue 
Fahrten wurden unternommen, Handelsbeziehungen an- 
geknüpft. Alle diese Bestrebungen fanden ihre Zu- 



^ 6 IV- Die holländische Kolonisation. 

sammenfassung in der Gründung der berühmten indi- 
schen Kompagnie, die der Urtypus all der vielen Han- 
delsgesellschaften geworden ist, die die europäischen 
Nationen für den überseeischen Handel schufen. Leicht 
ist diese Vereinigung der Einzelgesellschaften nicht ge- 
wesen : bis zuletzt machten die Seeländer Schwierig- 
keiten, indem sie Sondervorteile verlangten, und nur 
durch das Eingreifen des Prinzen Moritz wurde die Ein- 
heit herbeigeführt (1602). Schon 1606 gab die Kom- 
pagnie 75°/ Dividende; 41 Linienschiffe schützten den 
Handel, den 100 000 Seeleute auf 3000 Fahrzeugen be- 
trieben. 

Was ist der innere, geschichtliche Sinn dieser Han- 
delsorganisation? Nach der damaligen Rechtsauffas- 
sung gehörte das Meer ebensogut wie das Land dem- 
jenigen, der es zuerst okkupierte. Hugo Grotius hat 
dagegen das Prinzip von der Freiheit der Meere auf- 
gestellt. Die Versuche der Holländer, den Handel von 
Indien in die Hand zu bekommen, waren also vielmehr 
als kaufmännische Konkurrenz: sie bedeuteten einen 
bewußten, politischen Angriff auf den Kern der politi- 
schen Machtstellung der Spanier und Portugiesen, sie be- 
deuteten einen kühnen Umsturz der herkömmlichen An- 
schauungen, der herkömmlichen staatlichen Machtansprü- 
che. Es mußten also die Versuche mit dem Einsatz militä- 
rischer Macht verbunden sein. Die portugiesischen Cara- 
quen waren ja auch Kriegshandelsschiffe. Wir sehen also 
hier die unbedingte Notwendigkeit einer politisch orien- 
tierten Organisation. Die Natur des indischen Handels 
wirkte in derselben Richtung. Man hatte es mit Fürsten 
fremder Kultur zu tun, die nur durch Gewalt in Respekt 
gehalten werden konnten. Unmöglich wäre es auch für 
einen einzelnen Kaufmann gewesen, bei dem geringen 
Kapitalbesitz ein so großes Risiko zu übernehmen. Ein 
Schiff brauchte zwei bis drei Jahre, bis es wieder nach 



Die ostindische Kompagnie: ein politisches Kampfmittel. cy 

Hause kam. Und so gewaltig die Gewinne in einzelnen 
Jahren waren, manchmal waren auch die Verluste so 
groß, daß gar keine Dividende gegeben werden konnte. 
So war denn die Kompagnie das beste Organ. Alles 
war in einer Hand vereinigt: die Versorgung in Indien, 
der Transport, der Verschleiß. Die Kompagnie konnte 
abwarten, sich orientieren, eine geübte Mannschaft heran- 
bilden ; sie gab dem überseeischen Handel etwas Regel- 
mäßiges, Loyales, Solides. 

Politisch und ökonomisch ist die Kompagnie eine 
starke, neue Bildung. Für den Staat und seine Macht- 
interessen, besonders für ein so kompliziertes Staats- 
gebilde wie die Niederlande, bedeutete sie ein Organ 
der Vereinfachung und Konzentration; für die Kauf- 
mannschaft und ihre kleineren Genossenschaften bedeu- 
tete sie ein Organ der Vereinheitlichung und Sicherung. 



Die niederländisch-ostindische Kompagnie war keine 
vollkommene Schöpfung. Wie bei ihrer Entstehung ge- 
stritten wurde, und so geschah es auch weiterhin. Die 
einzelnen Gesellschaften, aus denen sie bestand, waren 
nicht in sie als ein Ganzes aufgelöst, sie bewahrten viel- 
mehr als »Kammern« eine gewisse Selbständigkeit. Ge- 
meinsam waren die militärischen, politischen und finanz- 
politischen Maßnahmen : die Kompagnie unterhielt eine 
Armee, baute Forts, schloß Handelsverträge und Bünd- 
nisse ab. 1611 hat ihr Vertreter Hugo Grotius mit der 
englischen Kompagnie Verhandlungen geführt, die sich 
aber zerschlagen haben. Der holländische munizipale 
und provinziale Geist sollte in der Geschichte der Kom- 
pagnie immer wieder ans Licht treten. Er ließ ein 
pedantisches Bürokratentum niemals aufkommen, er 
konnte aber freilich auf die Dauer dem nationalen 



58 



IV. Die holländische Kolonisation. 



Schwung der Zeit des Unabhängigkeitskrieges gefähr- 
lich werden. 

Das Grundkapital der Kompagnie, das niemals ver- 
mehrt wurde, bestand in 2153 Aktien, jede zu 3000 
Gulden. Die Kammer von Amsterdam besaß davon 
56,9 Prozent. Trotzdem konnte sie von der Gesamtheit 
der übrigen im Verhältnis acht zu neun überstimmt wer- 
den. Die Kammern präsentierten den Generalstaaten 
Namenlisten, und daraus wählten diese 17 Direktoren. 
In den überseeischen Territorien hatte die Kompagnie 
Souveränitätsrechte; alle ihre Beamten mußten aber den 
Generalstaaten den Treueid schwören. In ihrer Blüte- 
zeit hatte die Kompagnie einen Generalgouverneur in Ba- 
tavia und sieben Gouverneure an Plätzen zweiten Ranges. 

Ein wundervoll praktisches Gebilde war diese Kom- 
pagnie: eine Kaufmannsrepublik, geschaffen als übersee- 
ischer Ausschuß aus einem europäisch gebundenen, be- 
fangenen, schwerfälligen Staate, eine Kaufmannsrepublik, 
die nun ganz unromantisch, ohne an religiöse Propa- 
ganda oder ritterliche Abenteuer zu denken, die Inte- 
ressen des Handels und damit die Interessen ihres so 
eigenartigen Staates verfolgte. 

Die Portugiesen sind die Hauptgegner und die 
Hauptopfer der Holländer geworden. Ihre ostindische 
Herrschaft wurde von den kühleren und klügeren Neu- 
lingen fast völlig vernichtet. Die Holländer arbeiteten 
in Ostindien mehr durch List als durch brutale Macht- 
mittel. Sie vermieden den äußeren Anschein der Er- 
oberung, um sich an den Knotenpunkten des großen 
Schiffsverkehrs festzusetzen; aber natürlich waren diese 
Kontore geschützt und wurden verteidigt, wenn es sein 
mußte. Die Findigkeit und das Geschick der Holländer 
gestalteten die Bezugsbedingungen außerordentlich gün- 
stig. Die Londoner Kaufleute klagten, daß die Hol- 
länder europäische Produkte billiger verkauften, als sie 



Ihre Organisation. Ihre Erfolge in Indien und Afrika. tg 

es in London könnten. Wie groß mußte dann der Ge- 
winn bei der indischen Ausfuhr sein! So vermittelten 
die Holländer bald alle wichtigen Beziehungen zwischen 
den Häfen von Indien, Siam, Japan, China. Ueberall 
war ihr Auftreten gleich: zurückhaltend, zuverlässig, 
ohne Kritik zu üben. Sie weckten bei den eingeborenen 
Handeltreibenden den Geist moderner Kaufmannschaft, 
sie disziplinierten sie durch ihre überlegene und solide 
Art. Und dieselbe Strenge und Rechtlichkeit herrschte 
im Anfang auch innerhalb der Kompagnie selbst: un- 
bedingte Durchführung des Monopols, keinerlei Privat- 
geschäfte durch Angestellte, dafür eine reichliche Ent- 
schädigung für gute Dienste. Der Stil des äußeren 
Auftretens der Mitglieder der Regierung in Batavia war 
das ganze 17. Jahrhundert hindurch noch durchaus ein- 
fach : am Alltag gingen sie in einfachen Matrosenklei- 
dern herum und trugen nur zu offiziellen Gelegenheiten 
ein vornehmes Gewand. Wie groß und stark standen 
damals die Niederlande in der Welt da! Von 20000 
Schiffen, die das Meer befuhren, trugen nach Colberts 
Berechnung 15 bis 16000 die holländische Flagge! 

Wie für die Portugiesen bedeutete auch für die 
Holländer Afrika in erster Linie eine Station für Indien. 
Sie haben Mozambique angegriffen, sie haben die Insel 
St. Helena als Stützpunkt benutzt, und sie haben sich 
am Kap der guten Hoffnung festgesetzt. Man hat die 
holländische Kapkolonie mit Recht als den Küchen- 
garten der ostindischen Kompagnie bezeichnet. Hier 
haben sich die nach Asien fahrenden Schiffe neu ver- 
proviantiert, und hier wurde dann auch den Angestellten 
der Gesellschaft Land als erbliches Besitztum gegeben. 
Auswanderer aus Deutschland und besonders Huge- 
notten aus Frankreich kamen hinzu, die Siedelungen 
dehnten sich allmählich aus, und so ist ohne Absicht 
und Plan in diesem günstigen Lande die erste, euro- 



6o IV. Die holländische Kolonisation. 

päische Siedelungskolonie entstanden, deren weiteres 
Schicksal uns bei der Behandlung der englischen Kolo- 
nisation beschäftigen wird. 



Der ostindischen Kompagnie trat nach kurzer Zeit 
eine westindische Kompagnie zur Seite (162 1). Sie hat 
mit Erfolg den spanischen und portugiesischen Besitz 
in Amerika bedroht und geschwächt: noch heute singt 
man am holländischen Strand das Lied von dem Ad- 
miral Piet Heyn, der die spanische Silberflotte an der 
Küste von Cuba abfing. Auch nach Nordamerika hat sich 
die Kolonisation der Holländer ausgedehnt. Am denk- 
würdigsten sind die Unternehmungen der Holländer in 
Brasilien gewesen. Und hier zeigt uns das Schicksal 
des Statthalters, des Grafen Moritz von Nassau-Siegen, 
wo die Tiefe innere Schwäche der holländischen Koloni- 
sation lag. Graf Moritz war ein Mann von großem Zug: 
das köstliche Moritzhaus im Haag hat er gebaut — es 
soll ihn sechs Tonnen Goldes gekostet haben. Ein Saal 
war mit brasilianischen Vögeln bemalt, ein Zeugnis 
seiner überseeischen Tätigkeit. Für Naturwissenschaften 
und Geschichtsschreibung hatte er ein starkes, tätiges 
Interesse, die erste Sternwarte in der neuen Welt hat 
er gebaut. Zwischen ihm und der Kompagnie entstand 
ein Gegensatz, der als Konflikt zwischen mächtigen 
Händlern und einem großdenkenden, unbekümmerten, 
soldatischen Fürsten etwas Typisches hat. Graf Moritz 
führte Freihandel zwischen dem Mutterland und der 
Kolonie ein ; das schädigte die Monopolstellung der Kom- 
pagnie. Er wollte den Kampf gegen die Portugiesen 
mit allen militärischen Machtmitteln ausfechten und so 
eine Niederlassung von politischer Lebenskraft schaffen. 
Er schreibt einmal an die Kompagnie: »Aber da man 
große Dinge angefangen hat, so muß man sie ausführen 



Die westindische Kompagnie. Graf Moritz in Brasilien. 6l 

und nicht verzweifein. Der Würfel ist geworfen. Nicht 
den Rubikon, den Ozean haben wir überschritten. Ent- 
weder fällt das ganze Staatsgebäude zusammen oder es 
ist kräftig zu stützen.« 

Im Heimatland fand man aber das alles zu teuer; 
an seine Truppen wurde kein Sold bezahlt, und die 
Versorgung mit Kriegsvorräten war äußerst mangelhaft. 
Graf Moritz hat sein Amt enttäuscht und verbittert 1644 
niedergelegt und ist als Statthalter des großen Kurfürsten 
für Cleve, Mark und Ravensberg gestorben. 

»Kaufleute«, sagte der holländische Geschichts- 
schreiber Barlaeus, »sind durch glückliche Erfolge nicht 
zu sättigen und unglückliche rechnen sie ihren Beam- 
ten an.« 

Die Kleinlichkeit und der Geiz der Kompagnie 
wurde die beständige Klage ihrer militärischen Ange- 
stellten. Der Staatsgedanke starb ab, und das Geld- 
interesse schwoll an. Das Einzige, was den Holländern 
in Amerika geblieben ist, ist Niederländisch-Guyana 
(Surinam) und eine kleine Inselgruppe im mexikanischen 
Golf, deren wichtigste Curagao ist. In Surinam ist die 
Sklaverei auf das Rücksichtsloseste betrieben worden. 
Sie wurde ganz spät aufgehoben, und die Kolonie hat 
sich wenig vorteilhaft entwickelt. Auch Curagao wird 
nur durch Zuschüsse des Mutterlandes gehalten. 



In Indien aber haben die Holländer eine bedeutende 
Stellung behaupten können. Es ist für koloniale Ent- 
wicklung überhaupt bezeichnend, welche Umstände den 
Niedergang der Kaufmannskompagnie verursachten, und 
wie es dem holländischen Staatsgedanken schließlich 
doch gelang, sich durchzusetzen. 

Auf den Sundainseln und Molukken begannen die 
Fehler und Irrtümer, die die Kompagnie ruinierten. Sie 



52 IV. Die holländische Kolonisation. 

machte den Versuch, den ganzen Gewürzhandel in ihrer 
Hand zu konzentrieren, und trieb die Preise künstlich 
in die Höhe, um mit der seltenen, teueren Ware Geschäfte 
zu machen. Die Holländer scheuten kein Mittel, um sich 
diese Produkte, die man die Goldminen der Kompagnie 
nannte, zu sichern. Alle anderen Handelszweige wurden 
vernachlässigt, und die Gewürzproduktion selbst einge- 
schränkt, um den Ertrag kostbarer zu machen. Alljähr- 
lich reisten die Gouverneure zu bestimmten Terminen 
durch die Distrikte, wo die Gewürzproduktion verboten 
war, und zerstörten unnachsichtlich die Kulturen. Eine 
ganze Anzahl Niederlassungen gründeten die Holländer 
nur, um gegen den Schmuggel der anderen europäi- 
schen Nationen aufzukommen. Für die Eingeborenen, 
die Malaien, wurden die Holländer so zu brutalen Unter- 
drückern. Wir hören von schrecklichen Ausschreitungen, 
von blutigen Kämpfen. 

Die moralischen Eigenschaften des Kaufherrnregi- 
ments hielten nicht stand. Nach zwei Generationen geriet 
die Kompagnie in den Niedergang hinein. Mißbräuche 
wurden vertuscht, es gab viel zu viel Beamte, und sie wur- 
den zu schlecht bezahlt; die Gehälter blieben auf dem Satz 
der puritanischen Anfangszeit. Bei der Ausrüstung von 
Schiffen, bei der Ausstattung von Hospitälern wurde 
schamlos betrogen. Ein Finanzbeamter hinterließ ein 
Vermögen von über eine Million Mark, nachdem er drei 
Jahre seinen Posten innegehabt hatte! Die General- 
gouverneure gewannen Hunderttausende im Jahr. Oft 
gingen die Schiffe der Kompagnie bei der Fahrt nach 
Europa unter, weil die Angestellten sie durch W r aren 
überlasteten, die aus ihren Privatgeschäften stammten. 
In Bengalen gab es eine Vereinigung von Kaufleuten 
und Beamten, die ganz offen auf eigene Rechnung nach 
Batavia handelte; sie wurde »die kleine Kompagnie« 
genannt. 



Der Niedergang Hollands. fio 

Und dieselbe Verderbnis zerfraß die Oberleitung 
der Kompagnie in Amsterdam. Der Staatsgedanke hatte 
zuerst die souveräne Kaufmannschaft emporgetragen; jetzt 
lähmte sie ihn dafür. 1748 kam es soweit, daß der Sohn 
des Generalstatthalters, der Prinz von Oranien, General- 
gouverneur und leitender Direktor der Kompagnie wurde 
mit dem Recht, alle entscheidenden Stellen auf Grund 
einer Liste von drei Kandidaten zu besetzen, Versamm- 
lungen zu berufen und ihnen vorzusitzen. Dafür bezog 
er jährlich 200000 Gulden. Das ganze System der 
Kompagnie erstarrte mehr und mehr: alle hohen Stellen 
wurden erblich, die großen Handelshäuser hatten die 
Vergebung dieser Pfründen in der Hand, die wirkliche 
Verwaltung wurde durch einen Sekretär gemacht, der 
den Titel Advokat der Kompagnie hatte. Die so- 
genannten Administratoren aber kamen nur im Jahre 
zweimal zusammen, im Herbst und im Frühjahr, wenn 
die Flotten anlangten oder abgingen. Und die General- 
staaten, denen die Rechnungen vorgelegt werden muß- 
ten, fanden keine Fehler, denn eine Kritik der schlech- 
ten Verwaltung hätte den Kredit der Kompagnie ge- 
schwächt. 

So kam es, daß die Kompagnie durch ihre eigene 
Verknöcherung den Staat verknöchern ließ. Die wider- 
sinnigsten Mißbräuche nisteten sich ein: so mußten die 
indischen Schiffe den gewaltigen Umweg über Schott- 
land machen, statt durch den Aermelkanal zu fahren, 
so sollten alle Schiffe, die den asiatischen Zwischen- 
handel vermittelten, nach Batavia gehen zur Visitation. 
Darüber ging der Zwischenhandel der Holländer zu 
gründe, und die Engländer traten das Erbe an. 

Das Ende der Kompagnie war, daß sie in Schulden 
geriet, sie, die Millionengewinne machte und machen 
konnte. Die Schulden wuchsen, und um ihren europäi- 
schen Kredit nicht zu erschüttern, zog sie es vor, in 



64 IV. Die holländische Kolonisation. 

Batavia zu io°/ zu leihen, was sie in Europa zu 5 °/ 
hätte haben können. Vor ihrer Auflösung standen 
15 Millionen Aktiva 127 Millionen Passiven gegenüber. 
Es hat wohl scharfblickende Leute gegeben, die gegen 
dieses Unheil ankämpfen wollten. Der beste Ver- 
walter, den die Kompagnie gehabt hat, Mossel, wollte 
im 18. Jahrhundert Niederländisch-Indien in eine regel- 
rechte Ackerbaukolonie verwandeln. Er zog Deutsche 
hin, auch eine Masse Chinesen strömte auf Java. Die 
Kompagnie zerstörte den Plan dadurch, daß sie die 
Preise für die erzielten Produkte so niedrig ansetzte, daß 
die Europäer nicht dabei bestehen konnten. Mossel 
verglich damals die Kompagnie mit einem sinkenden 
Schiff, das nur durch die Pumpe künstlich die Ober- 
fläche des Wassers behauptet. 

Schon vor der Auflösung der Kompagnie war das 
Gewürzmonopol faktisch vernichtet. Die Engländer ent- 
deckten Gewürzbäume an der Guineaküste, die Fran- 
zosen kultivierten gleichfalls auf ihren Inseln im indischen 
Ozean den Nelkenbaum und den Muskatbaum. So wurde 
denn 1795 das Monopol für den indischen Handel auf- 
gehoben und der Kompagnie nur der Handel mit Japan 
und China vorbehalten. 

Die Kompagnie war ruiniert, die Einzelnen, Kauf- 
leute und Beamte, waren dabei reich geworden. Es ist 
interessant, zu beobachten, wie hier der individuelle Geist 
den Gemeinschaftsgedanken auflöst. Die Kompagnie 
nahm dem Staat die Mühe ab, Staat zu sein und tötete 
ihn dadurch. Wie haben sich die Oranier angestrengt, 
Heer und Flotte in Holland auf der Höhe zu halten! 
Die Geldmacht und der Profitgeist der Kompagnie er- 
stickte die politische Idee. Die Summe, die die Kom- 
pagnie für die Erneuerung des Privilegs bezahlte, ging 
in die Millionen. Der Schaden, den aber die Kompagnie 
der geschichtlichen Ehre der Holländer angetan hat, ist 



Das Ende der Kompagnie. Der Kolonialbesitz des Königreiches. 65 

nicht abzumessen. Das Heldenvolk des 17. Jahr- 
hunderts wurde das Krämervolk des 18. Und seit Crom- 
well nahm England seine mächtige und großartige Ent- 
wicklung; Holland wurde in endlosen Kriegen geschwächt, 
besiegt und überflügelt. Es mußte epigonenhaft beiseite 
stehen und mit Mißgunst und Haß eine Kolonie nach 
der andern an den größeren Nebenbuhler verlieren. 



1798 ist die Kompagnie aufgelöst worden, und die 
batavische Republik übernahm ihre Besitzungen. Napo- 
leon riß Holland in dasselbe Schicksal wie Spanien 
hinein. Aber nach seiner Niederwerfung war das neue 
Königreich so glücklich, die besten Kolonien zu dauern- 
dem Besitz zurückzuerhalten. England hatte sich auf 
Java festgesetzt, hatte alle Privilegien und Monopole 
abgeschafft und den freien Handelsverkehr eröffnet. 
Jetzt mußte es die Sundainseln und die Molukken 
wieder herausgeben , schloß aber 1824 mit Holland 
einen Vertrag von hoher politischer Wichtigkeit. Es 
wurde darin festgesetzt, daß keine der beiden Mächte 
eine der ausgetauschten Kolonien an einen anderen 
Staat abtreten dürfe. Im Falle einer Besitzverände- 
rung sollte der alte Besitzer wieder in seine Rechte 
eintreten. Damit hatte Holland seine Ansprüche auf 
das indische Festland, auf Ceylon und das Kap auf- 
gegeben, war aber nunmehr im ungestörten und sicheren 
Besitz seiner Inseln. England hat aber noch rechtzeitig 
den holländischen Besitz in empfindlicher Weise entwertet. 
W 7 ie so häufig verdankte es diesen Erfolg der Tatkraft 
eines Einzelnen: Sir Stamford RafTles sicherte seinem 
Vaterland die Insel Singapore an der Straße von Ma- 
lakka, wo früher die Hauptstadt des Malaienreiches ge- 
standen hatte. Der hier schnell aufblühende Welthandels- 
platz stellte bald das holländische Batavia in Schatten. 

Valentin, Kolonialgeschichte. C 



66 IV. Die holländische Kolonisation. 

Die holländische Regierung legte jetzt tatkräftig und 
mit aller Opferwilligkeit die Hand auf ihr kostbares Gut. 
187 Millionen Gulden lasteten auf Indien, die das Mutter- 
land verzinsen sollte. Eine Anleihe von zwanzig Millionen 
Gulden mußte aufgenommen werden. Es begann eine 
neue Wirtschaftsepoche für die Inseln : der Kaffee- und 
Zuckerbau wurde eingeführt. 

Um die Kolonien allmählich auf eigene Füße zu 
stellen, führte die holländische Regierung ein Ausnutzungs- 
system ein, das in vielen wichtigen Punkten an die Methode 
der Kompagnie wiederanknüpfte. Wenn vorher die einhei- 
mischen Fürsten zu der Lieferung von bestimmten Mengen 
der Landesprodukte verpflichtet wurden, so substituierte 
sich jetzt die holländische Regierung diesen Fürsten und 
verlangte von den Eingeborenen als Steuer die Arbeits- 
leistung, die den Fürsten gewohnheitsmäßig zu leisten 
war — nämlich ein Fünftel aller Produkte und ein Fünftel 
der Arbeitstage. Dafür wurden die Eingeborenen von der 
Regierung dann direkt bezahlt. Der Ertrag dieser Ar- 
beit floß in der Hand einer Handelsgesellschaft zusammen, 
und diese besorgte den Vertrieb an das Mutterland. 
Die Landesfürsten wurden nach wie vor in ihrer Stellung 
belassen, bekamen ein Gehalt von der Regierung und 
Gewinnanteile an den durch die Untertanen gelieferten 
Produkten. So war das Interesse der einheimischen Für- 
sten mit dem der holländischen Regierung verbunden. 
Dieses System, holländisch »Kultuur-Stelsel«, eine Kombi- 
nation von Zwangsarbeit und Monopol, erwies sich als 
ungemein ertragreich. Es wird auch nach seinem Ur- 
heber dem Generalgouverneur Jan van den Bosch ge- 
nannt. Java, die bevorzugteste der Inseln, diejenige, 
deren Bevölkerung am geduldigsten und am unterwürfig- 
sten ist, brachte am meisten ein. Es ist eingeteilt in 22 
Residenzen; jede hat einen einheimischen Fürsten, dem 
ein europäischer Resident zur Seite steht; er überwacht 



Der Kultuur-Stelsel. Bedeutung des ostindischen Besitzes. ßy 

die Kulturen mit seinem Sekretär und den Kontrolleuren. 
Für diese Kolonialbeamten gibt es eine besondere Durch- 
bildung, ein Examen verlangt ansehnliche Kenntnisse 
der einheimischen Sprache und des Landes. An der 
Spitze der Verwaltung steht der Generalgouverneur, auf 
fünf Jahre ernannt. Der durchschnittliche Nettoertrag der 
Kulturen Javas betrug um die Mitte des 19. Jahrhun- 
derts zwanzig Millionen Gulden. 

Das ganze System van den Bosch ist, wiederholt 
modifiziert, bis etwa 1870 in Geltung geblieben. Schon 
früh wurde es heftig angegriffen. Am wirksamsten 
waren die Schriften von E. Dekker (Multatuli) , der 
selbst Kolonialbeamter gewesen ist. Farbig und ein- 
dringlich hat er die Mißbräuche geschildert und Er- 
leichterung des Frohndienstes der Eingeborenen gefor- 
dert. Freilich passen seine Vorwürfe wohl mehr oder 
weniger auf alle tropischen Kolonialverwaltungen. 



Die Holländer haben allmählich ihr ungeschminktes 
Ausbeutungssystem abbauen müssen. Der Frohndienst 
auf Java wurde aufgehoben ; aber die Arbeitskraft der 
Eingeborenen ist doch noch von der Regierung insofern 
gebunden, als sie ihren Ertrag zu einem niedrigen Zwangs- 
preis verkaufen müssen. Die niederländische Regierung 
hat auch nach und nach begonnen, sich mit den an- 
dern, weniger günstigen Inseln zu beschäftigen, dem 
hochlandreichen Sumatra, dem riesigen, massigen Bor- 
neo, dem buchtenreichen Celebes. Sie legte auch hier 
Kaffee- und Zuckerpflanzungen an, mußte Kriege führen, 
und dehnte so allmählich ihre Herrschaft bis in das In- 
nere aus. Der imperialistische Geist der letzten Kolonial- 
epoche zwang Holland zu großen Opfern. Die mäch- 
tigen Ueberschüsse, die es bezogen hat, nahmen allmäh- 
lich ab, und es stellte sich sogar ein Defizit ein. Auch 

5* 



58 IV. Die holländische Kolonisation. 

durfte es den rivalisierenden Weltmächten keinen Anlaß 
geben, einzugreifen, und keinen Raum lassen, aufzu- 
kommen. Einen Teil von Borneo hat trotzdem England 
erhalten, dank einem unternehmenden Staatsangehörigen, 
dem merkwürdigen Abenteurer James Brooke, der dort 
ein Reich gründete und seinem Vaterlande zuwandte. 

Niederländisch-Indien ist eines der größten Kolo- 
nialreiche, die es gibt. Mit seiner außerordentlich dich- 
ten Bevölkerung, mit seinem ausgesprochenen Tropen- 
klima, mit seiner weltwirtschaftlich so bedeutungsvollen 
Lage ist dieses Reich ein köstlicher Besitz, der der kauf- 
männischen Jugend des Mutterlandes wundervolle Be- 
tätigungsmöglichkeiten gewährt, der aber freilich Pflich- 
ten auferlegt und Forderungen stellen wird. 

Für Europäer sind die Inseln zu dauerndem Leben 
nicht geeignet. Nirgends sonst, höchstens in Britisch- 
indien, ist der koloniale Lebenszuschnitt der Weißen so 
vornehm und in althergebrachten Formen gesichert. 
Das Leben auf Java ist für Holländer aus altem Hause 
der letzte Luxus: schön hat man die dampfenden Ur- 
wälder dort mit ihren farbenprächtigen Pflanzen »Gärten 
der Sonne« genannt. 



6 9 



Fünftes Kapitel. 
Die französische Kolonisation. 

Frankreich ist eine der großen Kolonialmächte der 
Gegenwart und eine der großen Kolonialmächte der 
Vergangenheit. Spanien, Portugal und Holland halten 
heute nur noch Ueberbleibsel ihres Kolonialbesitzes fest. 
Ihre koloniale Großzeit gehört der Vergangenheit an. 
Frankreich hat ein Kolonialreich verloren, aber ein neues 
gewonnen. Nur ein ganz geringfügiger Besitz ist beiden 
Reichen gemeinsam. Dieses Doppelschicksal ist das 
Charakteristische der französischen Kolonisation : es be- 
ruht auf den Grundeigenschaften des kolonisierenden 
Frankreich. 

Beide Kolonialreiche, das alte und das neue, stehen 
in geschichtlich entscheidender Beziehung zu England. 
Das alte Kolonialreich ist im Wettkampf mit England 
geschaffen worden, und England hat es vernichtet. Das 
neue Kolonialreich ist, so kann man sagen, mit eng- 
lischer Erlaubnis entstanden. Wiederholt hat Frankreich 
durch seine Kolonialentwickelung Eifersucht erregt ; Eng- 
land mußte sich erst daran gewöhnen, daß Frankreich 
Algier in Besitz nahm, und um Faschoda ist noch ein- 
mal der jahrhundertealte Gegensatz grell zum Ausbruch 
gekommen : seitdem ist Frankreich endgiltig eine Kolo- 
nialmacht und damit eine Großmacht von Englands 
Gnaden. 

Die beiden Kolonialreiche Frankreichs haben ihre 
besondere Geschichte. Es sah eine Zeitlang so aus, 



70 



V. Die französische Kolonisation. 



als könnte Frankreich die erste Position in der großen 
Welt erringen. Aber in verhängnisvoller Weise hat mit 
dem kolonialen Ehrgeiz der kontinentale Ehrgeiz gewett- 
eifert. In diesem Dilemma beruht recht eigentlich das 
Problem der französischen Geschichte in der Neuzeit. 
Reichten die Kräfte dieses Landes aus, gleichzeitig in 
Europa die habsburgische Umklammerung zu zersprengen 
und über See die reichsten und weitesten Länder zu 
behaupten? Konnte Frankreich zugleich in den Nieder- 
landen, am Rhein und in Italien sich ausdehnen, und in 
Ostindien, auf den Antillen, in Kanada Herrscher sein? 
Die Geschichte der europäischen Machtkämpfe von 
Franz I. bis auf Napoleon I. hat gezeigt, daß die 
Mittel selbst dieser reichen und glänzenden Nation hier 

versagten. 

* 

Im ausgehenden Mittelalter haben schon die kühnen 
Seeleute der Normandie, der Bretagne, der Gascogne 
sich hinausgewagt und da und dort Handelsbeziehungen 
angeknüpft im Wetteifer mit den Entdeckervölkern. Es 
waren das ephemere Unternehmungen Einzelner, die 
die Kolonialgeschichtsschreibung der Franzosen gerne 
etwas aufbauscht. Unter Franz L, in dessen Dienste 
Columbus ja beinahe getreten wäre, sind regelrechte 
Unternehmungen begonnen worden. Der König fragte 
einmal in seiner kecken, geistvollen Art, auf welchen 
Artikel des Testamentes von Adam sich eigentlich 
die Ansprüche der Portugiesen und Spanier in der 
neuen Welt bezögen. — Die Seefahrer wurden beschützt, 
und Neuland wurde in Besitz genommen. 1535 wird Neu- 
fundland besucht, man fährt den Lorenzstrom hinauf, 
ein bretonischer Seemann kommt nach Kanada, wir 
hören von Niederlassungsversuchen. Die Religionskriege 
haben dann die Kräfte Frankreichs ganz in Anspruch 
genommen. Eine der großen weltumspannenden Ideen 



Das erste und das zweite Kolonialreich. Die Anfänge. j\ 

Colignys war es, ein überseeisches protestantisches Neu- 
frankreich zu gründen. Man machte den Versuch in Rio 
de Janeiro; die zugesicherte Religionsfreiheit lockte viele 
an, es kam aber dann doch zu Zerwürfnissen, und das 
Unternehmen endete mit Niederlagen als eine schlechte 
Erfahrung. Die spanischen Gebiete Nordamerikas, das 
spätere Georgia und Carolina, sowie Florida, wurden 
dann in Betracht gezogen. Aber die Spanier vernichteten 
die Niederlassungen der Franzosen mit all der Grausam- 
keit, die sie an diesen fremden Ketzern auszulassen für 
Pflicht hielten, und wenn auch den Franzosen Rache 
gelang, so gelang ihnen doch nicht ein Sieg. 

Unter Heinrich IV. nahm in dem nunmehr be- 
festigten Reich der koloniale Gedanke einen mächtigen 
Aufschwung. Politische Schriftsteller, wie Mont Chre- 
tien, verlangten auf das lebhafteste die Wiederauf- 
nahme von Unternehmungen über See. Es wurde 
auf Frankreichs glänzende Lage zwischen den beiden 
Meeren, dem atlantischen und dem mittelländischen, 
hingewiesen, und es wurde daraus gefolgert, daß es sich 
auf beiden Schauplätzen, dem orientalischen und dem 
amerikanischen, zu betätigen berufen sei. Heinrich IV. 
schickte 1603 Champlain nach Kanada; man fand Acker- 
land, Holz und Minen. Es wurden auch Kompagnien 
gegründet, die nach holländischem Muster privilegiert 
werden sollten. Der Gedanke der Ansiedelung wurde 
von Sully bekämpft, der fand, daß es keinen Zweck 
habe, Länder nördlich des 40. Breitengrades zu besetzen, 
da sie keine Reichtümer zu bieten hätten. 

Erst Richelieu hat der kolonialen Expansion Frank- 
reichs den großen Zug gegeben. Als »grand maitre et 
surintendant de la navigation et commerce de France« 
hat er die ganzen Kräfte seines aufstrebenden Staates 
an die Entwickelung der Seestellung gesetzt: er schafft 
eine Kriegsmarine und führt den Kampf gegen die Pira- 



J2 V. Die französische Kolonisation. 

ten, vor allem gegen die Barbareskenstaaten Nordafrikas, 
er privilegiert Kompagnien für Ost- und Westindien, Gui- 
nea, Madagaskar, Senegal, China. Das Land wird er- 
forscht und verteilt; in Westindien, vor allem auf Haiti, 
St. Christopher, Barbados, wird der Kampf mit den Spa- 
niern rücksichtslos und erfolgreich geführt. Die Flibu- 
stier sind ja zum großen Teil Franzosen gewesen, zu 
Tausenden haben sie sich damals dort festgesetzt und 
vielen der Inseln, in erster Linie Guadeloupe und Martini- 
que, dauernd ein französisches Gepräge gegeben. 

Colbert hat hier angeknüpft; Französisch-West- 
indien ist vor ihm zwar politisch und geistig französisch 
geworden, wirtschaftlich aber ganz abhängig von der 
holländischen Schiffahrt geblieben. Der neue merkan- 
tilistische Geist verlangte aber, daß solche Kolonien 
mit Leib und Leben dem Staat angehören müßten, 
daß sie nur vom Mutterland kaufen und nur nach 
dem Mutterland liefern sollten: wie hoch über den 
Standpunkt kaufmännischer Gesellschaften wächst dieses 
Staats- Kauf herrntum hinaus, das national durch und 
durch ist! Frankreich schien jetzt die größten Aus- 
sichten zu haben. In Kanada gründet es Forts, kämpft 
mit den Indianern, zieht Stämme zu sich hinüber und 
nimmt den Streit mit England auf; Ostindien wird 
in Angriff genommen, Pondichery besetzt, Madagaskar 
(ile dauphine) berührt, Mauritius (ile Bourbon) okku- 
piert; Westindien macht durch Tabak und Zuckerrohr 
seine Pflanzer reich, der berühmte Code noire regelt 
die rechtliche Stellung der Negersklaven. Aber ein 
dauernder wertvoller Kolonialbesitz kommt nicht zu- 
stande. Die Franzosen zeigen ein großes Talent zur 
Unternehmung, zur Eroberung, sie machen glänzende 
Pläne und Entwürfe. Aber es wird dann alles wieder 
verdorben durch schlechte Finanzen, durch Minderwer- 
tigkeit von Personen, durch den verhängnisvollen Kräfte- 



Kanada, Westindien. Die Kompagnien. Louisiana. 73 

verbrauch in kontinentalen Kriegen. Die Einwanderung 
ist gering, überall sind Zuschüsse nötig, glänzende An- 
fänge enden mit Skandal und Katastrophen. 



Und diesen Charakter behält die französische Ko- 
lonisation auch im 18. Jahrhundert. 1717 wurde durch 
Law die berüchtigte Mississippikompagnie gegründet, 
die bald den ganzen französischen Kolonialbesitz in ihrer 
verwegenen Art bearbeitete. Die Privilegien waren enorm. 
Sie umgriffen die vollständige kommerzielle und indu- 
strielle Ausnützung der neuen Länder, ihrer Bodenpro- 
dukte und Arbeitskräfte. Es war alles umfassend, 
gigantisch, auf ungeheure Spekulation zugeschnitten, 
ohne nüchterne und sachverständige Spezialisierung. 
Die Krise, in der dieses Unternehmen zusammenbrach, 
erschütterte das ganze Wirtschaftsleben Frankreichs. 
Die Entwickelung von Louisiana wurde in verhängnis- 
voller Weise gehemmt. Die Monopolträger hatten nur 
an ihren Gewinn gedacht; es waren Verbrecher und 
Bettler zwangsweise nach Louisiana gebracht worden. 
Eine Charte von 1728 brachte dann eine gewisse Ver- 
besserung. Sie setzte Preise für den Handel mit den 
Wilden fest, sie versprach jedem Handwerker, der sechs 
Monate ansässig wäre, die Meisterschaft, sie beruhigte die 
Adeligen darüber, daß sie ohne Verluste ihrer Rechte 
teilnehmen könnten, sie stellte Neuadelungen in Aus- 
sicht. Jedes Jahr sollte die Kompagnie eine bestimmte 
Anzahl Ansiedler hinüberschaffen, für deren Nahrung 
und Kleidung sie die Bürgschaft übernahm. Alle Ansiedler 
sollten katholisch sein, auch die Wilden, die sie bekehrten, 
sollten als Ansiedler angesehen werden. Aber die Ent- 
wickelung wurde doch nicht glänzend. Es war, ähnlich 
wie wir es bei der spanischen Kolonisation gefunden 
haben, zuviel altes Frankreich in dem neuen Frankreich: 



74 



V. Die französische Kolonisation. 



der Gouverneur stritt sich mit seinem Conseil, der In- 
tendant mit dem Bischof. Und immer weiter und mäch- 
tiger rückte der Rivale England in Kanada, am Ohio, 
am Mississippi vor, bis er durch den siebenjährigen 
Krieg endlich den französischen Kolonialbesitz in Nord- 
amerika gewann, abgesehen von New-Orleans und dem 
Land westlich des Mississippi, das Frankreich an seinen 
Verbündeten Spanien gab. 

Einzelne begabte Gouverneure haben immer wieder 
der französischen Kolonisation Erfolge verschafft, der 
geniale Dupleix zeigte, wie Ostindien erobert werden 
mußte; leichtsinnige und abenteuerliche Beamte und 
Offiziere haben aber dann neue Katastrophen von grau- 
samer Lächerlichkeit herbeigeführt. Es waren zwei 
Ereignisse besonders, die die französische Kolonisation 
der letzten Königszeit erschütterten; das eine eine wirk- 
liche Tragödie, bei der Millionen an Geld und tausende 
von Menschenleben verloren gegangen sind, das andere 
mehr ein burleskes Abenteuer, das die Skrupellosigkeit 
des offiziellen Frankreich grell beleuchtet. 

Choiseul versuchte nach dem Verlust von Nord- 
amerika eine Kolonisation von Guyana. Er fing damit 
an, das Land in Lehensgüter einzuteilen und an die 
beiden Zweige seiner Familie zu bringen. Dann schickte 
er 250000 Menschen ab, zusammengelesene Bettler 
unter der Führung von Agenten, die ohne jede Kennt- 
nis eine Ansiedelung versuchten. Der Streich endete 
furchtbar. Fast alle gingen zu Grunde in einem wahren 
Hexensabbath von Krankheiten, Mord, Diebstahl und 
Ausschreitungen jeder Art. Frauen stürzten sich mit 
ihren Kindern ins Wasser aus Verzweiflung über das, 
was geschah. Dreißig Millionen Franken kostete dieses 
Unternehmen, eines der sinnlosesten und frivolsten 
der Kolonialgeschichte. Mehr lächerlich ist die Rolle, 
die die französische Regierung sich von einem pol- 



Koloniale Katastrophen. jt 

nischen Abenteurer, dem Grafen Benyowszki zuerteilen 
ließ. Dieser Mann war als Verschwörer in Rußland 
gefangen gewesen, war nach China entwichen und 
versuchte, Frankreich für Madagaskar zu interessieren. 
Man ließ sich mit ihm ein, er unternahm eine Expedi- 
tion, fing aber alles so leichtsinnig und oberflächlich 
an, daß auch nicht die leiseste Erfolgsmöglichkeit be- 
stand. Bezeichnend für ihn ist, daß er eine fieberver- 
pestete Bai als Ausgangspunkt wählte, weil sie land- 
schaftlich schön war. 1776 wollte er sich zum selbst- 
ständigen Herrscher machen, konnte sich aber merk- 
würdigerweise doch in Frankreich rechtfertigen, ver- 
suchte auch Oesterreich und die Vereinigten Staaten 
für seine Insel zu interessieren und starb schließlich 
dort im Kampf mit Eingeborenen einen Soldatentod, 
der für ihn zu gut war. 

Frankreich steht damals neben England — glänzender 
gewiß, aber nicht kräftiger. Als die Vereinigten Staaten 
um ihre Unabhängigkeit kämpften, unterstützte sie Frank- 
reich durch Sympathie und seine staatliche Kraft. Zwölf- 
hundert Millionen Franken kostete es dieser Krieg und 
brachte nur die Insel Tobago ein! 

Was ist das Gesamtergebnis und der Gesamtcha- 
rakter der vorrevolutionären Kolonisation Frankreichs ? 
Das Urteil der republikanischen Geschichtsschreibung 
ist sehr scharf. Man wird die positiven Eigenschaften 
nicht unterschätzen dürfen. Der ritterliche und militä- 
rische Geist des alten Frankreich hat in Kanada eine 
wahre Heldenzeit hervorgebracht. Fieberhaft und toll- 
kühn sind diese Raufbolde in die große Einsamkeit vor- 
gedrungen und haben in dem jungfräulichen Land ein 
wildes Waldleben geführt; sie entdeckten, forschten, 
jagten, handelten mit Pelzen, wurden Waffenbrüder in- 
dianischer Stämme und schlugen sich herzhaft mit andern. 
Glänzend war auch die Lage der Franzosen in West- 



76 



V. Die französische Kolonisation. 



indien. Haiti trat an die Spitze der Zuckerproduktion 
der Welt: kluge Geistliche arbeiteten an der Vervoll- 
kommnung des Betriebes und an der sozialen Organi- 
sation; die französischen Häfen blühten auf: damals 
bauten Nantes, Marseille und Bordeaux ihre prächtigen 
Rathäuser. Unter Ludwig XVI. wurden sogar kolo- 
niale Versammlungen nach Art der Provinzialstände in 
den französischen Antillen eingeführt. Aber wie in allen 
Plantagenkolonien war dieser schöne Aufschwung not- 
wendig temporär. Gewalt- und Raubbau erzielt bei jung- 
fräulichem Boden in den ersten Generationen ja immer 
glänzende Resultate, und der Niedergang folgt. 

Im Ganzen wird man doch sagen müssen : die fran- 
zösische Kolonisation zeigte mehr Phantasie und Kühn- 
heit als nachhaltige Tatkraft. Man wußte zu wenig von 
der Wirklichkeit und ihren Bedingungen, man hatte zu 
viel Gedanken und Pläne. Und so mußte denn häufig 
wieder von vorn begonnen werden, so brachte jeder neue 
Gouverneur, jeder neue Beamte seine eigenen Methoden 
mit; persönliche Wünsche, Intriguen und Profitgier ver- 
schlimmerten die Verhältnisse. Es ist nicht nur so, daß 
eine schlechte, auswärtige Politik die französische Koloni- 
sation ruiniert hätte ; sie war vielmehr innerlich brüchig. 

Bezeichnend ist es für die französische Art, daß der 
große koloniale Aufschwung seit Richelieu eingeleitet 
wurde durch anspruchsvolle Programme; in der Bewe- 
gung war etwas geistiges und etwas bewußtes. Und 
so haben auch die französischen Intellektuellen des 
XVIII. Jahrhunderts bedeutungsvoll Stellung zu dem 
Probleme der Kolonisation genommen. Montesquieu und 
Voltaire haben alle Kolonialpolitik als eine törichte 
Kräftevergeudung, als eine inhumane Vergewaltigung 
abgelehnt. Der berühmte Verfasser von Paul et Virginie, 
Bernardin St. Pierre, kannte koloniale Verhältnisse; er 
war lange auf der Isle de France als Beamter tätig ge- 



Glanz und innere Schwäche der vorrevolutionären Kolonisation. JJ 

wesen, und sein geringschätziges Urteil mußte stark 
wirken. Der Eindruck der Sklaverei und des Sklaven- 
handels war natürlich auch für die Auffassung der Auf- 
klärer und Philanthropen von großer Bedeutung. Und 
so verbanden sich Kreise und Richtungen der verschie- 
densten Herkunft zur Verwerfung der Kolonisation. 



Ich gehe auf die Wirren der Revolutionszeit nicht 
ein. Die Revolution und Napoleon I. scheiterten bei 
ihrem mächtigen Versuche, ein Kolonialreich französischer 
Art gegen England zu behaupten. Frankreich wurde, 
wie es schien, endgiltig auf den europäischen Kontinent 
zurückgeworfen. Das Königtum der Restauration über- 
nahm einen kaum nennenswerten Kolonialbesitz. Frank- 
reich zählte über See nicht mehr mit. Von den Antillen 
hatte es nur Martinique und Guadeloupe erhalten. Dazu 
kamen nun noch als einziges Ueberbleibsel von Kanada 
die kleinen Inseln St. Pierre und Miquelon, deren Fi- 
schereimonopol ein ganzes Jahrhundert lang Gegen- 
stand des Streites zwischen Frankreich und England 
war. Und das letzte war die ärmliche und unbedeu- 
tende Kolonie am Senegal. 

Diese Niederlassung am Senegal, zu der 1785 noch 
eine am Gambia gekommen war, diente in erster Linie 
dem Negerhandel. Die Senegalsklaven wurden als Ar- 
beitskräfte besonders geschätzt, und der nahe Weg nach 
Westindien war günstig. Hier begann die französische 
Kolonisation nach 181 5 zuerst wieder. Aber von An- 
fang an verfolgte sie das Mißgeschick. Das erste Schiff, 
das nach dem Senegal ging, war die berühmte Meduse, 
deren furchtbarer Untergang durch Gericaults Gemälde 
verewigt worden ist. Man wollte aus dem Senegal eine 
Plantagenkolonie großen Stiles machen, aber die Ergeb- 
nisse waren schlecht. Immerhin hielt man die Kolonie 



78 V. Die französische Kolonisation. 

fest, und sie wurde der Stützpunkt für weitere Unter- 
nehmungen an der Goldküste, an der Elfenbeinküste 
und am Kongo, die später besonders unter dem Vor- 
wand, den Sklavenhandel zu verfolgen, in Angriff ge- 
nommen worden sind. 

Algerien. 

Das Bourbonische Königtum hat aber dann noch 
gerade vor seinem Sturz den entscheidenden Anfang zur 
Gewinnung eines neuen Kolonialreiches durch die Er- 
oberung von Algier gemacht. Wir stehen hier vor einem 
ganz neuen Falle. Es handelte sich nicht um wirtschaft- 
liche Erwägungen und Ziele, die durch Entdeckungen 
wachgerufen und wachgehalten worden wären. Es han- 
delte sich auch um kein fernes Land, sondern um einen 
oft bekämpften Gegner, mit dem Frankreich, Spanien 
und die italienischen Staaten in einem alten Verhältnis 
standen. Nicht immer ist dieses Verhältnis zu Algier und 
den andern räuberischen Barbareskenstaaten würdig ge- 
wesen. Irgendwie mußte man sich eben durch Kon- 
zessionen, zumeist Geldzahlungen die ewigen Piraterien 
vom Halse schaffen. 

Die abendländische und die morgenländische Welt 
stießen hier sehr nahe und sehr empfindlich aufeinander. 
Es war diese Nachbarschaft alt ererbt aus der Zeit der 
islamitischen Expansion, und so gehört die französische 
Besetzung von Algerien in den großen historischen Zu- 
sammenhang der Kämpfe zwischen der christlichen 
Welt und der Welt der Moslem. 

Frankreich traf hier also auf einen geschichtlich 
bekannten, starken und ebenbürtigen Gegner; es handelte 
sich endlich nicht um ein schwach bevölkertes Land von 
völlig fremdartiger oder absolut minderwertiger Kultur. 
Algerien war längst besetzt, längst kultiviert, verteidigt 
durch eine zahlreiche, kriegerische, selbstbewußte Be- 



Neue Anfänge. Der Senegal. Algerien. jg 

völkerung, deren Kultur entwickelt und differenziert war, 
deren sozialer Aufbau sich völlig befestigt hatte, die 
auf ihre ausgeprägten Sitten und Ideen, auf ihren leben- 
digen religiösen Glauben stolz war und jede Anglei- 
chung an ein fremdes Volkstum ablehnte. 

Das algerische Unternehmen der Franzosen ist also 
etwas neues in der Kolonialgeschichte. Es ist eine 
Angelegenheit des erobernden Staates und gehört in 
eine Reihe mit dem, was England in Ostindien schon 
begonnen hatte und bald vollenden sollte, es setzt, 
unter veränderten Umständen allerdings, das fort, was 
Spanien in Amerika vollbrachte. Die Eroberung Al- 
geriens ist eine der eindrucksvollsten Offenbarungen des 
imperialistischen Geistes. 

Die republikanische Geschichtschreibung gönnt es 
dem alten französischen Königtume nicht ganz, daß es 
in Algerien die Grundlage einer großartigen Entwicklung 
gelegt hat. Sie will den Hergang so darstellen, als sei 
man wie zufällig und unbewußt aus kleinen und momen- 
tanen Erwägungen heraus in das Große hinein gekom- 
men. Die Vorgeschichte der Eroberung beweist das 
Gegenteil. Frankreich besaß in Algerien eine alte privi- 
legierte Stellung, die im Ganzen durch all die Wirren 
dieses unruhigen und tyrannischen Staatswesens nicht 
erschüttert war. Es bestanden seit langem französische 
Handelsniederlassungen , die sogenannten Concessions 
dAfrique, die dem Dey von Algier einen Tribut zu 
zahlen pflegten. Ueber das Fortbestehen dieser Han- 
delsniederlassungen, über die Höhe des Tributes, end- 
lich auch über eine Schuld, die aus Getreidelieferungen 
des Deys an das Direktorium herrührte, entstanden nach 
1 8 1 5 Streitigkeiten, die sich durch den Eigensinn und 
die Unzuverlässigkeit der Algerier mehr und mehr ver- 
wickelten. 1827 kam es zu der historischen Szene : der 
französische Konsul, der ja auch nicht gerade höflich 



80 V. Die französische Kolonisation. 

aufgetreten war, wurde von dem Dey mit einem Fliegen- 
wedel ins Gesicht geschlagen und aus dem Palast gejagt. 

Frankreich vermied zunächst alle militärischen Maß- 
nahmen; als aber sein Parlamentärschiff beschossen 
wurde, verlangte die Ehre des Staates das Eingreifen. 
Die französische Regierung übersah genau, was sie tat. 
Sie faßte das Problem nicht wirtschaftlich und juristisch, 
sondern militärisch und politisch auf. Sie wußte wohl, 
daß England an Algerien interessiert war. Englische 
Kaufleute hatten 1807 die französischen Handelsniederlas- 
sungen an sich gebracht, 1816 beschoß eine englische Flotte 
die Stadt Algier, 18 19 unternahm Frankreich gemeinschaft- 
lich mit England eine Flottenaktion zur Einschüchterung 
des Deys. Es handelte sich für Frankreich darum, seine 
Mittelmeerposition zu wahren ; die Besitznahme Algeriens 
bedeutete die Wiederherstellung des Gleichgewichtes im 
Mittelmeer. Nicht umsonst hat England die Julimonar- 
chie so schnell anerkannt; es war verärgert über die 
Expedition des bourbonischen Königtums nach Algerien. 

Mit großer Vorsicht und mit Aufbietung aller mili- 
tärischen Kraft ist die Aktion vollzogen worden. Man 
hatte eine Zeitlang daran gedacht, sich mit dem Pascha 
von Aegypten Mehemed Ali über Algerien zu verständigen. 
Jetzt, da Frankreich eingriff und Algerien eroberte, gab 
es kein Zurück mehr; es mußte und durfte Algerien be- 
halten. 

Ich behandle nicht die Geschichte der Eroberung 
von Algerien, die bunt und wechselvoll genug ist. Sie 
enthält eine ganze Reihe von glänzenden Episoden, wie 
die Unterwerfung Abdelkaders und den Krieg mit den 
Kabylen. Mehr als ein Menschenalter dauerten diese 
kaum ununterbrochenen Kämpfe, die die französischen 
Soldaten und Offiziere kriegstüchtig erhielten, wenig- 
stens nach einer bestimmten Seite hin: den schlauen 
Abenteurerkrieg konnte man in Afrika lernen und auch 



Bedeutung, Besetzung, Verwaltungsprinzipien. gl 

grausame Folgerichtigkeit im Blutvergießen. Die Bravour 
und der Elan der militärischen Jugend hat sich hier, 
besonders während des zweiten Kaiserreichs, nach Her- 
zenslust austoben können. Auch auf die ganze fran- 
zösische Kultur hat die Berührung mit der islamiti- 
schen Welt sehr stark eingewirkt : Victor Hugo dichtet 
seine Orientales , Delacroix malt seine arabischen 
Schulen; man holte sich in Afrika Impressionen von 
starkem, farbigem, ungebrochenem Leben. 

Es gibt keine Kolonie, in deren Verwaltung die 
leitenden Gedanken so schroff und schnell miteinander 
abgewechselt haben, wie in Algerien. Alle Prinzipien und 
Methoden sind hier einmal ausprobiert worden: man hat 
aus dem Mutterland und aus dem Ausland Kolonisten 
herangeholt, man hat Soldaten, Handwerker, Arbeiter, 
Bauern, politische Verbrecher und gescheiterte Existenzen 
aller Art angesiedelt. Privatpersonen und religiöse Ge- 
sellschaften haben sich bemüht, man hat einmal Bauern- 
land bevorzugt und dann wieder Latifundien begünstigt, 
man hat Land verschleudert und dann wieder teuer ver- 
kauft — es herrschte ein beispielloser Wirrwarr. Im 
Großen angesehen, können drei Perioden der französi- 
schen Kolonisation in Algerien unterschieden werden. 
Die erste reicht bis 185 1 und umgreift die unentgelt- 
liche Kolonisation; in der zweiten, die bis 1871 reicht, 
wird das Staatsland überwiegend durch Kauf abgegeben; 
seit 1871 wird ein gemischtes System angewandt. 

Ganz im Anfang suchten die Franzosen die Ein- 
wanderung mehr zu verhindern als zu befördern. Es 
mußte ja erst einigermaßen die äußere Sicherheit her- 
gestellt werden, ehe man die einheimische Bevölkerung 
in ihrem Besitz bedrohte. Algerien war damals also eine 
rechte Militärkolonie : im Mittelpunkt stand die Armee, 
die beständig in Atem gehalten war, und an sie schlössen 
sich kaufmännische Hilfsmannschaften an. Als dann die 

Valentin, Kolonialgeschichte. 6 



82 V. Die französische Kolonisation. 

Einwanderung in größerem Umfang möglich war, zeigte 
sich die innere Schwäche des ganzen Unternehmens. 
Frankreich litt ja schon in den fünfziger Jahren nicht 
an Bevölkerungsüberschuß, und es war deshalb die be- 
ständige Sorge der Regierung, daß das französische 
Element in der Kolonie durch Fremde überholt werden 
könnte. Nur gerade die Hälfte aller Einwanderer sind 
Franzosen ; die anderen sind Spanier, Italiener, Malteser, 
Schweizer, Deutsche. Deutsche haben die ersten vom 
Staat gegründeten Dörfer in Algerien besiedelt, Delhi 
Ibrahim und Kuba; auch in Stidia gibt es ein Preußen- 
dorf. Die Franzosen arbeiten selbst landwirtschaftlich 
fast gar nicht, sie verpachten lieber an Spanier und 
Italiener und ziehen es vor, eine vielleicht kleinere Rente 
zu verzehren. Diese Inaktivität und Bequemlichkeit der 
Nation bedeutet natürlich auch eine Schwäche der fran- 
zösischen kolonialen Unternehmungen, Großes Gewicht 
legen die französischen Gelehrten darauf, daß die Ge- 
burtenziffer der algerischen Franzosen wesentlich höher 
als in Frankreich selbst ist; es kann wohl mit Recht 
daraus geschlossen werden, daß die Bevölkerungs- 
stagnation im Mutterland mehr ein Resultat intellektueller 
Erwägungen als physiologischer Bedingungen ist. 

Das Klima ist am besten von den Südromanen ver- 
tragen worden und dann von den Juden, die seit alter 
Zeit hier zahlreich und einflußreich sind. Sie haben 
sich am schnellsten französiert, haben die Franzosen 
von vornherein gegen die Araber unterstützt und ver- 
mehren sich sehr stark. Auch die Südromanen, die 
Italiener und Spanier, die ja meistens der Arbeiter- 
schicht angehören, nehmen schnell Sprache und Art 
ihrer französischen Lehrer und Kapitalisten an. So ist 
nach und nach ein seltsames Kolonialfranzosentum ent- 
standen, das in der Hauptstadt Algier, in der Ville des 
plaisirs, ein möglichst pariserisches Leben führt, aber 



Bedingungen der Ansiedelung. Die Landpolitik. go 

im Grunde jüdisch-südromanisch ist und von den »alten 
Algeriern«, die seit Generationen ansässig sind und aus 
Süd- und Mittelfrankreich stammen, belächelt wird. 

1840, also zehn Jahre nach der Eroberung, war von 
einer Kolonisation noch nicht die Rede. Nur Boden- 
wucher und Gasthäuser florierten. Marschall Bugeaud 
plante eine großzügige militärische Kolonisation; er 
wollte möglichst viel Soldaten und Unteroffiziere an- 
siedeln, um durch dieses kriegerische Bauernvolk eine 
Okkupationsarmee zu sparen. Bürokratische Bedenk- 
lichkeiten ließen diesen Plan scheitern. Ueberhaupt war 
der Beamtenapparat von Anfang an groß und kompli- 
ziert. Sehr bekannt geworden ist die hübsche Geschichte 
von der Mühle, die drei Jahre, nachdem man sich darum 
beworben hatte, konzediert wurde! Geschickt und klug 
war aber die Behandlung der Eingeborenen. Die Fran- 
zosen schonten und achteten Religion und Sitte; sie 
gründeten die sogenannten arabischen Büros, wo die Ein- 
geborenen belehrt und beraten wurden, und hier be- 
währte sich die feine Psychologie und die gewandte Men- 
schenbehandlung der französischen Nation. 

Wie verschaffte sich die französische Regierung nun 
das notwendige Land? Solange die Kriege dauerten, 
konnte man den Eingeborenen ihr Land wegnehmen; 
aber nachher? Die Araber einfach auszukaufen, ging 
nicht an, denn der Grund und Boden gehörte nicht 
den Einzelnen, sondern den Stämmen. Im Anfang 
verteilte der Staat das wenige verfügbare Land durch 
Gratiskonzessionen. Zweifellos war dieses System an 
sich vorteilhaft : man konnte Ausländer fernhalten, 
das Land besser wirtschaftlich erschließen, je nach Um- 
ständen Dörfer oder Einzelhöfe schaffen. Aber die 
Eigenschaften der französischen Bürokratie machten 
alle Vorzüge des Systems zu nichte. Die Konzessionen 
waren ganz willkürlich, man mußte Schritte tun, man 

6* 



8 4 



V. Die französische Kolonisation. 



brauchte Protektion, die Formalitäten waren endlos. 
Die Kolonisten, die endlich einmal Freiheit haben woll- 
ten, fanden in dem neuen Land neue Vorschriften, neue 
Bevorzugungen, neue Pedanterien. 

Unter dem zweiten Kaiserreich ging die französische 
Regierung zu dem Kaufsystem über und verschaffte sich 
das notwendige Land durch das sogenannte Cantonne- 
ment: man faßte den arabischen Gemeinbesitz als ge- 
meinsames Nutzungsland auf, erteilte den Einzelnen Eigen- 
tumsrechte an einem Stück des Landes und nahm den 
Rest für europäische Ansiedler. Leider ist man in der 
Auswahl der Kolonisten gar nicht vorsichtig gewesen. 
Die französische Regierung meinte Algerien zum Ab- 
schieben von politisch Unruhigen und sozial Ueberflüs- 
sigen benützen zu können, aber es war kein Wunder, daß 
die Pariser Arbeitslosen sich wenig als Ackerbauer bewähr- 
ten. Auch die Erfahrungen mit einer staatlich zugelas- 
senen Kolonialgesellschaft, der Compagnie Genevoise, 
war nicht günstig. Am meisten Erfolg hatte schließlich 
immer doch der Staat, wenn man auch sein System zu 
kostspielig und zu verwickelt fand. Napoleon III. hat 
die älteren Bestimmungen wesentlich vereinfacht. Er 
ist überhaupt mit neuen Ideen aufgetreten. Ein berühmt 
gewordener Ausspruch von ihm lautete: »Ich bin ein 
Kaiser der Araber, so gut wie der Franzosen.« Er 
wünschte die eigenen Interessen der Kolonie zu berück- 
sichtigen. Und so schuf er 1858 ein eigenes Ministerium 
für Algerien und die Kolonien, das dem Prinzen Napoleon 
übertragen wurde. Die Reform bewährte sich aber gar 
nicht, schon nach zwei Jahren wurde das Generalgouver- 
nement wieder hergestellt. Immerhin nahm jetzt die 
Zahl der Europäer wesentlich zu. Es wurde auch ver- 
sucht, tropische Kulturen zu befördern, aber es zeigte 
sich, daß Ackerbau und Viehzucht das passendste waren. 
Mit dem Eisenbahnbau wurde ebenfalls begonnen. 



Napoleon III. Die Elsaß-Lothringer. Verfassungsent Wickelung. 85 

Nach dem Kriege von 1870 — 71 veränderte sich 
die Lage. Die Kabylen hatten einen großen Aufstand 
versucht , der blutig niedergeschlagen wurde. Die 
Regierung bekam nur große Strecken Landes in die 
Hände. Das Interesse für Algerien wurde nach dem 
Verlust von Elsaß-Lothringen größer. Man verglich 
Frankreich mit der Mutter, die ein Kind verloren hat 
und das andere doppelt liebt. Die Einwanderung 
wurde dann durch die Elsaß-Lothringer selbst verstärkt. 
Mit einem großen Aufwand von Geld und patriotischen 
Gefühlen wurde ein Teil der Elsaß - Lothringer, die 
für Frankreich optierten, auf hunderttausend Hektar 
angesiedelt. Man hat aber schlechte Erfahrungen mit 
ihnen gemacht. Sie akklimatisierten sich sehr schwer, 
die Mehrzahl war völlig mittellos, es waren auch nicht im- 
mer die besten Elemente. Nur ganz wenige haben Boden 
gefaßt, die meisten mußten Algerien wieder verlassen. 

Werfen wir nun einen Blick auf die verfassungsge- 
schichtliche Entwickelung Algeriens, die von besonderem 
Interesse ist. Zwei Prinzipien bekämpfen einander : 
der Gedanke der Assimilation und der Gedanke der 
Autonomie. Kann man das Kolonialland zu einem 
Stück Frankreich machen ? Oder muß man die Kolonie 
sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Lebensbeding- 
ungen entwickeln lassen? 

Bis zur Revolution von 1848 wird Algerien als Ge- 
neralgouvernement mit militärischer, nur am Ende der 
Periode etwas gemilderter Gewalt regiert. Die revolu- 
tionären Ideale verlangen dann die Angleichung: Al- 
gerien bekommt Vertretung im französischen Parlament. 
Das zweite Kaiserreich bringt den Rückschlag: es regiert 
militärisch, es versucht die direkte Verwaltung von Paris 
aus, wie wir sahen, durch ein besonderes Ministerium, 
es endet schließlich mit der Statthalterschaft General 
Pelissiers, der unmittelbar unter dem Kaiser steht. 



35 V. Die französische Kolonisation. 

Die dritte Republik beginnt wieder mit der Assimi- 
lation, nachdem die Moslem so ritterlich gewesen waren, 
mit dem Aufstand bis nach Beendigung des deutsch-fran- 
zösischen Krieges zu warten und so die Kolonie Frank- 
reich zu erhalten. Die völlige Angliederung wurde durch 
das Dekret von 1881 in die Wege geleitet. Die einzelnen 
Verwaltungszweige unterstanden den französischen Mini- 
sterien, die Kolonie war in der Kammer vertreten, wo 
ihre Lebensfragen parlamentarisch entschieden wurden. 
Dies System hat einen völligen Mißerfolg erlebt. Eine 
Kolonistenoligarchie begann übermächtig zu werden, 
die Unzufriedenheit der Eingeborenen gegenüber den 
Pariser Entscheidungen wurde groß. Es setzte eine 
Rückströmung ein. Ein eigenes algerisches Budget wurde 
geschaffen, die Verwaltung wurde neu organisiert und 
selbständig gemacht, die alte Stellung des Generalgou- 
verneurs schließlich wieder eingerichtet (1896). Zwei 
Jahre später rief man eine algerische Volksvertretung 
ins Leben, die ein autonomistisches Programm verfolgte. 
1900 endlich wurde Algerien zum Kommunalverband 
erhoben — es bekam die Selbstverwaltung mit Voll- 
budget unter Kontrolle des Parlamentes. Zuletzt wurde 
auch den eigentümlichen Verhältnissen der Südterrito- 
rien dadurch Rechnung getragen, daß man sie loslöste 
und nach eigener Methode, mehr militärisch, verwaltete. 
Die Verselbständigung der Kolonie hat sich also durch- 
gesetzt. 

Das Verhältnis der Franzosen zu den Eingeborenen 
ist im Laufe der Jahrzehnte ein äußerlich friedliches 
geworden. Am besten vertragen sich die Einwanderer 
mit den Mauren, die aus allen Rassen, die Nordafrika 
berührt haben, gemischt sind und ein bewegliches Händler- 
dasein in den Städten führen. Auch mit den Berbern, 
die ja Monogamie, Privat- und Einzelbesitz kennen und 
eine seßhafte Lebensweise haben, ist die Verständi- 



Angliederung oder Autonomie? Ergebnisse. $y 

gung einigermaßen leicht gewesen. Am schwierigsten 
waren immer die Araber, deren Wesen man im An- 
fang so falsch idealisierte und die innerlich stets die 
gleichen geblieben sind, sympathisch in ihrer Zähig- 
keit, ihrer herben, ungeschäftlichen Einfachheit, aber 
für ein modernes Staatsleben kaum jemals zu gewinnen. 
Es ist doch bezeichnend, daß diese Eingeborenen von 
der Möglichkeit, sich naturalisieren zu lassen, fast gar 
keinen Gebrauch gemacht haben. Sie haben keinen Wert 
auf die ihnen dadurch in Aussicht gestellten politischen 
Rechte gelegt. 

Die Kolonisation von Algerien ist, im Ganzen ange- 
sehen, gewiß ein glänzendes Kulturwerk ; vom rein wirt- 
schaftlichen Standpunkt aus ist es auch heute noch 
unrentabel, denn die Kolonie hat drei Milliarden gekostet, 
und außer den 20 Millionen Franken Zinsgarantie muß 
Frankreich noch jährlich an die 55 Millionen für das Militär 
aufwenden. Das ist die Lage nach achtzigjährigem 
Besitz ! Aber es wäre klein, die Bilanz rein ökonomisch 
zu ziehen. Frankreich hat durch Algerien unschätzbar 
viel an staatlichem Selbstbewußtsein, an Entwickelungs- 
möglichkeiten für seine Volksgenossen, an nationalem 
Ruhm gewonnen. Und weltpolitisch ist Algerien der 
notwendige Ausgangspunkt für weitere großartige Ent- 
wicklungen geworden. 



Frühzeitig ist die Wichtigkeit von Tunis für Algerien 
erkannt worden. Seit den fünfziger Jahren bearbeiteten 
französische Agenten und französisches Geld den Bey. 
Napoleon III. hat ihn eigentlich schon als Schuldner für 
Frankreich festgelegt; als 1868 die Zinsen nicht gezahlt 
werden konnten, bat er Frankreich, die Ordnung seiner 
Finanzen in die Hand zu nehmen. England und Italien 
aber, die Mitgläubiger und Mitinteressenten, erhoben 



88 V. Die französische Kolonisation. 

Einspruch. Napoleon , der keine Verwickelungen ge- 
brauchen konnte, zog sich zurück, und es wurde 1869 
eine internationale Kommission eingerichtet. Die Miß- 
wirtschaft in Tunis ging weiter. Italien machte jetzt 
starke Fortschritte. Es beabsichtigte, auf Grund von 
Schadenersatzforderungen Tunesien zu okkupieren. Die 
Türkei, von englischen Agenten bearbeitet, erhob Ein- 
spruch. Der Krieg von 1878 und der Berliner Kongreß 
änderte die Lage. Die Türkei konnte sich nicht mehr 
um Tunis kümmern, England nahm Cypern, befaßte sich 
mit Aegypten und überließ Tunis den Franzosen; der 
sehr tätige englische Generalkonsul wurde von dort ab- 
berufen. Auch Fürst Bismarck wies Frankreich auf 
Afrika. Es begann ein Wettlauf zwischen Frankreich 
und Italien. Italien erwarb 1880 die Eisenbahn von 
Tunis nach seinem Hafenplatz Golette. Da machte 
Frankreich ein Ende : dank der Initiative von Jules Ferry 
griff es 1881 militärisch ein und zwang den Bey, das 
französische Protektorat anzuerkennen. 

Die Franzosen haben in Tunesien mit Glück, Geschick 
und Mäßigung die Vormundschaft ausgeübt. Es blieb 
Ausland, und so brauchte seine starke Schuldenlast nicht 
Frankreichs Budget zu beschweren. Finanzverwaltung, 
Rechtspflege, öffentliche Arbeiten wurden geordnet, von 
einer gewaltsamen Kolonisation und Europäisierung ab- 
gesehen. Man stützte sich auf die Eingeborenen und 
behielt die Beamten nach Möglichkeit bei. Die ganze 
sichtbare Verwaltung wird durch Tunesier besorgt; da- 
hinter steht aber der französische Gesandte am Hofe 
des Bey, der zugleich dessen Premierminister und ver- 
antwortlicher Leiter der inneren und äußeren Politik 
des tunesischen Staates ist. Die Gratiskonzessionen 
und Zwangsverkäufe, die in Algerien die Entwicklung so 
erschwert hatten, wurden vermieden. Man machte die 
Grundbesitzverhältnisse durch Einführung eines freiwil- 



Tunesien. Westafrika. 89 

ligen Grundbuches allmählich übersichtlich und erleich- 
terte so den Privaterwerb. Noch viel weniger als Al- 
gerien ist Tunesien wirklich französisch. Im geschäftlichen, 
sozialen und politischen Leben ist die französische Sprache 
und Art mehr oder weniger angenommen worden, 
um die Verhältnisse modern und europäisch zu machen. 
Es gibt dreimal so viel Italiener als Franzosen in Tunis, 
und ansehnlich ist auch die Einwanderung aus Malta. 



Je sicherer der Besitz in Algerien wurde, desto mehr 
Interesse gewann Frankreich an seinen alten Besitzungen 
an der westafrikanischen Küste. Die Stellung der Fran- 
zosen war hier keine glänzende. Es gab am Senegal 
einzelne Forts und Faktoreien, von denen aus immer 
wieder Züge in das Innere unternommen wurden. Die 
ungesunden Lebensverhältnisse waren wenig ermutigend. 
Hier hat General Faidherbe Großes geleistet. In den 
sechziger Jahren ist er in dem Gebiet zwischen Senegal und 
Niger immer weiter vorgedrungen und hat die zukünf- 
tige Okkupation vorbereitet. Er wußte sehr geschickt 
mit den eingeborenen Häuptlingen Verbindungen anzu- 
knüpfen, sorgte für Gesundheitspflege und förderte die 
Zivilisation in jeder Weise. Er schuf die Truppe der 
Senegalschützen, die sich in späteren Kolonialkriegen 
vorzüglich bewährte. So wurde die Kraft der Eingebo- 
renen gegen die Eingeborenen selbst verwandt, eines 
der wichtigsten Machtmittel der Tropenkolonisation. 

Als sich in den achtziger Jahren die große Aufteilung 
Afrikas vollzog, legte Frankreich im Wettkampf mit Eng- 
land und dem Deutschen Reich ausgedehnte Gebiete 
am Niger, Senegal und Kongo für sich fest. Das Hinter- 
land des englischen Gambia, der Sierra Leone, der Neger- 
republik Liberia, der Goldküste, des deutschen Togo: 
alles das wurde französisch, forderte aber noch jähr- 



9 o 



V. Die französische Kolonisation. 



zehntelang sehr große Opfer. Eisenbahnbauten, Hafen- 
bauten, Telegraphenkabel und dann natürlich die mili- 
tärischen Expeditionen verschlangen gewaltige Summen. 
Dazu kam noch die Elfenbeinküste, eines der wert- 
vollsten Stücke des afrikanischen Besitzes, die Kaut- 
schuk, Mahagoni, Palmöl liefert und ihre Bedürfnisse 
aus ihren eigenen Einkünften decken kann, ja sogar 
noch Ueberschüsse hat; endlich Dahomey, das auch 
Ueberschüsse erzielt und mit seinen Territorien bis über 
den Tschadsee sich erstreckt und so an Französisch- 
Kongo stößt. 

Dieser letztere Besitz ist hervorgegangen aus den 
älteren, ganz unbedeutenden Niederlassungen in Gabun. 
In den siebziger Jahren unternahmen Naturforscher von 
hier aus Reisen ins Innere, die zum Abschluß von Ver- 
trägen mit einer Anzahl von Häuptlingen führten. Ein 
französischer Marineoffizier Brazza wurde durch die 
Reisen angeregt und machte die Erforschung und Er- 
weiterung des Gebietes zu seiner Lebensaufgabe. Es 
schien im Anfang so, als ob die von ihm gegründe- 
ten Stationen der internationalen afrikanischen Gesell- 
schaft König Leopolds dienen sollten. Sie wurden aber 
der Anfang einer neuen französischen Kolonie und 
sicherten Frankreich den Zugang zum Kongo. Brazza 
wurde an die Spitze eines großen Verwaltungsapparates 
gesetzt, erhielt weite Vollmachten und reiche Mittel. 
Seinen Erfolgen ist es zu danken, daß die Kongogesell- 
schaft den Franzosen ein Vorkaufsrecht am Kongostaat 
zugestanden hat. Auf der Berliner Konferenz wurden 
dann die Grenzen der sehr stattlichen französischen 
Kongo-Kolonie, jetzt Französisch-Aequatorialafrika ge- 
nannt, festgelegt. Kautschuk, Elfenbein und Ebenholz 
wurden die Hauptausfuhrartikel. Um die Ausbeutung 
zu beschleunigen, verteilte man einen großen Abschnitt 
des Waldgebietes an Gesellschaften, deren Zahl bis auf 



Das Kongogebiet. Oboe. Die Krise von Faschoda. qi 

42 stieg; sie verpflichteten sich gegen weitgehende 
Besitz- und Nutzungsrechte in bestimmten Fristen die 
Gebiete zu erschließen. 

An der afrikanischen Ostküste besitzt Frankreich 
die Kolonie Oboe. Napoleon III. wünschte hier im In- 
teresse des Suezkanales eine französische Niederlassung; 
1862 trat ein Häuptling gegen 50000 Franken das Gebiet 
ab. Mit Rücksicht auf England ist es dann nicht be- 
setzt worden, und erst 1883 nahm die Republik ihre 
Ansprüche wieder auf. Politisch ist Oboe gelegentlich 
der italienischen Kolonisationsversuche in Abessinien von 
Bedeutung geworden. Es hat damals für Abessinien die 
Rolle eines Stützpunktes und Vermittlungsplatzes von 
Waren und Waffen gespielt. 

Frankreich stand am Ende des 19. Jahrhunderts so 
mächtig in Nordafrika da, daß es wohl den Gedanken 
fassen durfte, ein zusammenhängendes nordafrikanisches 
Kolonialreich zu gründen. Die Verfolgung dieser West- 
Ostlinie, vom Senegal nach Oboe, brachte Frankreich 
in Konflikt mit der englischen Politik, die eine Nord- 
Südlinie, von Aegypten nach dem Kapland, erstrebte. 
Es entspann sich ein wahrer Wettlauf zwischen den bei- 
den Nationen um den innerafrikanischen Besitz. Frank- 
reich schickte eine Expedition von Oboe nach den Nil- 
quellen ; sie sollte sich mit einer zweiten treffen, die 
vom Kongogebiet ausging und unter dem Befehl der 
französischen Offiziere Marchand und Liotard stand. 
England beeilte sich eine Konkurrenzexpedition von Bri- 
tisch-Ostafrika aus nilabwärts abgehen zu lassen. Aber 
die Franzosen kamen den Engländern zuvor: Marchand 
erreichte im Herbst 1898 Faschoda am weißen Nil. Es 
war eine Krisis ; der Kriegsausbruch schien bevorzustehen. 
England verlangte die Demütigung des Zurückweichens 
von Frankreich, und Frankreich demütigte sich. Marchand 
wurde abberufen, und es kam eine Verständigung zwi- 



Q2 V. Die französische Kolonisation. 

sehen beiden Mächten zu Stande, die ihre Einflußsphäre 
in Nordafrika abgrenzte. Frankreich überließ England 
vollständig das Nilgebiet und bekam dafür das ganze 
Hinterland von Tunis und Tripolis. 

Es ist dies einer der großen Wendepunkte nicht 
bloß der Kolonialgeschichte, sondern überhaupt der 
neuesten politischen Geschichte. Frankreich und Eng- 
land machten nach diesem letzten, späten Zusammen- 
stoß reinen Tisch. Frankreich verzichtete endgiltig auf 
jeden Anspruch, in der Welt selbständig vorzugehen. 
Es erkannte die Welthegemonie von England als das 
Prinzip seiner eigenen Existenz an und schöpfte daraus 
die Hoffnung, vielleicht auf dem europäischen Kontinent 
wieder die erste Position erringen zu können : seit Jahr- 
hunderten hatte Frankreich, wie wir sahen, zwischen 
einem ozeanischen und einem kontinentalen Programm 
geschwankt. Jetzt hatte es sein historisches Schicksal 
entschieden. 



Eine besondere Stellung in der französischen Ko- 
lonisation nehmen die Inseln im Indischen Ozean, die 
Inseln um Madagaskar ein. Madagaskar ist ja die Brücke 
zwischen Afrika und Indien, geographisch und ethno- 
graphisch so gut wie politisch. Napoleon I. hat es den 
Schlüssel Indiens genannt. Und hier in nächster Nähe 
haben nun die Franzosen aus ihrem alten Besitz Reu- 
nion (ile Bourbon) behalten, während die Nachbarinsel 
ile de France, das früher holländische Mauritius, in 
englischen Besitz überging. Die beiden Inseln hatten 
sich in der Revolutionszeit entschieden gegen die Sklaven- 
emanzipation ausgesprochen, und hatten sich wie Frei- 
staaten selbst regiert. General Decaen hat sie 1803 für 
das napoleonische Frankreich zurückgewonnen. Reunion 
ist vollkommen europäisiert, es besitzt seinen Generalrat 



Die Inseln im Indischen Ozean. Madagaskar. 93 

und eine ständige Kolonialkommission, durch die es 
sich politisch selbst verwaltet. Wirtschaftlich gleicht 
die Insel den Antillen: zahlreiche französische Familien 
haben hier eine dauernde Heimat gefunden und führen 
beim Anbau von Rohrzucker, Vanille, Kaffee und Tabak 
ein behagliches Pflanzerdasein. Die Insel würde sich 
noch glänzender entwickeln, wenn England nicht die 
massenhafte Ausfuhr von Kulis, die die notwendigen 
Arbeitskräfte sind, unliebenswürdig erschwerte. Auch 
die drei kleinen Inseln ganz nahe an der Küste von 
Madagaskar, von denen Nossi Be die wichtigste ist, 
sind alter französischer Besitz. 

Und so begreift es sich, daß den alten Versuchen, 
das große reiche Eiland zu gewinnen, neue gefolgt sind. 
England hat mit der ihm eigenen Unbefangenheit Mada- 
gaskar von Mauritius aus für sich beansprucht, als eine 
Art Dependence, und hat wiederholt Uebergriffe ver- 
sucht. Besonders betriebsam waren seine Missionare. 
Das »Königtum« der Hovas ist recht eigentlich von 
England erfunden und ins Leben gerufen, um Frank- 
reich Schwierigkeiten zu machen. Französische Aben- 
teurer intriguierten dann ihrerseits bei einheimischen 
Herrschern für ihr Mutterland, und unter Napoleon III. 
wurde eine Aktiengesellschaft zur Ausbeutung von Ma- 
dagaskar gegründet. Er wollte aber nur im Einver- 
ständnis mit England dort vorgehen. 

Einsichtige französische Kolonialpolitiker haben die 
Regierung vor der Kolonisation Madagaskars wegen der 
schwierigen natürlichen und ethnischen Verhältnisse ge- 
warnt. Trotzdem haben sich die Franzosen das Unter- 
nehmen nicht versagen können. Man fand einen Anlaß 
in den Uebergriffen der Hovas gegen die französischen 
Missionen und das Eigentum französischer Untertanen. 
Die Hovas wollten Fremde auf der Insel kein Land 
anwerben lassen, französische Untertanen wurden getötet, 



94 



V. Die französische Kolonisation. 



die Franzosen drohten mit Gewalt und gebrauchten sie. 
Die Hovas verhandelten in Paris und baten um Hilfe in 
London, Berlin und Washington. 1885 mußten sie nach- 
geben und erkannten das französische Protektorat an. 
England verweigerte diesem Vertrag zunächst seine Zu- 
stimmung und verstand sich erst 1890 dazu, als Frank- 
reich auf ein älteres Uebereinkommen, die Neutralität 
Sansibars betreffend, verzichtete und das Sultanat den 
Engländern preisgab. Frankreich konnte sich nun in 
Madagaskar ungestört ausbreiten. 1895 kam es zum 
Krieg; die Königin der Hovas mußte sich zuerst mit 
einer nominellen Stellung begnügen und dann ihr Reich 
als französische Kolonie anerkennen. 

1897 hatte die Kolonie bereits 127 Millionen Franken 
gekostet. Sie verlangt jährlich bedeutende Zuschüsse, 
über 22 Millionen allein für Militär. Die Haupteinnahme- 
quelle ist die Kopfsteuer, dann das Reisgeld und die 
Zölle. Die Franzosen standen hier von Anfang an Ver- 
hältnissen gegenüber, die noch schwieriger sind als die in 
Algerien. Denn Madagaskar konnte ja lange nicht in 
dem Grade europäische Besiedelung zulassen, wie es 
Algerien tut. Furchtbare Opfer an Menschenleben haben 
Kriege und Krankheiten in Madagaskar gekostet. 1902 
wurde die erste Eisenbahn eröffnet, von der Hauptstadt 
Tananarivo ans Meer. Hervorragende Verdienste um 
die Kolonie erwarb sich General Gallieni. Er hat die 
französische Herrschaft mit allen Machtmitteln befestigt 
und auch originelle Versuche gemacht, die Sol- 
daten der Besatzungsarmee als Kolonisten zu verwenden. 
Kaiser Wilhelm II. hat sich seinerzeit für diese Versuche 
interessiert. 



In Vorderindien besitzt Frankreich als ärmliche 
Trümmer alter kolonialer Hoffnungen nur noch fünf 



Indochina. 05 

Niederlassungen, von denen Pondichery die bedeutend- 
ste ist. Außer den Häfen selbst umfassen diese Nieder- 
lassungen nur die allernächsten Umgebungen. Die Be- 
völkerung hat sich andauernd vermindert. Wirtschaft- 
lich haben aber die Häfen immer Ueberschüsse gebracht 
und sind als Kohlenstationen und Proviantplätze wertvoll. 
Als Ersatz für das, was die Franzosen in Vorder- 
indien nicht behaupten konnten, gewannen sie in Hinter- 
indien die Kolonie Indochina. Napoleon III. führte 1858 
zusammen mit Spanien einen Krieg gegen den Kaiser 
von Annam; den Anlaß hatte die Gefährdung katho- 
lischer Missionen gegeben, der Friedensschluß verschaffte 
Frankreich mehrere Provinzen. Es handelte sich um ein 
Land von großer Fruchtbarkeit, das ganz von Flüssen 
und Kanälen durchzogen ist und so die größten Schiffe 
tief eindringen läßt, ein Land also, das ungewöhnlich 
leicht für den Welthandel zu erschließen war — ganz 
im Gegensatz zu den afrikanischen Kolonien, wo ja 
immer die plumpe, ungegliederte, versumpfte Küsten- 
bildung zu überwinden ist. Saigon, die Binnenstadt, 
kann den Wettbewerb mit Singapore aufnehmen, beson- 
ders, wenn der Isthmus von Tenasserim durchstochen wer- 
den könnte und so die Halbinsel von Malakka zur Insel 
würde. Die Franzosen haben in ihrer geschickten Art 
für Saigon viel getan und ihm durch Kirchen, Straßen- 
züge und Tramways einen europäisch eleganten Anstrich 
gegeben. 1871 benutzte Cambodja die französische 
Niederlage, um die Herrschaft abzuschütteln; es miß- 
lang. China mischte sich dann ein, aber mußte 1884/85 
Frankreich alle Forderungen zugestehen. So ist Annarn 
gesichert und Tongking hinzugewonnen worden. Rei- 
sende" und Abenteurer bahnten den Weg, das Militär folgte. 
Wie in den anderen französischen Kolonien fehlt auch hier 
das eigentlich Lebendige, der Zustrom von Kolonisten 
aus dem Mutterland. Die Bevölkerung zeigte sich von 



9 6 



V. Die französische Kolonisation. 



Anfang an sehr zäh und konservativ, recht intelligent 
und selbstbewußt; an ihre Mandarinen und Fürsten ge- 
wöhnt, war sie nur ganz schwer unter die französische 
Fahne zu zwingen. Das Schlimmste ist, daß die Länder 
für Europäer sehr ungesund sind. Zwar haben die offi- 
ziellen Sterblichkeitsziffern abgenommen, aber das be- 
ruht auf einer Verschleierungskomödie. Man schafft die 
totkranken Soldaten schleunigst aufs Schiff und läßt sie 
auf hoher See oder im Mutterland sterben. 

Die Franzosen haben ihren Einfluß auch auf den 
Nachbarstaat Siam ausgedehnt. In ähnlicher Weise wie 
England in Aegypten, hat sich Frankreich durch Land- 
konzessionen und wirtschaftliche Verpflichtungen in dem 
Königreich eingenistet. Seit dem Siege der Japaner 
über Rußland ist aber, wie überhaupt das Selbstbewußt- 
sein der Asiaten, auch das der Indomalaien stark ge- 
wachsen. Frankreich ist hier als Nachbar Chinas und 
Indiens in einer besonders gefährdeten Lage. 

An den französischen Besitz auf dem asiatischen 
Festland schließt sich endlich noch der Inselbesitz im 
pazifischen Meer an, der als Französisch-Ozeanien eine 
Einheit bildet. Am bedeutendsten ist hier Neukaledonien 
geworden. Es hat als Deportationsgebiet einen großen 
Aufschwung genommen. Zuerst kamen nur gewöhnliche 
Verbrecher hin, seit den Revolutionen von 1848 und 
1871 auch politisch Verurteilte. Gerade diese politischen 
Elemente haben sich aber als wenig geeignet in einer 
dauernden Besiedelung erwiesen. Es sind naturgemäß 
unruhige Köpfe gewesen: Angehörige liberaler Berufe, 
auch viele Angehörige der Luxusindustrien von Paris, 
Ziseleure, Graveure, Kunstschreiner. Nach der Am- 
nestie von 1880 sind die meisten wieder zurückgekehrt. 
Für das entlegene Eiland war die Besiedelung trotzdem 
sehr vorteilhaft, da es so aus der Primitivität schnell 
herauskam. Wie bei allen französischen Kolonien stag- 



Ozeanien. — Allgemeiner Charakter der französischen Kolonisation, gy 

niert die weiße Bevölkerung in Neukaledonien, und 
hier besonders seit 1897, seitdem die Deportation auf- 
gehört hat. 

* 

Was bedeutet nun die französische Kolonisation im 
Ganzen? Gerade von deutscher Seite ist sie immer wie- 
der gerühmt und als mustergültig hingestellt worden. Ich 
möchte dieses Urteil etwas einschränken. Vorbildlich 
und imponierend ist die Art, wie koloniale Unterneh- 
mungen als solche vorbereitet und ausgeführt worden 
sind. Die dritte Republik hat mit einer Art von eifer- 
süchtigem Stolz imperialistische Taten fortgesetzt und 
gewagt, sie hat das Geld nicht geschont, und die fran- 
zösischen Offiziere, die französischen Kaufleute und Ge- 
lehrten haben sehr intelligente und glänzende Arbeit getan. 
Aber in dem eigentlich Entscheidenden für die koloni- 
satorische Gewinnung eines fremden Landes, in der nach- 
haltigen Arbeit im Einzelnen und Kleinen haben die Fran- 
zosen häufig genug versagt. Die Züge, die wir in der 
ersten Kolonialepoche wahrgenommen haben, kehren 
mit gewissen Modifikationen wieder. Aergerliche Eigen- 
heiten der französischen MethodenundMenschen verderben 
viel; es fehlt auch jetzt nicht an Beispielen von Leichtsinn 
und Abenteuerlichkeit. Aber vor allem: die Kraft reicht 
nicht aus. Die Franzosen sind mehr Unternehmer und 
Eroberer als Kolonisatoren. So wie ihre weltpolitische 
Position seit Faschoda nicht mehr selbständig ist, so ist auch 
ihre innere politische Arbeit in den Kolonien nicht mehr 
selbständig. Wir haben es wiederholt feststellen können, 
wie die Franzosen es ausgezeichnet verstehen, einer 
Kolonie den spezifisch französischen Anstrich zu geben. 
Und nichts beweist diese Geschicklichkeit mehr, als die 
Tatsache, daß die Kolonien, die Frankreich verloren 
hat, Kanada, Louisiana, Mauritius und Haiti, so viel 

Valentin, Kolonialgeschichte. 7 



gS V. Die französische Kolonisation. 

Französisches behalten haben. Aber was sich unter 
diesem Anstrich befindet, das ist, wenigstens bei den 
neuerworbenen Kolonien, nicht französisch und kann 
nicht französisch werden, da eben die lebendige Volks- 
kraft fehlt, die breit und mächtig in der kolonialen Ge- 
sellschaft von unten anfängt, um so das Ganze zu durch- 
dringen. 

270 Millionen kosten Frankreich jährlich seine Ko- 
lonien. 12% des Gesamthandels Frankreichs werden 
durch die Kolonien geleistet. Es ist klar, was sie öko- 
nomisch für das Mutterland bedeuten. Politisch sichern 
die Kolonien dem Mutterland eine Weltstellung, die es 
in vitalen Zusammenhang mit allen großen Machtfragen 
des Erdkreises setzt. Wenn man an die schwachen 
Punkte des Kolonialreiches denkt, an Indochina und 
Madagaskar, so muß man diese Weltstellung mehr äußer- 
lich blendend, als innerlich gefestigt nennen. Und diese 
Eigenschaften haben sich noch verstärkt durch das Ver- 
hältnis Frankreichs zu Marokko. 

Seitdem sich Frankreich dem englischen Willen in 
Afrika untergeordnet hat, seitdem der Gedanke der afri- 
kanischen West-Ostlinie gescheitert ist, hat es sich mit 
besonderem Eifer auf die ihm zugefallene Westhälfte 
von Afrika geworfen. Der alte Plan, Algerien und Sene- 
gambien zu verbinden, gewann jetzt immer festere Ge- 
stalt. Die Sahara wurde mit Zähigkeit und Tatkraft 
erschlossen. Fruchtbare und staatliche Oasengebiete 
machen sie ja wertvoll. Eine große Bahnverbindung über 
Timbuktu wurde geplant; auch das Projekt, ein inner- 
afrikanisches Binnenmeer zu schaffen, verdient wegen 
seiner Großartigkeit Erwähnung, obgleich es sich bei 
näherer Prüfung als nicht praktisch erwiesen hat. So 
dehnte sich also Frankreich über Westafrika forschend, 
kolonisierend und erobernd aus ; Marokko war der 
letzte selbständige Staat, der übrig blieb. 



Marokko. 



99 



Politisch konnte also der Gedanke sehr nahe liegen, 
auch dieses Land dem französischen Kolonialreich als 
Schlußstein einzufügen. Die Lage zwischen den beiden 
Meeren, dem Mittelmeer und der Atlantis, machte es 
noch wertvoller als Algerien und Tunis. Aber die 
Energie und die kriegerische Kraft der Bevölkerung, 
der Mangel an einer einheitlichen Autorität — der Scherif 
ist mehr ein religiöses als ein politisches Oberhaupt — 
mußte auch eine Eroberung schwieriger erscheinen lassen. 
Dazu kam noch, daß Spanien durch direkte Nachbar- 
schaft und die große Zahl seiner in Marokko lebenden 
Volksgenossen zweifellos hier ein näheres Recht und ein 
größeres Interesse als Frankreich besaß. 

Der beste Kenner der französischen Kolonien, eine 
der ersten kolonialpolitischen Autoritäten überhaupt, der 
bekannte Nationalökonom Paul Leroy-Beaulieu hat seit 
Jahrzehnten seine Landsleute über Marokko belehrt. 
Er riet ihnen ausdrücklich ab, eine Eroberung Marokkos 
zu planen. Er sagte, die Eroberung und Besetzung 
Marokkos würde die Kräfte Frankreichs überschreiten 
und den Besitz von Algerien und Tunesien mehr gefährden, 
als befestigen. Er stellte fest, daß neun Zehntel der 
Europäer in Marokko Spanier wären, daß das umlaufende 
Geld spanisch sei, und riet, im äußersten Notfall etwa 
Marokko mit Spanien so zu teilen, daß die größere 
nördliche, dem Mittelmeer zugewandte Hälfte an Spanien 
käme, und der Rest mit der atlantischen Küste fran- 
zösisch würde. 

Die auswärtige Politik Frankreichs, wie sie in erster 
Linie Delcasse vertrat, hat sich an diese sachverständigen 
Ratschläge nicht gekehrt, sondern hat es vorgezogen, 
größere Pläne zu verfolgen, die mehr von phantastischem 
Ehrgeiz als nüchterner Politik zeugten. 1904 schloß 
Frankreich mit England ein offenes und ein gehei- 
mes Abkommen über Marokko, dem ein ebensol- 

7* 



jqq V. Die französische Kolonisation. 

ches Doppelabkommen mit Spanien folgte. Seit 
der internationalen Marokkokonferenz von 1880 und der 
damals geschlossenen Konvention von Madrid sollten 
alle Mächte in Marokko gleich berechtigt sein. Das fran- 
zösisch-englische Geheimabkommen erkannte nun Frank- 
reich in Marokko dasselbe Recht zu, wie es England in 
Aegypten besaß; Spanien sollte durch ein kleines Stück 
Hinterland von Ceuta entschädigt werden. Diese Ver- 
ständigung, die dem Sinne wie dem Wortlaut der 
öffentlichen Abkommen direkt widersprach, bedeutete 
also eine skrupellose Verletzung der Rechte der anderen 
Mächte, von denen Deutschland infolge seiner wirtschaft- 
lichen Interessen in Marokko in erster Linie stand. 

Mit zäher Folgerichtigkeit und einem ungewöhn- 
lichen Grad von Heimtücke arbeitete Frankreich nun 
auf die Gewinnung von Marokko hin. Durch die Kon- 
ferenz von Algeciras wurde noch einmal die Internatio- 
nalisierung Marokkos als völkerrechtliches Postulat fest- 
gesetzt und ihre Verwirklichung in die Wege geleitet. 
Frankreich setzte jedoch auf dem sicheren Boden seines ge- 
heimen Einverständnisses mit England die Bemühungen 
um Marokko ruhig fort, erkannte 1909 in einem Sonder- 
abkommen die Integrität und Souveränität Marokkos 
und damit Deutschlands Recht, wirtschaftliche Interessen 
zu verfolgen, nochmals an, arrangierte aber dann 191 1 
eine Bitte um Hilfe seitens des Sultans Mulay Hand 
und eroberte Fez. Es folgte die große Krisis und die 
Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Deutsch- 
land, die Frankreich das Protektorat in Marokko zuer- 
kannte und uns am Kongo entschädigte. 

Was die marokkanische Angelegenheit weltgeschicht- 
lich bedeutet, habe ich hier nicht auszuführen. Vom 
kolonialgeschichtlichen Standpunkt aus ist sie eine sinn- 
lose Verwegenheit der französischen Republik. In Al- 
gerien und Tunis kommen schon sieben Moslem auf einen 



Gegensatz von Kolonialpolitik und Revanchepolitik. jqi 

Europäer und vierzehn Moslem auf einen Franzosen. 
Es wäre Wahnsinn, vom französischen Standpunkt aus, 
die Zahl der Moslem noch zu verdoppeln. Die klugen 
und unterrichteten französischen Kolonialpolitiker haben 
ihrem Vaterlande geraten, die französische Kolonisation 
nicht mehr räumlich auszudehnen, sondern den allzu 
angeschwollenen Bestand wenn möglich zu befestigen. 
Eine von Größenwahn und Revanchedurst eingegebene 
auswärtige Politik hat diesen Rat in den Wind ge- 
schlagen. 



102 



Sechstes Kapitel. 
Die englische Kolonisation. 

Das mittelalterliche England stand abseits vom gro- 
ßen Geschehen des abendländischen Kulturkreises. Sein 
Ehrgeiz war, auf dem europäischen Kontinent eine Stel- 
lung zu erringen : es versuchte die reichen Provinzen 
von Nordfrankreich zu erobern. Man kann Englands 
Lage und Bestrebungen mit dem vergleichen, was in 
späterer Zeit Schweden gefühlt und gewollt hat. Auch 
Schweden mußte sich eine Großmachtsposition erringen 
durch Eroberung der Gebiete auf der anderen Seite des 
Meeres, das es beherrschen wollte. Das Zeitalter der 
Entdeckungen erst hat England in einen größeren Zu- 
sammenhang hineingebracht. Jetzt konnte es die Nach- 
teile seiner insularen und maritimen Stellung als Vor- 
teile in dem Wettbewerb auf dem Weltmeer und um 
das Neuland einsetzen. 

Die Engländer haben später ihre Ansprüche auf 
Nordamerika begründet auf die Seefahrten, die der aus 
Ligurien gebürtige, lange in Venedig tätige Giovanni 
Gabotto (als Bürger von Bristol John Cabot) mit sei- 
nen drei Söhnen in englischen Diensten kraft eines Ent- 
deckungspatentes Heinrich VII. dorthin unternahm. An- 
siedelungsgedanken haben bei diesen Unternehmungen 
aber freilich noch gar keine Rolle gespielt. Gabotto und 
seine englischen Nachfolger haben zunächst keine ande- 
ren Beweggründe gehabt, als die Spanier, Portugiesen, 
Holländer und Franzosen : sie wollten in unentdeckten 



Entdeckungsfahrten. Englands Aufschwung. Nordamerika. 103 

Gebieten Schätze finden und Heiden bekehren, sie such- 
ten einen Weg nach Indien. Besonders um die nord- 
westliche Durchfahrt bemühten sich die Engländer. 

Den entscheidenden Impuls zu wirklicher Koloni- 
sation empfing England aus dem großen Kampf um sein 
politisches Dasein. Mit Holland zusammen erstarkte es 
zur Großmacht durch die gewaltige Kraftanstrengung, die 
ihm die spanische staatliche und kirchliche Expansion 
aufzwang. Das England von damals ist die kleine und 
junge, die frische und kühne Nation, die sich im Zeit- 
alter der Königin Elisabeth auf alles besinnt, was in ihr 
steckt, und die so zu einem glänzenden und unüberwind- 
lichen Aufschwung gelangt. Alles in der englischen Art 
von damals ist urwüchsig und fröhlich: diese Nation 
bebt nicht vor der Armada, sie überwindet schwere 
wirtschaftliche Umwandlungen, sie freut sich des be- 
ginnenden Reichtums, der blühenden Industrie, ihrer 
lebenstrotzenden Literatur. Nicht aus einer vermeint- 
lichen Krise kann man die überseeischen Unternehmun- 
gen Englands herleiten. Es gewann vielmehr trotz der 
gesellschaftlichen Umschichtungen und der wirtschaft- 
lichen Umordnungen aus seinem nationalen Selbstgefühl 
heraus den Mut und die Fähigkeiten, alles Bedrohliche 
durch einen unbekümmert jugendlichen Aufstieg zu über- 
winden. 

Nordamerika. 

Die beiden Stiefbrüder Sir Humphrey Gilbert und 
Sir Walther Raleigh erhielten die ersten Privilegien, die 
praktische Bedeutung bekamen. In Neufundland und 
an der nordamerikanischen Küste wurden Versuche ge- 
macht. Nach der jungfräulichen Königin taufte Raleigh 
seine Kolonie Virginia; aber beide Versuche nahmen 
dann ein schlechtes Ende. England mußte erst zur See 
eine gewisse Sicherheit erringen : Piraten und Admiräle, 



104 ^' ^* e en gli scne Kolonisation. 

wie Hawkins und Sir Francis Drake, sind die Haupthel- 
den dieser Frühzeit. 

Unter dem ersten Stuart setzten dann die Koloni- 
sationsversuche wieder lebhaft ein. Jakob I. gab zwei 
Gesellschaften in Plymouth und in London für Nord- 
amerika Freibriefe ; der erste dauernde Erfolg wurde 
wiederum in Virginia erlangt. Die Stadt Jamestown 
wurde gegründet, der Tabakbau begonnen. 1619 berief 
hier der Gouverneur eine parlamentarische Versamm- 
lung, die erste auf amerikanischem Boden. Aber dieser 
Geist der Selbständigkeit verletzte den strengen Mon- 
archismus des Stuartschen Königtums. Die Gesell- 
schaft wurde verfolgt, in Schwierigkeiten verwickelt und 
schließlich aufgelöst. 

Wie glücklich war das Schicksal, das England ge- 
rade auf dieses Neuland in Nordamerika hinwies und 
dauernd dabei festhielt! Das mittlere Nordamerika, so 
nahe an Europa, war nicht wie die wichtigsten südameri- 
kanischen Gebiete dicht besiedelt von staatlichen Gemein- 
schaften alt befestigter Kultur; die indianischen Ein- 
wohner waren hier schwach, unstet, politisch nur ganz 
lose gruppiert — ein Waldvolk, das sich nicht versklaven, 
sondern nur vernichten ließ. Das Land war wundervoll 
erschlossen durch seine großen Seen und Ströme, die 
selbst fern von der Küste noch schiffbar waren — eine 
grandiose Ebene, die zur Besiedelung und resoluten Ar- 
beit geradezu einlud. Und dorthin kamen nun Angehörige 
einer Nation, die zwar sicher keine Demokratie mit po- 
litischer Selbstverwaltung war, die aber doch eine Volks- 
tümlichkeit des politischen Lebens und eine Unantast- 
barkeit persönlicher Rechte kannte, die staatsbildende 
Kräfte ersten Ranges darstellten. Es war hier ein 
unbefangener und selbstverständlicher Sinn für Gesetz, 
für Vernünftigkeit , für praktisches Helfen und Ein- 
richten vorhanden der im Vergleich mit der feierlichen 



Die staatsbildenden Kräfte der Kolonisation: das Puritanertum. jqc 

Macht der Spanier und der geistvollen Eleganz der 
Franzosen kolonialpolitisch damals vielleicht bescheiden 
aussah, dem aber eben doch eine tiefere Dauerhaftig- 
keit innewohnte. Wenn man die Dokumente der ersten 
englischen Kolonisten liest, so ist der Eindruck immer 
wieder der: da ist nicht etwas Geistiges, da ist nicht 
etwas Persönliches von unvergeßlicher Kraft, aber es ist 
eine Klugheit vorhanden, die sich dem Nächsten un- 
abgelenkt zuwendet und ohne Grübeln das absolut 
Zweckmäßigste trifft. Diese Art ist nicht weltweit, nicht 
schwungvoll, aber sie ist unternehmend, energisch und 
unerschütterlich. 

Die Kämpfe um religiöse Selbstbestimmung und 
kirchliches Eigenrecht haben nun erst die englische 
Kolonisation zu einem weltgeschichtlichen Ereignis, zu 
etwas durchaus Neuem und Eigenartigem gemacht. In 
der idealistischen Weltanschauung des Puritanertums 
fand der englische Geist von damals nach den schweren 
Anspannungen des Krieges und der Wirtschaft seinen 
höchsten und reinsten Ausdruck. Gegen Papismus und 
Absolutismus, gegen Bevormundung und Frivolität, ge- 
gen feudale Unterdrückung und soziale Nötigung, und 
gegen den Gewissenszwang als die Bedrohung der not- 
wendigsten Lebensmöglichkeiten erhob sich jetzt das pu- 
ritanische Ethos. 

Im Jahre 1620 verließ das Schiff Mayflower den 
Hafen von Plymouth mit 120 Auswanderern, die sich mit 
frommem Selbstbewußtsein Pilger nannten. Und ehe 
sie an der amerikanischen Küste landeten, schlössen 
diese Pilger ein Abkommen, den berühmten »Compact«, 
durch den sie sich verpflichteten, den Gesetzen, die sie 
beschließen würden, Gehorsam zu leisten. Sie wollten 
sich selbst, wie es heißt, zusammenschließen in einen 
»Ciuill body politick«. 

Es ist dies eines der großen Ereignisse der Kolo- 



IOÖ VI. Die englische Kolonisation. 

nialgeschichte. Kein Staat, keine Gesellschaft brauchte 
für dieses Land Bebauer zu suchen. Hier suchten Men- 
schen, die in ihrer alten Heimat nicht mehr leben konn- 
ten, aus innerstem menschlichen Bedürfnis eine neue 
Heimat, ein Land, das wirklich nur ihnen, aber ihnen 
ganz gehörte, so wie sie nun einmal waren und wie sie 
bleiben wollten. 1618 wurde die Massachusetts Company 
gebildet: ihre Mitglieder wollten keine Handelsgeschäfte 
machen und keine Ausbeutungspolitik treiben, sondern 
sie wollten nach Amerika auswandern. Boston 
wurde gegründet; viele Tausende gingen über das Meer. 
Und so folgte eine Unternehmung auf die andere : 
Rhode Island wurde die erste Niederlassung mit dem 
Prinzip bedingungsloser Toleranz; nach Westen zu, wo 
fruchtbares Land lockte, schloß sich Connecticut an. 
Jede dieser Kolonien hatte ihr eigenes Gesicht und war 
stolz auf ihre Art. Was sie gemeinsam hatten, beton- 
ten sie durch die Confederation der Vereinigten Kolo- 
nien von Neu-England, die sie 1643 schlössen. 

Kolonialgründungen anderen Geistes traten dann 
neben die Neu-Englandstaaten. Der katholische Lord 
Baltimore ließ sich vom König Maryland verleihen, als 
ein Fürstentum könnte man sagen, denn er war nur 
verpflichtet, dem König alljährlich zwei indianische Pfeile 
überreichen zu lassen und ein Fünftel des Goldes und 
Silber abzugeben, das man etwa fand. Höfisch und 
aristokratisch ist auch der Ursprung von Carolina, wo 
aber die Edelleute und Offiziere wenig Erfolg hatten; 
Georgia endlich ist 1732 gegründet worden; hier fan- 
den besonders gescheiterte Existenzen Lebensmöglich- 
keiten. Auch Salzburger Protestanten wurden auf- 
genommen. 

So umgriffen die englischen Niederlassungen die 
holländische Kolonie in Nordamerika, Neu-Niederland. 
Sie konnte sich nicht gegen die Engländer halten, und 



Die Neu-Englandstaaten. Kolonien autonomer u. autoritativer Herkunft; 107 

auch Neu-Schweden, das von Christine gegründet war, 
eine bescheidene Verwirklichung großer Pläne Gustav 
Adolfs, wurde erobert. Der Besitz rundete sich, die 
monarchische Gewalt setzte sich schärfer durch. Als Wil- 
liam Penn seinen Freibrief über Pennsylvanien erhielt, 
wahrte sich der König das Recht auf Zölle und Steuern, 
ja sogar ein Vetorecht bei kolonialen Gesetzen. In 
Pennsylvanien fanden die verschiedensten Sekten, so 
auch deutsche Mennoniten, eine Zuflucht; selbst Indianer 
wurden als Brüder aufgenommen : Philadelphia verdiente 
in Wahrheit seinen edlen Namen. 

Zwei Hauptarten von Kolonien lassen sich — bei 
vielen Abstufungen und Uebergängen im Einzelnen — 
unterscheiden: Kolonien autonomer und autoritativer Her- 
kunft. Die ersten sind die originellsten Bildungen; sie 
haben sich schnell losgemacht von den Interessen kaufmän- 
nischer oder höfischer Kreise im Heimatland und haben 
ihre radikalen und demokratischen Formen entwickelt. Die 
zweiten, die Eigentümerkolonien, hingen stark von dem 
Unternehmungsgeist und dem Charakter des »Lord Pro- 
prietor« ab — Lord Baltimore ließ durch seine Vertreter in 
absolutistischer Art seine Gewalt von der göttlichen Vor- 
sehung ausgehen. Merkwürdig sind die Versuche, in Caro- 
lina eine aristokratische Gesellschaft neu zu schaffen. Die 
Besitzer waren aber nicht berechtigt, die in England 
üblichen Adelstitel zu verleihen, sondern mußten solche 
wie »Landgrave« »Kacique« wählen. Der Philosoph 
Locke hat ein Verfassungssystem feudaler Prägung aus- 
gedacht, aber an dem Widerspruch der Kolonisten ist 
die Verwirklichung gescheitert. Die Eigentümer haben 
in ihren Kolonien Großes geleistet, vielfach unter bedeu- 
tenden Opfern, wie sie der treffliche William Penn brachte. 
Weniger günstig war der Einfluß der Eigentümer, wenn 
das Stuartsche Königtum seinen Stützen Kolonien über- 
trug. So bekam der Herzog von York New- York und 



108 VI. Die englische Kolonisation. 

New-Jersey, wo er ein absolutes Regiment einrichtete 
und alle Selbständigkeit unterdrückte; die Lage wurde 
aber dadurch so schwierig, daß die Regierung durch 
ein Patent eingreifen mußte. In ähnlicher Weise hat 
Karl IL Maine und New-Hampshire für den Herzog 
von Monmouth ankaufen lassen. Nach der Vertreibung 
der Stuarts wurden die Rechte der Eigentümer immer 
mehr beschränkt; die Regierung wollte alle Zwischen- 
autoritäten ausschalten und die Kolonien möglichst zu 
Kronkolonien entwickeln. 

Das Gesamtbild der englischen Kolonisation zu 
Nordamerika stellt sich etwa folgendermaßen dar : der 
englische Bürger, der auswandert, trägt mit sich in 
das neue Land die Rechte eines Engländers. Er hat die 
Art der Rechtssprechung, die Art der politischen Einrich- 
tung, die ihm in der Heimat erwünscht war, und er 
kann sie ungehindert fortentwickeln. Das Land wird 
vernünftig verteilt, die Steuern sind mäßig, das Mutterland 
spricht sich keinerlei Vorrecht über den Boden der Ko- 
lonie zu. Es gibt kein Schema und kein Reglement 
nach höheren Gesichtspunkten. Die ersten Kolonisten 
bebauen das Land gemeinsam; dann dringen sie ins 
Innere vor, ungehindert von künstlichen Hemmungen. 
Es gibt kein abgezirkeltes Gebiet und keine bevormun- 
dende Bureaukratie, auch keine tote Hand. Gegen eine 
Rentenzahlung an den Eigentümer, an die privilegierte 
Kompagnie oder an die Krone selbst geht das Land in 
den Besitz des Kolonisten über und so kann es weiter 
veräußert werden. Die Versuche, Kasten zu bilden und 
Privilegien zu erteilen, gelingen nicht. Es entsteht also, 
in erster Linie in den Neu-England Staaten, eine neue, 
gleiche, freie Gesellschaft, die aus erlesenen, besonders 
kühnen und tüchtigen Elementen zusammengesetzt ist. 

Das Mutterland macht keine Ansprüche finanzieller 
Natur an die Kolonien. Die Amerikaner haben also 



Verwaltung und Wirtschaft der nordamerikanischen Kolonien. 109 

nur aufzubringen, was ihre eigene Regierung kostet. Sie 
besorgen die öffentlichen Geschäfte durch Ehrenämter 
und machen alles sparsam und beispiellos billig. Man 
vertraut auf die allgemeine Anständigkeit und auf die 
gleichartige Begabung, man ist sicher, einen dieser 
tapferen und tätigen, soliden und nützlichen Durch- 
schnittsmenschen durch den anderen ersetzen zu kön- 
nen. Es herrscht dauernd die Lebensauffassung des Pu- 
ritanertums : die Sitten sind streng, man hat Freude an 
der Arbeit, Sinn für Ordnung, Erziehung und Kirchlich- 
keit, man spart und kommt vorwärts. Dieser jüdisch- 
kalvinistische Geist, der die Welt und ihre Lust ver- 
achtet und sich flüchtet in eine unpersönliche Aktivität 
für die Gesamtheit, wird das Lebenselement der eng- 
lischen Kolonisation. 

Die wirtschaftliche Entwickelung der Kolonien ist 
gemäß den natürlichen und historischen Bedingungen in 
sehr verschiedener Richtung gegangen. Die Neu-Eng- 
landstaaten bilden in erster Linie mittlere und kleinere 
landwirtschaftliche Betriebe aus; dann entwickelt sich 
Schiffsbau, Ozeanfischerei, die verschiedensten Gewerbe, 
auch kaufmännische Unternehmungen, es kommt zur 
Städtebildung. In der ehemaligen holländischen Be- 
sitzung ist der kaufmännische Geist und der kosmo- 
politische Zuschnitt von jeher lebendig, und dieser Cha- 
rakter verstärkt sich auch weiterhin. In Virginien blüht 
der Tabakbau, und es bildet sich so ein Großgrund- 
besitzerstand, der es leicht hat, immer mehr Land in 
seine Hände zu bekommen. Die große Frage ist hier 
die der Arbeitskräfte. Und dafür wird nun wichtig die 
Einwanderung infolge Dienstvertrags, der Zuzug weißer 
Arbeiter, der sogenannten »indented servants«. Es sind 
das freie Europäer, die von amerikanischen Spekulanten 
in England und Deutschland angeworben werden. Die 
Kosten der Auswanderung werden ihnen vorgestreckt, 



110 VI. Die englische Kolonisation. 

dafür verzichten sie für eine Zeit auf ihre persönliche 
Freiheit und verpflichten sich zu Dienstleistungen. Die 
Lage dieser Arbeiter ist im allgemeinen schwierig ge- 
wesen. Die Herren versuchten mit allen Mitteln diese 
zeitlich beschränkte weiße Sklaverei zu verewigen. Viele 
haben sich aber trotzdem zu Selbständigkeit und Ver- 
mögen emporgearbeitet. Die Negersklaverei überwu- 
cherte bald die weiße Arbeiterschaft. 1619 landet das 
erste Negerschiff in Virginien, und vom Süden dehnt 
sich die Sklaverei nach dem Norden aus. Der Nor- 
den wehrt sich dagegen, aber es ist da nun bezeich- 
nend, daß das Mutterland den Kolonien im Interesse 
des Negerhandels die schwarze Ware geradezu auf- 
drängt. In Maryland und Südcarolina herrscht auch 
das Plantagensystem; vieles erinnert hier an Westindien. 
Es entwickelt sich kein städtisches und bürgerliches 
Leben. 

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren 40000 
Kolonisten in den englischen Kolonien Nordamerikas; 
1740 war die Zahl auf eine Million gestiegen. So wuchs 
nachhaltig und regelmäßig eine neue Gemeinschaft 
englisch sprechender Bürger jenseits des Meeres her- 
an. Sie war im Anfang so sehr sich selbst überlassen, 
daß sie ihre Eigenart befestigen konnte. Jetzt, da 
sie stark uud zahlreich wurde , konnte sie für die 
Autorität des Mutterlandes eine Gefahr bedeuten. Die 
Gegensätze waren groß: zwischen dem Ackerbauer des 
Nordens, der seine Sprache mit biblischen Redensarten 
ausstattete, dem das Lächeln in der Kirche ein Ver- 
brechen war, und dem vornehmen Pflanzer des Südens, 
der einen großartigen und glänzenden Lebensstil 
mit Geselligkeit und Sport ausbildete, zwischen dem 
korrekten und in seinem biederen Ueberschwang etwas 
langweiligen Quäker von Philadelphia und dem reichen 
Handelsherrn des ehemaligen Neu-Amsterdam — da be- 



Die inneren Gegensätze. Der Machtgedanke im Mutterland. m 

standen so viel Gegensätze der Herkunft, der Bildung und 
der Wertung des Lebens, daß die heimatliche Staats- 
autorität es wohl für nötig und nützlich, und eben auch 
für möglich halten durfte, aus diesem Durcheinander 
einen einheitlichen englischen Besitz zu machen. Ver- 
stehen wir diese Richtung des englischen Staatsgedan- 
kens als etwas in sich Notwendiges: schon lange ver- 
suchte die Krone möglichst viele der Kolonien sich 
unterzuordnen. Der große Aufschwung der englischen 
Macht, den Cromwell herbeiführte, mußte den Gedanken 
entstehen lassen, dieses leistungsfähige und blühende 
Tochterland mit dem Mutterland staatlich intensiver zu 
verbinden. 

165 1 hat Cromwell die Navigationsakte erlassen, 
das Grundgesetz der britischen See- und Weltherrschaft. 
Keine außereuropäische Ware sollte auf andern als auf 
englischen Schiffen nach England gebracht werden, und es 
wurden als englische Schiffe angesehen solche, die in Eng- 
land gebaut waren, den englischen Untertanen gehörten, 
die einen englischen Kapitän hatten und zu dreivierteln 
mit Engländern bemannt waren. Dadurch war mit einem 
Schlage der ganze fremde Zwischenhandel vernichtet. 
Unter Karl II. hat dann das Parlament der Navigations- 
akte die für die Kolonien besonders empfindlichen Zu- 
spitzungen gegeben. Die wichtigsten Produkte der Ko- 
lonien sollten nur nach England und nicht nach andern 
europäischen Ländern gebracht werden. Damit war die 
Ware selbst monopolisiert. Eine Liste führte die Pro- 
dukte auf (»enumerated commodities«): sie wurde spä- 
ter ergänzt und umfaßte dann auch nicht nur tropische 
Erzeugnisse von Westindien, sondern auch die wich- 
tigsten Artikel des Festlandes. Die nicht aufgeführten 
Artikel durften nach allen Ländern ausgeführt werden, 
aber nur auf englischen Schiffen und nur aus englischen 
Häfen. Das war das Monopol des Transportes und der 



112 VI. Die englische Kolonisation. 

Route. Europäische Waren, die nach den Kolonien 
gehen sollten, mußten zuerst in englischen Häfen ver- 
schifft und hier ans Land gebracht werden. Man ging 
noch weiter: nur englische Bürger oder naturalisierte 
Engländer sollten als Kaufleute und Besitzer von Fak- 
toreien in den Kolonien Geschäfte treiben dürfen. Das 
war das Monopol der Personen. 

Kolonialgeschichtlich, und nur unter diesem Gesichts- 
punkt betrachten wir hier den englischen Merkantilismus, 
bedeuteten diese Bestimmungen das folgende : die Kolo- 
nien sollten dem Mutterland Rohstoffe liefern, Fabrikate ab- 
kaufen, Zwischenhandel ermöglichen; die Kolonien sollten 
nur für das Mutterland leben und arbeiten, ihre ganze Exi- 
stenz sollte nur eine Geste des Mutterlandes sein. Zwi- 
schen Mutterland und Tochterland waren wechselseitig 
Drähte geknüpft, die jeden Eingriff Fremder ausschließen 
sollten. Denn auch in den Kolonien war eine entsprechende 
Reihe von Begünstigungen zur Abwehr ausländischer 
Konkurrenz und zur Unterdrückung von Industrien er- 
lassen, die die mutterländische Fabrikation hätten schädi- 
gen können (Wolle, Hüte, Stahlhämmer). 

Betrachten wir das System als Ganzes. Es gab 
Ausnahmen, etwa in Zeiten der Teuerung, es gab Er- 
leichterungen, wie die sogenannten drawbacks; aber in 
der Gesamtheit war diese Verklammerung von Mutter- 
land und Tochterland durch Prohibition und Differential- 
zölle, durch Routenvorschriften und Unterdrückung le- 
bendiger wirtschaftlicher Betätigung eine gefährliche 
Tyrannei. Stellen wir den ökonomischen Gesichtspunkt 
etwas zurück. Für die englische Volkswirtschaft mag 
Vieles nötig und nützlich gewesen sein, auf die Kolonial- 
wirtschaft wird manches nicht so bedrückend und schä- 
digend gewirkt haben; politisch war dieses System, das 
für Englisch-Westindien eine weise Maßregel gewesen 
ist, in der Anwendung auf ein Kolonialgebilde wie Eng- 



Das amerikanische Selbstgefühl und die Politik des Mutterlandes. 1 1 3 

lisch-Nordamerika ein schwerer Fehler. Denn es war 
in den Amerikanern schon ein amerikanisches Selbst- 
gefühl erwacht; sie waren immer zu frei gewesen und 
sie waren zu eigenartig geworden, sie waren politische 
Betätigung durch die Wahl ihrer Beamten, Geistlichen 
und parlamentarischen Vertreter zu sehr gewöhnt, als 
daß sie sich einem Londoner Ministerium gegenüber als 
Untertanen und nur als solche fühlen konnten. Die 
englische Politik traf ihre geschichtliche Ehre; weil sie 
sich nicht demütigen konnten und wollten, deshalb 
mußten sie sich gegen das Vorgehen des Mutterlandes 
auflehnen. 

Die englische Regierung, die im siebenjährigen Krieg 
Französisch-Nordamerika für sich errungen hatte, war 
sehr geneigt, ihre staatliche Autorität und ihren staat- 
lichen Beruf hoch einzuschätzen. War es nicht mög- 
lich, die alten und die neugewonnenen Kolonien zu- 
sammenzuschmelzen und aus all diesen Reichsteilen ein 
wirkliches Reich zu machen, das politisch, wirtschaft- 
lich und militärisch als eine starke Einheit in der 
großen Welt dastünde? Kaum je in der neueren Ge- 
schichte war die englische Weltstellung größer; wenn 
es jetzt gelang, Amerika zu sichern und dem englischen 
Interesse dienstbar zu machen, so konnte schlechter- 
dings keine andere Macht dagegen aufkommen. Frank- 
reich war auf den europäischen Kontinent zurückgeworfen, 
das spanische Kolonialreich zerbröckelte, Holland war 
gelähmt, Rußland stand noch zurück. 

England hat die größte Chance, die es je gehabt 
hat, verspielt. 

Der Konflikt zwischen Mutterland und Tochterland 
brach über Finanzfragen aus. Englands Schuldenlast 
war durch die Kriege mit Frankreich gewaltig ange- 
schwollen, und es wünschte die Kolonien, die doch der 
Gegenstand des Kampfes gewesen waren, daran teil- 

Valentin, Kolonialgeschichte. 8 



IIA. VI. Die englische Kolonisation. 

nehmen zu lassen. Und so entschloß sich das Mutter- 
land, die Kolonien zu besteuern. Hatte das Parlament 
dazu die Befugnis? Altes historisches Recht stand gegen 
neues demokratisches und revolutionäres. Die Ameri- 
kaner sagten, daß ein Parlament, das sie nicht wählten, 
das ihre Verhältnisse nicht kennte und sich nie mit ihnen 
beschäftigte, ihnen keinerlei Lasten auferlegen dürfe. Die 
englische Regierung kümmerte sich nicht darum. Die 
alten Handelsbeschränkungen wurden streng durch- 
geführt, es wurde der Zoll auf Zucker stark erhöht und 
neuer Zoll auf Kaffee, Wein, Indigo gelegt. »No taxation 
withoutrepresentation« — das wurde das Schlagwort der 
Amerikaner. Die Zölle, so fand man, widersprachen 
dem Naturrecht. Es war eben mit diesem neuen le- 
bendigen Staatsorganismus ein neues Recht geboren 
worden, an dem die papierene Autorität Altenglands 
zerriß. 

Die nächste Maßregel des Mutterlandes war die 
Auflage einer Stempelsteuer. Die Kolonien antworteten 
auf einem Kongreß in New-York, der ersten Vereinigung 
dieser so partikularistischen Gebilde : sie protestierten, 
erhoben Beschwerde und erklärten ihre Rechte. Die 
Stempelsteuerakte wurde aufgehoben, aber es folgten 
neue Zölle auf Glas, Blei, Papier, Tee. Neue Proteste 
waren die Antwort, Boston beschloß den Boykott. Das 
Mutterland kam entgegen und wollte nur das Prinzip 
wahren. Aber der Konflikt war schon zu tief gegangen, 
es kam zu Zwischenfällen auf der einen, zu Zwangs- 
gesetzen auf der anderen Seite; politische Lebenswerte, 
die sich ausschlössen, standen gegeneinander, und so 
brach die »Rebellion« aus; sie wurde ein jahrelanger 
Krieg und endete mit der Unabhängigkeit der Vereinig- 
ten Staaten von Amerika. 

Es war eines der größten Ereignisse der Kolonial- 
geschichte und der neueren Geschichte überhaupt. Die 



Losreißung und Staatsgestaltung. j j c 

kolonialen Niederlassungen Englands wurden Staaten. 
Sie konstituierten sich einzeln mit eigenen Verfassungen, 
die alles Gewordene von Selbstverwaltung und den ge- 
wählten zwei Häusern möglichst beibehielten; nur der 
König von England und seine Autorität blieb weg. 
Diese demokratischen und republikanischen Formen 
waren ein notwendiges und historisch sinnvolles Er- 
gebnis der Entwickelung. Die Erklärung der Menschen- 
und Bürgerrechte stellte hier in Amerika eine Formu- 
lierung der tatsächlichen Zustände und der tatsächlichen 
Daseinsbedingungen dar: Steuerbewilligungsrecht, freie 
Wahl der Regierung, Volkssouveränität, freie Geburt, 
freies Eigentum, freier Glaube, persönlicher Schutz vor 
Gewalt — alle diese Sicherungen des staatsbürgerlichen 
Daseins waren hier erlebt und errungen. Sie sollten 
nun als absolute Ideale staatlicher und menschheitlicher 
Entwickelung auf die europäischen Mächte zurückwirken 
— erregende Momente von ungeheurer Triebkraft. Wir 
sehen hier, wie eine Rückwirkung kolonialer Ereignisse 
auf Europa zum Vorschein kommt, eine Erscheinung, 
die der kolonialgeschichtlichen Forschung einen beson- 
deren Reiz und eine besondere Bedeutung gibt. 

Auch das Schwierigste gelang den befreiten Kolo- 
nien. Sie haben sich zusammen losgerissen, aber ihre 
verfassungsmäßige Einheit wurde erst nachher gestaltet: 
eine Schöpfung, ganz neu und unmittelbar aus den ge- 
gebenen Verhältnissen herausgewachsen, ohne Doktrin 
und ohne System, der erste moderne Bundesstaat von 
lebendiger Kraft. Neben die kolonisierenden euro- 
päischen Staaten trat so ein Staat, der über See, als 
ein Extrakt von Europa, Verfassungsformen und Kultur- 
ideale ausbildete von ganz selbständiger Geltung, von 
frischem Glanz, ein Staat, der dann weiter in einer 
historischen Entwickelung, die einzig durch ihre Fülle 
und ihre Kürze ist, in den Kreis der werdenden Welt- 

8* 



Il5 VI. Die englische Kolonisation. 

mächte als Weltmacht tritt. Wie diese Weltmacht, die 
dauernd an der Kolonisation groß wird, selbst wieder 
Kolonien übernimmt und entwickelt und so ihre staat- 
liche Kraft betätigt, ihre staatliche Stellung befestigt — 
das wird uns später beschäftigen. 



Was blieb England nach der Losreißung der Ver- 
einigten Staaten an Kolonialbesitz in Amerika übrig? 
In Westindien betätigte sich die englische Kolonisation 
schon seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Das men- 
schenleere Eiland Barbados wurde 1605 von englischen 
Seefahrern durch Aufrichtung eines Kreuzes mit Inschrift 
in Besitz genommen, und der Ruhm seiner Schönheit 
und Fruchtbarkeit war groß. Die Virginia-Kompag- 
nie besiedelte die Bernudas- und die Bahama-Inseln, sie 
machte auch erfolglose Versuche in Südamerika. Bar- 
bados und kleinere westindische Inseln wurden von dem 
Stuartschen Königtum an einzelne Lords gegeben, die 
die Ansiedelung als ihr Geschäft und als ihre Herrschaft 
betrieben. Barbados wurde ein Zufluchtsort und ein 
Stützpunkt der Monarchisten, so daß Cromwell es er- 
obern lassen mußte. Westindien ist, wie wir schon ge- 
sehen haben, der Schauplatz geworden für die erbitter- 
ten Kämpfe zwischen Franzosen, Spaniern, Holländern, 
Engländern : wechselseitig haben sie Schiffe in den 
Grund gebohrt und Niederlassungen ausgeraubt. Krieg, 
Piraterie und Schmuggel sind hier ineinander geflossen. 

Bedeutungsvoll wurde die Eroberung von Jamaika 
durch die Engländer. In der grausamsten W T eise rotteten 
sie die Spanier und deren ehemalige Sklaven, die Maroo- 
nen, aus. Mit Bluthunden haben die Engländer Jagd 
auf diese Unglücklichen gemacht. Jamaika wurde dank 
seiner günstigen Lage der Hauptstützpunkt des eng- 
lischen Schleichhandels nach Süd- und Mittelamerika. 



Westindien. Jamaika. II 7 

Ein Bocaneer ist sogar einmal Gouverneur gewesen. 
Die Insel entwickelte sich glänzend; ihre Hauptstadt 
Port Royal war berühmt durch Reichtum und zügellose 
Sitten. Wie der Untergang Sodoms wirkte ihre furcht- 
bare Vernichtung durch das Erdbeben von 1692 
auf die Zeitgenossen. Seitdem wurde Jamaika vom Un- 
glück verfolgt. Sein Wohlstand, der vom Ertrag der 
Ernte des alles beherrschenden Zuckerrohres abhing, 
wurde immer wieder durch die schrecklichen Wirbel- 
stürme vernichtet. Wiederholte Sklavenaufstände ge- 
fährdeten die gesellschaftliche Ordnung. Nirgends sind 
die Neger wohl so grausam behandelt worden wie von 
den Engländern auf Jamaika. Prügelstrafe stand auf 
jeder Kleinigkeit, Verstümmelungen und Todesstrafe 
wurde mit leichtem Herzen diktiert, Spiel und Musik war 
den Schwarzen verboten, kein Sklave konnte gegen einen 
Weißen Zeugnis ablegen. Entsetzlich waren die Greuel, 
die bei der Niederwerfung der Aufstände geschahen. 
Von Französisch- Westindien ist dann bekanntlich die 
Emanzipation der Neger ausgegangen ; in St. Domingo 
(Ha'iti) wurden die Menschenrechte erklärt, und so war 
auch in Jamaika die Sklaverei nicht mehr aufrecht zu 
erhalten. Die Pflanzer taten alles, um die Abschaffung 
zu verhindern ; erst sehr spät, 1834, ist sie zustande ge- 
kommen. Die Pflanzer wurden entschädigt, aber Ja- 
maika nahm eine wenig günstige Entwicklung. Die Ein- 
führung von indischen Kulis drückte die Arbeitslöhne. 
Der ganze gesellschaftliche Aufbau war zerrissen, es 
krachte von Zeit zu Zeit immer wieder, so daß sich die 
Kolonialverwaltung von Jamaika entschloß, die eng- 
lische Regierung zur Uebernahme der Verantwortung 
aufzufordern, nachdem hier fast zweihundert Jahre Selbst- 
verwaltung fast ohne Einmischung des Mutterlandes 
bestanden hatte — ein merkwürdiger und einziger Fall 
der Kolonialgeschichte. Der Aufschwung der Rüben- 



I i 8 VI. Die englische Kolonisation. 

zuckerindustrie machte die tropische Zuckerproduktion 
unrentabel, andere tropische Kulturen wurden nicht 
zeitig eingeführt, und so ist Jamaika, ebenso wie die 
anderen englischen Inseln in Westindien, eine dauernde 
Sorge und eine drückende Last der englischen Kolonial- 
verwaltung geworden. 

Kanada. 

Die Kolonialpolitik des 18. Jahrhunderts gab den 
Pflanzungskolonien, wie es die westindischen Inseln waren, 
bei weitem den Vorzug vor Siedelungskolonien. Frank- 
reich ließ 1762 Kanada ohne große Schmerzen fahren 
und war froh Martinique und Guadeloupe zu behalten. 
Das 19. Jahrhundert ließ durch seine Bevölkerungs- 
vermehrung, seine Auswanderung und seine Ansiedelung 
über See eine völlig entgegengesetzte Einschätzung 
kolonialer Verhältnisse entstehen. 

Als Kanada englisch wurde, hatte es nur ungefähr 
60000 Einwohner, die am Lorenzstrom und an den Seen 
in einer schwachen Kette das Land besiedelten. Sie 
führten eine ziemlich mäßige wirtschaftliche Existenz, 
deren Entwicklung durch willkürliche Verwaltung und 
pedantische Vorschriften erschwert und verlangsamt 
wurde. Weit in die Wälder des Nordens und Westens 
waren die »coureurs des bois«, die Trapper, Jäger und 
Pelzhändler vorgedrungen. Viele hatten sich mit In- 
dianern vermischt, und ein Halbblütlergeschlecht war das 
Ergebnis, die sogenannte Metis, die, angetan mit ihren 
roten Hemden und Büffellederhosen, ein romantisches 
Vermittlerdasein zwischen Wildnis und Zivilisation führ- 
ten. Zwei Drittel der Pelze, die in Kanada gewonnen 
wurden, kamen an Händler der Union, und so war 
für lange Zeit keine feste Staats- und Wirtschafts- 
grenze im Innern möglich. Der Pelzhandel wurde 
in erster Linie von der Hudson Bay Company betrie- 



Kanada: das ältere französische und das neuere englische Kanada. \\g 

ben, die seit 1670 kraft königlichen Freibriefes bestand 
und so glänzende Ergebnisse erzielte, daß sie jährlich 
60 bis 70 % Dividende zahlen konnte. 

England trat in Kanada zunächst als der Eroberer 
auf, führte das englische Recht ein und schloß die Ka- 
tholiken von der Teilnahme an politischen Rechten aus. 
Das machte aber nur böses Blut, und die englische 
Regierung entschloß sich, von diesem gefährlichen Wege 
abzugehen. Die Quebec Bill von 1774 brachte einen 
völligen Wandel. Das Pariser Recht wurde den Ka- 
nadiern zurückgegeben, ein gesetzgebender Rat für die 
Gesamtverwaltung und in den Städten Selbstverwaltung 
eingeführt. Diese Einsicht und Milde gewann die Ka- 
nadier schnell dem englischen Regimente. Und die Los- 
reißung der Vereinigten Staaten brachte dann einen 
starken Zustrom englischer Einwanderer. Die sogenann- 
ten Loyalisten, die Anhänger des englischen Regiments, 
im ganzen 70 bis 80000 Personen, kamen hinüber nach Ka- 
nada, und viele englische Soldaten, die die Rebellen 
bekämpft hatten, blieben nach der Entscheidung in 
Amerika und ließen sich an den oberen Seen Land zur 
Ansiedelung geben. 

So bildete sich neben dem älteren französischen 
Kanada ein neues englisches Kanada, und die eng- 
lische Regierung trug den verschiedenen Verhältnissen 
Rechnung: sie unterschied zwei Provinzen, das obere 
und das untere Kanada, die entsprechend den ver- 
schiedenen Zuständen verschieden verwaltet wurden. 
Beiden wurde 1792 unter dem jüngeren Pitt eine Ver- 
tretung mit zwei Kammern gegeben. Ebenso haben 
die anderen benachbarten Niederlassungen Neuschott- 
land, Neubraunschweig, Neufundland der Reihe nach 
ihre Vertretung bekommen. Das Mutterland sicherte 
sich aber die Verfügung über unbesiedeltes Land ; die 
anglikanische Kirche wurde mit reichem Grundbesitz 



120 VI. Die englische Kolonisation. 

ausgestattet. Sehr geschickt sind die Vertreter des 
Mutterlandes offenbar nicht vorgegangen. Verständnis- 
loses Eingreifen in koloniales Leben, Bevormundung in 
Einzelheiten ist immer wieder vorgekommen, so daß eine 
Unzufriedenheit entstand, die sich in offener Opposition, 
ja in Volkserhebungen Luft macht. Das Beispiel des 
glänzenden Aufschwungs der Vereinigten Staaten war 
in zu naher Nachbarschaft. Viele wanderten dorthin 
ab. England mußte eine Losreißung für möglich halten 
und beizeiten dagegen vorgehen. Eine Untersuchungs- 
kommission wurde eingesetzt, und 1839 wurde ein Be- 
richt über die Zustände in Kanada erstattet, der in der 
Geschichte der englischen Kolonialpolitik berühmt ge- 
worden ist. Die englische Regierung machte wichtige 
Zugeständnisse: die beiden Kanada wurden vereinigt, 
ein gemeinsames Ober- und Unterhaus (Council und 
Assembly) eingerichtet Ganz allmählich ließ das Mutter- 
land diese Regierung zu größerer Selbständigkeit er- 
starken, seit 1856 ernannte die Krone die Mitglieder 
des gesetzgebenden Rates nicht mehr, sondern ließ ihre 
Wahl zu. 1867 wurde Kanada mit Neuschottland und 
Neubraunschweig zu einer großen politischen Gesamt- 
heit von starker Selbständigkeit vereinigt, der Dominion 
of Canada, an deren Spitze ein Governor general steht. 
Bis 1880 traten alle Nachbarkolonien, außer Neufund- 
land, der Dominion bei. 

Die Landverteilung in Kanada hat man zuerst in 
Form von Gratiskonzessionen vorgenommen. Die Folge 
davon war, daß nach kurzer Zeit das ganze bebauungs- 
fähige Land im Besitz von Personen war, die gar nicht 
daran dachten, sich dort anzusiedeln und es urbar zu 
machen, sondern ruhig auf die Wertsteigerung war- 
ten wollten, um es dann mit Profit loszuschlagen. Un- 
zählige Bittschriften sind über diesen Mißbrauch nach dem 
Mutterland gegangen. Man entschloß sich dann, eine 



Selbstverwaltung. Landverteilung. Das »größere Kanada«. 121 

bestimmte Zeit vorzuschreiben, binnen welcher die Be- 
siedelung in Angriff zu nehmen wäre ; man verlangte auch 
den Bau eines Hauses von bestimmten Maßen. Um 
wieder das Land in die Hand zu bekommen, enteignete 
die Krone die großen Gesellschaften und veranlaßte die 
Geistlichkeit , ihren reichlichen Besitz loszuschlagen. 
Ein großer Mißstand lag darin, daß die Regierung keine 
Grundbesitzsteuern durchsetzen konnte und so lange 
Zeit die Mittel nicht hatte, das Neuland durch Anlage 
von Straßen und Eisenbahnen zu erschließen. Die erste 
Eisenbahn von Halifax nach Quebec ist 1876 eröffnet 
worden. 

Von großer Wichtigkeit für Kanada ist die Er- 
schließung des »größeren Kanada« geworden, des Lan- 
des im Norden und Nordwesten. Hier eröffnete ge- 
gen die Hudson Bay Company die Nord West Company 
eine lebhafte Konkurrenz, die nur durch ihre Vereinigung 
182 1 behoben werden konnte. Sehr viel für diese ent- 
legenen, halbsibirischen Gebiete hat im Anfang des 
19. Jahrhunderts Lord Selkirk getan, der eine große 
Anzahl englischer Ansiedler für Kanada gewann, als 
die Herzogin von Southerland ihre Güter in Schafweiden 
verwandelte. Er ist einer der großen Vorkämpfer eng- 
lischer Kolonisation geworden. 1859 wurden diese Län- 
der unter dem Namen Britisch-Columbia Kronkolonie 
und sind 1871 der Dominion beigetreten. 

Kanada ist ein primitives Land geblieben, ein Land 
ohne Industrie und ohne feinere Kultur. Es ist des- 
halb von jeher das Ziel gewesen für die Auswanderung 
der untersten Volksschichten. Die Existenz, die diese 
Bauern sich erarbeiten können, ist nicht üppig, aber be- 
quem. Kanada wurde das Land der kleinen Besitzer, der 
soliden nüchternen Arbeit : Proletarier, Geldmacher und 
Spekulanten hatten hier kein Feld. Das Neuland im 
Nordwesten ist am allerwenigsten für verwöhnte Söhne 



J22 VI. Die englische Kolonisation. 

bürgerlicher Häuser geeignet, die sonst nicht gut tun. 
Von jeher wurde hier das Körperliche, die Geschick- 
lichkeit und eine gewisse ethische Voraussetzungslosig- 
keit geschätzt. Noch vieles an Art und Sprache hat 
sich aus der Trapperzeit erhalten. Der Slang hat für 
»Haus« das indianische Wort »tepee«, und wer den an- 
deren zum Trinken einlädt, der sagt, er solle ein »Hörn« 
(BüfTelhorn) mit ihm nehmen. — Kanadas Haupt- 
schätze sind Getreide und Wälder. In Britisch-Co- 
lumbia wird seit 1887 Gold gewonnen, und es heißt, 
daß hierauf die Zukunft des Landes beruht. Man 
sagt: »Wenn der Kopf der Ratte in Alaska ist und der 
Schwanz in Montana, dann ist der Körper in Britisch- 
Columbia«. 

Wiederholt ist die Dominion mit den Vereinigten 
Staaten in Schwierigkeiten geraten. Die Abgrenzung 
von Alaska und die Fischereirechte sind Hauptpunkte — 
eine Verständigung konnte seit langem nicht erzielt 
werden. Einschneidender sind noch die wirtschaftlichen 
Irrungen geworden : der hohe Schutzzoll der Vereinigten 
Staaten bedeutete für Kanada eine schwere Bedrohung. 
Ein heftiger Zollkrieg hat auch mit Neufundland statt- 
gefunden, das sich in seinen Fischereirechten von Ka- 
nada ähnlich beeinträchtigt fühlte wie von Frankreich. 

Indien. 

England hat die amerikanische Erdhälfte nicht als 
sein Herrschaftsgebiet behaupten können. In der alten 
Welt hat es aber reichen Ersatz für das Verlorene ge- 
funden : im 19. Jahrhundert wuchs England zur asi- 
atischen Weltmacht an, deren Dependenzen gewisser- 
maßen das Mutterland, Afrika und Australien sind. 

Indien ist der Grenzfall der Kolonialgeschichte. 
Es hat zu allererst und dann dauernd die kolonisa- 
torischen Bestrebungen der Europäer auf sich gezo- 



Die Dominion. — Indien: das Problem. 123 

gen durch den schimmernden Reichtum seiner Natur 
und seines Lebens. Und am allerwenigsten hat es wohl 
der Europäer bedurft, um sein historisches Schick- 
sal zu erfüllen. Es hat seine ganz eigentümlichen 
durchgebildeten Daseinsformen, es ist überreich an Men- 
schen; nirgends sind die Europäer so sehr aufgetreten 
als die Ausbeuter, als die Unterdrücker, als die Ein- 
dringlinge, die ewig fremd bleiben. 

Was ist Indien r Es giebt keinen hindostanischen Aus- 
druck, der diesem Wort unserer Schulgeographie entsprä- 
che. Indien ist kein Land, sondern ein Erdteil. Es ist eine 
Welt im Auszuge. Auf dem Gebiet zwischen Himalaja 
und Meer sind Gegensätze von einer Fülle und Mächtig- 
keit vereinigt, wie nirgends sonst: weite Ebenen und das 
höchste Gebirge der Erde, die stärkste Tropenhitze und 
ewige Kälte, völlige Trockenheit und Gegenden mit den 
größten Niederschlagmengen, überreiche Fruchtbarkeit 
und grauenhafte Wüste. Es gibt zweimal soviel Menschen 
in Bengalen wie in Frankreich; die Einwohner des 
eigentlichen Hindostan übertreffen die Zahl der Weißen 
in den Vereinigten Staaten ; die Mahratten könnten 
Spanien bevölkern, und die Einwohnerschaft des Pand- 
jab mit Scinde ist doppelt so groß wie die der Türkei ; 
70 verschiedene Sprachen hat man gezählt. Der Mann 
von Kalkutta ist in Delhi ebenso fremd wie ein Eng- 
länder in Rom, und Schottland und Griechenland stehen 
sich näher als der Pandjab und Bengalen. Es hat nie 
eine indische Nation, ein indisches Volk gegeben und 
es gibt keines; es besteht auf diesem Kontinent keiner- 
lei physikalische, politische, soziale oder religiöse Ein- 
heit. Indien ist niemals erobert worden, wie Mexiko 
und Peru von den Spaniern erobert worden sind; es 
wurde auch niemals systematisch in Besitz genommen 
und besiedelt wie Algerien von den Franzosen. Das 
indische Problem ist kolonialgeschichtlich etwas einma- 



124 ^* ^' e en g^ sc ^ e Kolonisation. 

liges und einziges. Durch Vergleiche und Parallelen 
muß man sich immer wieder den Umfang und die 
Fremdheit dieses Problemes vergegenwärtigen. 

Wir haben gesehen, wie den Portugiesen die Ent- 
deckung des Seeweges nach Ostindien gelang. Ihr Ein- 
treffen in Indien eröffnet die dritte Epoche einer Jahr- 
tausende alten Geschichte. Die erste wird durch das 
Eindringen der Arier in Indien bezeichnet, durch ihre 
Vermischung mit den Ureinwohnern, durch die Rassen- 
und Religionskämpfe, deren Resultat die buddhistische 
Hindukultur gewesen ist. Die zweite Epoche ist durch 
das Eindringen turanisch-mongolischer Völker eröffnet 
worden, die den Islam nach Indien brachten. Reiche 
wurden gegründet und gestürzt, Dynastien tauchten auf 
und wurden vernichtet : zu den Gegensätzen der Natur 
sind so die verwickeltsten Gegensätze der Rassemischung 
und der religiösen Bekenntnisse gekommen. Und nur 
diese Zwiespältigkeit und Vielfältigkeit hat der europäi- 
schen Kolonisation die Erfolge ermöglicht, die sie schließ- 
lich gehabt hat. Denn das Eingreifen der Europäer 
bedeutet zwar für die Entwicklung der europäischen 
Staatenbildung und der europäischen Wirtschaftsgestal- 
tung eine Umwälzung ; für die indischen Reiche und 
Völker brachte aber dieses Eingreifen auf lange nichts 
als eine habgierige Teilnehmerschaft der Weißen an 
indischen Umwälzungen, Krisen und Kämpfen. Die über- 
wiegende Mehrzahl der Bevölkerung ist seit undenkli- 
chen Zeiten in ihrem Leben und Fühlen unverändert 
geblieben — sie ist tatsächlich wohl unveränderlich, 
und die Engländer haben ebensowenig etwas anderes 
aus ihnen gemacht, als die Portugiesen, Holländer oder 
Franzosen. 

Im Jahre 1600 erhielt eine Gesellschaft von englischen 
Kaufleuten, die Schiffe nach Indien senden wollte, einen 
Freibrief von der Königin Elisabeth. Die ersten Reisen 



Epochen indischer Geschichte. Die ostindische Kompagnie. 125 

wurden nach den Molukken und den Sundainseln unter- 
nommen; 1609 wurde Ostindien zuerst berührt, in Surat 
wurde eine Faktorei gegründet. Man knüpfte Bezie- 
hungen zu dem Großmogul an, und es kam zum 
feindlichen Zusammenstoß mit den Portugiesen. 1612 
wurde die Vereinigung in eine wirkliche Aktiengesell- 
schaft verwandelt; bis dahin war die Unternehmung 
und der Gewinn Sache der Einzelnen gewesen. Die 
Erfolge der ersten Reisen waren groß, es gab 95 % 
Gewinn, aber die weitere Entwickelung war nicht gün- 
stig. Die ostindische Kompagnie der Holländer war 
eine viel lebendigere und erfolgreichere Organisation. 
Eine Verständigung mit ihr kam auf die Dauer nicht zu- 
stande. Ja in England selbst entstand ein Konkurrenz- 
unternehmen. Und in dem England des Stuartschen 
Regiments und der Bürgerkriege fehlte dann der Mut 
und die Kaufkraft für das indische Geschäft. 

Karl IL begünstigte aber wieder die Kompagnie. 
Durch seine Heirat mit der Infantin Katharina von Por- 
tugal erhielt er als Mitgift die Insel Bombay und gab 
sie der Gesellschaft. So faßte sie allmählich festen Fuß, 
aber gerade das verwickelte sie in Kämpfe mit den 
Mahratten. Auch sonst wurde diese Verbindung mit Por- 
tugal den Engländern schädlich. Aus Japan wurden sie 
sofort ausgewiesen, da sich die Portugiesen durch ihre 
Missionstätigkeit dort bitter verhaßt gemacht hatten. 
Die ganze Lage der Gesellschaft ist damals wenig 
glänzend. Die Beamten trieben Handel auf eigene 
Faust, reiche Kaufleute erkauften sich von indischen 
Fürsten Sonderprivilegien, die Kämpfe mit dem Mogul 
endeten mit schwerer Demütigung. Im Mutterland be- 
gannen die Angriffe auf die Gesellschaft, die einhei- 
mische Industrie beschwerte sich; aber die Kompagnie 
bestach die maßgebenden Personen in England und 
behandelte die Konkurrenz als Piraterie. 



1 26 VI. Die englische Kolonisation. 

1702 vereinigte sich die alte Kompagnie mit einer 
neuen konkurrierenden und gab sich damals die Ver- 
fassung, die bis zu ihrem Niedergang im wesentlichen 
in Geltung geblieben ist. Jeder Besitzer von Aktien 
von 500 Pfund Sterling und mehr führte in der Gene- 
ralversammlung eine Stimme. Diese trat alljährlich vier- 
mal zusammen und wählte aus Personen, die wenigstens 
zweitausend Pfund Sterling Aktien besaßen, 24 Direk- 
toren, deren Amtsdauer ein Jahr war. Die Direktoren 
führten die Geschäfte durch Ausschüsse. Die Haupt- 
artikel, die die Kompagnie nach England brachte, waren 
Kaliko, Rohseide, Tee, Porzellan, Gewürze. Dafür ver- 
sorgte sie Indien mit heimischen Produkten, in erster Linie 
mit Metall- und Wollwaren. Die Verwaltung der Kom- 
pagnie war äußerst kostspielig; die Hauptgewinne gingen 
an die Direktoren und ihre Beamten, sodaß die Divi- 
denden, die zur Verteilung gelangten, verhältnismäßig 
klein waren. Immer wieder wurde im Parlament Frei- 
heit des indischen Handels gefordert; es gelang der 
Kompagnie, ihr Privileg, so oft es ablief, wieder erneuern 
zu lassen, freilich nicht ohne große Opfer. 1744 lieh 
sie dem englischen Staat eine Million Pfund zu dem 
sehr niedrigen Zinsfuß von 3 % und sicherte sich so 
ihr Monopol. 

Die große historische Frage war: konnte sich diese 
Kaufmannsgesellschaft in Indien behaupten und konnte 
sie den englischen Staat ihren Interessen dienstbar 
machen? Wir haben gesehen, wie die holländisch-ost- 
indische Kompagnie das politische Leben der Republik 
der Vereinigten Niederlande aufsaugte. Würde unter 
den größeren englischen Verhältnissen etwas ähnliches 
möglich sein ? Wir kommen an den für die Geschichte 
jeder europäischen Kolonisation so wichtigen Wende- 
punkt. Können Organisationen von Einzelnen, so klug 
und so mächtig sie sein mögen, auf die Dauer nur in ihrem 



Aufgabe des englischen Staates? Lord Clive. 127 

geschäftlichen Interesse kolonisieren? Oder gibt es nicht 
ein höheres geistiges Moment, eine geschichtliche Not- 
wendigkeit, die die Volksgesamtheit und ihr Organ, den 
Staat, in einem bestimmten Augenblick zur Kolonisation 
heranruft und zur Kolonisation verpflichtet? 

Der Krieg, der 1745 zwischen England und Frank- 
reich ausbrach, wurde zu einem guten Teile in Indien 
und um Indien durchgefochten. Die Franzosen dringen 
glücklich vor, sie bringen Südindien mit genialen neuen 
Mitteln ganz unter ihren Einfluß. Da wirft der junge 
Robert Clive Frankreich durch diese seine eigenen 
Mittel nieder und vernichtet ohne Krieg die holländische 
Macht. Die Zeitgenossen haben es ihm übel genommen, 
daß er sich ein Vermögen von vielen Millionen auf eine 
unbefangene Art in Indien erwarb; es mag viel Bedenk- 
liches in den überkommenen Sitten und in seiner eigenen 
Art gewesen sein — es verschwindet aber angesichts 
seiner Feldherrngröße, die ihn an den entscheidenden 
Anfang der Reihe militärischer Reichsgründer setzt, die 
England in Indien gehabt hat. 

Clives derbes und gewaltiges Durchgreifen hat aber 
die Kompagnie in ihrer Machtstellung mehr erschüttert 
als gestärkt. Der Auflösungsprozeß wurde beschleunigt. 
Es ist charakteristisch, warum schließlich das Parlament 
energisch einschritt. Die Kompagnie erwarb vom Mogul 
große Gebiete zu fast unumschränktem Besitz. Die Sou- 
veränitätsfrage mußte aufgeworfen werden : wer besaß die- 
ses Land, England oder die Kompagnie ? Eine Kontrolle 
schien jetzt um so notwendiger, weil die Gebiete den 
Erwartungen ganz und gar nicht entsprachen. Die Un- 
ruhen in Indien, die schlechten Geschäfte der Gesell- 
schaft, die unerhörten Erpressungen, die sich die Be- 
amten erlaubten, die Geschenke, zu denen sie die 
Nabobs anregten, endlich das verzweifelte und skrupel- 
lose Schuldenmachen — die Kompagnie ließ sich von 



128 VI. Die englische Kolonisation. 

ihren eigenen Angestellten Geld zu 8 % vorschießen 
und sandte die Schiffe halb leer nach England: alle 
diese Mißbräuche und Unanständigkeiten rechtfertigten 
die Einmischung der Regierung mehr als genug. Die 
Kompagnie wurde unter Staatsaufsicht gestellt, sie er- 
hielt ein Darlehen, das Ministerium kontrollierte ihre 
Korrespondenz, den Beamten wurden Privatgeschäfte 
verboten, und das Wahlrecht wurde auf die Großaktio- 
näre beschränkt. 

Der erste Governor general nach der neuen Ord- 
nung war Warren Hastings. Seine Verwaltung bewies 
zur Genüge, daß die Reform nicht wirksam und durch- 
greifend war. Hastings arbeitete in der skrupellosesten 
Weise »nach Landessitte« für seine Tasche und für die 
Geldinteressen der Kompagnie. Sie war ihm dankbar, 
weil er sie wirtschaftlich wieder auf die Füße stellte, 
und ihre Freunde haben es schließlich auch erreicht, 
daß Hastings nach siebenjährigem Prozeß von den im 
Parlament gegen ihn erhobenen Anklagen freigesprochen 
wurde. Er ist der Typus des schwunglosen und nieder- 
trächtigen Geschäftsengländers; er hat nichts von der 
Größe Lord Clives. 

W T ir stehen in der heroischen Epoche der englischen 
Kolonisation in Indien. Die Kaufmannskompagnie ver- 
sagt, die Regierung greift ein, die Konflikte zwischen 
den einheimischen Herrschern bekommen durch den 
Weltgegensatz von England und Frankreich in der 
napoleonischen Zeit geschichtliche Größe. Tippoo, der 
Sultan von Mysore, ist der Verbündete Frankreichs, der 
Rajah von Travancore der Schützling Englands. Welles- 
ley, der Bruder Wellingtons, der den Sultan von Mysore 
vernichtet, wird zum Schöpfer des angloindischen Reiches. 
Die Kompagnie ehrt diesen großen Mann durch ihre 
Krämerfeindschaft : seine Maßregeln kosten ihr zu viel. 
Von ihm geht aber der imperialistische Gedanke in der 



Der Kampf um Indien. Uebernahme durch den Staat. 120 

englischen Kolonisation aus, der Gedanke, daß das Bri- 
tentum sich über See mit dem Schwert durchsetzen 
und die Kolonien seiner Kaufleute in Britische Reiche 
verwandeln muß, wenn es sie sich erhalten will. 

Die Kompagnie war jetzt zu einer Schattenexistenz 
verurteilt. Das Gesetz von 1784 hatte eine Kontroll- 
behörde für sie eingesetzt, 1812 wurde ihr Handels- 
monopol für Indien aufgehoben, und sie behielt nur noch 
das Privileg für China. Eine ganze Reihe von glänzen- 
den Feldzügen befestigte die Herrschaft Englands in 
Indien : der Mahrattenstaat wird zerbrochen, mit Burma, 
mit Afghanistan, mit Scinde wird Krieg geführt; 1839 
wird im Opiumkrieg China erschlossen. Die Opium- 
ausfuhr ist mehr der Anlaß, als das politisch wirksame 
Problem des Krieges gewesen. England hat im Frieden 
mit China ja auch gar nicht freie Opiumeinfuhr erlangt 
— die Hauptsache war ihm die OefTnung chinesischer 
Hafenstädte für den europäischen Handel, nachdem 1834 
auch das chinesische Handelsmonopol der Kompagnie 
erloschen war. 

1853 wurde der Freibrief der Kompagnie zum letz- 
tenmal erneuert; sie büßte dabei alle noch wichtigen Rechte 
ein. Die englische Regierung und das englische Militär 
hatte jetzt das Wort: Lord Dalhousie setzte Wellesleys 
Werk fort. Er warf den Aufstand der Sikhs nieder, er 
eroberte den Pandjab; und als 1856 die Sepoy ihren 
berühmten Aufstand machten, zerbrach die englische 
Militärmacht alles, was sich noch an staatlicher Auto- 
rität ihr entgegensetzte. Lucknow und Delhi wurden 
erobert, der letzte Mogul starb in Gefangenschaft. 1858 
wurde die Kompagnie aufgehoben, und der Staat über- 
nahm allen Besitz und alle Verpflichtungen. Verwaltung 
und Heer wurden organisiert, der Vizekönig, offiziell 
Governor general, trat an die Spitze der Gesamtorgani- 
sation. 

Valentin, Kolonialgeschichte. Q 



I ^o VI. Die englische Kolonisation. 

1877 wurde die Königin von England zur Kaiserin 
von Indien proklamiert. Der wirkliche Zustand hat sich 
aber durch diese glänzendere Form kaum geändert. 
Die Geschicke von Indien, soweit sie die politische Stel- 
lung nach außen und die Regelung des Wirtschaftslebens 
betreffen, werden von England bestimmt. Das Staats- 
sekretariat für Indien in London ist die oberste Autorität. 

Die Verwaltungsorganisation im Besonderen und 
Einzelnen ist in der verschiedensten Weise durchgeführt. 
Es bestehen 13 Provinzen, die direkt von dem Vize- 
könig und seinem Rat regiert werden ; zwei dieser Pro- 
vinzen, Madras und Bombay, besitzen ein eigenes aus- 
übendes und gesetzgebendes Council , zwei andere, 
Bengalen und die Nordwestprovinzen, nur ein gesetz- 
gebendes Council. In den anderen führen die gover- 
nors, die stellvertretenden governors oder Bevollmäch- 
tigten mit ihren Beamten die Geschäfte. Ein großer 
Teil von Indien steht aber nun nicht unmittelbar unter 
englischer Verwaltung , sondern wird von den alten 
Landesfürsten regiert, die durch britische Agenten be- 
raten werden. Haiderabad, Mysore, Kaschmir und Gwa- 
lior sind die bedeutendsten. Einigen der Provinzen ent- 
sprechen Fürstentümer, so gibt es eine große Provinz 
Madras und ein kleines Fürstentum Madras ; ebenso ver- 
hält es sich mit Bengalen, Pandjab, Bombay, den Zentral- 
und Nord westprovinzen. Das Abhängigkeitsverhältnis 
der einheimischen Fürsten ist in der verschiedensten 
Weise geregelt: wir haben die Form des Schutz- und 
Trutzbündnisses, derTributzahlungen mit Kontingentsstel- 
lung, des Gewährleistungsvertrages, des Freundschafts- 
vertrages, des Schutzvertrages mit dem Recht des Ein- 
griffs in innere Angelegenheiten. Die Zahl der Ein- 
geborenenstaaten beträgt fast 700; sie sind an Umfang 
und Bedeutung ebenso verschieden, wie ihre Dynastien 
an Alter der Abstammung und Einfluß. England hat 



Das Kaisertum. Die Verwaltung. Einheimische Gewalten. j o j 

diese Fürsten vollkommen in seine Interessen gezogen; 
sie sind wirtschaftlich von ihm abhängig, es wird ihrem 
Gefühl für Würde und Glanz durch Schmeicheleien, 
Orden und Ehrungen jeder Art Rechnung getragen. 
Die Söhne der Fürstenfamilien werden in eigens für sie 
bestimmten Colleges erzogen und in dem Imperial cadet 
corps militärisch ausgebildet. 

England hat in den letzten Jahrzehnten für die wirt- 
schaftliche und geistige Entwicklung Indiens die größten 
Anstrengungen gemacht. Welch ein Gegensatz zwischen 
der rücksichtslosen kaufmännischen Ausbeutung in der 
Vergangenheit und diesem modernen, groß angelegten, 
gerechten und erfolgreichen Regiment! Gewaltige Be- 
wässerungsanlagen helfen dem indischen Ackerbau auf, 
in dem mehr als in den Edelsteinen die Schätze Indiens 
beruhen. Die Hungersnöte und die Pest werden syste- 
matisch und nicht ohne Erfolg bekämpft. Was dieser 
Kampf für Anforderungen stellt, begreift man, wenn 
man sich erinnert, daß von der großen Hungersnot 
1899/ 1900 60 Millionen Menschen betroffen wurden. 
Die englische Regierung hat die sogenannten »Famine 
Codes« angelegt, um dem furchtbaren Elend in rationeller 
Weise zu steuern. 

Die Bemühungen Englands für Ausbreitung euro- 
päischer Bildung haben in den Massen der unteren 
Volksschichten nur sehr geringe Erfolge gehabt. 
Ganz anders in den höheren Ständen : hier hat sich 
geradezu eine geistige Revolution vollzogen, die die 
indische Kulturrichtung während der letzten Jahr- 
zehnte vollkommen verändert hat. Die Europäi- 
sierung der höherstehenden Hindu hat sie entwurzelt, 
verwirrt und innerlich zerrissen. Es ist so ein geistiges 
Proletariat entstanden, ein Literatentum, aus dem eine 
große Anzahl von Unruhestiftern und Wortführern der 
Feindschaft gegen England hervorgegangen sind. Diese 

9* 



j 5 2 VI. Die englische Kolonisation. 

revolutionären Babus haben sich mit dem romantischen 
Konservativismus der Brahmanen verbunden; in der 
Feindschaft gegen die Fremden, dem Haß gegen den 
Westen, in der Auflehnung gegen den straffen Militaris- 
mus der englischen Regierung sind diese an sich so 
verschiedenartigen Elemente einig. 

Das neue Indertum mußte sich nun ganz besonders 
auch deshalb von der englischen Herrschaft abgestoßen 
fühlen, weil ein neuer britischer Typ entstand, der sich von 
der vorhergehenden Generation wesentlich unterschied. 
Das Paradoxon hat recht: der Suezkanal hat England und 
Indien nur einander genähert, um sie voneinder zu ent- 
fernen. Die Engländer kamen zahlreicher, aber kürzer 
nach Indien. Indien wurde für viele nur eine interessante 
Episode, kein ernster und großer Lebensinhalt mehr. 
Man nahm Indien und seine Probleme leichter und hoch- 
mütiger: man hatte darum gekämpft, man hatte den 
Frieden hergestellt, die Herrschaft erweitert, und nun 
konnte man Indien genießen. Diese Stimmung steht 
natürlich im Zusammenhang mit der englischen Deka- 
denz am Ende des 19. Jahrhunderts. Es war ein Sinn 
für Aeußerlichkeit, für Luxus, für alle sensationelle Zeit- 
vertreibe des »private gentleman« allgemeiner üblich 
geworden, und dieser Art, die nur manchmal geistreich 
war, entsprach in den meisten Fällen ein ebenso unver- 
schämtes wie borniertes Auftreten gegenüber den An- 
gehörigen fremder Rassen. Die Geschichte von einem 
kleinen indischen Radja, der in einem Wagenabteil 
I. Klasse von englischen Sportsleuten dazu gezwungen 
wurde, ihnen die Stiefel zu reinigen, ist völlig verbürgt. 
Was Angehörige uralter und vornehmer Kultur angesichts 
eines solchen Benehmens empfinden mußten, ist klar. 
Distinguierten Indern wurde die. Aufnahme in englische 
Clubs versagt. In der Armee können Eingeborene nur 



Die englische Dekadenz und die nationalindische Bewegung. j?? 

die Hauptmannscharge erreichen und folgen dann noch 
immer dem jüngsten englischen Leutnant im Rang. 

Und so entstand eine englandfeindliche, national- 
indische Bewegung, die vollständige soziale und poli- 
tische Gleichstellung mit den Engländern erstrebt. Un- 
geschicklichkeiten, wie die Teilung der Provinz Bengalen 
in zwei Hälften durch Lord Curzon, konnten eine solche 
Bewegung nur verstärken. Man boykottierte alle eng- 
lischen Waren, es kam zu Attentaten auf englische Be- 
amte. Das Erwachen Japans machte einen ungeheuren 
Eindruck. Die Führer der Bewegung erinnerten das 
Volk daran, daß es unter den ersten Zivilisatoren der 
Welt war, und wiesen auf die Aufgabe hin, die diese 
Tradition enthielte. 

Die Gefahr der Lostrennung Indiens von England 
wurde durch all das in den Gesichtskreis und zur Er- 
örterung gebracht. Der Gegensatz zwischen Moslem 
und Hindu, den England immer so geschickt ausspielte, 
schien auch nicht unüberbrückbar zu sein. Aber eine 
wirkliche Volksbewegung im Großen, eine Ueberbrückung 
der Sprachen- und Kastenunterschiede war immer und 
ist noch heute im weiten Feld. England ist in In- 
dien stark durch das Einzige, worauf schließlich poli- 
tische Macht beruht, durch seine intellektuelle Ueber- 
legenheit und seine militärische Gewalt. Die indische 
Armee beläuft sich auf 180000 Mann; aber nur sehr 
wenige der höheren Offiziere sind Inder, und man hat 
es klug vermieden, eine nennenswerte indische Artillerie 
zu schaffen. Die Unterabteilungen sind aus verschiedenen 
Rassen und Kasten rekrutiert worden, sodaß sie nicht 
miteinander in Berührung treten können, und endlich 
mußten die indischen Politiker auch in Erwägung ziehen, 
daß eine etwaige Befreiung von England noch keine 
Befreiung überhaupt bedeutete. Die Gefahr des Ein- 
greifens von Rußland und auch von Japan, dessen 



134 ^' ^* e en 8^ sc ^ e Kolonisation. 

Handelsverkehr mit Indien sehr stark zugenommen hat, er- 
scheint groß. 

Es bleibt die große Leistung Englands, diesem 
Kontinent, der Indien heißt, den Frieden gegeben zu 
haben. Englands Weltstellung beruht in der Tat auf 
diesem Besitz — nicht nur etwa wegen der gewaltigen 
wirtschaftlichen Vorteile, sondern hauptsächlich wegen 
der politischen Autorität, die es in Indien und an Indien 
gewonnen hat. Lord Curzon hat gesagt, daß Indien 
der politische Pfeiler des asiatischen Kontinents ist. 
Von diesem Manne, der mit Lord Roberts die große 
Reihe der Clive, Wellesley und Dalhousie abschließt, 
ist hauptsächlich die asiatische Position Großbritaniens 
betont und befördert worden. Eine Erscheinung von 
großem Schnitt: wie er durch ganz Asien reist, als 
Forscher, Sportsmann und Politiker, wie er seine »Pro- 
bleme des fernen Ostens« schreibt, wie er sein Buch 
über Afghanistan nicht veröffentlichen kann, weil er 
Vizekönig wird, und Lord Salisbury sagt: ein Vizekönig 
soll keine Bücher schreiben; wie er den Schah, den 
Kaiser von Annam, den König von Cambodja, den 
Emir von Afghanistan persönlich kennt , wie er mit 
dem König von Siam regelmäßig korrespondiert: das 
ist alles mächtig und eigenartig, zielbewußt und erfüllt 
von einem untrüglichen Instinkt für das Große, Sach- 
liche und Wichtige. Lord Curzon ist es gewesen, der 
von dem Glacis Indiens jenseits der Gebirgswälle ge- 
sprochen hat, das England zwar nicht selbst zu besetzen 
braucht, das es aber nicht in der Hand von Gegnern 
sehen kann. Persien, Afghanistan, Tibet, Indochina — 
das sind die Länder, die das Glacis der indischen Festung 
ausmachen und auf die die englische Weltpolitik des- 
halb Blick und Hand gerichtet hält. 



Indien als Basis der englischen Weltstellung. England in Ostasien. 135 

Durch den Besitz von Britisch-Burma, das nur eine 
Dependenz des indischen Reiches ist und auch offiziell 
als »further India« bezeichnet wird, hat sich England in 
die hinterindische Halbinsel vorgeschoben, hat mit dem 
französischen Reich in Indochina Berührung gefunden 
und so die Brücke zu China selbst geschlagen. Singa- 
pore an der Straße von Malakka, eine meisterhaft ge- 
wählte Position, deren Erwerbungsgeschichte uns schon 
bekannt ist, ist der Mittelpunkt des Bundes abhängiger 
Malaienstaaten (seit 1895) und hat, auch hier in der 
Nachfolge Hollands, die wirtschaftlichen Interessen und 
Wege von den Sundainseln abgezogen; Hongkong, 
Singapores Gegenstück, der Gewinn des Opiumkrieges, 
bildet die Ausfallspforte für China : eine kleine Insel an 
der südchinesischen Küste, 90 Quadratkilometer groß. 
Hongkong ist der klassische Umschlagplatz, die charakte- 
ristische Hafenstadt der großen Welt mit ihrer Buntheit 
und ihrem flüchtigen, gewinnsüchtigen Geist — keine 
Kolonie eigentlich, sondern der Kopf einer Einflußsphäre. 
England hat den Ehrgeiz gehabt, sich das ganze Fluß- 
gebiet des Yang-Tse als Domäne vorzubehalten (Vertrag 
mit China 1898), und es gab am Ende des 19. Jahrhunderts 
gewisse englische Karten, die diesen Bezirk schon rot 
färbten. Hongkong wäre dann ein zweites Kalkutta, ein 
zweites Alexandrien geworden. England hat darauf ver- 
zichten müssen, die Konkurrenz der großen Mächte hat 
sich auf die Politik der offenen Tür geeinigt. Und der 
Hafen Weihai-wei, das englische Gegengewicht zu Port 
Arthur und Tsingtau, ist nicht als Arsenal ausgestattet 
worden. Das englisch-japanische Bündnis von 1902 hat 
den Sinn gehabt, die Regelung der Verhältnisse in Ost- 
asien durch Japan und China im englischen Interesse zu 
lenken, da doch die Zerstückelung Chinas unmöglich 
war. 



j ^5 VI. Die englische Kolonisation. 

Australien. 

Das Verhältnis zu Japan ist nun auch für die eng- 
lische Stellung in Australien besonders bedeutungsvoll 
geworden. Unter allen Erdteilen ist Australien der am 
meisten vereinsamte, der abgelegenste und undankbarste. 
Nirgends scheint so das Land dem geschichtslosen Le- 
ben naiver Naturmenschen preisgegeben zu sein, nir- 
gends wurde der weiße Mann so abgewiesen. Mächtige 
Korallenbänke rücken Australien von dem geographisch 
so benachbarten östlichen Asien weit weg in die Ferne. 
Nur im Osten ist der Erdteil entwickelt, sein Antlitz ist 
dem stillen Ozean zugekehrt, und nur dort konnte sich 
politische Lebenskraft entfalten. Die äußeren Mo- 
mente, die Trockenheit des Klimas, das schweifende 
wilde Leben der Ureinwohner, die keine Widerstands- 
kraft und keinen Unternehmungsgeist kennen, der Man- 
gel an Nutztieren — alles das konnte europäische Ko- 
lonisten weder zur Herrschaftsgewinnung anregen noch 
zur Ausbeutung oder Ansiedelung veranlassen. Die 
mineralischen Schätze Australiens, die schließlich die 
entscheidende Voraussetzung einer blühenden Entwick- 
lung geworden sind, wurden erst spät von den Euro- 
päern entdeckt und nutzbar gemacht. 

Schon Ende des 16. Jahrhunderts wird die Terra 
australis erwähnt; die holländischen Seefahrer haben 
sie früh berührt. Die erste größere Forschungsreise 
hat 1642 Abel Tasman gemacht, im Dienst der hol- 
ländisch-ostindischen Kompagnie. Seitdem nahmen die 
Holländer das Land als »Neuholland« für sich in An- 
spruch, machten aber von diesem Recht keinen prak- 
tischen Gebrauch, da die Aussichten nicht günstig schie- 
nen. So ist die Reise Tasmans nur wissenschaftlich 
bedeutungsvoll. Er hat festgestellt, daß in dem Süd- 
meer sich kein Kontinent befand, der den Länder- 
massen der nördlichen Erdhälfte gleichkam. 



Australien. Entdeckung. Die Deportationszeit. 137 

Der englische Seefahrer James Cook nahm dann 1770 
die ganze Südostküste für England in Besitz. Durch 
seine begeisterten Schilderungen des neuen Landes — 
es war die günstigste Stelle Australiens — erweckte er 
starkes Interesse. Als England die amerikanischen Kolo- 
nien verlor, schien sich hier die Möglichkeit eines Er- 
satzes zu bieten. Man suchte zudem nach einem neuen 
Deportationsgebiet. Gibraltar hatte zu wenig Raum ; 
das Gebiet am Gambia war zu ungesund — der Parla- 
mentsbericht fand, daß eine Deportation dorthin die 
Todesstrafe durch Malaria bedeutete. Und so wählte 
man Neusüdwales. 1787 landeten die ersten 800 Sträf- 
linge : eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, deren 
Stimmung und Betragen durch die Enttäuschungen nicht 
besser wurden, die das Land bereitete. Die Ausschrei- 
tungen waren beispiellos; besonders schlimm scheinen 
die weiblichen Gefangenen gewesen zu sein, und man 
kann sich vorstellen, wie entsetzlich die Lage der Schot- 
ten und Irländer war, die als politische Verschwörer 
mit diesen gemeinen Verbrechern zusammengeworfen 
worden waren. Die militärische Macht war nicht stark 
genug, die Soldaten meuterten, die Trunksucht war be- 
denklich verbreitet; die Miliz selbst handelte mit Spirituo- 
sen ! Nur mit den schärfsten Mitteln gelang es den Be- 
hörden, die Verrohung und Verwilderung etwas zu be- 
kämpfen. Die Prügelstrafe mit der neunschwänzigen 
Katze war ein gewöhnliches Mittel, und die allerschlimm- 
sten Elemente wurden nach einsamen Inseln verbracht, 
wo sie verkamen. 

Der wichtigste Schritt für die Entwicklung von 
Daseinsbedingungen, wie sie die Europäer brauchten, ge- 
schah bald : man führte indische, irische und kaplän- 
dische Schafe sowie Rindvieh ein, und die sehr erfolg- 
reiche Tierzucht ermöglichte Ordnung und Seßhaftig- 
keit. 1802 konnte schon die erste Probe australischer 



I^g VI. Die englische Kolonisation. 

Wolle gezeigt werden, und seitdem nahm die austra- 
lische Wollproduktion einen immer größeren Aufschwung. 
Die Behörden legten den Deportierten eine bestimmte 
Arbeitsleistung auf und kauften ihnen außerdem ab, was 
sie darüber produzierten. So waren die Kräfte auf das 
äußerste angespannnt. 

Vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus schien 
sich also die Deportation glänzend zu bewähren. Die 
Kosten für die Regierung waren mindestens um die 
Hälfte geringer, es wurden die Verbrecher in nützliche 
Arbeiter verwandelt, die Kolonie hatte den Vorzug 
billiger Arbeitskräfte, der eines der wesentlichsten Mo- 
mente des Aufschwungs wurde : es entstand so eine 
neue lebensfähige Gesellschaft. Eine andere Frage ist, 
ob nicht das moralische Gesamtniveau der Kolonie durch 
diesen starken Zusatz von verbrecherischen Elementen 
heruntergebracht wurde. Zweifellos hat die australische 
Gesellschaft durch die Deportation eine gewisse Skrupel- 
losigkeit und Brutalität bekommen. Die Methoden, die 
man zur Vernichtung der Eingeborenen anwandte, sa- 
gen genug: man setzte Preise auf die Köpfe der Wil- 
den und schoß sie einfach im Busch ab. Wie die Ge- 
fühlsrohheit, so ist auch ein auffälliges Raffinement im 
Geldmachen und eine rücksichtslose und niederträchtige 
Art, den Geldstandpunkt zu betonen, zweifellos eine 
späte Folge ursprünglicher massenhafter Depravation. 
Der Vergleich mit Amerika ist hier sehr belehrend. 
Auch dort haben sich ähnliche Eigenschaften entwickelt, 
die ja überhaupt dem kolonialen Emporkömmlingswesen 
entsprechen. Aber hier wirkte doch immer ein starker 
ethischer Zug und ein naiver mächtiger Respekt vor 
allem Geistigen als ausgleichendes Moment. 

Sehr schwierig ist die Frage der Familienbildung 
in Australien gewesen. Die Zahl der Männer überwog 
von Anfang an um mehr als das Doppelte. Die Folgen 



Zusammensetzung der Bevölkerung. Die jüngeren Kolonien. 130, 

waren schlimm : die Frauen der Eingeborenen verfielen 
der Prostitution; eine Versammlung in Westaustralien 
bat einmal um stärkere Heranziehung von weiblichen 
Verbrechern bei der Deportation, und berühmt ist die 
Geschichte des Ladenfräuleins geworden, das in Sydney 
ankommt und am ersten Tag drei Heiratsanträge er- 
hält. Die Zahl der Geburten war gering, die Bevölke- 
rung vermehrte sich wesentlich durch Zuwanderung. 
Das Geld wurde rasch angesammelt und auch wieder 
rasch ausgegeben: das australische Leben bekam einen 
reichlich junggesellenhaften Zug. Der Gouverneur von 
Victoria berichtete einmal, Champagner würde in sol- 
chen Massen getrunken, daß man die Straßen nach 
Melbourne auf Meilen mit den Flaschen pflastern könnte. 

Die Deportation wurde endgültig 1853 abgeschafft, 
nachdem sie ein halbes Menschenalter vorher bereits 
von einer Unterhauskommission vollständig verurteilt 
worden war und dann zuerst in der ältesten Kolonie 
Neusüdwales aufgehört hatte. 

Die Entstehung der jüngeren Kolonien Viktoria, 
Südaustralien, Westaustralien, Queensland, beruht auf 
der spontanen kolonisatorischen Ausdehnung, die von 
den vordringenden Kolonisten selbst ausging. Die 
großen Viehzüchter (»squatters«) nahmen einfach neues 
Land für ihren Bedarf ohne Erlaubnis und Zahlung. 
Die Regierung pflegte dann einzugreifen und organi- 
sierte die Landverteilung von Staatswegen. Es bewährte 
sich hier das Wakefieldsche System, wonach gleich- 
förmige Landstücke zu einem Einheitspreis von natür- 
lich angemessener Höhe abgegeben wurden. Der Ertrag 
floß dem Einvvanderungsfond zu. So wurden Auktionen 
und Konzessionen vermieden, die ja immer zu Mißhellig- 
keiten führen. 

Am Tage nach der Eröffnung der Londoner Welt- 
ausstellung von 1851 wurde die Entdeckung von Gold- 



140 VI. Die englische Kolonisation. 

feldern in Australien bekannt. Die Kolonisten wurden 
von einem Fieber ergriffen, verließen die Landwirtschaft 
und strömten von allen Seiten zusammen. Die Staats- 
rechtler verlangten Verbot des Goldgrabens, Verkündi- 
gung des Standrechtes und Ausnützung der Goldfelder 
für Rechnung der Regierung. Eine Durchführung dieser 
Forderungen war unmöglich ; man konnte nur durch hohe 
Taxen auf die Erlaubnisscheine den Zugang etwas ab- 
wehren. Trotzdem: Neusüd wales und seine Hauptstadt 
Sydney wurden plötzlich verlassen. Melbourne in Viktoria 
war die Goldstadt. In wenigen Jahren wuchs die Bevöl- 
kerung auf eine Doppelmillion. Die Landspekulation ver- 
stieg sich ins Unsinnige. Durch die Goldfunde erhielt 
die Einwanderung einen mächtigen Antrieb. Abenteurer 
aus allen europäischen Ländern erschienen; auch die 
Chinesen nisteten sich ein trotz der unfreundlichen Auf- 
nahme und der schlechten Behandlung, die sie fanden. 

Der wirtschaftliche Aufschwung der fünfziger Jahre 
beschleunigte auch die Verfassungsentwicklung in Au- 
stralien. Neusüdwales hatte als die älteste Kolonie im- 
mer die Tendenz, die anderen zu bevormunden. Da- 
gegen wehrten sich aber natürlich die jüngeren, und sie 
erreichten es, daß sie sich alle als selbständige moderne 
Staatswesen nebeneinander mit konstitutionellen Formen 
organisieren konnten. Jede dieser Einzelverfassungen 
war ein verkleinertes Abbild der ungeschriebenen Verfas- 
sung von »Mr. Mother Country«, wie man in Australien 
England nennt. 

Das Verhältnis zum Mutterland und das Verhältnis 
der einzelnen Kolonien zueinander: hier lagen die 
Aufgaben der australischen Politik. Die britische Re- 
gierung verhielt sich den australischen Kolonien gegen- 
über sehr zurückhaltend und war so klug, die Selb- 
ständigkeits- und Ablösungsbestrebungen nicht durch 
lebhafte Bekämpfung zu verschärfen. 1870 zog England 



Die Goldfunde. Aufschwung, Selbständigkeitstrieb, politischer Ehrgeiz. \a\ 

alle Truppen zurück und überließ es damit den Kolo- 
nien, für den Schutz im Innern und für ihre eigene Ver- 
teidigung selbst zu sorgen. Die achtziger Jahre brach- 
ten den Umschwung. Frankreich und Deutschland 
setzten sich in der nächsten Nähe fest. Daß Neuguinea 
England entging, war für Australien besonders ärger- 
lich. Die britische Regierung wollte die Verwaltungs- 
kosten auf die Australier abwälzen. Queensland erklärte 
sich 1883 dazu bereit, Lord Derby zögerte aber, und 
so gelang es dem Deutschen Reiche, einen Teil zu be- 
setzen. Für England blieb nur noch ein minderwertiges 
Stück im Südosten, das es unter australischer finan- 
zieller Beihilfe als Kolonie verwaltet. Die Angelegen- 
heit von Neuguinea sowie die Verteilung der Insel- 
gruppen des stillen Ozeans mußte in Australien den 
Staatsgedanken entwickeln und reifen. Man sah ein, 
daß eine brave und bürgerlich betriebsame Existenz 
abseits von der großen Welt unmöglich war. Es ent- 
wickelte sich so aus Zwang und Furcht heraus ein 
lebhaftes und eifersüchtiges politisches Selbstbewußtsein. 
Als 1877 Krieg zwischen England und Rußland 
drohte, schickte der Gouverneur von Tasmanien ein 
Telegramm an das Kolonialamt, in dem er in beweg- 
lichen Worten um Schutz für die »arme Kolonie« bat. 
Schon damals fühlte Australien die Erschütterungen der 
großen Welt und es war so glücklich in Sir Henry 
Parkes eine Persönlichkeit zu finden, die ihr für die 
neue Weltepoche staatliche Einheit schuf. Parkes, den 
man den Bismarck Australiens genannt hat, konnte nur 
ganz allmählich vorgehen, da die Mißgunst der einzel- 
nen Kolonien untereinander die Verhandlungen in der 
peinlichsten Weise verschleppte. Zunächst gelang es 
eine engere Verbindung zwischen Neusüdwales, Vik- 
toria und Südaustralien für die wichtigsten Lebensfragen 
herzustellen — für die chinesische Einwanderung, für 



1/12 VI. Die englische Kolonisation. 

das Problem der gegenseitigen gerichtlichen Urteils- 
vollstreckung und für die militärische Sicherung. Be- 
züglich Neuguineas erklärte diese australische Gemein- 
schaft, daß die Erwerbung von Gebieten südlich des 
Aequator seitens fremder Mächte schädlich für die In- 
teressen des britischen Reiches wäre. In langwieriger 
Arbeit kam dann der Entwurf einer Bundesverfassung 
zustande, der ein Parlament von zwei Häusern, Senat 
und Repräsentantenhaus, einen obersten Bundesgerichts- 
hof und als Exekutivbehörde einen von der englischen 
Krone eingesetzten Generalgouverneur mit einem aus 
der Majorität des Repräsentantenhauses gebildeten Mi- 
nisterium aufwies. Neuseeland hielt sich dauernd zu- 
rück und ist dann auch nicht beigetreten; Westaustra- 
lien, die jüngste und unentwickelste der Kolonien, wo 
bis 1868 noch eine deportationsartige, zwangsweise An- 
siedelung bedingt begnadigter Verbrecher stattgefunden 
hatte, verlangte Sondervorteile ; und Queensland war 
durch wirtschaftliche Interessen innerlich völlig zerrissen: 
der nördliche Teil treibt Plantagenbau mit farbigen Ar- 
beitern und wollte überhaupt eine Sonderkolonie bilden, 
abseits von dem geplanten Gesamtstaat. 

1900 ist dann der Commonwealth von Australien doch 
zustande gekommen: von den beiden englischen Parla- 
mentshäusern wurde die neue Verfassung mit mittel- 
alterlicher Feierlichkeit genehmigt, und an der Spitze 
der Begründungsurkunde dieses unhistorischsten aller 
modernen Staatswesen steht in Altfranzösisch die nor- 
mannische Formel: »La Reyne le veult«. 

Die Entstehung dieses unauflöslichen, auf ewige 
Zeiten geschlossenen Bundes ist eines der großen Er- 
eignisse der neuesten Kolonialgeschichte. Wie die Ver- 
einigten Staaten von Amerika ist Australien reif zur 
Selbstregierung geworden, aber es hat sich die neue 
Form gegeben ohne Ablösung, und auch ohne Ent- 



Zusammenschluß. Der Commonwealth. — Neuseeland. 



143 



fremdung und Amerikanisierung wie Kanada — es ist 
bewußt englisch geblieben und es ist stolz auf diese 
ausgeprägte englische Art. Freilich liegt gerade darin 
ein Zeichen der Schwäche. Die wirtschaftliche Ent- 
wicklung war wohl glänzend, aber die wichtigste kolo- 
niale Lebensquelle, die Einwanderung stagniert. Austra- 
lien ist das Paradies der Arbeiter geworden ; nirgends 
sind die Löhne so hoch, nirgends sind ihre Verhältnisse 
und ihre Versorgung so bis ins Kleinste geregelt. Aber 
das Gesamtbild des Lebens hat etwas starres, pedanti- 
sches und ältliches. Dem überspannten Selbstbewußt- 
sein entspricht keine naive und robuste Kraft. Die 
Schulden Australiens kommen denen Indiens gleich, die 
Einnahmen betragen aber nur ein Viertel davon, und die 
Bevölkerungszahl übersteigt kaum 5 Millionen. 

Neuseeland ist noch australischer als Australien — 
es ist ein Zerrbild der englischen Kolonisation und ver- 
dient deshalb eine besondere Betrachtung. Die Lage 
dieses Zweiinsellandes zu Australien ist mit der Lage 
Englands zu Europa, mit der Lage Japans zu Asien 
vergleichbar, und die eigenartige historische Entwick- 
lung bietet gleichfalls Analogien. Der Name erinnert 
noch an die erste Entdeckung durch die Holländer. 
Gleichzeitig mit Neusüdwales und Tasmanien machte es 
dann eine romantische Frühepoche durch. Von Ver- 
brechern und Goldgräbern ist Neuseeland zu seinem 
Glück verschont geblieben ; dafür wurde es aber von 
Abenteurern aus ganz Europa besucht. Es entwickel- 
ten sich wildwestliche Verhältnisse und Typen: man- 
chem Europäer gelang es bei den Eingeborenenstämmen 
eine Vertrauensstellung zu gewinnen und eine Führer- 
rolle zu spielen. 1840 versuchte die französische Re- 
gierung Neuseeland zu annektieren, aber der Vertreter 
Englands erfuhr noch rechtzeitig davon und kam den 



144 VI# Die en g liscne Kolonisation. 

Franzosen zuvor — es ist einer der vielen Fälle der Ueber- 
tölpelung Frankreichs durch England. 

Die Besiedelung begann jetzt, und es entwickelte 
sich eine rein demokratische Gesellschaft von einfachem 
naturhaftem Zuschnitt, deren Angehörige stolz darauf 
waren, daß sie ohne Traditionen und Vorurteile die Dinge 
betrachteten. Die Gesetzgebung in der demokratischen 
Form wurde ein wahrer Sport der Arbeiterklasse. In den 
politischen Kämpfen, die lebhaft, sehr persönlich und 
ohne viel Würde geführt wurden, entwickelte sich ein eit- 
les reklamefrohes Aposteltum, das sich daran gewöhnte, 
die altmodischen Länder des armen Europa zu ver- 
spotten und die Neuseeländer als die am meisten fort- 
schrittlichen Menschen hinzustellen: mit ihnen solle sich 
die Welt zu ihrem eigenen Nutzen beschäftigen. Aber 
wie seltsam! In dieser Musterdemokratie entstand eine 
konservative Partei, die sich aus Männern von Reichtum 
und Stellung zusammensetzte; sie fand die »liberale 
Arbeiterkoalition«, die alles nach ihren Interessen ein- 
richten wollte und dabei gar nicht revolutionär und 
kommunistisch, sondern recht eigennützig vorging, we- 
der angenehm noch geschmackvoll. 

Ein gewisser Seddon, Sohn eines Lehrers aus 
Läncashire, Bierwirt in Australien, dann Parteihaupt- 
mann und Minister, wurde der Beherrscher von Neu- 
seeland; »king Dick« nannten ihn mit liebevollem 
Stolze seine Landsleute. Unter seiner Führung kam 
die ganze Arbeitergesetzgebung Neuseelands zustande, 
die hauptsächlich unentgeltlichen Schulunterricht, zwangs- 
weises Einigungs- und Schiedsverfahren und die Fest- 
setzung von Mindestlöhnen sowie von Altersrenten 
umfaßt. 

So entwickelte sich Neuseeland in selbstbewußtem 
Eifer zur Mustergültigkeit. Betrachtet man das politische 
und gesellschaftliche Leben dieser Idealkolonie, so muß 



Neuseeland. 



145 



man erstaunen und auch ein wenig lächeln über so viel 
Einförmigkeit und innere Leere. Einwanderer werden 
mißmutig und kritisch aufgenommen, denn man will 
keine Lohndrücker, und gescheiterte Existenzen würden 
die Respektabilität verletzen, die der Atem des Lebens 
geworden ist. Klassenhochmut, soziale und frauenrecht- 
lerische Gemeinplätze, kirchliche Starrheit, bürgerliche 
Konvention und Heuchelei, Bekämpfung des Alkohols, 
ersterbende Ehrfurcht vor jedem Sir und Lord, vor 
allem aber vor dem Hof von England, dem höchsten 
Ausdruck gesellschaftlichen und menschlichen Glückes : 
das sind die treibenden Kräfte dieses kolonialen Sno- 
bismus. 

Auch die Weltpolitik von seinem eigenen Stand- 
punkt aus zu behandeln, hat sich Neuseeland angewöhnt. 
Es ist sein Glaubenssatz geworden, daß Ozeanien den 
Angelsachsen gehört; Frankreich und Deutschland wur- 
den ihm lästig, und es hat, um doch etwas zu tun, den 
Cookarchipel annektiert. Immer wieder ist es leiden- 
schaftlich für den imperialistischen Gedanken aufgetre- 
ten und hat dem fromm verehrten Mutterland beträcht- 
liche Kontingente für seine Kriege geschfckt. Jeden- 
falls hat es erreicht, daß man von ihm gesprochen hat, 
und dabei ist es nicht einmal so volkreich wie Ham- 
burg. 

Australien ist eines der englischsten Produkte, die es 
gibt. Seine Art ist gewaltsam, eigensinnig und dabei 
durch und durch gewöhnlich. Mit seiner Dreiheit von 
Home, Sport, Church ist es fern von allem, was groß 
ist in Geist, Kunst und Geschichte. Und ganz nahe ist 
der australischen Welt die furchtbarste Lebensgefahr: die 
chinesischen Einwanderer können durch alle Gesetze 
nicht abgewehrt werden. Ihre Emsigkeit und Gleich- 
gültigkeit gegen alles Komfortable hat die Gelben in 
dieser erstarrenden europäischen Gesellschaft zu unent- 

Valentin, Kolonialgeschichte. IO 



I46 VI. Die englische Kolonisation. 

behrlichen Dienern, Landarbeitern, Krämern gemacht. 
Und dahinter droht, politischer und gefährlicher, die 
Kraft der japanischen Expansion. Wie wird sich da- 
gegen ein Staatswesen halten können, das aus gold- 
protzigen Großstädten, Einsamkeit und Hammelherden 
besteht? 



In Indien und Australien sind die Engländer die 
glücklicheren Nachfolger der Holländer gewesen. Auch 
in dem, was den Holländern noch geblieben ist, traten 
die Engländer als Wettbewerber auf: die kleinere Nord- 
hälfte von Borneo wurde von ihnen besetzt, und das 
von dem Abenteurer James Brooke gegründete Sultanat 
Sarawak fiel ihrem Protektorate zu. In einem beson- 
deren Sinne haben aber Engländer und Holländer um 
das Kapland und die von hier ausgehende koloniale 
Expansion gerungen. Auch als England hier die un- 
umstrittene Herrschaft besaß, hat sich das holländische 
Volkstum in merkwürdiger Weise kolonial umgeprägt, 
gegen das englische Wesen bewährt und behauptet. 
Die Geschichte der Kapkolonie gehört nun in den größeren 
Zusammenhang der englischen Kolonisation in Afrika. 

Wir haben gesehen , wie England eine Stellung 
in Amerika gewonnen und dann wieder, wenigstens 
unter dem weltgeschichtlichen Gesichtspunkt, verlor; in 
Asien hat es dann seine alten Ansprüche militärisch 
durchgekämpft, sein Herrschafts- und Einflußgebiet im- 
mer mehr erweitert, es ist als asiatische Weltmacht gegen 
Rußland und China aufgetreten und hat sich so mit 
Japan zusammengefunden; Australien endlich ist völlig 
und mit einer gewissen Tendenz englisch. Und auch 
in dem sprödesten Erdteil, in Afrika, ist Großbritannien 
eine Macht geworden. Es ist hier am wenigsten aktiv 
gewesen, und so ist es gekommen, daß die konkur- 



Afrika: der Sklavenhandel. 



147 



rierenden Großmächte, Frankreich und Deutschland, 
sich neben England stellen konnten, daß sich Por- 
tugal behauptete, ja daß sich das seltsame Gebilde des 
Kongostaates durchzusetzen vermochte. 

Der plumpe Erdteil mit seiner unentwickelten Küste, 
mit seinen versumpften Flußmündungen, mit der anar- 
chischen Brutalität seiner dunklen Völker, hat den ko- 
lonialen Unternehmungsgeist des älteren England wenig 
gereizt. Wir hören nur von ganz vereinzelten Versuchen 
einer Festsetzung: 1618 ist am Gambia ein Fort ge- 
gründet worden als Stützpunkt des Handels mit Gold, 
Pfeffer und Elfenbein. Seit dem 17. Jahrhundert betei- 
ligte sich England aber auf das lebhafteste am Sklaven- 
handel. Eine privilegierte Kompagnie verpflichtete sich 
1662, jährlich mindestens 3000 Neger nach Amerika zu 
liefern. Man hat die englische Sklavenausfuhr am Gam- 
bia auf 2 bis 3000, an der Sierra Leone auf 4 bis 5000 
Stück Jahresumsatz geschätzt. Auch der Goldhandel 
war schon im 17. Jahrhundert an der afrikanischen West- 
küste sehr ansehnlich: die alte englische Goldmünze 
hat ihren Namen von Guinea. Um Kolonisation im 
höheren staatlichen Sinn hat es sich damals nirgends 
gehandelt. England tat genau dasselbe wie Portugal 
und Holland, dachte an keinerlei zivilisatorische Ver- 
suche, sondern beutete eben Afrika in erster Linie als 
Sklavenmarkt aus, ohne jede Rücksicht auf die demo- 
ralisierenden Wirkungen dieses Geschäftes. 

Aus der puritanischen Ethik und dem aufklärenden 
Rationalismus ist dann die Antisklavereibewegung ent- 
standen, die in amerikanischen Quäkern, in englischen 
Missionaren und französischen revolutionierenden Men- 
schenrechtlern ihre lebhaftesten Vorkämpfer gefunden 
hat. Nur mit der größten Achtung kann die Geschichte 
den Namen von Wilberforce nennen, der seine ganze 
ehrliche und unentwegte Lebensarbeit an die Emanzi- 

10* 



I48 VI. Die englische Kolonisation. 

pation der Neger gesetzt hat. Es entstand eine Ver- 
einigung, die es sich zur Aufgabe machte, für befreite 
Neger zu sorgen, und 1787 wurde an der Sierra Leone 
eine Niederlassung gegründet, die alle amerikanischen 
Schwarzen in ihrem heimatlichen Erdteil als befreite 
Bürger aufnehmen sollte. 

Ich habe hier die Frage der Sklaverei nur unter 
dem kolonialgeschichtlichen Gesichtspunkte zu berühren. 
Es handelt sich dabei um vielerlei: um die Loslösung 
der Neger und ihre Erziehung zur Freiheit, um die 
Unterdrückung des Negerhandels, um die Frage, wie 
für die amerikanischen Pflanzungen freie Arbeitskräfte 
zu beschaffen waren, um die andere Frage endlich, wie 
die europäische Kolonisation sich nun mit Afrika ab- 
finden sollte, das seine Arbeitskräfte bei sich behielt. 
Es vereinigen sich also hier eine ganze Anzahl von 
ethnologischen, ethischen, ökonomischen und politischen 
Problemen. Für den Historiker stellt sich das Politische 
in die erste Reihe. 

Und da ist es nun England gewesen , das durch 
die Sklavenemanzipation und die Unterdrückung des 
Negerhandels politisch außerordentlich viel gewonnen 
hat. Das erste Staatsgesetz gegen die Negersklaverei 
ist 1792 von Dänemark gegeben worden. Die Ver- 
einigten Staaten und Frankreich folgten. Erst 1807 
erfolgte das Verbot von England, und dieser Staat 
nahm die Durchführung in seine Hand. Nicht mit 
Unrecht haben sich die schwächeren Mächte bitter be- 
schwert, daß England die Sklavenschiffe der anderen 
durchsuchte und vernichtete, selber aber in Westin- 
dien die Sklaverei ruhig beibehielt, ja zunehmen ließ. 
Der philanthropische Edelsinn der Einzelnen wurde 
für den englischen Staat ein Moment der Machtbetäti- 
gung und des Machtzuwachses. England drückte auf 
Frankreich, Portugal und Spanien. Gewiß : es zahlte an 



Der politische Sinn der Bekämpfung der Sklaverei. Die Sierra Leone. 14g 

die beiden südromanischen Nationen große Summen 
und sparte auch nicht mit salbungsvoller Humanität. 
Aber der politische und wirtschaftliche Vorteil war auf 
Seiten Englands. Es ruinierte den Handel und die 
Pflanzungen seiner schwächeren Konkurrenten, es wurde 
wesentlich auch durch diese Bekämpfung der Sklaverei 
der Beherrscher, der Vormund, der Polizist des Ozeans. 
Wenn England dreißig Millionen Pfund bei diesem Kampf 
gegen die Sklaverei ausgegeben hat, so war das für die 
maritime Hegemonie nicht zu teuer. 

Wie entwickelte sich nun der Versuch, die befreiten 
Neger an der Sierra Leone anzusiedeln? Die Menschen- 
freunde wurden grausam enttäuscht. Man hatte die 
unglaubliche Torheit begangen, den Schwarzen eine erheb- 
liche Zahl Londoner Dirnen beizugeben ; die befreiten 
Neger waren zudem aus allen Stämmen Afrikas zusammen- 
gewürfelt, stellten also gar keine Einheit in sich dar. Die Er- 
gebnisse dieser verwegenen Kreuzungen waren grotesk: 
die meisten Neger zeigten eine unüberwindliche Ab- 
neigung gegen Feldarbeit und zogen den Kleinhandel 
oder die Vagabundage vor. Sicher arbeiteten die Mis- 
sionare brav und hatten manche harmlose Freude an 
äußerlichen Erfolgen ihrer Erziehung. Das Ganze wurde 
doch immer mehr eine geschmacklose und nicht unge- 
fährliche Komödie. Die Freiheit war für die Mehrzahl 
der Neger nur eine Gelegenheit für frechen Humbug. 
1808 hat der englische Staat die Sierra Leone über- 
nommen ; sie ist seitdem der Ausgangspunkt des eng- 
lischen Besitzes in Westafrika geworden. Viele von den 
befreiten Negern wurden wieder nach Westindien zurück- 
geschafft, weil sie eine Last für die Behörde und für 
sich selbst waren. 

Die Unterdrückung der Sklaverei hatte für die afri- 
kanische Westküste eine wirtschaftliche Krisis herbei- 
geführt, die lange nicht überwunden werden konnte. 



I co VI. Die englische Kolonisation. 

Die Gegend war ja äußerst ungesund; die herrschende 
liberale Stimmung in England glaubte also nichts ge- 
scheiteres wünschen zu können, als die Niederlassungen 
aufzugeben: wozu Opfer an Geld, wozu kriegerische 
Unternehmungen? Die Leute, die selbst draußen waren, 
teilten begreiflicherweise solche Stimmungen viel weni- 
ger, und England hat schließlich die westafrikanischen 
Niederlassungen fest gehalten, um sie nicht in andere 
Hände fallen zu lassen, ja es hat die schwächeren Nach- 
barn, die keinen so langen Atem hatten, die Dänen und 
die Holländer ausgekauft. Das Problem der Sklaverei ist 
schließlich das Hauptmotiv des Bleibens und Fort- 
schreitens geworden. Um den Sklavenhandel zu ver- 
nichten, besetzte England 185 1 Lagos und dehnte sich 
dann im Nigergebiet weiter aus. Wiederholt mußten 
die Aschanti in blutigen Kriegen bekämpft werden. 
Im Ganzen hat aber England in Westafrika doch nicht 
so viel staatliche Kraft eingesetzt, daß es die erste 
Stellung errungen hätte. Frankreich hat es, wie wir ge- 
sehen haben, hier bei weitem überholt. 

Im Westen und auch im Osten Afrikas ist Eng- 
land als kolonisierende Macht spät und mit Zurück- 
haltung aufgetreten. Seine afrikanische Stellung wurde 
geschaffen durch Expansion vom Süden und vom Nor- 
den aus. Und zuerst hat England im Süden eingesetzt. 

S ü d a f r i ka. 
Das Kapland entwickelte sich unter der holländi- 
schen Herrschaft nur wenig nach außen hin. Wir ha- 
ben gesehen, wie die holländisch-ostindische Kompagnie 
nur fast wider Willen hier Ansiedelungen zuließ. Das 
Ergebnis dieser Ansiedelungen war dann doch für die 
Kolonialgeschichte wichtig und neu. Aehnlich wie in 
Nordamerika bildete sich hier aus Holländern, Deut- 
schen und Franzosen eine neue Nation. Wenn aber in 



Südafrika. Die Buren. jcjl 

Amerika sich alle diese verschiedenen Volkselemente in 
einem neuenglischen Amerikanertum auflösten, so war 
das entstehende Afrikanertum im Kapland seinem We- 
sen nach neuholländisch. Die Buren sprachen einen 
holländischen Dialekt, der stark von der holländischen 
Schriftsprache abwich ; sie führten auf ihren Farmen ein 
einsames Leben in Tapferkeit und Gottesfurcht. Die 
Ausdehnung ging schnell vor sich: jeder Sohn der 
kinderreichen Familien verließ die Farm des Vaters, 
ging in das Innere und gründete an einer Wasserstelle 
eine neue Farm. Es war natürlich, daß sich im Laufe 
der Generationen das Europäische an Kultur und Sitten 
verwischte. Eine geordnete Schulbildung war in der 
Einsamkeit und Vereinzelung nicht wohl möglich; das 
Leben war von dem Meer und der großen Welt völlig 
abgewendet und verlief, ein echt afrikanischer Zug und 
eine notwendige Folge afrikanischer Verhältnisse, völlig 
kontinental. Die Buren führten beständige Kämpfe mit 
Hottentotten und Kaffern; sie zwangen ihre farbigen 
Arbeiter in eine Art Hörigenstellung, und auch die 
Sklaverei war verbreitet, aber durchaus milde. Was 
gegenüber der australischen Kolonisation etwa in Süd- 
afrika besonders auffällt, ist der ethische Zug. Gewiß w 7 ar 
die Art der Buren roh und derb, aber sie wollten nicht 
anders sein als sie waren, sie kümmerten sich nicht um 
die Welt, sondern blieben eigensinnig und herzhaft auf 
dem Hergebrachten stehen, verlangten aber dafür auch, 
daß man sie in Ruhe ließe. 

Die Engländer landeten zuerst 1795 in Kapstadt, 
um das Land vor der Besitzergreifung durch die Fran- 
zosen zu schützen ; seit 1806 befanden sie sich im un- 
bestrittenen Besitz. Von Anfang war der Gegensatz 
zwischen Engländern und Buren stark. Das Vorgehen 
der englischen Missionare und ihre Einmischung in die 
Eingeborenenverhältnisse erbitterte die Buren ; die Hin- 



1^2 VI. Die englische Kolonisation. 

richtung einiger widerspenstiger Buren 1815 machte 
böses Blut und wurde nie vergessen. Die Einführung 
des Englischen als Amtssprache, die Umstürzung der 
alten Lokalverwaltung in Kapstadt, die Abschaffung der 
alten holländischen Währung verletzte den pietätvollen 
und konservativen Sinn der burischen Bevölkerung auf 
das tiefste. 1828 wurden auch noch die Hottentotten 
den Weißen gleichgestellt, und kurz darauf die Sklaven- 
befreiung durchgeführt. 

Alle diese, von einem weiteren kolonialpolitischen 
Standpunkt aus vielleicht notwendigen Reformen- wirk- 
ten auf die Buren lediglich als Demütigungen und Schi- 
kane; das. Endergebnis war, daß ein erheblicher Teil 
der Burenbevölkerung, etwa 10000 Köpfe, seinen alten 
Besitz verließ und über den Oranjefluß zog. Der Plan- 
wagen, von Ochsen gezogen, wurde die Wohnung dieses 
fliehenden Volkes; die Volksversammlung entschied über 
das, was zu tun sei, ein von ihr gewählter Volksrat 
regierte. Es war der sogenannte »große Trek« von 
1836, der mit der Gründung der Stadt Pietermaritzburg 
endete. 

Die große Frage war nun, ob die Engländer die 
Selbständigkeit dieser neuen Staatsbildung anerkennen 
würden. Die Buren behaupteten, unabhängig zu sein, 
und bemühten sich sogar um den Schutz ihres alten 
Mutterlandes, der Niederlande. Die englische Regie- 
rung in Kapstadt tat alles, um den Buren ihre Sonder- 
stellung zu erschweren : sie schnitt ihnen den Zugang 
zum Meer ab und verständigte sich mit den Eingebo- 
renen: sie schloß mit den Griquas Verträge ab und 
erkannte ihnen die Unabhängigkeit zu, die sie den Bu- 
ren verweigerte. 1848 wurde das Gesamtgebiet zwi- 
schen Vaal und Oranje einverleibt. Diese Maßregel 
konnte aber nun aus verschiedenen Gründen nicht auf- 
recht erhalten werden. Das Kolonialamt in London 



Der große Trek : selbständige Burenstaaten. j c 3 

billigte das rücksichtslose Vorgehen der kapländischen 
Regierung nicht, weniger aus Sympathie für die Buren, 
als aus Mangel an kolonialpolitischer Initiative. Es kam 
zudem zu einem blutigen Kaffernkrieg , der mit der 
Niederlage der Engländer endete. Und so wurde in 
dem Vertrag mit Prätorius von 1852 die Anerkennung 
der nördlich des Vaal angesiedelten Buren ausge- 
sprochen und ein Jahr später auch die Oranjekolonie 
aufgegeben. 

Die damit geschaffene Lage trug den Keim zu 
neuen Konflikten in sich. Die Holländer in der Kap- 
kolonie mußten nach Vereinigung mit den Burenstaaten 
streben, die Engländer in den Freistaaten waren die 
natürlichen Feinde der burischen Selbständigkeit. Für 
die Kapkolonie war der große Auszug der Buren ein 
äußerst günstiges Ereignis. Das verlassene Land war 
jetzt natürlich leicht zu kolonisieren. Denkwürdig für uns 
Deutsche ist der große Versuch der englischen Regierung, 
nach dem Krimkrieg die deutschen Legionen in Süd- 
afrika anzusiedeln. Man bot die verlockendsten Be- 
dingungen : freien Transport der Frauen, Kinder und 
Bräute, freie Verpflegung während eines Jahres, Halb- 
sold während dreier Jahre, Vollsold, wenn Krieg mit 
den Kaffern geführt würde. In Britisch-Kaffraria grün- 
dete man für diese Deutschen eine Anzahl Dörfer mit 
deutschen Namen, Frankfurt, Wiesbaden, Potsdam — 
deutsche Bauernfamilien und Lehrerinnen wurden heran- 
gezogen, um die Gründung von Familien zu erleichtern. 
Sehr glücklich ist der Versuch nicht ausgegangen. Die 
große und dauernde Schwierigkeit in Südafrika lag eben 
darin, daß man die Eingeborenen, die Kaffern und 
Zulus, verdrängen mußte; und die kriegerische Tüchtig- 
keit und Zähigkeit dieser Eingeborenen ließ sich nicht 
zur dienenden Arbeit degradieren, so wie es bei den 
Negern des afrikanischen Tropengürtels leicht möglich 



1^4 VI. Die englische Kolonisation. 

war. Auch wechselten die Methoden der Landvertei- 
lung zu häufig, das Mutterland schätzte Südafrika zu- 
dem nach wie vor nicht besonders hoch — die Aus- 
dehnung nach Natal, Zululand, KafYraria vollzog sich 
also unter großen Schwankungen. Das Land im Innern 
war auch nicht so ergiebig wie die Küste : es handelte 
sich um ein ziemlich trockenes Hochplateau, das allein 
Viehzucht zuließ und so nur eine dünne Bevölkerung 
ernähren konnte. 

1853 bekam die Kapkolonie eine eigene Verfassung, 
aber nicht wie die anderen reif werdenden englischen 
Kolonien mit Responsible Government. Erst zwanzig 
Jahre später wurde diese freiere Form gewährt. Ende 
der sechziger Jahre zog das Mutterland, wie in Austra- 
lien, die Truppen zurück, ließ aber doch dann etwas 
Militär dort, auch ohne den verlangten Zuschuß pro 
Kopf. Auch dies Vorgehen war ein Symptom für den 
Niedergang des kolonialen Gedankens während der klas- 
sischen liberalen Epoche. 

Da erfolgte in Südafrika ein großer Umschwung: 
es wurden Diamanten und Gold gefunden. Der Wert 
des Landes im Innern stieg dadurch mit einem Male unge- 
heuer. In die Burenstaaten zog eine ganz neue Men- 
schenklasse ein: Arbeiter, Kaufleute, Ingenieure, Spe- 
kulanten. Es war kein größerer Gegensatz zu denken, 
als zwischen den Buren und diesem neuen Europäertum. 
Ein Verständnis für den anderen war bei jedem dieser 
Gegner ausgeschlossen. In den Augen der Buren waren 
diese Eindringlinge Räuber und Betrüger, Heimatlose und 
Abenteurer, für die man nur Verachtung haben konnte. 
In den Augen der neuen Ankömmlinge waren die Buren 
bornierte Landbewohner, schwerfällige und tückische 
Egoisten, die niemanden neben sich dulden und von 
der Arbeit an den Minen profitieren wollten, die ihnen 
selbst zu schlecht schien. 



Entwickelung der Kapkolonie. Gold- und Diamantenfunde. i t C 

England plante jetzt einen südafrikanischen Bund 
und lud auch die Burenstaaten, Transvaal und Oranje- 
freistaat, dazu ein. Die Buren wollten nichts von ihrer 
Selbständigkeit preisgeben; und so benutzte die englische 
Regierung die Beschwerden von Hottentottenhäuptlingen, 
um gegen die Buren einzuschreiten. Die englische Presse 
machte durch schreckliche Berichte über die Grausam- 
keit und Roheit der Buren Stimmung gegen sie. 1877 
wurde Transvaal zum britischen Territorium erklärt. Es 
folgten erbitterte Kämpfe, die durch das Eingreifen der 
Zulus noch verwickelter wurden. Neue Burenstaaten 
wurden gegründet: Stellaland und Goosen. Und so ent- 
schloß sich die englische Regierung 1884 wiederum, zum 
zweitenmal, die Souveränität der Burenstaaten anzuer- 
kennen, nur mit der Beschränkung, daß die englische 
Krone ein Aufsichtsrecht ausüben solle über Verträge 
zwischen den Burenstaaten und Eingeborenenstämmen 
sowie fremden Mächten. 

Wenn sich dabei England nicht beruhigte, so liegt 
der Grund dazu wohl hauptsächlich in dem jetzt begin- 
nenden Wettkampf um Afrika, der jede Großmacht zwang, 
ihre Einflußsphäre möglichst auszudehnen und möglichst 
zu sichern. Zululand, Betschuanaland werden so von 
England annektiert. In ganz starkem Maße ist aber alles, 
was nunmehr geschah, das Werk eines Einzelnen, einer 
überragenden Persönlichkeit, eines der gewaltigsten 
Träger des englischen Weltmachtgedankens und moderner 
Kolonialpolitik überhaupt: Cecil Rhodes. 

Rhodes hat mit seinen Freunden und Bundesgenossen 
den Kleinbetrieb der Minen in Südafrika organisiert; er 
hat sich von Rothschild finanzieren lassen, er hat die 
-Konkurrenten ausgekauft und ist so mit seinem beispiel- 
losen Optimismus, mit seiner fabelhaften Geschäftsge- 
schicklichkeit zum Pfundmillionär geworden. Er war aber 
viel mehr als ein Geldmacher, der nun mit dem Erwor- 



I c6 VI. Die englische Kolonisation. 

benen sich gekauft hätte, was käuflich ist. Der Pfarrers- 
sohn Rhodes kam von der Bildung; er las Carlyle und die 
anderen großen Geschichtsschreiber Englands, er war be- 
scheiden und still, nachlässig und innerlich beschäftigt: er 
war ein Politiker großen Stils und hatte seinen Glauben. 
Die Engländer waren ihm das auserwählte Volk; er 
wollte ein einiges Südafrika unter englischer Flagge, er 
wollte dieses weite Land lebendig und volkreich machen 
und so einer weißen Zukunft entgegenführen. Er hat 
den Herrschaftsgedanken ganz persönlich und als Mann 
seiner Nation begriffen und er hat alles an die Verwirk- 
lichung gesetzt. Auf Geldverluste kam es ihm dabei 
nicht an: er hat Krieg aus eigener Tasche geführt und 
5000 Pfund an die liberale Parteikasse bezahlt, um zu 
verhindern, daß Gladstone Aegypten losließ. So hielt 
Rhodes seinen Willen auf das Letzte und Höchste ge- 
richtet, und der achtbare Bureneigensinn erscheint an 
dieser Weltweite politischer Ideen gemessen klein. 

Rhodes legte also um Transvaal und den Oranjefrei- 
staat den eisernen Ring. 1889 erhielt er den Freibrief 
für seine britische Südafrikagesellschaft, die berühmte 
»Chartered«, und er schuf Rhodesia, ein Land so groß wie 
Frankreich, Deutschland und Oesterreich-Ungarn: er 
baute Eisenbahnen, eroberte und gründete Städte. Rhodes 
und Präsident Krüger sind die beiden Führer in dem 
Kampf, dessen Ausbruch sich immer mehr näherte, in 
diesem Kampf, der schließlich um die höchsten Lebens- 
werte ging. Rhodes vertrat den britischen Gedanken; 
Krüger erstrebte Südafrika als eine unabhängige Groß- 
macht, in der das älteste afrikanische Kolonistentum 
herrschen sollte, eine Großmacht also der »Afrikander«. 

Aus den Konflikten der Buren und der Uitlanders 
entstand der große Kampf. Die Buren hockten phleg- 
matisch auf ihren Landsitzen und suchten als Herren 
im Hause Nutzen aus dem neuen Reichtum zu ziehen : 



Cecil Rhodes. Niederwerfung der Burenstaaten. \cy 

sie belasteten die beweglichen Goldgräber und Speku- 
lanten mit gewaltigen Abgaben. Diese Uitlanders aber 
verlangten gleiche Berechtigung mit den Alteingesessenen 
nach einer bestimmten Frist und Vertretung ihrer Inter- 
essen in der Regierung. Der Aufstand, den Dr. Jame- 
son 1895 versuchte, bewies, daß es sich um die staat- 
liche Unabhängigkeit der Buren handle. Die englische 
Regierung setzte sich für die Interessen der Uitlanders 
ein; 1899 brach der Krieg aus. 

England hat diesen Krieg unbekümmert um Nieder- 
lagen und Opfer rücksichtslos und grausam bis zur Nie- 
derwerfung der Buren durchgefochten. Hat es aber 
auch unter einem höheren Gesichtspunkt in Südafrika 
gesiegt? Ist Südafrika ein Engländerland geworden? 
Der Krieg hat die Entwickelung Südafrikas in der Rich- 
tung des Afrikandertums nur beschleunigt. England 
hat den besiegten Buren die gleichen Rechte gegeben, 
wie sie die siegreichen Engländer genossen. Englischer ist 
das Land aber nicht geworden, denn der geringe Ab- 
fluß der englischen ländlichen Bevölkerung zieht Kanada 
und die Vereinigten Staaten vor. Die Buren haben sich 
von jeher schneller vermehrt als die Engländer und 
konnten so schnell die Verluste im Krieg ausgleichen. 
Sehr stark ist auch die Zunahme der farbigen Be- 
völkerung in Südafrika; zu den Minen mußten chine- 
sische Kulis als Arbeiter herangeholt werden. Ueber- 
haupt ist die Minenbevölkerung, wie sie sich besonders 
in Johannisburg angesammelt hat, wenig robust, wenig 
stationär ; sie verflattert schnell, wie sie zusammengeströmt 
ist, und gibt wenig kolonisatorische Kraft. 

1907 bekamen die Buren die Majorität in dem Trans- 
vaalparlament und sie stellten ihren alten General Botha 
an die Spitze der Regierung. Und 1909 ist dann die 
einheitliche parlamentarische und verantwortliche Regie- 
rung, die südafrikanische Union zustande gekommen. 



1^3 VI. Die englische Kolonisation. 

Der afrikandische Gedanke hat die Zukunft in Süd- 
afrika; eine Stellung in der großen Welt kann es aber 
wohl nur durch die Verbindung mit einer Weltmacht 
behaupten. 



Nach dem Gedanken der afrikanischen Führer des 
britischen Imperialismus sollte die Eisenbahnverbindung 
zwischen Afrika und Aegypten, die Kap-Kairo-Bahn, das 
Rückgrat werden für die englische Macht in Afrika. 
Aegypten ist die jüngste der englischen Kolonien; erst 
in dem großen Krieg hat England gewagt, es zum briti- 
schen Protektorat zu erklären. 

Kein Land ist so bestrahlt vom Glanz der Welt- 
geschichte wie Aegypten. Es ist, so könnte man sagen, 
Afrika, Europa und Asien zugleich; die Völkerströme, 
die Erobererzüge, die Kämpfe um Wirtschaftsgeltung 
und Wirtschaftsstraßen , die politischen Machtideen, 
haben sich hier gedrängt, vermischt und gekreuzt: dies 
Land ist der gordische Knoten der Völkerschicksale. 

Alles, was Aegypten kolonialgeschichtlich bedeutet, 
geht auf Napoleon zurück. Er hat es der islamitischen 
Welt zu entreißen versucht und hier den ersten denk- 
würdigen Versuch gemacht, ein orientalisches Land mit 
allen Mitteln der europäischen Macht und der europäi- 
schen Wissenschaft zu verwalten, zu erforschen und zu 
erschließen. Napoleon eröffnet, wie Darmstädter ge- 
zeigt hat, auch in der Kolonialgeschichte eine neue 
Periode : er verzichtet auf jede religiöse Propaganda, er 
will das Land durch eingeborene Autoritäten unter Auf- 
sicht regieren — er will es also nicht nur äußerlich, 
sondern auch von innen heraus durch den Geist und 
durch Sympathie gewinnen. So hofft er, seinem Frank- 
reich die Hegemonie im Mittelmeer, die Herrschaft im 
Orient und die Zentralstellung im Welthandel zu sichern. 



Die südafrikanische Union. — Aegypten. I cg 

Frankreich hat dann den Einfluß in Aegypten, der ja 
schon vor Napoleon bedeutend war, trotz des Scheiterns 
der Herrschaftsgewinnung weiter entwickelt. Der Pascha 
Mehemet Ali war eine Figur in dem Spiel der franzö- 
sischen Weltpolitik, und 1840 wäre es bekanntlich um 
dieser Machtstellung Frankreichs im Orient willen bei- 
nahe zum Krieg gekommen. Das England Palmerstons 
hielt sich damals noch völlig zurück : es vertrat das 
Prinzip der türkischen Integrität und ließ sich auf keiner- 
lei Wagnisse ein. Französischer Geist und französisches 
Geld bauten dann den Suezkanal, dessen Eröffnung im 
Jahre 1869 eine neue Phase in dem Verhältnis Aegyp- 
tens zu den Großmächten einleitet. Aegypten war jetzt 
das notwendige Durchgangsland für den schnellsten Weg 
nach Indien: durch Aegypten hing für die europäischen 
Mächte das asiatische Problem mit dem afrikanischen 
zusammen. Wie würde sich England in dieser neuen 
Lage verhalten? Es war doch bezeichnend, daß bei der 
Eröffnung des großen Werks von Ferdinand von Lesseps 
die englische Regierung die einzige unter den Regierungen 
der Kulturnationen war, die keinen Vertreter schickte. 

Bald bot sich aber für England Gelegenheit, einzu- 
greifen. Ein großer kaufmännischer Coup leitete eine 
seiner folgenreichsten weltpolitischen Aktionen ein. Der 
Khedive von Aegypten Ismail Pascha überspannte sinnlos 
die Kräfte seines Landes: er baute Eisenbahnen, Fabriken, 
Paläste und versuchte Kairo in ein orientalisches Paris zu 
verwandeln. Der Bankerott drohte ; er bot Frankreich 
seine Kanalaktien an und wandte sich, hier abgewiesen, 
an England. England übernahm die 170000 Aktien 
ä 500 Francs für hundert Millionen. Und nun konnte 
es den Einfluß Frankreichs aufwiegen. Die beiden 
Mächte vereinigten sich zu einem finanziellen Kondo- 
minium. Gegen die europäischen Eingriffe erhob sich 
aber die national-ägyptische Opposition. Die islami- 



l5o VI. Die englische Kolonisation. 

tische Propaganda ballte alle widerstrebenden Elemente 
zusammen und verkündigte in den Moscheen einen neuen 
Mahdi. Im Sommer 1882 erhob sich die Bevölkerung 
von Alexandria und metzelte die Europäer nieder; dem 
Blutbad folgte die Plünderung. Die englische Regierung, 
von Bismarck diabolisch beeinflußt, entschloß sich, als 
Frankreich eine Beteiligung ablehnte, allein zum Ein- 
greifen: Alexandria wurde bombardiert, englische Truppen 
landeten. Ein paar Sommerwochen genügten zur Erobe- 
rung von Aegypten. 

Aber es zeigte sich bald, daß England weiter gehen 
mußte, wenn es sich in Kairo und am Suezkanel be- 
haupten wollte. Seit der Mitte des XIX. Jahrhunderts 
hatten die Beherrscher Aegyptens eine starke Koloni- 
sationstätigkeit entfaltet, die nilaufwärts in Eroberungs- 
zügen und Entdeckungsfahrten bis nach Abessinien und 
an das rote Meer ging. Hier hatten englische und 
französische Reisende, Offiziere und Gelehrte eine be- 
deutende Arbeit geleistet, die für die Erschließung 
Afrikas die entscheidende Anregung gewesen ist. Die 
beiden Aegypten, das nördliche der Araber und das 
südliche der Neger vermählten sich gleichsam im Sudan. 
Hier bändigte und disziplinierte der Islam die Triebhaf- 
tigkeit und Barbarei der schwarzen Stämme; die Kultur 
der Moslem erkannte und betätigte wiederum ihre große 
Aufgabe für die Entwickelung Afrikas. Es lagen in 
diesem einfachen Sittenernst, in dieser Heiligung der 
Gesellschaftsordnung, in dieser glühenden Gläubigkeit 
Momente eines gewaltigen Widerstandes gegen euro- 
päische Kolonisation. 

Hier in Oberägypten entstand die große Bewegung 
gegen den englischen Angriff. Ein nubischer Einsiedler 
wurde zum Erben Mohameds, zum neuen Propheten 
Gottes , zum echten , wahrhaften Mahdi proklamiert. 
England nahm zögernd genug den Kampf auf und er- 



Der Sudan. Ostafrika. IÖI 

litt vernichtende Niederlagen. Gordon Pascha ging in 
Khartum unter, bevor der Entsatz anlangte. Und es 
bedurfte wiederholter blutiger Feldzüge in den neunziger 
Jahren, bis die mahdistische Bewegung in Oberägypten 
niedergeschlagen wurde. Lord Kitchener hat sich hier 
bekanntlich Lorbeeren und Adelstitel geholt. 

England saß in Aegypten und machte keinerlei 
Anstalt zu weichen. Wir kennen schon den Zusammen- 
stoß mit den Franzosen bei Faschoda. England behaup- 
tete den Osten Afrikas für sich und fühlte sich in Aegypten 
als Herr. Welche Folgen mußte dieser Zustand schließ- 
lich für sein Verhältnis zur Türkei und den andern euro- 
päischen Mächten haben? 1898 wurde Kaiser Wilhelm IL 
von der englischen Regierung an den Nil eingeladen; er 
gab aber die Antwort, daß er der Gast des Khedive, 
des Souverains von Aegypten, sein würde. Und der 
Besuch unterblieb. 

Die Regierungskunst der Engländer wurde in Aegyp- 
ten auf die härteste Probe gestellt. Die Vielfältigkeit der 
Bevölkerung — Fellahs, Beduinen, Kopten, Turko-Aegyp- 
ter, Mischlinge und Einwanderer jeder Art, die Levan- 
tiner endlich, die im Orient geborenen Nachkommen von 
Europäern — diese ganze Buntheit bedeutete deshalb 
keine Erleichterung, weil der überwiegende Teil der Bevöl- 
kerung durch den Geist des Islams zusammengeschmiedet 
wurde und so etwas wie eine ägyptische Nation und 
eine nationalägyptische Bewegung entstand. Wirtschaft- 
lich hat England sicher für Aegypten Großes getan. 
Durch die Nilregulierung hat es dem bankerotten Staat die 
Fruchtbarkeit des Bodens hundertfältig nutzbar gemacht. 



Vom Norden und vom Süden hat also die britische 
Kolonisation Afrika ergriffen ; in dem großen Wettkampf 
der achtziger Jahre hat sie sich als Fortsetzung der 

Valentin, Kolonialgeschichte. II 



l52 VI. Die englische Kolonisation. 

Herrschaft in Oberägypten endlich noch das Protektorat 
in Britisch-Ostafrika gesichert, einem Gebiet, das gewaltige 
Schwierigkeiten machte, aber in seinen Wäldern beson- 
ders große Ausbeutungsmöglichkeiten gewährt. Der große 
Schmerz der englischen Imperialisten ist es, daß es nicht 
gelungen ist, die Verbindung mit Britisch-Zentralafrika 
durch Uebernahme eines Stückes des Kongostaates her- 
zustellen. Aber auch wenn diese geographische Brücke 
geschlagen wäre, wäre der englische Besitz in Afrika 
nur auf der Karte ein großes zusammenhängendes Reich. 
Die einzelnen Kolonien haben innerlich wenig miteinan- 
der zu tun, sie sind ganz verschieden politisch und wirt- 
schaftlich orientiert, sie haben zu vielfältige eingeborene 
Bevölkerungen und zu abweichende klimatische Beding- 
ungen. Von jedem der Einzelzentren spinnen sich die 
Fäden vielmehr nach dem Meer und nach dem Mutter- 
lande hin, als von einem zum andern, sodaß ein eng- 
maschiges Netz nicht entstehen konnte. 

Wir haben die wesentlichen Bestandteile des briti- 
schen Weltreiches geschichtlich betrachtet. Die großen 
Hauptteile und Hauptreiche werden durch kleinere Be- 
sitzungen, durch militärische und wirtschaftliche Stütz- 
punkte, durch Stationen und Inseln rings um den Erd- 
ball verbunden. England hat seit den entscheidenden 
Kämpfen mit Spanien, Portugal, Holland und Frankreich 
dieses System ausgebildet: es hat Gibraltar und Malta, 
Mauritius und Ceylon, Aden und Cypern, die Tonga- 
inseln und ein Stück Samoa in Besitz genommen und 
steht so, überall beteiligt und interessiert, als die erste 
Kolonialmacht der Welt da. 

Die Verwaltung dieses unvergleichlichen Reiches 
ist in der verschiedensten Weise geordnet. Das Wich- 
tigste ist uns bereits bekannt: die großen Tochterstaaten, 
die Dominion von Kanada, der Commonwealth von 
Australien und die südafrikanische Union haben Par- 



Verwaltung des Kolonialreiches. Der ältere Imperialismus. 1&X 

lament und Responsible Government: die britische Regie- 
rung stellt die Gouverneure und besitzt das Vetorecht in 
Fragen der Gesetzgebung. Die zweite Kategorie sind die 
Kolonien mit Parlament oder gewähltem gesetzgebendem 
Rate, aber ohne Responsible Governement, wie z. B. Barba- 
dos, die Bermudas, Britisch-Guyana, Malta. In den Kron- 
kolonien endlich übt das Mutterland die Verwaltung aus 
und kontrolliert die Gesetzgebung. Die Mehrzahl der 
Inseln und Stationen sowie die westafrikanischen Be- 
sitzungen, wo ja überall die Voraussetzung für Selbst- 
verwaltungen fehlen, ferner die westindischen Kolonien 
und die Straits Settlements werden so regiert. Dazu 
kommen noch die Protektorate, Sansibar, Uganda, 
Nigeria; Indien mit seinen Schutzstaaten und Agenturen 
gilt als besonderes Reich. 

Das britische Weltreich ist ein Produkt des XIX. 
Jahrhunderts, in seiner Ausdehnung und in seiner Organi- 
sation; die englische Weltstellung als solche ist aber 
das Ergebnis jahrhundertelanger Machtkämpfe. Zu einer 
Zeit, da die englische Vorherrschaft am wenigsten be- 
stritten war, meinte der herrschende Liberalismus, die 
Verantwortlichkeit für die Besitzungen über See all- 
mählich von England abschieben zu können. Der Wett- 
kampf der großen Mächte um die Aufteilung der Erde 
hat dann den niemals abgestorbenen, sondern nur lässig 
gewordenen englischen Herrschaftsgedanken zu neuer 
Aktivität angespornt. Und so ist das England Disraelis 
und Salisburys in die imperialistische Epoche eingetreten. 

Der ältere englische Imperialismus ist eine große 
geistige Bewegung, deren Sinn es war, den britischen 
Nationalgedanken zu erwecken und zu kräftigen. Diese 
Bewegung knüpft an die stärksten Traditionen der bri- 
tischen Geschichte an, an das Puritanertum und seine 
WeltaufTassung, die so primitiv und naiv, so massiv in 
ihrem Wortglauben, so ethisch in ihrer planmäßigen 

II * 



164 VI. Die englische Kolonisation. 

Lebensgestaltung, in ihrem Aufgehen in Berufsarbeit 
war. Das Manchestertum bedeutete ein Versinken und 
Erstarren dieser Ideen in einem platten Eudämonismus, 
der seine Geldbeutelinteressen mit humanitären Phrasen 
philisterhaft verband. Diese Ideen wurden aber dann 
veredelt, vertieft und zu einem überwirtschaftlichen roman- 
tischen Glauben an das Britentum und seine Weltmis- 
sion gesteigert. Carlyle hat koloniale Arbeit und Pflicht- 
erfüllung, staatliche und militärische Machtentfaltung ge- 
predigt. Seeley, Froude, Dilke forderten die britische 
Expansion, das Emporwachsen zu einem ozeanischen Staat, 
die Entwickelung von Großbritannien zu Größerbritan- 
nien. Die Bewegung, die so in England entstand, wendet 
sich an das Staats- und Kulturbewußtsein, sie fordert 
Macht im weltgeschichtlichen Sinne, sie ist von Männern 
der Idee getragen und deshalb erfüllt von großer ideeller 
Wucht. Wie sollte sich nun aber diese Weltherrschaft 
der angelsächsischen Rasse und Kultur verwirklichen? 
Der jüngere Imperialismus machte den Versuch, die 
idealen Forderungen mit den realen Bedürfnissen in Ein- 
klang zu bringen. Unleugbar bestanden für den Zu- 
sammenhalt des britischen Reiches Gefahren. Die Aus- 
wanderung aus England nach den Siedelungskolonien 
wurde immer geringer, die Bande wurden lockerer. Die 
Entstehung des Kolonialnationalismus habe ich wieder- 
holt angedeutet; er konnte besonders schwierig werden, 
wenn er sich mit den Hoffnungen nicht angelsächsischer 
Elemente verband. Das Mutterland fand ferner die mili- 
tärischen Lasten, die ihm die Kolonien auferlegten, ohne 
wesentlich daran teilzunehmen, recht drückend. Die 
wirtschaftlichen Momente wurden endlich von besonderer 
Bedeutung. Die Kolonien dieses freihändlerischen Mutter- 
landes genossen handelspolitische Autonomie und so 
entwickelten sie ein protektionistisch gefärbtes Finanz- 
zollsystem. Es entstand der lebhafte Wunsch nach 



Der jüngere Imperialismus. Chamberlain. jgc 

DirTerenzialbegünstigung auf dem britischen Markt gegen- 
über kräftigeren Konkurrenten. 1887 fand die erste 
Kolonialkonferenz statt; Kanada trieb vorwärts. Die 
Kolonien wünschten ein Zollabkommen mit dem Mutter- 
land zum Zweck der Begünstigung des Handels inner- 
halb des Reichs. Dagegen erhob sich nun aber das 
Mutterland, erfüllt von der imperialistischen Idee. Cham- 
berlain wurde der Wortführer des Gedankens, in der 
neuen hochschutzzöllnerischen Wirtschaftsepoche auch 
das »Empire« gegenüber seinen Konkurrenten, den Ver- 
einigten Staaten und Deutschland, zu einer wirtschaft- 
lichen Einheit, zu einem Zollverein mit Freihandel im 
Innern und Schutzzoll nach Außen zusammenzuschließen. 
Das ist Chamberlains berühmte »Finanzreform«; sie ist 
ihrem Wesen nach kein rein wirtschaftlicher Gedanke, 
sondern beruht auf machtpolitischen Ideen größten Stils. 
Chamberlain hat einmal gesagt, er hätte immer aner- 
kannt, daß bei Beibehaltung des Freihandels mehr Cheks 
durch das Clearinghouse gingen und die Erträgnisse der 
Einkommensteuer wüchsen; aber, so fügte er hinzu, gibt 
es nicht Größeres als dies? »Wir können an Reichtum 
zunehmen, aber trotzdem kann unsere nationale Mission 
zugrunde gehen. Hiergegen protestiere ich mit der 
ganzen Kraft meiner Natur.« Ein andermal hat er da- 
von gesprochen, daß England alt und mit Ehren und 
Lasten beladen sei; aber das »Reich« sei jung und 
müsse der britischen Nation eine Zukunft bringen, die 
größer wäre als ihre Vergangenheit. 

Wie stellten sich nun aber die Kolonien zu diesen 
Gedanken? Die Kolonien waren und sind Gegner des 
interkolonialen Freihandels. Sie mußten es sein, denn 
sie konnten im Interesse ihrer Wirtschaft nicht auf Zölle 
gegenüber dem Mutterland verzichten. Ueberall ist im 
Grunde die gleiche Stimmung gewesen; eine zollpoli- 
tische Angliederung galt als ganz aussichtslos. Nicht 



l56 VI. Die englische Kolonisation. 

nur in Kanada und in Südafrika, sondern auch in Indien 
entstand eine schutzzöllnerische Stimmung. Man fragte 
sich etwa in den Tochterstaaten, warum das Mutterland 
die Kolonien schädigen wolle, da es doch durch histo- 
rische und persönliche Verbindungen die kolonialen 
Märkte beherrschte? Vom englischen Standpunkt war 
aber doch die Sachlage wesentlich anders: die Kon- 
kurrenz der neuen Industriemächte wurde immer empfind- 
licher, der Zorn gegen das Schleudern und Unterbieten 
auf dem Weltmarkt immer größer; der einseitige Frei- 
handel war in dieser neuen Welt voll heißen Wettkampfes 
eine veraltete Torheit. 

Der Gedanke des Reichszollvereins ist aber nicht 
verwirklicht worden. Ebensowenig ist es gelungen, die 
anderen praktischen Ziele des jüngeren Imperialismus, 
den Reichswehrverein und das Reichsparlament, zu er- 
reichen. Die politische und wirtschaftliche Zusammen- 
ballung fand energischen und siegreichen Widerstand 
nicht nur in den Kolonien, sondern auch bei dem Ar- 
beitertum und bei der liberalen Partei. Der Gedanke des 
Empire ist nur in viel bescheidenerer Form zum Aus- 
druck gelangt: es kam zu regelmäßigen Kolonialkon- 
ferenzen in London und zu Einzelabmachungen über 
Geldbeiträge der Kolonien zur Flotte. 

Das Ergebnis der englischen Kolonisation ist ein 
Weltreich, das unter allen Großmächten der Erde die 
anspruchsvollste Stellung einnimmt. Großbritannien hat 
um seiner Kolonisation willen bis in die jüngste Zeit 
mehr Kriege geführt und mehr Geld für seine Militär- 
und Marineherrschaft ausgegeben, als irgend eine andere 
Macht ; es hat sich darum auch stärker vergrößert als 
die anderen. Das »Reich« hat immer noch äußerlich zu- 
sammengehalten und, wie alle politischen Bildungen nie- 
mals mehr, als wenn es einen Gegner fand. Eine ein- 
heitliche britische Nation hat sich in diesem Reich nicht 



Zwiespälte: Kolonialbrite und Horae-Engländer. j(57 

entwickeln können. Wir haben gesehen, wie sich der 
neue Typ des Kolonialbriten ausbildete: der starre, harte 
Wirtschaftsmensch, dessen nackter Egoismus aus allem, 
was die Welt bewegt, nur die Bilanz zieht. Wie sehr 
sticht davon der letzte Typ des Home-Engländers ab, 
des Luxus- und Sportmenschen mit den verschwende- 
rischen Lebensgewohnheiten, des Globetrotters und Gol- 
fers, der von der Arbeit der Neger, Chinesen und Hindu 
lebt, der in einer ästhetisch verfeinerten Lebenssphäre 
bei Sophismen und Paradoxen das Dasein des liebens- 
würdigen und vollendet abgeschliffenen Skeptikers führt, 
fern von mächtiger Kunst- und Gedankenschöpfung, fern 
von der Erhabenheit der Staatsidee, die schrankenlose 
Aufopferung des Lebens und des Glückes verlangt. 
Und der Vermittler zwischen diesen beiden englischen 
Typen, dem Kolonialengländer und dem Home-Eng- 
länder, ist endlich der Londoner Börsenspekulant, dessen 
inbrünstiges Angelsachsentum zumeist recht jung ist: er 
macht als ein skrupelloser Makler für den englischen 
Rentnerstaat die Arbeit und das Leben des Kolonial- 
reiches und seiner Trabanten nutzbar. 



i68 



Siebentes Kapitel. 
Die russische Kolonisation. 

Das asiatische Rußland wird amtlich nicht als eine 
russische Kolonie, sondern als ein Teil des russischen 
Staates angesehen. In gewissem Sinn ist die russische 
Expansion in Asien auch mehr eine Ausbreitung als 
eine wirkliche Kolonisation. Es handelt sich hier nicht 
um eine Entfernung vom Mutterland, um eine Erfor- 
schung andersartiger Zonen, um Gründung von neuen 
politischen und kulturellen Gemeinschaften. Rußlands 
Kolonisation hat sich über Gebiete erstreckt, die ebenso 
bloß binnenländisch waren, wie Rußland selbst : es sind 
dieselben Steppen und Wälder, dieselben schroffen kli- 
matischen Gegensätze. Nur Grad- und nicht Artunter- 
schiede bestehen zwischen dem europäischen und dem 
asiatischen Rußland. 

Niemals brauchte sich bei dieser mächtigen Aus- 
dehnung eine russische Armee von ihrer Operations- 
basis, von ihren Hilfsquellen zu trennen. Niemals brauchte 
ein Auswanderer zu empfinden, daß er sein Vaterland 
verließ. Es ist mehr eine Wanderung als eine Aus- 
wanderung — eine langsame, wuchtige unaufhaltsame 
Wanderung nach Osten und nach Süden. Das nörd- 
liche Asien ist ein dünn bevölkertes und nur von Noma- 
den durchzogenes Gebiet gewesen. Auch das bedeutete 
einen ungeheuren Vorteil: kein harter Kampf um das 
Land war nötig, es gab Raum, grenzenlosen Raum, 
bereit für neue Völker. Es waren genug Elemente in 



Wesen der asiatischen Expansion. l(5o 

Rußland, die zu dieser wandernden Auswanderung ge- 
eignet waren: die Kosaken, gewohnt, kriegerisch und 
abenteuerlich herumzuschweifen, die Häretiker, die vor 
der Orthodoxie ins Neuland flohen, und dann die Tau- 
sende von befreiten Leibeigenen, die in der neuen rus- 
sischen Dorfgemeinschaft keinen Platz fanden und hin- 
ausziehen mußten. Der primitive Zustand der russischen 
Bevölkerung erleichterte die Verpflanzung. Die einfache 
und natürliche Art des Lebens konnte in den ferneren 
Distrikten ebensogut fortgesetzt werden. Auch der rus- 
sische Kaufmann stand dem Händler von Samarkand 
nahe genug. Der ganze russische Verwaltungsapparat 
mit seiner naiven Weitherzigkeit und seiner gutmütigen 
Roheit fand Gegenliebe auf Seite der primitiven Völker, 
die sich von der starren Rechtlichkeit und unpersönlichen 
Pedanterie westeuropäischer Amtspersonen abgestoßen 
gefühlt hätten. Die Russen waren von jeher mit ihrer 
leichten Anpassungsfähigkeit und ihrer Methode der Un- 
präzision im innern Asien den Engländern überlegen, 
und für turkestanische Zustände brachte die russische 
Verwaltung sogar eine erhebliche und eben noch faß- 
bare Verbesserung. 

Schon im XVI. Jahrhundert unter Iwan dem Schreck- 
lichen ist der Ural überschritten worden. Die Ausdeh- 
nung über Sibirien, die Niederlassung am Amur führte 
zu Kämpfen mit den Chinesen, die mit der Abtretung 
des Amurgebietes an China (1689) endeten. Peter der 
Große schickte dann eine Expedition nach Mittelasien, 
nach Chiwa und Buchara, die den Handelsweg nach Indien 
aufsuchen sollte. Die Handelsleute sind in der Früh- 
zeit auch hier die Patrouillengänger der Kolonisation. 
In Linien wurden dann befestigte Posten angelegt, und 
daran entwickelte sich eine spärliche Besiedelung. Die 
Hauptsache war immer, die Kirgisen, Tartaren, Kai- 



j70 VII. Die russische Kolonisation. 

müken zu Tributen zu zwingen, die meistens in der 
Lieferung von Zobelfellen bestanden. 

Während des XVIII. Jahrhunderts war die russische 
Politik in Europa und im nahen Orient beschäftigt, so- 
daß die asiatische Kolonisation nicht fortschritt. Sibi- 
rien war Deportationsland und kam so allmählich zur 
Entwickelung. Große Strecken Sibiriens, besonders im 
Osten, sind ja als Ackerbauland durchaus entwickelungs- 
fähig. Seine Mineralien, seine Wälder, seine landschaft- 
liche Schönheit, besonders im Amurgebiet, boten günstige 
Aussichten. Man hat berechnet, daß hier ein zweites 
Rußland von 50 Millionen Menschen entstehen kann; 
es sind die einzigen Gebiete Asiens, in denen Euro- 
päer sich für die Dauer ansiedeln können. 

Unter Nikolaus I. begann ein neues Vordringen der 
Russen in Mittelasien. Es ist, wie es York von Warten- 
burg treffend ausgedrückt hat, gleichsam die Jagd nach 
einer Grenze gewesen: die Nomaden reizten immer 
wieder, einzelne Gouverneure zeigten Ehrgeiz; im Ganzen 
war wenig Plan in den Unternehmungen. Unter der 
Maske einer wissenschaftlichen Expedition wurde 1839 
ein Feldzug gegen Chiwa unternommen, als die Engländer 
Afghanistan bekämpften. Das Reich des Emir entwickelte 
sich jetzt zum Kampfobjekt der russischen und der eng- 
lischen Politik in Asien. Rußland schob sich immer 
näher heran; die Expansion hat durchaus militärischen 
Charakter — Festungen werden genommen, Stromüber- 
gänge werden festgelegt, die Eingeborenen geben durch 
ihre räuberischen Gewohnheiten immer wieder einen 
Grund zum Einschreiten, und schließlich werden Militär- 
bezirke und Verwaltungen errichtet: Turkestan undTrans- 
kaspien. Für die russischen Generäle ist dieses ganze 
Vordringen eine willkommene Gelegenheit zu mehr oder 
weniger billigen Triumphen: Tschernajew, Skobelew, 
Ignatiew haben sich hier einen Namen gemacht. 



Sibirien und Zentralasien : Jagd nach der Grenze. iy\ 

Im Laufe des XIX. Jahrhunderts hat die russische 
Kolonisation in Asien immer mehr einen weltpolitischen 
Charakter bekommen. In seiner berühmten Zirkularnote 
vom 3. Dezember 1869 skizzierte Fürst Gortschakow 
das asiatische Programm Rußlands : Rußland muß seinen 
nomadisierenden halbwilden Nachbarvölkern gegenüber 
ein dauerndes Uebergewicht ausüben ; es muß Einfälle 
und Plünderungen abweisen und muß deshalb, was 
immer an der Grenze ist, zu mehr oder minder direkter 
Unterwürfigkeit zwingen. So folgt Expedition auf Ex- 
pedition, kein Schritt kann zurückgemacht werden, die 
Asiaten achten nur fühlbare und greifbare Gewalt. 

Zentralasien, dieser alte geschichtliche Boden, mit 
seinen starken Völkermischungen, seiner Unsicherheit, 
seiner geheimnisvollen Entrücktheit, erwies sich als 
ein Gebiet von mächtigen Hilfsquellen und großer Zu- 
kunft. Hier fand die russische Industrie die Baum- 
wolle im Lande. Und Rußland strebte weiter nach 
Persien, nach dem persischen Golf, dem nächsten »war- 
men Wasser«, das der binnenländische Koloß erreichen 
kann. Und den analogen Sinn hat die Befestigung der 
russischen Herrschaft in Sibirien, die Gewinnung des 
großen Ozeans (Vertrag mit China 1858) und die Grün- 
dung von Wladiwostok, der Stadt mit dem programma- 
tischen Namen, »der Beherrscherin des Ostens«. Der 
unglückliche Krieg mit Japan hat hier Rußland etw r as 
gehemmt; in Zentralasien ist es aber ungelähmt vor- 
wärts geschritten, und England mußte sich in wieder- 
holten Abmachungen über Grenzen und Einflußzonen 
mit Rußland verständigen. Die sibirische Bahn, die 
transkaspische Bahn, das Werk Skobelews, die den 
Wüstengürtel durchschneidet, den England als Schutz 
für Indien ansah, endlich die Transbaikaibahn geben der 
russischen Kolonisation und der russischen militärischen 
Stellung in Asien den Halt. Rußland ist die vordringende 



172 



VII. Die russische Kolonisation. 



und die robustere Macht; England weiß, daß der Besitz 
von Indien von der größeren Kraft zu Lande abhängt, 
und hat seine Entschlossenheit gezeigt, Indien und seine 
Vorwerke zu behaupten. Die letzten und kühnsten Ge- 
danken der englischen Weltpolitik, die Türkei zu zer- 
trümmern, ein südpersisches Reich zu gründen und die 
Verbindung zwischen Aegypten und Indien im mittleren 
Osten herzustellen, dienen wesentlich dem Zweck, Ruß- 
land und der russischen Kolonisation in Asien die Wage 
zu halten. 



173 



Achtes Kapitel. 
Die Kolonisation der Vereinigten Staaten. 

Die dreizehn Staaten von 1776 sind seit ihrer Los- 
reißung von England über den ganzen amerikanischen 
Kontinent hinübergewachsen. Diese Ausdehnung ist 
eines der wichtigsten Ereignisse der neueren Kolonial- 
geschichte. Nordamerika wurde immer mehr d i e Ko- 
lonie von Gesamteuropa. Nur verloren die Europäer 
ihren staatlichen Zusammenhang mit ihrem europäischen 
Mutterland und traten in ein Verhältnis zu diesem neuen 
Mutterland, den Vereinigten Staaten. Die späteren Ko- 
lonisten wurden gewissermaßen zugleich Söhne und Brü- 
der der dreizehn Staaten : immer wieder ist ein neuer 
Stern in das Sternenbanner gekommen — die Zahl be- 
trägt jetzt 46. 

Die kolonisatorische Erschließung des Westens — 
das ist die eigentlich große Tatsache der amerikanischen 
Geschichte im XIX. Jahrhundert. Im Westen hat auch 
die Entscheidung des Gegensatzes zwischen Nord und 
Süd gelegen, zwischen freien arbeitenden Bürgern und 
sklavenhaltenden Pflanzern. Bei dem Kampf um das 
Westland hat sich dieser alte historische Konflikt ver- 
schärft, bis schließlich der Sezessionskrieg den Sieg des 
freien demokratischen Nordens brachte. 

Die ersten, die in den wilden fernen Westen vor- 
dringen, sind die Jäger: sie errichten eine Hütte im 
Wald, sie roden ein Stück aus zur Anlage von Garten 
und Feld. Dann kommen die Pionierfarmer: sie kaufen 



174 VIII. Die Kolonisation der Vereinigten Staaten. 

dem Jäger seinen Besitz um ein Weniges ab, der Jäger 
zieht weiter, und sie erwerben nun einen regelrechten 
Landtitel, bauen ein solides Holzhaus und roden weiter. 
Meistens hält sich der erste Farmer nicht lang und ver- 
kauft auch wieder; erst der dritte wird dann der end- 
gültige Besitzer, der Farmer, dem der neue Boden zur 
Heimat wird. Die große Frage nach der Unabhängig- 
keitserklärung war nun: wem gehört das Neuland, den 
einzelnen Staaten oder der Union? Es war einer der 
folgenreichsten Beschlüsse, daß dieses Neuland der Ge- 
samtnation zugesprochen wurde. Der Gemeinbesitz ist 
eine der wichtigsten Einheitsgarantien geworden; das 
Bundesland ist das eigentlich amerikanische Amerika. 
Die Ohioordonnanz regelte die politische Existenz der 
Territorien nördlich des Ohio und wurde das Vorbild 
für die Bildung aller anderen Staaten. Es ist das bedeu- 
tendste kolonisatorische Gesetz der Vereinigten Staaten. 
Zunächst sollte das Territorium von einem Gouverneur 
verwaltet werden, ihm zur Seite sollten vom Kongreß 
eingesetzte Richter stehen. Sobald das Territorium 
5000 freie männliche Bewohner zählte, sollte es eine 
Versammlung wählen, der die Legislatur zustände. So- 
bald schließlich das Territorium 60000 freie Einwohner 
besäße, sollte es als gleichberechtigter Staat in die 
Union aufgenommen werden. Damit war ein Grund- 
satz aufgestellt von höchster prinzipieller Bedeutung. 
Der Staat als Ganzes übernahm die Kolonisation, regelte 
und überwachte sie; die neuen Ansiedelungsgemeinschaf- 
ten wurden als eine Erweiterung des Mutterlandes an- 
gesehen und sollten, sobald es die Entwicklung erlaubte, 
ihm gleichgestellt werden. Zum Zweck der Bodenver- 
teilung wurde das ganze Neuland durch Nordsüd- und 
Ostwestlinien in Quadrate von 36 Quadratmeilen ein- 
geteilt; und diese Blocks wurden wiederum parzelliert. 
Nur auf so vermessenen Gebieten durfte besiedelt wer- 



Das Neuland: seine Verteilung. Die Staatenbildung. \y t 

den. Freier Verkauf war allein erlaubt; weder Grund- 
zins noch Pacht wurde zugelassen. 

Nach dem Sezessionskrieg ist das Heimstättengesetz 
gegeben worden, das jedem volljährigen Mann, der Bür- 
ger der Vereinigten Staaten ist oder es werden will, 
gegen eine geringe Gebühr die Erlaubnis der Nieder- 
lassung auf einer Viertel- oder Achtelsektion des Bundes- 
landes gibt. Nach fünfjährigem ununterbrochenem Auf- 
enthalt wird die Heimstätte als volles Eigentum verliehen. 
Große Landschenkungen hat die Union an Korporationen 
gemacht, an Schulen, Universitäten ; anderes Land ist 
zum Bau von Straßen, Kanälen und Eisenbahnen her- 
gegeben worden. Die Eisenbahngesellschaften beson- 
ders haben gewaltige Gebiete rechts und links der Bahn- 
linie erhalten. 

So sind denn ganze Völkerströme nach diesem 
Westen gezogen — zunächst aus den dreizehn alten 
Staaten selbst: die Farmer Neu-Englands, die besseren 
Boden suchten, die armen Weißen des Südens, die 
von den Pflanzern bedrängt waren; viele Deutsche und 
Schotten wirkten als berufsmäßige Pioniere immer an 
der äußersten Grenze. Seit den dreißiger Jahren des 
XIX. Jahrhunderts setzte dann die europäische Ein- 
wanderung ganz stark ein : Deutsche, Iren, Skandina- 
vier, zuletzt Italiener und alle Art Slawen. 

Ohio ist der erste Staat, der neu aufgenommen 
wurde (1802), es folgten Indiana, Illinois, Missouri u. s. w. 
1835 war f as t alles Land östlich des Mississippi besiedelt. 
Die Kolonisation ging immer den Wasserstraßen ent- 
lang. An den natürlichen Häfen der Seen, am Zu- 
sammenfluß der Ströme, an Straßenkreuzungspunkten 
entstehen dann die Städte: Kirche, Wirtshaus, Schule, 
Bank, Zeitungsgebäude, Kaufläden — damit ist der 
Markt für den Farmer da. Schnell entwickeln sich 
Lebensmittelindustrien. Die Rohstoffe sind billig, die 



1^6 VIII. Die Kolonisation der Vereinigten Staaten. 

Frachtkosten sind hoch — also man braut, man mahlt 
selbst, man stellt Konserven her. Der Südwesten ent- 
wickelt sich mehr im Stil der alten Südstaaten. Loui- 
siana und Texas haben Plantagenwirtschaft. 

Schwierig ist die Kolonisation des fernsten Westens 
geworden, des »Arid west«, des dürren Westens. Hier- 
her lockten zuerst die mächtigen Mineralschätze: Gold, 
Silber, Kupfer, Eisen, Kohle, Petroleum. Abseits von 
den andern steht das Goldland Kalifornien, dem seine 
südliche Bodengestaltung noch eine große Zukunft, be- 
sonders nach Eröffnung des Panamakanals verspricht. 

Einer der gewaltigsten Vorgänge der Kolonialge- 
schichte : ein Jahrhundert genügt, um in einem fast men- 
schenleeren Gebiete fünfzig Millionen Menschen anzu- 
siedeln. Erst durch das Neuland sind die Vereinigten 
Staaten geworden, was sie sind — das größte, Lebensmittel 
und Rohstoffe produzierende Land der Erde. Im Westen 
ist zudem Gesellschaft und Staat völlig neu und demo- 
kratisch ausgebildet worden; von hier aus wurde beson- 
ders der alte Süden überwunden, hier erstarkte das 
Amerikanertum zu seiner unbekümmerten Jugendlich- 
keit. 

Die Vereinigten Staaten haben ihre Kolonisation 
zum erheblichen Teil auf Gebiete ausgedehnt, die schon 
von anderen kolonisiert worden waren. Louisiana ist 
von den Franzosen, Florida von den Spaniern gekauft 
worden. Ein großer Teil von Nordamerika ist ja schon 
von der spanischen Kolonisation in früheren Jahrhunder- 
ten berührt worden. Texas, eine mexikanische Provinz, 
geht zur Union über; Kalifornien, Nevada, Arizona, der 
mittlere Westen wird den Mexikanern abgekauft, Alaska 
den Russen. Durch ihre Kolonisation sind die Ver- 
einigten Staaten so immer mehr die amerikanische 
Großmacht geworden, deren Einfluß, Energie und Kapi- 
tal sich über den ganzen Kontinent grandios ausbreitet. 



Hawaii, Samoa. — Die spanische Erbschaft. ijj 

Wie lange wird es dauern, daß das Nordamerikanertum, 
in den Vereinigten Staaten gesättigt, sich kolonisatorisch 
nach der Mitte Amerikas und weiterhin ausbreitet? 



Indessen ist die Union schon über den amerika- 
nischen Kreis hinausgetreten. Sie griff in die verwirrten 
Zustände auf den Sandwichinseln ein, wo kalifornische 
Abenteurer hinreichend vorgearbeitet hatten. Die Kö- 
nigin von Hawaii war abgesetzt, die Republik war er- 
klärt worden. 1898 sprachen die Vereinigten Staaten 
die Annexion aus und machten zwei Jahre später die 
Inselgruppe zum Territorium. Es kam damit ein ganz 
neues Element in das amerikanische Staatswesen — eine 
zwar kleine, aber stark in der Vermehrung begriffene, 
ganz international zusammengesetzte Gesellschaft. Ueber 
die Hälfte der Bevölkerung stammte aus Japan und China, 
und diese Asiaten waren nun amerikanische Bürger ge- 
worden! Zu alledem war Japans ozeanischer Ehrgeiz 
durch diesen amerikanischen Vorstoß schwer verletzt. 
Aber die Union schritt auf dem betretenen Wege fort. 
Sie wurde in Samoa Kolonialnachbar von England und 
Deutschland und trat dann die spanische Herrschaft an. 

Die Ueberbleibsel des ersten großen Kolonialreiches, 
die so an die jüngste, sozusagen die sekundäre Kolo- 
nialmacht kamen, waren an Wert und politischer Bedeu- 
tung verschiedenartig genug. Die Insel Portorico war 
leicht zu übernehmen. Sie befand sich durch ihre tropi- 
sche Produktion in wirtschaftlich günstiger Lage, war 
überwiegend weiß bevölkert und wurde bald amerika- 
nisches Territorium. Auch Cuba hatte dank der spani- 
schen Kolonisation eine stattliche weiße Bevölkerung, zu 
der sich Mulatten und auch Briten und Nordamerikaner ge- 
sellten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren hier, auf 
der Perle der Antillen, gleichfalls durchaus günstig. Aber 

Valentin, Kolonialgeschichte. 12 



178 VIII. Die Kolonisation der Vereinigten Staaten. 

politisch war die Insel, ähnlich wie das benachbarte Haiti, 
in einen Zustand völliger Verwirrung und Verrottung 
hineingekommen. Die Vereinigten Staaten erkannten 
Cubas staatliche Selbständigkeit an, sahen sich aber 
genötigt, durch Reorganisation, Interventions- und Kon- 
trollrecht mit der Insel in ein immer näheres Bevor- 
mundungsverhältnis zu kommen. Cuba bedeutet als 
Nachbar von Mexiko und Panama auch weltpolitisch 
sehr viel. 

Am dornenvollsten ist für die Vereinigten Staaten 
der Besitz der Philippinen geworden, durch den ihre 
koloniale Expansion nach Asien hinübergriff. Es war 
kaum möglich, auf den dreitausend Inseln die amerika- 
nische Herrschaft wirklich durchzusetzen. Spanische 
Sprache und katholischer Kult gaben den malaiischen Ein- 
wohnern eine äußerliche Kolonialkultur; die wirkliche 
Macht waren die hunderttausend Chinesen, und in un- 
mittelbarer Nähe drohte verstimmt und eifersüchtig Japan. 
Die asiatische Gefahr ist ja bekanntlich überhaupt für 
die Vereinigten Staaten so groß geworden, daß man 
sich mit Boykott und schlecht verhehlter Feindseligkeit 
gegen sie zu wehren suchte. 

Das ist also aus den dreizehn Kolonien empor- 
gewachsen: die originellste Blüte der europäischen Ko- 
lonisation, eine Welt voll innerer und äußerer Frei- 
heit, voll Unternehmungskraft, gewaltig im Denken und 
Streben, jugendlich optimistisch, hart und praktisch; 
ein Leben, das laut, rastlos, marktschreierisch und rück- 
sichtslos ist, das Reklame, Schwindel, Luxus in uner- 
hörten Größenverhältnissen erzeugt hat, das Menschen 
emporträgt und niederschlingt, das aber auch aristo- 
kratische Bildungen entwickelte. Wir sehen im hell- 
sten Licht der Geschichte eine koloniale Welt entstehen 
und wachsen, eine Welt, die aber nicht abseits bleiben 
konnte, sondern in den großen politischen Zusammen- 



Die Vereinigten Staaten und der Machtgedanke. jyg 

hang der neuesten Geschichte treten mußte und des- 
halb eine Wendung zum Staats- und Machtbewußtsein 
begann. Nur wenn sie dieses Bewußtsein nach Art des 
alten Europa durch die straffe Formung aller poli- 
tischen und militärischen Kräfte wappnet, wird sie 
dauern können. 



12 



i8o 



Neuntes Kapitel. 
Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

Zwei Höhepunkte hat die Kolonialgeschichte der Neu- 
zeit. Der eine fällt in die Blütezeit des Merkantilismus, 
der andere in die Blüte des Imperialismus. In der zwei- 
ten Hälfte des XVII. Jahrhunderts sehen wir einen hef- 
tigen Wettbewerb in der Kolonisation ; in der zweiten 
Hälfte des XIX. Jahrhunderts ist ein Wettkampf größeren 
Stiles entstanden, der nicht mehr wie damals zunächst den 
kolonialen Produkten, sondern unmittelbar kolonialer 
Herrschaft und kolonialer Machtentfaltung galt. Das 
Charakteristische für die beiden Epochen der Gärung 
und Wandelung ist die Teilnahme der politischen Gemein- 
schaften zweiten Ranges. 

Dänemark hat kurz nach der Gründung der holländi- 
schen Kompagnie ostindische Handelsgesellschaften ge- 
gründet, hat die Antilleninsel St. Thomas in Besitz ge- 
nommen und sich an der afrikanischen Westküste fest- 
gesetzt. Hier wurde es der glücklichere Nachfolger Schwe- 
dens, das nicht nur in Nordamerika, wie wir sahen, 
sondern auch hier, auf dem Gebiete seine Versuche 
machte, das neben den beiden Indien am meisten An- 
ziehungskraft besaß. 1645 wurde eine schwedische afri- 
kanische Handelskompagnie gegründet, als deren Bevoll- 
mächtigter ein Rostocker an die Goldküste kam. Die 
Dänen erschienen aber bald, eroberten die schwedischen 
Forts, mußten zwar den größeren Teil den Holländern 
überlassen, ergänzten jedoch das Behauptete durch Neu- 



Die Ostseemächte. — König Leopold II. igl 

erwerbungen und trieben eifrig Sklavenhandel. Wir haben 
gesehen, wie sie den wertlos gewordenen Besitz im 
XIX. Jahrhundert England überließen. 

Ebenso ephemer wie Schwedens Versuche waren 
die Unternehmungen anderer Ostseemächte an der afrika- 
nischen Westküste, des Herzogs von Kurland und des 
Großen Kurfürsten von Brandenburg. Sein Fort »Groß- 
Friedrichsburg« reizte die mächtigen holländischen Nach- 
barn, verlangte große Aufwendungen und brachte wenig 
ein. Das Hauptgeschäft wurde auch hier durch Sklaven- 
handel gemacht, für den man die dänische Insel St. Tho- 
mas als Ausfuhrgebiet gewann. Die Goldproduktion 
rentierte sich weniger. 

Die Kolonisationsversuche dieser kleineren Mächte 
haben mehr den Charakter von fürstlichen Spekulationen 
zur Hebung der Staatsfinanzen. Ehrgeiz, Geschäfts- 
trieb und ein kaum über die sachlichen Bedingungen 
orientierter, romantischer Unternehmungsgeist wirken hier 
eigentümlich zusammen. 



Ein Nachfahr der großen absoluten Fürsten und 
ihrer Merkantilpolitik ist der belgische König Leopold IL, 
auf den die merkwürdigste koloniale Unternehmung der 
neuesten Zeit zurückgeht — im Herzen Afrikas, in einem 
Gebiet, das vor wenig mehr als einem Menschenalter 
noch kein europäischer Fuß betreten hat. 

König Leopold ist einer von den ganz wenigen 
Fürsten, die persönlich entscheidend in die Kolonial- 
entwickelung eingegriffen haben. Schon als Thronfolger 
interessierte er sich für die große Welt; er lernte sie 
kennen durch ausgedehnte Reisen im Orient, nach Indien 
und China. Als Zwanzigjähriger prophezeite er im bel- 
gischen Senat, daß er Zentralafrika der Zivilisation ge- 
winnen würde. Das Beispiel Hollands und seiner 



l82 IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

Ausnutzung des ostindischen Reichtums durch den 
Kultuur-Stelsel rühmte er mit Worten starker Bewun- 
derung. Als dann in den siebziger Jahren die wissen- 
schaftliche Erschließung Afrikas lebhaft einsetzte, war 
König Leopolds Zeit gekommen. 1873 wurde die deutsche 
Gesellschaft zur Erforschung Aequatorialafrikas gegrün- 
det; Adolf Bastian war ihr leitender Geist. Von den 
allgemeinen und objektiven Interessen der Wissenschaft 
ging auch Leopold aus. Er leitete 1876 die geographi- 
sche Konferenz in Brüssel und formulierte als sein Ziel, 
daß Belgien, so klein es auch sei, das Hauptquartier 
des »mouvement civilisateur« werden solle, das nun für 
Afrika zu beginnen habe. Militärische Unternehmungen 
und kirchlich-religiöse Interessen sollten ausgeschlossen 
bleiben ; die Tätigkeit sollte sich vielmehr auf die Er- 
richtung von Stationen, von »stations hospitalieres, 
scientifiques et civilisatrices« erstrecken. 

Zur Verwirklichung dieser Ideen wurde nun die Grün- 
dung einer internationalen Gesellschaft zur Erforschung 
und Zivilisierung von Zentralafrika in Aussicht genommen. 
Diese Gesellschaft, bekannt als die A. I. A., »Association 
internationale africaine« hat wenig praktische Erfolge ge- 
habt, ist aber politisch und geschichtlich von großer Be- 
deutung. Ihre internationale Kommission, ihr Exekutivko- 
mitee, ihre nationalen Ausschüsse machten Propaganda 
und beschäftigten die öffentliche Meinung, sie erweckten 
Interesse für Afrika und für — Belgien. Denn unter dem 
Schleier von Internationalität und Zivilisation verbarg sich 
geschickt das sehr persönlich und sehr national gedachte 
Werk Leopolds II. Es fügte sich, daß sich der König in 
seinen Bemühungen um Afrika mit einem ebenbürtigen 
Geiste traf, dem amerikanischen Journalisten Stanley, der 
durch seine Durchquerung Afrikas in mehr als zwei Jahren 
und mindestens ebenso sehr durch seine sensationellen 
Darstellungen dieser an sich großen Tat im Stile eines Con- 



Die Internationale Afrika-Gesellschaft. — Der Kongo. 1 33 

quistadoren- und Abenteurerromans zur Weltberühmtheit 
geworden war. Leopold II. und Stanley gründeten 1878 
in Brüssel den »Comite d'Etudes du haut Congo«, als 
dessen Beauftragter Stanley seine zweite Reise unter- 
nahm. Das Ziel war, sich mit den Negerhäuptlingen 
zu verständigen, eine »Föderation« zu gründen, um auf 
diese Weise einen mächtigen Negerstaat zu organisieren, 
der im europäischen Wirtschaftsinteresse von einem 
Präsidenten in Europa bevormundet werden sollte. Stan- 
ley wußte genau, daß er als ein Staatsgründer wieder 
nach Afrika ging; es sind mehr als vierhundert Ver- 
träge mit Negerhäuptlingen abgeschlossen worden. 

Wir sehen : der Vorhang hebt sich allmählich, es 
handelt sich nicht mehr um afrikanische Geographie, 
sondern um Staats- und Wirtschaftsinteressen am Kongo. 
1882 maskiert sich der Studienausschuß in eine Inter- 
nationale Kongo-Gesellschaft um. 

Das Unternehmen Leopolds II. war politisch und 
wirkte so. Die Interessen älterer und größerer Kolo- 
nialmächte wurden berührt. W T ir kennen schon die 
Expeditionen des Franzosen de Brazza im mittleren Af- 
rika. Portugal begann sich auch zu regen. Es behaup- 
tete, auf Grund seiner Besitzergreifung im XV. Jahrhun- 
dert Herrschaftsrecht an der Kongomündung zu haben. 
Als Wahrzeichen dieses Rechtes ragte auch noch ein Stein- 
kreuz auf, das Diogo Cäo zu Ehren des heiligen Jorge 
und zum Gedächtnis der Regierung Johanns II. errichtet 
hatte. Es war auch kein Zweifel, daß die Kenntnisse der 
alten Geographen vom Kongo und seinen Negerreichen auf 
diese portugiesischen Fahrten zurückgingen. Aber was 
hatte Portugal seitdem getan? Es hatte auch am Kongo 
etwas Sklavenhandel getrieben und im übrigen gegen 
stärkere und ernstere Kolonialvölker protestiert. Nie- 
mand hätte jetzt den portugiesischen Beschwerden große 
Bedeutung beigemessen ; England fand es aber in seinem 



184 IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

Interesse, 1884 Portugals Ansprüche durch einen Ver- 
trag anzuerkennen. Und da nun auch Frankreich von 
Nordwesten her sich heranschob, so war die Unterneh- 
mung Leopolds II. vom Meer abgeschnitten. Die Lage 
verlangte dringend nach einer Klärung — das Deutsche 
Reich, das Eingreifen Bismarcks hat sie gebracht. 

Es war die Entstehungszeit der deutschen Schutz- 
gebiete, die uns im nächsten Kapitel beschäftigen werden. 
Bismarck wünschte kein deutsches Kolonialreich ; er ver- 
stand das Interesse des deutschen Reiches aber so, daß 
nach Möglichkeit eine Festlegung noch freien Besitzes 
durch die herrschenden Kolonialmächte verhindert wer- 
den mußte. Den Wettbewerb Englands und Frankreichs 
in Afrika sah er gerne, wenn dadurch das Interesse 
Deutschlands, unbeschränkt Handel zu treiben, nicht 
berührt wurde. Nun war eines der gewaltigsten und 
reichsten Gebiete Afrikas zur Besitzergreifung reif. Sollte 
England, sollte Frankreich sich hier Vorrechte sichern 
dürfen ? Hatte sich Frankreich doch sogar unter Jules 
Ferrys kluger Leitung bei der Kongogesellschaft ein 
Vorkaufsrecht für den Fall gesichert, daß sie genötigt 
wäre, ihre Besitzungen zu veräußern. Es war klar, daß 
Deutschlands Interessen auf der Seite des schwächeren 
Teiles lagen. Bismarck konnte und durfte es nicht 
wagen, kontinental wie seine Politik damals festgelegt 
war, etwa selbst noch weiter in Afrika zuzugreifen. War 
es aber nicht möglich, das Unternehmen Leopolds IL 
im Interesse der internationalen Gleichberechtigung und 
damit im Interesse Deutschlands lebensfähig zu machen? 
Unter diesem Gesichtspunkt erkannte das Deutsche Reich 
die Kongogesellschaft als souveränen Staat an, so wie 
es vorher schon die Vereinigten Staaten getan hatten. 
Und Bismarck bahnte im Einverständnis mit Frankreich 
die Berliner Afrika-Konferenz an, die im November 1884 
ihre Tagung begann. Alle irgendwie an Afrika interes- 



Die Berliner Afrikakonferenz. Der Kongostaat. ige 

sierten Mächte nahmen daran teil. Das Ergebnis ihrer 
Beratung ist in der Berliner Generalakte niedergelegt, 
die eines der großen Dokumente der neueren Kolonial- 
geschichte ist. Drei Hauptprobleme der kolonisatori- 
schen Erschließung Afrikas waren darin gelöst: es waren 
die Formalitäten für Landokkupationen festgesetzt ; es 
war die Schiffahrt auf dem Kongo und auf dem Niger 
für frei erklärt ; und es war die Neutralität aller im 
konventionellen Kongobecken belegenen Territorien aus- 
gesprochen. 

Der geschichtliche Sinn der Berliner Afrikakonfe- 
renz war, daß Bismarck Frankreich zu sich hinüberzog, 
um das Werk König Leopolds zu befestigen und daß 
er so England eine diplomatische Niederlage beibrachte: 
der englisch-portugiesische Vertrag über die Kongo- 
mündung trat nicht in Kraft. In seiner Schlußrede 
huldigte Bismarck den edlen Bestrebungen des Königs 
der Belgier. Die blaue Flagge mit dem goldenen Stern 
hatte jetzt internationale Geltung, König Leopold nahm 
den Titel eines Souveräns des unabhängigen Kongo- 
staates an. Er war klug genug, von der Würde eines 
Kaisers abzusehen. Der belgische Staat gab seine Zu- 
stimmung in dem Sinne, daß es sich um eine reine 
Personalunion handeln solle. 



König Leopold hatte sein Ziel erreicht. Der Staat 
war geschaffen: nach Außen hin ein W T erk, das den 
Idealen der Menschheit und dem gemeinsamen Interesse 
der Kulturnationen dienen sollte — in Wirklichkeit ein 
Geschäftsunternehmen ganz großen Stils, eine Kolonie 
wenn nicht Belgiens, so doch für Belgien. Die Frage 
war nun, ob diese kühne Schöpfung Kraft genug haben 
würde, sich in der Herrschaft und der wirtschaftlichen 
Erschließung wirklich durchzusetzen. Die humanitären 



l86 IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

Gedanken als solche dürfen als mitspielender Faktor ja 
nicht unterschätzt werden — hat doch auch Kardinal Man- 
ning eine Zivilisationsgesellschaft am oberen Nil geplant. 
Die öffentliche Meinung wurde durch die philanthropische 
Seite solcher Unternehmungen immer am sichersten ge- 
wonnen. Aber, faktisch betrachtet, mußte man Innerafrika 
beherrschen, wollte man die Neger aus der mörderi- 
schen Anarchie ihres Naturzustandes herausreißen. Wenn 
sich die Aktiengesellschaft, die jetzt ein Staat hieß, in 
ihrer Souveränität behaupten sollte, dann mußte sie 
auch wirklich ein Staat werden. 

Der Entwicklungsprozeß hat nicht lange gedauert. 
So groß auch das Vermögen Leopolds IL war — 
er hat nicht nur sein Privatkapital, als noch kaum 
ein Gewinn in Aussicht war, in das Unternehmen 
hineingesteckt, sondern auch seinen Kredit angespannt: 
es konnte das alles doch nicht eine wirkliche Koloni- 
sation ermöglichen. Die Lage war bald so, daß man 
das Land verlassen oder sich auf einige Küstenkontore 
beschränken mußte, wenn nicht Hilfe kam. Leo- 
pold IL wandte sich an die belgische Kammer und er- 
reichte eine Genehmigung dafür, daß der Kongostaat 
eine Anleihe von hundertfünfzig Millionen in Belgien 
aufnahm (1887). Wenige Jahre später beteiligte sich 
der belgische Staat aktiv als solcher: er steuerte fünf- 
undzwanzig Millionen zu den Eisenbahnbauten am Kongo 
bei. Daraufhin machte der König ein Testament, durch 
das er den Kongostaat Belgien vermachte. Und ein 
Jahr später schlössen die beiden Staaten, die so immer 
mehr ineinander wuchsen, eine Konvention ab, wonach 
Belgien dem Kongostaat weitere fünfundzwanzig Mil- 
lionen lieh und dafür das Recht bekam, nach Ablauf 
von zehn Jahren den Kongostaat zu annektieren. Der 
König würde in diesem Fall auf jede Entschädigung ver- 
zichten. Sollte aber Belgien davon absehen, so war der 



Der neutrale Kongostaat wird Kolonie des neutralen Belgien. 1 87 

Kongostaat verpflichtet, die geliehene Summe mit 3 1 / 2 % 
zu verzinsen und binnen zehn Jahren zurückzuzahlen. 
Der nächste Schritt war eine Revision des ersten Para- 
graphen der belgischen Verfassung. Er wurde so ge- 
faßt: die Kolonien, bzw. überseeischen Besitzungen unter 
Protektorat, die Belgien über See erwerben sollte, unter- 
stehen besonderen Gesetzen. Die europäischen Trup- 
pen, die zu ihrer Verteidigung dienen, können nur durch 
freiwillige Anwerbung rekrutiert werden. 

Da der Kongostaat in neue finanzielle Schwierig- 
keiten geriet, versuchte man den Prozeß der Vereinigung 
zu beschleunigen. Aber das erste Zessionsdekret mußte 
wegen des leidenschaftlichen Widerstandes der Sozialisten 
zurückgezogen werden. Und auch 1901, als die 1891 
vorgesehene Zeit ablief, suchte man einen neuen Aufschub. 
Es war sehr viel Aengstlichkeit und Engherzigkeit in 
Belgien, die juristischen Schwierigkeiten waren zudem 
groß. — Leopold II. wurde stark durch diese Wider- 
stände und Hindernisse geärgert und hat den Bel- 
giern mit seinen Stiftungen und Kodizillen den Gewinn 
gründlich versauert. Erst 1908 ist die Vereinigung ge- 
lungen. In neun Sitzungen hat die belgische Kammer 
damals über das Schicksal des Kongostaates beraten. 
Die überwiegende Mehrheit sprach sich für die Vereini- 
gung mit Belgien aus. Auch Sozialisten stimmten da- 
für. Es war eine denkwürdige Entscheidung, für die 
Geschichte der modernen Kolonisation und auch für 
das Geschick Belgiens. Ein neutraler Staat, der keiner- 
lei imperialistischen Ehrgeiz haben konnte und haben 
durfte, bekannte sich hier deutlich und feierlich zur 
Kolonisation. Belgien war durch König Leopold in 
den Besitz einer Kolonie gekommen und hatte damit 
die Schranken überschritten, die seiner eigenen neu- 
tralen Existenz durch die Großmächte gesetzt waren. 
Als Kolonisationsmacht kam es in neue übereuropäische 



I 88 IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

politische Zusammenhänge, die seine staatliche Kraft 
und Einsicht auf die höchste Probe stellten. 

Der Vorteil, den Leopold II. und durch ihn die 
belgische Volkswirtschaft aus dem Kongostaat gezogen 
hat, war gewaltig. Es wurde sehr viel getan: die Eisen- 
bahn, die zur Erschließung des Landes notwendig war, 
wurde gebaut; sie verbindet die Küste mit Stanleypool, 
wo die Schiffbarkeit des Kongos beginnt. Elfenbein 
und Kautschuk wurden die Hauptprodukte — aus einem 
unerschöpflichen Ueberfluß wurden mühelos Massen da- 
von ausgeführt. Eine Menge von belgischen Aktiengesell- 
schaften begann Unternehmungen am Kongo; die Divi- 
denden waren gewaltig, es wurde rücksichtsloser Raub- 
bau getrieben. Da und dort hat man versucht, durch 
Anlage von Pflanzungen rationeller zu wirtschaften. Bel- 
gien ist der große Markt des Kongostaates geworden: 
über neun Zehntel des gesamten Exportes gingen dort- 
hin. Die Bodenschätze des Kongostaates sind nur kaum 
bekannt, geschweige denn ausgenutzt; sie scheinen un- 
erschöpflich. Die militärische Macht beläuft sich auf 
13000 Mann eingeborene Truppen; die Unteroffiziere 
sind zur Hälfte, die Offiziere alle Europäer. 

Gewaltig ist die Domäne des Kongostaates, da alles 
vakante Land als dem Staat gehörig betrachtet wurde. 
Nach Art des holländischen Kultuur-Stelsel sind hier die 
Eingeborenen zwangsweise zur Arbeit herangezogen wor- 
den. Diese Methode der Kultivation ist als das sogenannte 
Leopoldinische Regime bekannt und berüchtigt geworden. 
Es sind den Belgiern besonders harte Vorwürfe gemacht 
worden wegen der Behandlung, die sie den Eingeborenen 
angedeihen ließen. Vieles von den Kongogreueln ist 
zweifellos durch Missionare stark übertrieben worden, 
die ja in kolonialen Dingen eine trübe Quelle sind. Die 
schlimmste Grausamkeit, die den Negern durch euro- 
päische Kolonisation widerfährt, ist der Zwang zur Arbeit, 



Die Wirtschaftsentwickelung. — Die Kongogreuel. 189 

und ohne diesen Zwang hat sich kein europäisches Kolo- 
nialvolk in Afrika durchsetzen können. Gewisse Verwal- 
tungsmaßregeln der Belgier sind aber sicher bedenklich 
gewesen. Und welchen Grad von Menschlichkeit man 
den einzelnen Vertretern des belgischen Volkes zutrauen 
darf, das steht dahin. 

In den angelsächsischen Ländern haben die belgi- 
schen Greuel am Kongo besonders starkes Aufsehen ge- 
macht; die Engländer waren, wie wir sahen, von vorn- 
herein entschiedene Gegner eines unabhängigen Kongo- 
staates, und so war es denn begreiflich, daß im Jahre 1906 
das britische Parlament der Schauplatz der lebhaftesten 
Angriffe auf Belgien wurde; Lord Cromer und der 
Staatssekretär Sir Edward Grey nahmen keinerlei Rück- 
sicht in ihrer Kritik. König Leopold antwortete auf 
diese Angriffe, über deren Lauterkeit man verschie- 
dener Ansicht sein konnte, in einem Brief, dessen 
Offenheit und innerlich wahre Darstellung der kongo- 
staatlichen Verhältnisse, Leistungen und Aufgaben per- 
sönlich und kolonialpolitisch von hohem Werte ist. Es 
ist keine Frage, daß das Vorgehen der Engländer im 
Sudan ebenso grausam, wenn nicht grausamer gewesen 
ist, wie das der Belgier am Kongo. Ueberhaupt ist Zen- 
tralafrika das Gebiet, in dem bis in die neueste Zeit noch 
das Unerhörteste an Mißhandlung und Unterdrückung 
geschehen konnte. Die Brüsseler Antisklavereikonferenz 
von 1890 hat auch nicht wesentlich dagegen ankämpfen 
können; geschichtlich ist sie besonders deshalb merk- 
würdig geworden, weil König Leopold die großen, seinem 
Staat auferlegten humanitären Verpflichtungen zum An- 
laß von Importzöllen nahm, die durch die Berliner Kon- 
ferenz für den Kongostaat ja ausgeschlossen worden waren. 

Niemals haben die Signatarmächte der Berliner Kon- 
ferenz darauf verzichtet, maßgebende Ansichten über den 
Kongostaat zu äußern und gegebenenfalls zu intervenieren. 



IQO IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

Die Kongoreformbewegung, die 1903 in England ein- 
setzte, zeigte den Ernst und die Ausdehnung einer tiefen 
nationalen Erschütterung. 1910 erklärte Sir Edward 
Grey, daß die englische Regierung die Uebernahme des 
Kongostaates durch Belgien nicht eher anerkennen würde, 
als bis dem englischen Parlamente bewiesen wäre, daß 
die dortigen Zustände den Grundsätzen der Berliner 
Akte entsprächen. Auch die deutsche Kongoliga äußerte 
sich kräftig, nicht ohne aber dadurch belgisches Miß- 
trauen hervorzurufen. 

Das Deutsche Reich hat sein Mitbestimmungsrecht 
über die Verhältnisse der Kongokolonie immer fest- 
gehalten und im Marokkoabkommen 191 1 ausdrücklich 
Frankreich gegenüber festgelegt. Der Artikel 16 dieses 
Abkommens bestimmt, daß die territorialen Verhältnisse 
des Kongobeckens nur im Einverständnis aller Signatar- 
mächte der Berliner Afrikakonferenz geändert werden 
sollten. Dadurch war jener »droit de preference« auf 
den Kongostaat dem Sinne nach aufgehoben, den Jules 
Ferry für Frankreich bei dem Präsidenten der A. I. A. 
gesichert hatte und der in einem Abkommen zwischen 
Frankreich und Belgien 1908 auf die Kongokolonie über- 
tragen worden war. Trotzdem hat Frankreich dieses Ab- 
kommen 19 12 ratifiziert, drei Wochen nach der Ratifi- 
kation des Marokkoabkommens ! ! (Martens, Nouveau 
recueil, Serie III, I und 5.) Ein Faktum von großer 
historischer Bedeutung : auch in der Kongofrage hat 
Frankreich das Deutsche Reich durch heimtückischen 
Vertragsbruch auszuschalten versucht; es hat Belgien 
in seine deutschfeindliche Politik hineingezogen und ihm 
so sein Schicksal bereitet. 

Einen königlichen Kaufmann hat man Leopold II. 
genannt ; er ist mehr gewesen : ein echtes Herrscher- 
talent, der klügste unter allen klugen Koburgern, aber 
echt koburgisch klug nur für sich und seine Lebenszeit. 



Einspruchsrecht der Signatarmächte. — Italien. joi 

Er schätzte die Menschen nicht hoch genug, um sich 
nach ihren Ansichten zu richten ; dafür war auch sein 
Wirken letzten Endes nicht politisch tief und sinnvoll. 
Sein Lebensinhalt und seine Lebensarbeit war diese 
kühne und außerordentliche Staatsgründung, die ihn und 
Belgien reich gemacht hat : die kongolesischen Millionen 
hocken auf den Boulevards von Brüssel, am Strand von 
Ostende und am Hafen von Antwerpen. 



Auch die jüngste und schwächste Großmacht Italien, 
der unebenbürtige Condottierestaat, ist mit kecker, lauter 
Eile in den Kreis der kolonisierenden Mächte eingetreten. 
Der Beruf des italienischen Volkes zur Kolonisation ist 
unbestreitbar. Mittelalterliche Traditionen stellen ernste 
Forderungen auf, und der Bevölkerungsüberschuß gibt 
ein inneres Recht zur Ausdehnung. Nach Lage und 
Herkommen ist Italien eine Seemacht und zwar, bei 
dem Zurückbleiben der lateinischen Schwesternationen, 
d i e Seemacht des Mittelmeers. Aber infolge der eigen- 
tümlich großtuerischen Art des Italienertums, die mit 
der inneren Unfertigkeit fühlbar kontrastierte, kam es 
lange nicht zu einer diesem Beruf entsprechenden dauer- 
haften Leistung. 

Die ersten kolonialen Versuche Italiens scheinen 
auf nicht völlig selbstlose Anregungen Englands zu- 
rückzugehen. Wir wissen, wie groß die Schwierig- 
keiten waren, auf die England in Oberägypten stieß. 
Wenn nun Italien von der Küste des Roten Meeres nach 
Westen vorging, so war hier eine Erleichterung möglich. 
Seit den siebziger Jahren bemühte sich Italien um die 
Somaliküste, von der es das südliche Stück gewann. 
1885 wurde Massaua besetzt. Und da auch Tripolis 
schon damals ins Auge gefaßt wurde, nach der 
bitteren tunesischen Enttäuschung, so schien sich die 



192 



IX. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 



Möglichkeit eines nordafrikanischen Reiches zu er- 
geben, das sich zwischen England und Frankreich, 
vom Sudan nach dem mittelländischen Meer, als ge- 
duldeter schwächerer Mitspieler eingeschoben hätte. 
So sah es der englisch-italienische Vertrag von 1891 
über die Interessensphären von Nordostafrika vor. Die 
Verwirklichung dieses Zukunftsbildes ist nicht gelungen. 
Italien hatte das Pech, bei seinen Versuchen an der 
Küste des Roten Meeres gerade an die kräftigste und 
bewußteste Staatsbildung des östlichen Afrika zu ge- 
raten, an Abessinien ; es beanspruchte das Protekto- 
rat, mußte sich aber nach wiederholten schweren Kämpfen 
und der vernichtenden Niederlage von 1896 auf die Küste 
beschränken (Eritrea). Eine ungewöhnlich günstige 
internationale Situation ließ dann in der jüngsten Zeit 
den großen Streich auf Tripolis gelingen. Das neueste 
imperialistische Italienertum fand hier eine Aufgabe und 
einen Raum, es erstarkte und wuchs an diesem Gegen- 
stande; er schien eine altmodischere nationalistische 
Politik gehässiger Nachbarschaft zurücktreten zu lassen. 



193 



Zehntes Kapitel. 
Die deutsche Kolonisation. 

»Die größten Kolonisationen, welche die Weltge- 
schichte seit den Zeiten der Römer gesehen hat, sind 
von den Deutschen vollzogen, und wir haben alle mög- 
lichen Formen der Kolonisation durchgemacht«, sagt 
Heinrich v. Treitschke in seiner Politik. Die späte Ge- 
staltung des deutschen Volkes zu einem geschlossenen 
Staate war die Ursache, daß es so spät die Kolonisation 
im Sinne politischer Machtbetätigung und politischer 
Ausdehnung begann. Und das mußte nun gerade 
dem Volke geschehen, dessen Beruf zur Kolonisation 
im Sinne wirtschaftlicher Erschließung und Ansiedelung 
in fremdem Land so unbestreitbar ist. Gerade seine 
besten Eigenschaften befähigen den Deutschen zur Kolo- 
nisation: seine nachhaltige Tüchtigkeit, die Geduld hat 
und sich nichts verdrießen läßt, sein Ernst, seine Schlicht- 
heit, seine Fähigkeit sich unterzuordnen und einzuord- 
nen, sein Sinn für den Wert des Kleinen und des Ein- 
zelnen, des Häuslichen und Eigenen — kurz dieses ganze 
emsige, liebe und gründliche Wesen, das dem Fremden 
glanzlos und schwunglos erscheint, und das so oft zu 
demütig und kritisch gegen sich selbst, zu ängstlich 
und zu eng gewesen ist. 

Man weiß, wieviel Hunderttausende von Deut- 
schen so im Laufe der Jahrzehnte ihre Fähigkeit 
zur Kolonisation betätigt haben, zum eigenen Nutzen 
und Wohlstand, ohne aber dadurch die Weltstel- 

Valentin, Kolonialgeschichte. I 2 



IQ4 X. Die deutsche Kolonisation. 

hing ihres Staates zu befestigen. Es ist der große 
Schmerz der deutschen Geschichte, daß so viel Arbeit 
und Tatkraft schließlich fremden Staatsgebilden zugute 
gekommen ist. Der deutsche Osten, dieses erkämpfte und 
kolonisatorisch gewonnene Volksgebiet, ist ja wohl unser; 
aber wie weit nach Polen und Rußland, nach Skandina- 
vien, nach den Balkanstaaten, nach der Türkei ist dieses 
Deutschtum vorgedrungen, das Bauernwirtschaften grün- 
det, Handel treibt, Industrien ins Leben ruft, Bergwerke 
ausnutzt, Häuser und Straßen und Eisenbahnen baut 
und die Kultur seiner verlorenen Heimat durch Schulen 
und Zeitungen lebendig zu erhalten versucht! Nimmt 
man dazu die Deutschen über See, in den Vereinigten 
Staaten in erster Linie, dann in Brasilien, in Britisch- 
Nordamerika, in Australasien u. s. f., so kommt man 
auf bald hundert Millionen Deutsche, wobei die Nieder- 
deutschen in Holland und Belgien natürlich nicht eingerech- 
net sind. Es gibt keine Nation auf der Erde, die so reich 
ist und so arm zugleich, reich durch die blühende Kraft 
ihres Volkstums und arm an dieser Kraft entsprechen- 
den politischen Entwickelungsmöglichkeiten. 

In der Zeit der großen Kämpfe um deutsche Frei- 
heit und um deutsche Einheit ist die Forderung auf 
überseeische Machtentfaltung wiederholt erhoben wor- 
den. Sie steht mit dem erwachenden Staatsgedanken 
in unmittelbarem geistigen Zusammenhang. Deutsche 
Fürsten versuchten in den vierziger Jahren eine deutsche 
Kolonisation in Texas; später wurde die Besetzung 
Patagoniens von Deutschen in Valparaiso angeregt. Der 
Sultan der Suluinseln erbat preußischen Schutz für Sulu 
und Nordborneo, von Neuguinea wurde gesprochen. 
1867 machten einige Artikel in der Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung Aufsehen, die die Gründung eines 
deutschen Kolonialreiches forderten ; Lothar Bucher war 
ihr Verfasser. Andere nannten das portugiesische Timor, 



Staatlose Expansion des Deutschtums. — Die koloniale Bewegung, j qc 

das dänische St. Thomas, die Philippinen als Objekte 
einer solchen Kolonisation. Das offizielle Deutschland 
lehnte aber alle diese Anregungen ab. Im Jahre 1870 
wurde die Bewegung so umfangreich, daß Bismarck in 
der Presse erklären ließ, es sei nichts dergleichen beab- 
sichtigt ; man hatte französische Kolonien als Entschädi- 
gung haben wollen. 

In den achtziger Jahren setzte die Bewegung 
von neuem mächtig ein, als die Erschließung Afrikas 
die öffentliche Meinung so stark beschäftigte. Die Einver- 
leibung der Fidschiinseln durch England (1875) hatte die 
deutschen Interessen und das deutsche Empfinden stark 
verletzt. Es wurden damals dem Reich mehrere Flotten- 
und Kohlenstationen in der Südsee durch Verträge mit 
Häuptlingen gesichert. Die prinzipielle Stellung der deut- 
schen Regierung war schon jetzt klar : sie wünschte die 
wirtschaftliche Gleichberechtigung und fand es deshalb 
ihrem Interesse zuwiderlaufend, daß die noch nicht auf- 
geteilten Gebiete über See in die Hände der großen 
Kolonialmächte fielen. Vielleicht wäre Bismarck jetzt 
schneller auf dem neuen Gebiete vorangegangen, wenn 
es ihm gelungen wäre, das bekannte Hamburger Haus 
Godeffroy in Samoa von reichswegen zu stützen. Der 
Geheimrat v. Kusserow im Auswärtigen Amt interessierte 
sich stark für Kolonialfragen und setzte sich, auch durch 
persönliche Beziehungen gewonnen, lebhaft für dieses Pro- 
jekt ein, das für die deutsche Stellung in der Südsee 
von der größten Wichtigkeit war. Es gelang aber nicht, 
im Reichstag eine entsprechende Vorlage durchzubringen 
(1880); das Haus Godeffroy wurde dann doch gehalten, 
für Bismarck war aber diese Erfahrung abschreckend 
genug. 

In eine neue Periode traten die kolonialen Bestre- 
bungen infolge der Gründung des deutschen Kolonial- 
vereins. 1882 fand unter dem Vorsitz des Fürsten 

13* 



IO,6 x - Die deutsche Kolonisation. 

Hohenlohe-Langenburg eine denkwürdige Besprechung 
im Englischen Hof zu Frankfurt a. M. statt. Eine An- 
zahl von führenden Persönlichkeiten nahm daran teil, 
wie Miquel, Graf Guido Henkel ; der leitende Geist war 
Herr von Maltzahn. Die praktischen Erfolge dieses 
Unternehmens waren gewiß nicht groß, aber es wurde 
doch erreicht, daß eine Reihe von maßgebenden Män- 
nern der Aristokratie, der Geschäftswelt, der Wissen- 
schaft Fühlung miteinander nahmen, daß koloniale 
Fragen hier erörtert und geklärt wurden, daß man die 
öffentliche Meinung anregte und beschäftigte. 

Was bestand nun damals an deutschen Handels- 
interessen über See? In allen Hauptplätzen Afrikas 
unterhielten die hanseatischen Kauf leute Niederlassungen. 
Woermann hatte 1849 m Liberia den Anfang gemacht; 
Tormaehlen, O'Swald, Hertz hatten dann Faktoreien in 
Kamerun, in Gabun angelegt, Lüderitz betrieb ein Ge- 
schäft in Lagos. Diese großen Handelshäuser hatten 
wissenschaftliche Expeditionen gefördert, waren gelegent- 
lich in das Innere vorgedrungen und dienten so nicht 
nur ihrem eigenen Interesse, sondern schufen auch dem 
deutschen Namen Achtung. 

Wir sehen also, wie Publizisten, Gelehrte, führende 
Autoritäten, große Kaufleute in Deutschland sich um 
Kolonisation bemühten und wie die zögernde Reichs- 
regierung dadurch immer wieder angeregt und vorwärts 
getrieben wurde. Der entscheidende Anstoß zu den 
kolonialen Erwerbungen geschah dann durch Lüderitz, der 
1883 an der herrenlosen Südwestküste Afrikas Land- 
erwerbungen zum Zweck von Handelsunternehmungen 
machte. Die öffentliche Meinung im Kapland wurde 
durch diese Versuche auf das äußerste erregt, die eng- 
lische Regierung nahm einen übelwollenden und gereiz- 
ten Standpunkt ein. Da erfolgte im Frühjahr 1884 das 
bekannte Telegramm Bismarcks an den deutschen Konsul 



Der Kolonialverein. Die Besitzergreifungen in Airika. \qj 

in Kapstadt, durch das die Niederlassung in Südwest 
unter den Schutz des Reiches gestellt wurde. 

Es war die Zeit des großen Wettlaufes um Afrika, 
die wir schon kennen: die Franzosen, die Engländer und 
König Leopold hatten an den verschiedensten Punkten 
eingesetzt und suchten sich nicht bloß Wirtschaftsbe- 
ziehungen, sondern das Land selbst als Herrschaftsge- 
biet zu sichern. Deutschland mußte eilen, wenn es 
nicht leer ausgehen wollte. Bismarck hatte von den 
Handelskammern der Hansestädte Gutachten über ihre 
Interessen an der westafrikanischen Küste eingefordert, 
und er entschloß sich daraufhin, den in Afrika wohl- 
bekannten deutschen Generalkonsul in Tunis, Dr. 
Nachtigal, nach der Westküste zu schicken mit dem 
Auftrag, alle für deutsche Interessen in Betracht 
kommenden Gebiete zu besuchen, Eindrücke zu 
sammeln und Mißstände — es handelte sich besonders 
um portugiesische Schikanen — abzustellen. Nachtigal 
befuhr dann im Sommer 1884 auf dem deutschen Kriegs- 
schiff Möve die afrikanische Westküste, kam nach Togo, 
wo der englische Konsul gerade die Häuptlinge dazu 
veranlassen wollte, die deutschen Kauf leute auszuweisen, 
um das Land für die englische Goldküstenkolonie zu 
sichern; da ergriff Nachtigal im Namen des Reiches 
Besitz von Togo und ebenso kam er den Engländern 
in Kamerun zuvor. Unmittelbar vor der Möve war hier 
ein englisches Kriegsschiff an der Küste erschienen, 
aber ohne den Konsul. Nachtigal hißte die deutsche 
Flagge, und als der englische Konsul nach wenigen Ta- 
gen erschien, konnte er nur noch protestieren. Im In- 
nern der so von Deutschland beanspruchten Länder 
folgte jetzt ein heißer Wettbewerb zwischen englischen 
Agenten, denen auch ein früherer russischer Marine- 
offizier half, und Nachtigal. Dieser schloß auf seiner 
Weiterfahrt nun auch in Südwestafrika, in Angra Pequena 



198 



X. Die deutsche Kolonisation. 



einen Schutzvertrag mit dem Kapitän Josef von Bethanien 
im Namen des Reiches ab. 

Zu gleicher Zeit faßte Deutschland Fuß im Osten 
Afrikas. Schon 1882 war Geld für Forschungsreisen 
erbeten worden, das aber das Auswärtige Amt ver- 
weigerte. Der Zufall wollte, daß das Deutsche Reich 
einen Anlaß erhielt, in Sansibar, dem wichtigsten Punkt 
der Ostküste, einzugreifen. Ein Hamburger Kaufmann 
hatte die Schwester des Sultans entführt und geheiratet, 
und diese Dame erhob bei ihrem Vater und dann bei 
ihrem Bruder Vermögensansprüche, die das deutsche 
Reich vertrat. Der Afrikaforscher Gerhardt Rohlfs 
wurde 1884 auf der Panzerfregatte Bismarck nach 
Sansibar geschickt. Indessen hatte sich dank der 
Initiative des jungen deutschen Gelehrten Dr. Karl 
Peters eine Gesellschaft für deutsche Kolonisation 
in Berlin gebildet, als deren Vertreter eine Anzahl 
Herren nach dem Osten Afrikas gingen und im 
Innern Verträge über Gebietsabtretung an die Ge- 
sellschaft schlössen. Bismarck bewilligte für dieses 
Unternehmen den Schutz des Reiches; der Sultan von 
Witu stellte sich unter das deutsche Protektorat, der 
Sultan von Sansibar machte jedoch Schwierigkeiten, im 
Vertrauen auf Englands Verstimmung gegen die deut- 
schen Unternehmungen ; er mußte aber, als ein deutsches 
Geschwader vor Sansibar erschien, sich zu einem Han- 
delsvertrag entschließen und die deutsche Besitzergrei- 
fung auf dem Festland anerkennen. 

Wir sahen, wie unangenehm die kapländische Re- 
gierung von der deutschen Nachbarschaft berührt wurde: 
das Kapparlament erklärte, Südwestafrika annektieren zu 
wollen, als selbst das Mutterland England schon seine 
Anerkennung ausgesprochen hatte. Aehnlich war die 
Wirkung des deutschen Vorgehens in Neuguinea. Im 
Mai 1884 wurde in Berlin die Neuguinea-Kompagnie ge- 



Neuguinea. — Englands Mißgunst. igo, 

gründet, hinter der Geheimrat von Hansemann stand. 
Durch eine scheinbare Forschungsreise wurde die Be- 
sitzergreifung vorbereitet und dann im Wettkampf mit 
Australien durchgesetzt. Die Erregung der Nachbar- 
kolonie Queensland, deren Anerbietungen die englische 
Regierung nicht schnell genug angenommen hatte, war 
groß; und in ganz Australien war man gegen das Mutter- 
land beinahe so verstimmt wie gegen das Deutsche Reich. 
Wo auch immer Deutschland Kolonien zu erwerben 
versucht hatte, war es auf die Mißgunst Englands ge- 
stoßen. Die ganze deutsche Besitzergreifung ist gegen 
Englands Willen geschehen, und es war nur der über- 
ragenden Autorität des Fürsten Bismarck zu danken, 
daß sie überhaupt möglich war und durchgesetzt wer- 
den konnte. In wiederholten Verhandlungen zwischen 
England und Deutschland sind die Grenzen der deutschen 
überseeischen Gebiete festgesetzt worden. Bismarcks Sohn 
Herbert hat diese Verhandlungen großen Teils in Lon- 
don geführt; es kam für Bismarck darauf an, ganz klar 
zu verstehen zu geben, daß Deutschland der Freund- 
schaft zu England keine vitalen Interessen opfern würde. 
Andererseits hat Bismarck keinen Hehl daraus ge- 
macht, daß ein Mehr oder Weniger an Besitz ihm kei- 
nen Krieg mit England wert wäre. Das ist also die 
Bedeutung der kolonialen Frage im Zusammenhange 
von Bismarcks auswärtiger Politik: Bismarcks Politik 
war ihrer Herkunft und Art nach notwendig kontinen- 
tal; Bismarck wollte ursprünglich überhaupt keine Ko- 
lonien, er hat sie dann im Zusammenhange seiner Schutz- 
politik doch für wirtschaftlich nützlich gehalten und hat 
deshalb im bewußten Gegensatz zu einer politischen, 
imperialistischen Kolonisation den Begriff »Schutzgebiet« 
für die deutschen Besitzungen geprägt. Es ist keine 
Frage, daß die Erwerbung der deutschen Kolonien da- 
durch leichter wurde; sie ist das große Verdienst des 



200 X. Die deutsche Kolonisation. 

Fürsten Bismarck und bei den damaligen Machtverhält- 
nissen des Deutschen Reiches, bei dem geringen Wert 
der damaligen Flotte ein diplomatisches Meisterstück. 

Auf der anderen Seite sind aber die Anschauungen 
des Fürsten Bismarck über Kolonisation veraltet ge- 
wesen. Er dachte sich die holländische und die eng- 
lische Kompagnie für Ostindien als Vorbild. Er wollte, 
daß die Kaufleute sich selbst hülfen, daß sie, mit kaiser- 
lichen Schutzbriefen ausgestattet, Geschäft und Herr- 
schaft zugleich führten. Ein Mann wie Cecil Rhodes 
wäre ein Kolonisator nach Bismarcks Geschmack ge- 
wesen: er hätte ihn ruhig machen lassen und wäre 
dann zur rechten Zeit für ihn eingetreten. Vielleicht 
hat Bismarck die Leistungsfähigkeit der deutschen Kauf- 
leute überschätzt; die Tatsachen bestätigen jedenfalls, 
daß er keine Assessoren- und Militärwirtschaft in den 
Kolonien haben wollte, daß er aber mit seinem Kom- 
pagniesystem gescheitert ist. Jüngere Beamte im Aus- 
wärtigen Amt haben wiederholt darauf hingewiesen, 
daß eine Beschränkung auf kommerzielle Zwecke un- 
möglich sei, daß man ohne Geld und Militär keine Ko- 
lonien haben und halten könne. Bismarck hat sich da- 
durch nicht von seinem Standpunkt abbringen lassen ; er 
war eben, wie er sagte, von Haus aus kein Kolonialmensch 
und ist es im eigentlichen Sinne niemals geworden. 

Vergessen wir nicht, daß Bismarck nicht nur infolge 
seines vorgerückten Alters diesen Problemen ferner stehen 
mußte, sondern daß er auch an und für sich infolge 
seines Verhältnisses zum Parlament nur schwer daran 
denken konnte, mit Forderungen kolonialer Natur aufzu- 
treten. In der öffentlichen Meinung, in den breiten Kreisen 
der politisch Interessierten gab es sehr wenig Verständnis 
für koloniale Dinge ; die herrschende volkswirtschaftliche 
Schule bewies an dem spanischen Niedergang und der 
Expedition Napoleons nach Mexiko, wie töricht es sei, 



Bismarcks Stellung zur Kolonisation. Neue Richtung seit 1890. 201 

sich auf dergleichen einzulassen, und der Linksliberalis- 
mus zeigte an Hand der Zahlen, daß die ganze Sache 
ein schlechtes Geschäft wäre und daß man lieber zu 
Hause bleiben sollte. In den ersten Jahren des Besitzes 
beschränkte sich das Reich also angesichts der allgemeinen 
Gleichgültigkeit, angesichts auch der großen Uneinig- 
keit in kolonialen Kreisen über Methoden und Personen 
auf das Allernotwendigste. Das Geldwesen, die Maße 
und Gewichte wurden geregelt, die Verwaltung und 
Rechtspflege in Ordnung gebracht, der Verkehr mit 
Spirituosen und Waffen verhindert. Alles das konnte 
aber nur an der Küste, an den paar Hauptorten im 
Innern durchgeführt werden. Das Missionswesen wurde 
besonders gefördert; 1887 erfolgte die Gründung des 
Seminars für orientalische Sprachen in Berlin. 



Der Sturz des Fürsten Bismarck eröffnete auch in 
der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches eine neue 
Epoche. Man entschloß sich jetzt, die Schutzgebiete 
als Kolonien zu betrachten und zu bewirtschaften und 
alles das für sie aufzuwenden, was eine wirkliche Be- 
herrschung und wirtschaftliche Erschließung verlangte. 
Die Voraussetzung für eine solche Politik, die ihren 
eigentlichen Sinn erst durch den Zusammenhang mit 
den allgemeinen Ideen Kaiser Wilhelms IL über die 
Aufgaben und den Beruf Deutschlands in der neuen 
Weltepoche erhält, war ein klares und friedliches Ver- 
hältnis zu England. Wilhelm IL wollte sein Reich zu 
einer der neuen Weltmächte machen, er wollte ihm 
über den europäischen Kontinent hinaus eine Stellung 
geben, die seiner geschichtlichen Ehre und seiner Volks- 
kraft würdig sei: und diesem Ziel diente sein Gedanke, 
eine starke Flotte zu schaffen, diesem Ziel diente auch 
die neue Kolonialpolitik. Im Sommer 1890 wurde 



202 X. Die deutsche Kolonisation. 

der sogenannte Helgolandvertrag abgeschlossen: das 
Deutsche Reich verzichtete zu Gunsten Englands auf 
das Sultanat Witu, überließ England Sansibar und er- 
langte dafür den Besitz von Helgoland Die Bedeutung 
dieses Vertrages, der viel bekrittelt worden ist, ist die 
folgende: er gab einmal dem Deutschen Reiche den 
unbedingt für eine Entwickelung zur See notwendigen 
Stützpunkt in der Nordsee und er befestigte den afri- 
kanischen und damit den kolonialen Besitz in der Weise, 
daß er nichtbesessene (Sansibar) oder schwer zu hal- 
tende Gebiete^ aufgab. Auch Frankreich erkannte die 
deutsch-englischen Abmachungen über Ostafrika, wozu 
noch andere Grenzabmachungen in Westafrika kamen, 
an und erhielt dafür die Bestätigung seiner Protekto- 
ratansprüche auf Madagaskar. Erst jetzt war das 
Deutsche Reich als afrikanische Kolonialmacht aner- 
kannt, es konnte sich in dem abgerundeten und ge- 
sicherten Besitz nunmehr einrichten. Die Periode des 
Flaggehissens und der Vertragsschließungen mehr oder 
weniger Bevollmächtigter war zu Ende. Die koloniale 
Arbeit konnte beginnen. 

Seit Ende Juni 1890 besitzt das Deutsche Reich 
eine eigene Kolonialverwaltung. Es wurde eine Kolonial- 
abteilung im Auswärtigen Amt geschaffen, die eine 
Sonderstellung einnahm. Es war ihr ein Kolonialrat 
angegliedert, eine Art Notabeinversammlung, die sich aus 
Sachverständigen aller Art zusammensetzte: ihr Zweck 
war, mit den Interessenten Fühlung zu unterhalten. Sie 
hat bis 1908 bestanden. Es ist nun aber das Ver- 
hängnis der deutschen Kolonisation gewesen, daß 
sie von Anfang an durch eine ganze Reihe von 
sachlichen und persönlichen Schwierigkeiten heimgesucht 
wurde. Einmal war die neue Kolonialbehörde nicht 
kräftig und nicht unabhängig genug; nichtbeamtete 
Ratgeber, Tagesgrößen, koloniale Vereinigungen und 



Der Helgolandvertrag. Die Kolonialverwaltung. 203 

Interessenten lähmten sie und gewannen überragenden 
Einfluß. Die Schutztruppe, die 1888 zuerst für Süd- 
west gebildet worden war, ordnete sich der Kolo- 
nialabteilung schwer unter. Auf der anderen Seite 
wechselten auch die leitenden Persönlichkeiten zu oft, 
die Wahl war nicht immer glücklich und nicht unab- 
hängig von Konnektionen. Das große Hindernis lag 
aber immer wieder an der Volksvertretung und der 
öffentlichen Meinung. So bescheiden die Geldforderun- 
gen für die Kolonien waren, es fehlte schlechterdings 
bei der überwiegenden Mehrzahl alles Verständnis für 
solche Aufwendungen. Deutsch-Ost stand im Anfang 
ganz im Vordergrund; die ständigen Kämpfe und Straf- 
expeditionen erregten Unruhe und Mißtrauen. Dazu 
kamen die Kolonialskandale. 1 896 machte Bebel eine Ent- 
hüllung über die grausamen Ausschreitungen des Reichs- 
kommissärs Dr. Karl Peters. Peters war eine Persön- 
lichkeit von bizarrem Auftreten und eigentümlich ge- 
steigertem Selbstbewußtsein ; er verstand wohl etwas 
von kolonialen Dingen, war aber infolge seiner Unzu- 
verlässigkeit doch praktisch weniger zu brauchen, als 
es der Ehrgeiz der um ihn entstandenen Kolonial- 
gruppe annahm. Das Ergebnis der Angriffe auf ihn 
war, daß die Dienstentlassung über ihn verfügt wurde, 
und es ist allen Bemühungen seiner zahlreichen Freunde 
nur gelungen, daß ihm 1907 das Recht zur Führung 
des Titels Reichskommissar zuerkannt wurde. 



Was hat nun das Deutsche Reich zu Beginn des 
neuen Kurses an Kolonien besessen? Die Kolonie Togo 
ist ein Rechteck, schmal und lang, mäßigen Umfangs, 
völlig eingeschlossen von den überlegenen französischen 
und englischen Besitzungen an der Guineaküste. Das 



204 X« Die deutsche Kolonisation. 

Land teilt die Vorteile und Nachteile dieses klassischen 
Kolonialbezirkes: zunächst das Lagunengebiet an der 
Küste, sehr ungesund und fieberdunstig, dann ein Hügel- 
land, einförmig, schwach gewellt mit Inselbergen, wo 
unter ziemlich günstigen Bedingungen Mais, Reis, Pfeffer, 
Bananen, Baumwolle, Oelpalmen gedeihen; dann das 
Bergland mit seinen weiten Wiesen, die geeignet sind 
für die Büffelzucht, und seinem tropischen Wald, wo 
die Kautschukpflanze wächst. Die klimatischen Ver- 
hältnisse verbieten dem Weißen längeren Aufenthalt: 
Beamte, Kaufleute, einige Handwerker, wenige Pflanzer — 
das ist der Bestand. An allen Stationen sind staatliche 
Versuchsgärten eingerichtet worden, dort werden die 
für die Gegend passendsten Pflanzen ausprobiert, und 
die Neger erhalten darüber Belehrung. Die Dung- 
Pflugkultur wird ihnen beigebracht, nach Beendi- 
gung ihrer Kurse gibt man den Negern Ackergerät, und 
sie werden angesiedelt. Nur kleine Bahnstrecken sind 
gebaut worden; eine Hinterlandbahn könnte die gut 
bevölkerten Strecken des Innern erschließen. Togo 
bedarf seit Jahren keines Reichszuschusses mehr. 

Viel stattlicher ist Kamerun. Hier fehlt es nicht 
an Raum : die Kolonie hat viel Küste, reicht nach Nor- 
den bis zum Tschadsee, wird zwar auch von England 
und Frankreich eingeschlossen, aber ihre ungünstigen 
Hinterlandsverhältnisse sind durch den Vertrag von 
1911 wesentlich verbessert worden. Kamerun ist die 
typische Tropenkolonie: Lagunen an den Küsten, Ur- 
wälder, weite Steppengebiete, teilweise wüst, teilweise 
überreichlich bewässert und dicht bevölkert, starke Er- 
hebungen, vor allem das Kamerungebirge, ein Gebirgs- 
stock bis über 3000 Meter hoch, das Sanatorium der 
Europäer. Die Hochländer von 1200 Meter aufwärts 
sind im ganzen gesund und bieten Ansiedelungsmöglich- 
keiten für Europäer. Der Eisenbahnbau, der 1906 be- 



Togo. Kamerun. 205 

gönnen hat, ist die notwendige Voraussetzung dazu. 
Die Besitzergreifung des Landes ist nur ganz allmählich 
unter zahlreichen schweren Kämpfen vor sich gegangen. 
Von Norden her dringt islamitische Kultur und Religion 
ein. Die Verwaltung ist entsprechend den klimatischen 
und Bevölkerungsverhältnissen in drei verschiedenen 
Formen organisiert: Bezirksämter mit Zivilverwaltung, 
Gebiete mit militärischer Verwaltung und Residenturen 
mit militärischen Vorgesetzten, aber ohne direkte Ver- 
waltung. Die islamitischen Reiche hat man möglichst 
geschont und nur zur Tributleistung verpflichtet — ähn- 
lich ist das Verhältnis zu den Oberhäuptlingen im In- 
nern. Ueberhaupt sind lokale Autoritäten die not- 
wendigen Vermittlungsorgane der Kultivierung im Ein- 
zelnen, wie etwa der Bekämpfung von Gottesurteilen 
und des Kannibalismus. 

Elfenbein, Kautschuk und Kakao sind bis jetzt die 
wertvollsten Ausfuhrartikel. Ueberreichlich ist Nutzholz 
vorhanden; das südliche Grasland bietet Aussicht für 
europäische Viehzucht. Großes Aufsehen haben die 
in Kamerun konzessionierten Gesellschaften gemacht, 
die nach belgischem Vorbild arbeiteten und im Süden 
wenigstens große Gewinne machten. 1899 wurden ihre 
Papiere an die Börse gebracht und hochgetrieben ; der 
Kolonialrat war bei der Konzessionierung nicht gefragt 
worden, und die Angelegenheit erweckte scharfe Kritik. 
Einen unangenehmen Eindruck machte auch im Jahre 
1905 die Beschwerde von Häuptlingen gegen die Be- 
amten des Gouvernements, deren Erfolg es war, daß 
die Beschwerdeführer selbst zu Kerkerstrafen verur- 
teilt wurden. Die Angelegenheit kam im Reichstag zur 
Sprache, und der Gouverneur mußte entlassen werden. 

Das Schmerzenskind unter den deutschen Kolonien 
ist Deutsch-Südwestafrika. Der Kaufmann Lüderitz, auf 
den die Erwerbung zurückgeht, konnte sich kaum halten 



2o6 X. Die deutsche Kolonisation. 

und ging bei einem Bootsunglück traurig zu Grunde; 
die deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, die 
Lüderitzens Erwerbungen übernommen hatte, war bald 
am Ende ihrer Mittel. 1888 empörten sich die 
Herero zum erstenmal, 1893 folgte der Kampf 
mit Hendrik Witbooi, 1897 suchte die Rinderpest 
das Land heim und es wurde Krieg mit den 
Hottentotten geführt, 1904 — 1907 folgte dann der große 
Aufstand der Herero. Südwest ist ein gewaltiges Land; 
aber das grundlegende Merkmal ist die Trockenheit und 
die sich daraus ergebende Vegetationsarmut. Der Bo- 
den ist der Sonne preisgegeben, kein Wolkenschleier 
und keine Pflanzendecke schützen ihn. Je weiter man 
in das Innere kommt, desto erfolgreicher ist aber der 
Kampf der Pflanzen um das Wasser: nach der Wüste 
kommt das Grasland mit seinem verstreuten Gehölz, 
dem Dornbusch. Schroff davon hebt sich die Vege- 
tation der Rinnsale ab, der Rivierläufe , in denen 
sich das Wasser sammelt. Die eingeborene Bevöl- 
kerung ist ganz dünn, sie führt ein dürftiges Nomaden- 
dasein im beständigen Kampf mit der Natur um Wasser 
und Weide. Das Vieh ist der Reichtum der Eingebo- 
renen. Ihr herrschender Typus steht weit ab vom 
Neger des afrikanischen Tropengürtels. Zäh und ver- 
schlagen, genügsam, voll starken Unabhängigkeitssinnes, 
voll Schlauheit und Phantasie, gestählt und gewitzigt in 
der ewigen Mühe der Daseinsbehauptung : so können 
sie in dem weißen Mann nur den Konkurrenten sehen. 
Eroberung heißt hier so viel wie Vernichtung. 

Südwest ist die einzige deutsche Kolonie, die Wei- 
ßen dauernde Ansiedelungsmöglichkeit bietet. Die Ver- 
hältnisse lassen sich mit denen der Kapkolonie und 
Australiens vergleichen. Man hat ausgerechnet, daß sich 
der heutige Bestand von etwa 12000 Weißen vielleicht 
verzehnfachen kann. In den ersten Jahren des Besitzes 



Deutsch-Südwestafrika. 207 

war die Ansiedelung so dürftig, daß Caprivi drohte, er 
wolle die Kolonie aufgeben. Es sind dann eine An- 
zahl großer Landgesellschaften ins Leben gerufen worden, 
die Farmen gegründet haben. Die älteren Bahnbauten aus 
den neunziger Jahren sind wegen ihrer schmalen Spur 
wenig leistungsfähig; bessere Verbindungen sind seit- 
dem sowohl im Norden wie im Süden hergestellt wor- 
den. In den ersten Zeiten des Besitzes brachte der 
Viehhandel dem Weißen den besten Gewinn. Man 
konnte damals als Frachtfahrer mit Ochsengespannen 
leicht seinen Lebensunterhalt erwerben; man kaufte das 
Schlachtvieh von den Eingeborenen auf und verhandelte 
es weiter, besonders nach den Minengebieten. Die 
Rinderpest hat dann 95 °/ der Herden vernichtet; 
die Viehzucht wurde nun selbst für den Weißen gewinn- 
bringend, und nach der Vernichtung der Herero konnte 
das Land allmählich zur Verteilung kommen. Die wich- 
tigste Bedingung für die Viehzucht ist die Wasserver- 
sorgung: Felsvertiefungen, Rinnsale, Quellen, Zisternen 
für Regenwasser, Bohrungen dienen dazu ; ja die Wün- 
schelrute mußte helfen. 

Große Möglichkeiten eröffneten sich durch die Auf- 
findung von Kupfer und von Diamanten. Die Kupfer- 
minen liegen im Norden und werden von einer Gesell- 
schaft ausgebeutet. 1908 wurde in der Lüderitz- 
bucht, gerade in der belebtesten Gegend der Kolonie, 
der erste Diamantfund gemacht. Nach anfänglichem 
Mißtrauen entstand ein beispielloser Eifer ; 1910 
gab es schon 63 Diamantgesellschaften. 1909 ist die 
Grundlage zur Selbstverwaltung der Kolonie gelegt 
worden. 

Deutsch-Ostafrika endlich ist nicht nur räumlich die 
größte, sondern auch die am besten abgerundete und aus- 
sichtsreichste deutscheKolonie. Es zeichnet sich durch eine 
mannigfaltige Gliederung aus ; sechs Zonen werden unter- 



208 X. Die deutsche Kolonisation. 

schieden: die Küste, das heiße trockene Vorland mit 
Dornbusch, das Randgebirge mit seinen immergrünen 
Urwäldern, das innere Hochplateau, die subalpinen 
Höhen und die alpine Zone mit dem Kilimandscharo 
und seinen Nachbarvulkanen. Die Bevölkerung ist ver- 
hältnismäßig gering, da das Gebiet wie der benachbarte 
Sudan und das Kongobecken bis in die jüngste Zeit 
durch den Sklavenhandel der Araber heimgesucht wurde. 
Wie der ganze Osten Afrikas ist die Kolonie stark durch 
die Nachbarschaft Asiens beeinflußt worden: bis Rho- 
desia sind ja die goldsuchenden Araber vorgedrungen, 
Perser und Inder haben Niederlassungen gegründet, von 
denen noch Ruinen zeugen. Auch viele Kulturpflanzen 
und Tiere sind von Asien herübergekommen. 

Die Kolonie ist reich an Produkten : Kautschuk 
und Kopal, dann die Feld- und Baumkulturen der Ein- 
geborenen: Oelpalme, Erdnuß, Hirse, Mais und Reis. 
An tierischen Produkten steht das Elfenbein in erster 
Linie, dann alles, was durch die Jagd von Nashörnern, 
Antilopen, Zebras und Nilpferden gewonnen werden 
kann. Die große Frage war, ob Plantagenbetrieb gro- 
ßen Stils für Europäer praktisch sein würde. Baum- 
wolle, Zuckerrohr, Kaffee kommen dafür in Betracht ; 
diese Form scheint sich aber wenig bewährt zu haben, 
nicht nur wegen der Geringwertigkeit der Erzeugnisse, 
sondern besonders, weil die Neger zu schwer dazu zu 
bringen sind, selbst durch Prämien und Gewinnaussicht, 
über ein Unterhaltsminimum hinaus zu arbeiten. Als 
Ideal erscheint der von den Europäern in eigener Re- 
gie geführte mittlere Betrieb. Die Rindviehzucht hat 
wegen der Tsetse-Fliege wenig Aussicht. 

Wichtig für die Verhältnisse in Deutsch-Ostafrika 
ist der Gegensatz zwischen Kaufleuten und Pflanzern 
geworden. Die Pflanzer haben die Eingeborenenkultur 
als Konkurrenz bekämpft ; für die Kauf leute war sie aber 



Deutsch-Ostafrika. 



209 



die wichtigste Quelle der Reichtumsgewinnung. Das 
Menschenmaterial ist in einer tropischen Kolonie wie 
Deutsch-Ost der größte Reichtum. Und die Einführung 
einer Arbeitsdienstpflicht in irgend einer erträglichen 
Form erscheint durchaus nötig und gerecht. Als 
weißes Ansiedelungsgebiet kommt die Zone in der 
Durchschnittshöhe von 1500 — 2000 Metern in Betracht. 
Man hat ausgerechnet, daß dort 70 — 80000 Ansied- 
ler unterzubringen sind ; die Betriebe können nicht 
klein sein, ein gewisser Kapitalbesitz ist die Voraus- 
setzung. 

Ein besonderes Problem in Deutsch-Ost ist die Inder- 
frage. Ein sehr zahlreiches Hinduproletariat strömt hin- 
über und übernimmt eine Art Vermittlerrolle als Klein- 
händler, Kleinhandwerker, Verkehrsagenten, auch als 
kaufmännische Hilfskräfte. Da diese Hindu das Klima 
ohne weiteres vertragen können, so sind sie für die 
Weißen eine gefährliche Konkurrenz, ja sogar, was 
das bedenklichste ist, eine unentbehrliche Hilfsmann- 
schaft. Ohne ihre Arbeits- und Vermittlertätigkeit 
würden die Lebensverhältnisse in Deutsch-Ost viel teurer 
sein. Aus Südafrika wandern in Deutsch-Ost zahlreiche 
Buren ein, für deren starken Expansionstrieb ganz Afrika 
den natürlichen Raum bietet. Sie treiben Viehzucht, 
ernähren sich als Frachtfahrer und Jäger. Deutsch- 
Russen sind aus dem Kaukasus gekommen, deutsche 
Templerfamilien aus Palästina; eine charakteristische 
Rolle spielen die Griechen, die von den Eingeborenen 
die »Wilden von Europa« genannt werden. - — Mehrere 
Bahnlinien sind in den letzten Jahren fertig geworden 
und erschließen das Land. 

Das Deutsche Reich hat, nachdem es das Land 
1891 von der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft über- 
nommen hatte, für diese Kolonie das Mögliche getan; 
die besten Kolonialbeamten, Wissmann an der Spitze, 

Valentin, Kolonialgeschichte. 1 4 



210 X. Die deutsche Kolonisation. 

haben hier gewirkt; sie ist historisch und kulturell die 
interessanteste und farbigste, wirtschaftlich die aussichts- 
vollste unter den deutschen Besitzungen. 

Die afrikanische Weltstellung zwischen England und 
Frankreich ist die eine, die das Deutsche Reich errun- 
gen hat; seine zweite Weltstellung, zwischen Japan und 
den Vereinigten Staaten, zwischen England und Frank- 
reich wurde die pazifische. Nirgends ist so das politische 
Moment das wichtige und das wirtschaftliche Moment 
das minder wichtige gewesen. Denn Kaiser- Wilhelmsland 
auf Neuguinea und der Bismarckarchipel nebst den Nach- 
barinseln haben zwar der Wissenschaft viel Anregung, 
aber sonst wenig Freude und Nutzen gebracht. 1899 
hat das Reich endgültig die Verwaltung von der Neu- 
guinea-Kompagnie übernommen, 1906 die Verwaltung 
der Marshallinseln von der Jaluitgesellschaft. Auf Neu- 
guinea wurde das Innere durchquert, die Missionen ent- 
wickelt, Ansiedelung mit deutschen Bauern aus Queens- 
Tand versucht; die Erfolge waren bei den bösen klima- 
tischen Verhältnissen gering und das Leben, ebenso 
wie auf den Inselgruppe, blieb primitiv und einförmig. 



Welche Erweiterungen hat nun der deutsche Ko- 
lonialbesitz unter Kaiser Wilhelm II. erfahren? Die Ver- 
größerung Kameruns durch ein großes und wertvolles 
Stück von Französisch-Kongo habe ich schon erwähnt ; 
der pazifische Besitz ist durch die Karolinen, Marianen 
und Palauinseln erweitert worden, die das Deutsche Reich 
1899 von Spanien für 25 Millionen Peseten erwarb. Schon 
einmal, 1885, hatte Deutschland die Inseln unter seinen 
Schutz gestellt, da es keine Verwaltung vorfand und sie 
deshalb als herrenlos ansah. Da aber Spanien seine 
Ansprüche aus der Entdeckungszeit her nicht aufgeben 
wollte, verzichtete Bismarck auf eine gute Art, indem 



Afrikanische und pazifische Weltstellung. — Das Kiautschougebiet. 21 1 

er Papst Leo XIII. als Schiedsrichter annahm, der na- 
türlich die Entscheidung seines Vorgängers Alexan- 
der VI. nicht aufheben konnte. Auch Samoa ist schon 
früh von Deutschland ins Auge gefaßt worden. Seine 
Geschichte ist abwechslungsreich und romantisch genug. 
Die groteskeste Episode ist wohl auf den deutschen 
Konsul Dr. Knappe zurückzuführen, der 1888 mit ganz 
Samoa auf eigne Faust Krieg führte, vom »Morbus kon- 
sularis« befallen, wie Bismarck sich ausdrückte, als er 
ihn desavouierte. Die samoanischen Wirren wurden 
1899 endlich in der Weise geschlichtet, daß die inter- 
essierten Mächte Deutschland und die Vereinigten Staa- 
ten die Inselgruppen unter sich verteilten und England 
von Deutschland durch zwei Salomonsinseln und das 
Vorrecht auf die Tongainseln entschädigt wurde. Der 
Gewinn für Deutschland war erfreulich, aber bescheiden. 
Der größte äußere Erfolg der neuesten Zeit war 
die Erwerbung von Kiautschou, dessen amtlicher Name 
»Kiautschougebiet« ist, während es in Ostasien allge- 
mein und praktisch nach der Hauptansiedlung Tsingtau 
genannt wird. Die Stadt Kiautschou hat in früherer 
Zeit eine große Bedeutung gehabt: sie war der alte 
Eingangshafen für die Provinz Schantung, bis die Grün- 
dung der Niederlassung Tschifu sie tot gemacht hat. 
Sie gehört gar nicht zum deutschen Gebiet. Richthofen 
hat schon 1870 in den preußischen Jahrbüchern und 
dann in seinem großen Werk über China auf die Be- 
deutung der Kiautschoubucht hingewiesen und so 
auch die deutsche Regierung aufmerksam gemacht. Die 
Ermordung von zwei Missionaren in der Provinz Schan- 
tung (1897) bot dem Deutschen Reich den äußeren 
Anlaß, nach Verständigung mit den Großmächten, 
den alten Plan zu verwirklichen und zum Zweck einer 
durch Deutschland schaffenden Fremdenniederlassung, 
Tsingtau als Stützpunkt in China zu besetzen. 1898 

14* 



212 X. Die deutsche Kolonisation. 

wurde dann ein Pachtvertrag mit China geschlossen, 
wonach der Kaiser von China auf 99 Jahre sich der 
Ausübung seiner Hoheitsrechte im Bereich des Gebietes 
zu Gunsten des Reiches begab. Ein Pachtzins ist nicht 
festgesetzt worden. Für den Fall, daß Deutschland das 
Gebiet vor Ablauf der Frist zurückgeben wollte, ver- 
pflichtete sich China die gemachten Aufwendungen zu- 
rückzuerstatten und Deutschland einen geeigneteren 
Platz anzuweisen. Außer dem Pachtgebiet wurde eine 
Interessenzone festgesetzt, wo Deutschland das Recht auf 
freien Durchzug der Truppen haben sollte, sowie die 
wirtschaftliche Erschließung des Hinterlandes durch 
Deutschland vorgesehen. Für die Provinz Schantung 
sollte. Deutschland unbedingte Bevorzugung genießen. 
Das Kiautschougebiet ist zum kaiserlichen Schutzge- 
biet erklärt und damit in die deutschen Kolonien eingereiht 
worden. Es war die populärste überseeische Erwerbung, 
die das Deutsche Reich gemacht hat. Selbst Kreise, 
die kolonialen Fragen sonst verständnislos und unwillig 
gegenüberstanden, sprachen damals ihre Anerkennung 
aus. Tsingtau ist unter allen Häfen der Halbinsel 
Schantung der günstigste : er ist den größten Schiffen 
das ganze Jahr zugänglich und deshalb der gegebene 
Hafen ersten Ranges an der nördlichen Küste Chinas, 
die ja im Gegensatz zur Felsenküste des Südens ein 
Flachland darstellt, dessen große Flußmündungen ver- 
schlammen. Das Hinterland von Tsingtau ist so günstig 
gestaltet, daß der Verkehr an der großen Ebene, dem 
Zentrum des Chinesentums, leicht zu bewerkstelligen war. 
Tsingtau hat sich aus einem unbedeutenden Dorf zu 
einer Stadt von über 30 000 Einwohner entwickelt. Die 
Bevölkerung ist ein lebhafter, intelligenter Chinesentyp, 
der sich eifrig bemühte in das Deutschtum einzudringen; 
für industrielle Unternehmungen unter deutscher Lei- 



Entwickelung und Bedeutung Tsingtaus. 213 

tung stellten diese Elemente gutes und williges Arbeits- 
material dar. 

Das Gebiet war der Verwaltung des Reichsmarine- 
amts unterstellt, der Gouverneur gehörte immer der 
Marine an und war höchste Militär- und Zivilperson. Eine 
Anzahl Körperschaften für die einzelnen Verwaltungs- 
zweige standen ihm beratend zur Seite, auch ein aus 
Chinesen bestehender Ausschuß. Chinesisches Land 
durfte nur an die deutsche Regierung verkauft werden, 
die es dann an Interessenten weiter gab. So wurde 
jede Bodenspekulation ausgeschlossen. 

Tsingtau zerfiel in eine Europäerstadt, die sich an- 
mutig einem Seebadestrand entlang erstreckte: man 
hatte Villen, Hotels, Post, Läden, die deutsch-asiatische 
Bank; dann kam die Chinesenstadt, die sehr rasch an- 
gewachsen war und von Kaufleuten wimmelte; abge- 
trennt von ihr war wieder das Viertel der Tagearbeiter, 
der Kulis. Eine großartige Anlage war der Hafen: der 
kleine für den chinesischen Dschunkenverkehr, der große 
für die Ozeandampfer. Die Lösch- und Ladeeinrichtun- 
gen, die Kranen und Leuchttürme stellten das Voll- 
kommenste deutscher Arbeit dar. Die Schantungeisen- 
bahn erschließt das ganze Gebiet; sie wurde 1904 voll- 
endet und machte in erster Linie die großen Kohlen- 
lager im Innern nutzbar, die Richthofen schon unter- 
sucht hat und auf die es für Deutschland hauptsächlich 
ankam. 

Tsingtau und sein Gebiet ist gewissermaßen eine 
Art Schaustellung des Deutschtums in der großen Welt 
geworden. Das Hügelland wurde für die neue Stadt 
eingeebnet, Sprengungen wurden vorgenommen, eine 
Großziegelei, eine elektrische Zentrale wurde einge- 
richtet, der Hafen wurde glänzend und modern ausge- 
baut : Straßenbau, Hygiene, Errichtung von Schulen, 
Seminaren, Missionen und Krankenhäusern, Aufforstung 



214 



X. Die deutsche Kolonisation. 



der kahlen Berge — das hat uns alles beschäftigt. 
Eine ungeheure geduldige und methodische Arbeit ist 
geleistet worden, die geringste Bodenfalte wurde genau 
studiert. Das Große, Starke und Tüchtige unseres 
Volkstums hat hier unsern Beruf bewährt, ein Weltvolk 
zu sein. Die 1909 eröffnete deutsch-chinesische Hoch- 
schule in Tsingtau, das gemeinsame Unternehmen der 
deutschen und chinesischen Regierung, bildete die Be- 
krönung unseres Werkes. So ist Deutschland in die Rolle 
des Lehrers und Führers des neuen China mit eingetreten, 
von dessen dunklen Schicksalen das Dasein und die 
Entwickelungsmöglichkeiten des Kiautschougebietes ja 
abhingen. Freilich haben sich zu dieser Erweckung des 
Chinesentums dann reichere, mächtigere und behendere 
Konkurrenten eingestellt. 

Die Völker des europäisch-amerikanischen Kultur- 
kreises, die Angehörigen der weißen Rasse haben die 
Erde unter sich verteilt, als stellten sie die einzige ko- 
lonisatorische Kraft der jüngsten Weltepoche dar. Die 
Kolonisation der asiatischen Völker ist das große anta- 
gonistische Moment, durch das die neueste Entwick- 
lung und die weitere Gestaltung der Verhältnisse be- 
stimmtwird — eine Kolonisation, die sich zunächst langsam 
von unten her durch die materiellen und moralischen 
Mittel der reinen Volkskraft durchsetzt. Das Chi- 
nesentum hat sich über alle benachbarten Regionen 
ausgebreitet: Korea, Indochina, Siam, Tibet — das ist 
die erste Zone. Die zweite reicht aber viel weiter: 
überall, wo es eine Lücke auszufüllen gibt, stellt sich 
mit seiner kaufmännischen Betriebsamkeit, mit seiner 
zähen Selbstverleugnung, mit seiner Bereitschaft zu den 
schmutzigsten und niedersten Arbeiten der Chinese ein 
— auf den Philippinen, den Sundainseln, in den Ver- 
einigten Staaten, in Australien, Sibirien und Ozeanien. 



Gegenströmung gegen die europäische Kolonisation : die asiatische. 2 1 5 

Und daneben hat sich, genau so erfüllt von 
den Gedanken moderner Machtpolitik wie die Welt- 
staaten der weißen Rasse, Japan gestellt, das mit der 
Wucht eines maßlos selbstbewußten Volkstums sich 
auf das asiatische Festland und auf die Inselwelt von 
Ozeanien wirft. 

Seit dem Sieg Japans über Rußland ist die Gä- 
rung in den asiatischen Völkern immer tiefer und be- 
drohlicher geworden. Die studierenden Hindu wandten 
ihre Augen nach Tokio, in Persien hat die Reform- 
partei die Geschichte Japans ins Persische übersetzen 
lassen, in die entlegensten Orte der Türkei hat der 
Kinematograph das Bild der russischen Niederlagen ge- 
bracht. Der Europäer ist für den Asiaten mehr als 
jemals der verächtliche Barbar, bei dessen Anblick er 
sich tief verletzt fragt, wie Gott ein solches Wesen habe 
schaffen können. Auf Madagaskar und auf den Philip- 
pinnen regen sich die Malaien, und die Araber berühren 
Indien im Osten, Spanien, Frankreich und Italien im 
Westen, Südafrika im Süden. 

Der Gedanke der Kolonisation ist zum bestimmen- 
den Antrieb des Weltgeschehens geworden. In der Form 
der Kolonisation wirken reife, blühende Völker, ge- 
schlossene starke Staaten ihre Kräfte aus: die Volks- 
genossen tragen ihre Arbeit, ihre Kultur, ihre werte- 
schaffende Intelligenz über alle Meere und schaffen neue 
Macht. Der Einzelne gibt sich so der Idee seines 
Vaterlandes hin, und das politische Ganze erfüllt sein 
historisches Schicksal. 



2l6 



Anhang I. 
Quellen und Literatur. 

An allgemeinen Werken über Kolonialgeschichte der Neuzeit habe 
ich benutzt: 

Dr. Alfred Zimmermann, Die Europäischen Kolonien. Schil- 
derung ihrer Entstehung, Entwicklung, Erfolge und Aussichten. 

5 Bände. Berlin 1896 u. f. 

In diesem Werk ist die Geschichte der Kolonialpolitik Portugals, 
Spaniens, Großbritanniens, Frankreichs und der Niederlande erzählt. Der 
Verfasser gibt sehr reichlichen Stoff, viel Zahlenmaterial, folgt den 
Einzelereignissen genau und versucht, auf die größeren geschichtlichen 
Zusammenhänge hinzuweisen. Das Werk ist ein brauchbares Hilfs- 
mittel; eine feinere und tiefere Charakteristik bietet es nicht. 
Paul Leroy-Beaulieu, De la Colonisation chez les Peuples 

modernes. 6. Auflage, Paris 1908, 2 Bände. 

Der Verfasser hat dies bekannte und klassische Werk als National- 
ökonom und Politiker geschrieben. Der erste Teil umfaßt eine ge- 
schichtliche Uebersicht, der zweite die Lehrsätze (»Doctrines«). Der ge- 
schichtliche Teil behandelt die Kolonisation vor dem XIX. Jahrhundert 
und die Kolonisation im XIX. und XX. Jahrhundert in zwei gesonderten 
Büchern. Der Ausgangspunkt ist auch im geschichtlichen Teil die Ge- 
genwart und das praktische Interesse; es wird mehr geurteilt und ge- 
wertet als geschildert und dargestellt; das Hauptgewicht wird gelegt 
auf die natürlichen Verhältnisse, die Verteilung des Landes, die Ent- 
wicklung des Handels und der Produktion. Aber auch der Historiker 
empfängt aus der klugen und bedeutenden Darstellungsart des Verfassers 
wichtige Anregungen; man kann ihm in vielen Punkten, wenn auch 
nicht ohne Vorsicht, folgen. Der Ökonomische Gesichtspunkt trübt ihm, 
so etwa bei der Beurteilung der spanischen Kolonisation, den Blick. Von 
besonderem Wert ist natürlich die Behandlung der französischen Kolonien. 
Dr. Gustav Roloff, Geschichte der europäischen Kolonisation seit 

der Entdeckung Amerikas. Heilbronn 1913. 

Der Verfasser versucht eine knappe Darstellung des Gegenstandes 



Anhang I. Quellen und Literatur. 217 

zu geben, deren Hauptfehler in der ungeschickten Einteilung des Stoffes 
liegt. Die europäische Kolonisation als solche hat ja nur eine mehr äußer- 
liche, in der Aufeinanderfolge von Fakten beruhende Geschichte. Wer 
sie verfolgt, muß von den Versuchen einer Nation zu denen der anderen 
springen, ohne das Individuelle der einzelnen Kolonisationen erfassen zu 
können. 
Dietrich Schäfer, Kolonialgeschichte (Sammlung Göschen). 

3. Auflage, Leipzig 1910. 

Der Verfasser gibt darin einen knappen und trefflichen Ueberblick 
über die Hauptereignisse und Hauptrichtungen der Kolonisation seit 
dem Altertum. Zur Ergänzung ist seine Weltgeschichte der Neuzeit in 
zwei Bänden (Berlin 1908) heranzuziehen, die den kolonialgeschichtlichen 
Standpunkt anregend betont. 
Paul Darmstaedter, Geschichte der Aufteilung und Kolonisation 

Afrikas seit dem Zeitalter der Entdeckungen, Erster Band 1415 — 1870. 

Berlin und Leipzig 1913. 

Das Buch behandelt in ausgezeichneter, gründlicher und erschöpfen- 
der Weise die Bemühungen der europäischen Kolonisation um Afrika. 
Vieles Einzelne ist völlig neu aufgehellt, viele Zusammenhänge sind ge- 
klärt und vertieft worden. Für die portugiesische, französische und eng- 
lische Kolonisation ist es mir von besonderem Wert gewesen. 
Prof. Dr. Otto Köbner, Einführung in die Kolonialpolitik, Jena 1908. 
Dr, Alfred Zimmermann, Kolonialpolitik. Leipzig 1905. (Hand- 

und Lehrbuch der Staatswissenschaften I, 18.) 

Aus der für den Historiker anregenden und wichtigen Literatur 
über Kolonialpolitik nenne ich — abgesehen von dem alten, noch immer 
wertvollen Werke von Röscher und Jannasch Kolonien, Kolo- 
nialpolitik und Auswanderung, Leipzig 1885, 3. Auflage. — diese beiden 
klaren und gut gearbeiteten Orientierungen. 

Erstes Kapitel. Die Epochen der Kolonialgeschichte. 
Prof. Dr. Alexander Supan, Die territoriale Entwicklung der 
europäischen Kolonien. Gotha 1906. 

Zweites Kapitel. Die spanische Kolonisation *). 
P esc hei, Zeitalter der Entdeckungen, 2. Auflage, Stuttgart 1877. 
Sophus Rüge, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, Berlin 1881. 
S. Günther, Das Zeitalter der Entdeckungen. 3. Auflage. Leipzig 1912. 
*) Quellen und Literatur in spanischer, portugiesischer und hollän- 
discher Sprache findet man bei Zimmermann und in dem vorzüglichen 
Artikel von Zoepfl »Kolonien und Kolonialpolitik« des Handwörterbu- 
ches der Staatswissenschaften 1910 aufgeführt. 



2l8 Anhang I. 

Karl Häbler, Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhun- 
dert, Berlin 1888. 
K. Häbler, Geschichte Spaniens unter den Habsburgern. Erster 

Band Gotha 1907. (Allgemeine Staatengeschichte, herausgegeben 

von K. Lamprecht). 
Ferdinand Cortez's Berichte an Kaiser Karl V, bearbeitet von 

Dr. Ernst Schuitze, Hamburg 1907 (Bibliothek wertvoller Memoiren 

Band 4). 
E. Gothein, Der christlich-soziale Staat der Jesuiten in Paraguay. 

Leipzig 1883. (Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, 

herausgegeben von G. Schmoller, IV, 4). 
K. Häbler, Die überseeischen Unternehmungen der Welser und ihrer 

Gesellschafter, Leipzig 1903. 
H. Boehmer, Die Jesuiten, 3. Auflage, Leipzig 1913. 
Ernst Daenell, Die Spanier in Nordamerika von 15 13 — 1824. 

München und Berlin 1911. (Historische Bibliothek, herausgegeben 

von der Redaktion der Historischen Zeitschrift.) 
Jules Humbert, Les Origines Venezueliennes, Paris 1905, Diss. 
Jules Humbert, L'Occupation allemande du Venezuela au XVI. 

siecle, Paris 1905, Diss. 

Drittes Kapitel. Die portugiesische Kolonisation *). 
H. E. J. Stanley, The three voyages of Vasco da Gama. Hacluyt 

society, London 1869. 
The commentaries of the great Alfonso d'Alboquerque. Ed. by 

Birch, Hacluyt society. London 1875. 
S. Rüge, Die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch Vasco 

da Gama 1497/98. Dresden 1899. (Jahrbuch der Gehe-Stiflung III). 

Viertes Kapitel. Die holländische Kolonisation *). 
J. L. Motley, History of the United Netherlands. London 1869. 
C. W. Janssen, Holland. Kolonialpolitik in Ostindien, Berlin 1884. 

(Deutsche Zeit- und Streitfragen 13). 
L. D r i e s e n , Leben des Fürsten Johann Moritz von Nassau. Berlin 1849. 
George Mc. Theal, History of South Africa, London 1903. 
C. E. C o r y , The rise of South-Africa. London 1910. 
H. E. Egerton, Sir Stamford Raffles. London 1900. 



*) Quellen und Literatur in spanischer, portugiesischer und hollän- 
discher Sprache findet man bei Zimmermann und in dem vorzüglichen 
Artikel von Zoepfl »Kolonien und Kolonialpolitik« des Handwörterbu- 
ches der Staatswissenschaften 1910 angeführt. 



Quellen und Literatur. 219 

P. J. Blök, Geschichte der Niederlande. Gotha 1902. (Allgemeine 
Staatengeschichte ed. Lamprecht I). 

H. v. Treitschke, Historische und politische Aufsätze N. F. I. Leip- 
zig 1870. 

Fünftes Kapitel. Die französische Kolonisation. 
Stewart L. Mims, Colberts West India Policy. New-Haven, 19 12. 
Pierre Margry, Memoirs et documents pour servir ä l'histoire des 

origines francaises des pays d'outre mer. Paris 1879 ff- 
Francis Parkman, France and England in North- America. I — VII 

Boston 1887. 
Maurice Wahl, L'Algerie. Paris 1903. 

E. le Marchand, L'Europe et la Conquete d' Alger. Paris 1913. 
Dr. P. Mohr, Algerien. Berlin 1907. 
Elie Fitoussi, L'Etat tunisien, Tunis 1901. Paris Diss. 

D. H ü b n e r , Die französische Sahara. Leipzig 1907, 

G. Hanotaux, Le Partage de TAfrique (Le Revue de Paris), Paris 1896. 
Hans Gmelin, Die Verfassungsentwicklung von Algerien. Hamburg 

1911 (Abhandlung des Hamburger Kolonialinstituts B. V). 
Gustave Jeannot, Etüde sociale politique et economique sur le 

Maroc. Dijon 1907 (Diss. von Dijon). 
J. Chailly-Bert, La colonisation de l'Indo-Chine. Paris 1892. 
Louis Brunet, L'Oeuvre de la France ä Madagascar. Paris 1903 

Sechstes Kapitel. Die englische Kolonisation. 

Calendar of State Papers, Colonial Series. Ed. by Sains- 
bury, London 1860 ff. 

Colonial Office List. London. 

American History told by Contemporaries, ed. by. Albert 
Bushnell Hart, New-York 1897. 4 Bände. 

Paul Darmstaedter, Die Vereinigten Staaten von Amerika, Leip- 
zig 1909. 

O. Hötzsch, Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Bielefeld 
und Leipzig 1904. 

E. D a e n e 1 1 , Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Leip- 

zig 1907. 
H. E. Egerton, A short history of British colonial Policy, London 1897. 
E. B. Osborn, Greater Canada. London 1900. 
W. W. Hunt er, The Indian Empire, London 1892. 
Macaul ay, Critical and Historical Essays, Leipzig 1850. 
Sir John Strachey, India, its Administration and Progress. Lon- 
don 1911. 



220 Anhang I. 

Lovat Fräser, India under Curzon and After. London 1912. 

Meredith Townsend, Asia and Europe. London 1905. 

Karl Stählin, Das äußere und das innere Problem im heutigen 
Britisch Indien. Heidelberg 1908. 

Sir Henry Cotton, New India or India in Transition. London 1907, 

Sten Konow, Die indische Frage. Hamburg 1914 (Deutsche Vor- 
träge Hamburgischer Professoren VIII). 

H. J. Whigham, The Persian Problem. London 1903. 

Ueber Südafrika kommt die zum vierten Kapitel angeführte Lite- 
ratur in Betracht. Ferner: 

Frank R. Cana, South Africa, from the Great Trek to the Union. 
London 1909. 

Andre Siegfried, Neu-Seeland, übersetzt und erweitert von Dr. 
Max Warnack, Berlin 1909. 

Edward Jenks, The History ofthe Australasian colonies. Cam- 
bridge 1895. 

Earl of Cromer, Das heutige Aegypten. Uebersetzt von Plüdde- 
mann. Zwei Bände, Berlin 1908. 

Jules Cocheris, Situation internationale de l'Egypte et du Soudan. 
Paris 1903. (Pariser Diss.) 

Georges Pemeant, L'Egypte et la Politique frangaise. Paris 1909. 
(Pariser Diss.) 

Dr. Doerkes-Boppard, Verfassungsgeschichte der australischen Kolo- 
nien und des »Commonwealth of Australia«. München und Berlin 1903. 

R. Krauel, Die Entstehung und die Bedeutung des australischen 
Bundesstaates. Preußische Jahrbücher Band 109 (1902). 

Schachner, Australien in Politik, Wirtschaft, Kultur, Jena 1909. 

Heinrich XXXII, PrinzReuß, Vereinigte Malayenstaaten (Schmol- 
lers Jahrbuch 35). 

Sir Charles Dilke, Problems of Greater Britain. London 1890. 

J. A. Froude, Oceana, Leipzig 1887. 

I. R. Seeley, The expansion of England. London 1884. 

Dr. G. von Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus und 
englischer Freihandel zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, Leip- 
zig 1906. 

Sir Lewis M i c h e 1 1 , The life and the times of the R. H. Cecil John 
Rhodes, London 1912. 

Maximilian v. Hagen, England und Aegypten. Bonn 1915. 

Siebentes Kapitel. Die russische Kolonisation. 
Maximilian Graf York v. Wartenburg, Das Vordringen der 
russischen Macht in Asien. Berlin 1900. 



Quellen und Literatur. 221 

Paul Rohrbach, Russische Kolonisation in Asien. Berlin 1900. 
Rußland in Asien. Leipzig 1889 — 1907. Acht Bände. 
S. Rüge, Die sibirische Eisenbahn. Dresden 1901. (Jahrbuch der 
Gehestiftung 7. 8.) 

Achtes Kapitel. Die amerikanische Kolonisation. 

Hierzu kommt die für die englische Kolonisation angeführte Lite- 
ratur in Betracht. 

Neuntes Kapitel. Die Kolonisation kleinerer Staaten. 

A. J. Wauters, Histoire politique du Congo Beige, Bruxelles, 191 1. 

Dr. Max Büchler, Der Kongostaat Leopolds IL Zwei Teile, Leip- 
zig 1914. 

Louis Jozon, L'Etat independant du Congo. Paris 1900 (Paris. Diss.). 

K. v. Stengel, Der Kongostaat und die Kongoakte. (Aus d. Revue 
economique internationale) 1905. 

G. K. Anton, Domanial- und Landpolitik des Kongostaates (Schmollers 
Jahrb. 24. Jahrgang). 
Auch französisch im Institut Colonial International (comte rendu 1900). 

G. K. Anton, Leopold IL und die Entwickelung des Kongostaates 
(Schmollers Jahrbuch 35. Jahrgang). 

Zehntes Kapitel. Die deutsche Kolonisation. 

Dr. Alfred Zimmermann, Geschichte der deutschen Kolonial- 
politik. Berlin 1914. 

Pierre Decharme, Compagnies et Societes coloniales allemandes. 
Paris 1903. 

Dr. Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft. Kulturpolitische 
Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen. Berlin 1909. 

Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft. 1. Band Südwest- 
afrika. Berlin 1909. 

Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika. Auf Grund amtl. 
bearb. v. d. kriegsgeschichtl. Abteilung I. des großen Generalstabs, 
Berlin 1906/07. 

Gerhard Rohlfs, Angra Pequena. Die erste deutsche Kolonie in 
Afrika. Bielefeld und Leipzig 1884. 

Dr. Carl Peters, Die Gründung von Deutsch-Ostafrika. Berlin 1906. 

Kurt Herrfurt, Bismarck und die Kolonialpolitik. Berlin 1909. 

Erinnerungen an Bismarck, gesammelt von v. Brauer, Marcks und 
v. Müller, (hier besonders die Erinnerungen von K r a u e 1 , 
Raschdau, v. Brauer). 



222 Anhang I. Quellen und Literatur. 

v. Koschitzky, Deutsche Colonialgeschichte. Leipzig 1887. 

Deutsche Kolonialgesetzgebung. Berlin 1893 u. f. 

Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft. 
Berlin 1898 u. f. 

M. Brose, Die deutsche Kolonialliteratur 1884/1895. Berlin 1897; 
und seitdem alljährlich, seit 1909 von H. Henoch fortgesetzt. 

Deutsche Kolonialzeitung. Frankfurt 1884 u. f. Neue Folge Berlin 
1888. (Organ des deutschen Kolonialvereins.) 

Deutsches Kolonialblatt. 1890 u. f. (Amtsblatt für die Schutzgebiete d. D.R.) 

Beiträge zur Kolonialpolitik und Kolonial Wirtschaft. 1889 — 1 9°3- (Her- 
ausgegeben von der deutschen Kolonialgesellschaft.) 

Koloniale Rundschau. 1909 u. f. 

Kolonialpolitische Korrespondenz. (Organ von Carl Peters.) 

Koloniales Jahrbuch. 1888— 1898 u. f. 

Nordafrika, Organ der marokkanischen Gesellschaft in Berlin. Bei- 
blatt zu »Die Deutschen Kolonien« 1903; später: Deutsche Monats- 
schrift für Kolonialpolitik und Kolonisation. 

Die deutschen Schutzgebiete in Afrika und der Südsee. Amtliche Jah- 
resberichte herausgegeben vom Reichskolonialamt. Ber- 
lin 19 12 u. f. 

Paul Rohrbach, Dernburg und die Südwestafrikaner, Berlin 1911. 

Dr. Joachim Grafv. Pfeil, Zur Erwerbung von Deutsch-Ostafrika. 
Berlin 1907. 

Paul Samassa, Die Besiedelung Deutsch-Ostafrikas. Leipzig 1909. 

Hans Meyer, Das deutsche Kolonialreich. 2 Bde. Leipzig 1909/10. 

Chr. G. Barth, Unsere Schutzgebiete nach ihren wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen. Leipzig 1910. 

A. Heilborn, Die deutschen Kolonien (Land und Leute). 3. Auf- 
lage. Berlin und Leipzig 1912. 

A. Penck, Tsingtau. Berlin 1911. 

v. Janson, Tsingtau, Erwerb, Blüte und Verlust. Berlin 1915. 

D r. W. Schrameier, Kiautschou seine Entwicklung und Bedeu- 
tung. Berlin 1915. 

Kurt Hassert, Deutschlands Kolonien. Leipzig und Berlin 1910. 



223 



Anhang IL 
Vergleichende Uebersicht des Bestandes des Kolonial- 



Spanien 
Portugal 
Niederlande 
Frankr eich 
Großbritannien 

u. Irland 
Russisches 
Reich, Sibirien u. 
Zentralasien : 
Vereinigte 

Staaten 
Dänemark 
Italien 
Belgien 
Deutsches Reich 



besitzes *). 



1877 

Dkm Umfang 
416 130 
1 862944 

1 749 994 
966050 



Einwohner 

8096 800 

3281 729 

24 480 900 

5 997 600 



19 

□km Umfang 

440 510 

2 095 OOO 

2 O45 647 

10 484 OOO 



15 

Einwohner 

640 000 

9210 000 

38 107 600 

45 573 5oo 



21072656 203941766 29703800 317 188 000 



16 217 551 8 079 080 

88 459 47 400 



5882400 20304900 



3o7 497 
88459 

1 633 650 

2 365 000 
2 952 900 



9912317 

40 545 

1 739 800 

20000000 

12386859 



*) Die Zahlen stammen aus dem diplomatisch-statistischen Jahrbuch des 
Gothaischen Genealogischen Hofkalenders von 1877 und 1915 und sind er- 
gänzt und verbessert aus dem Handwörterbuch der Staatswissenschaften 1910 
und der Uebersicht über die Kolonien der europäischen Staaten in der Kolo- 
nialen Rundschau 1914/15. Die deutsche geographische Quadratmeile ist zu 
7)53 D^m gerechnet. 



224 



Anhang III. 
Gesamt-Uebersicht der Einzel-Kolonien. 



Spanien. 


qkm Umfang 


Einwohnerzahl 


Fernando Po und Dependenzen 


2 Il6 


23844 


Span. Guinea 


31 200 


200 000 


Rio de Oro und Adrar 


189 200 


12 000 


Span. Marokko (Prot.) 


218 000 


404 000 


Portug a 1. 






Kapverdische Inseln 


4848 


147 500 


Guinea 


36 244 


820 000 


S. Thom6 und Principe 


936 


43 13° 


Angola 


1 255 700 


4 1 19 000 


Mozambique 


922 840 


3 120 000 


Indien (Goa usw.) 


4259 


531 798 


Indischer Archipel 


19058 


300 000 


Macao 


10 


63991 


Niederlande. 






Ostindien. 






Java und Madura 


131 440 


30 098 008 


Außenbesitzungen (Provinzen) 


1 783 913 


8 000 000 


Westindien. 






Gouv. Surinam 


119756 


95 090 


Gouv. Curacao 


1 048 


55 153 


Frankreich. 






Algerien 


579289 


5563828 


Tunis (Schutzstaat) 


130 000 


1 952 836 


Franz. Marokko (Schutzstaat) 


569 400 


3 600 000 


Einflußgebiet der Sahara 


1 080 000 


250 000 


Franz. Westafrika 


3 913 190 


11 626 000 


Franz. Aequatorialafrika 


2 521 000 


4 105 600 


Franz. Somaliküste und Dependenzen 


120000 


271859 


Madagaskar 


585 530 


3I43 5H 


Mayotte und Komoren 


2168 


94 384 


Reunion 


1980 


173822 


Dependenzen 


3 740 


— 


Indische Besitzungen 


513 


282 389 


Indo-China 


803 050 


14589209 


St. Pierre und Miquelon 


241 


4209 



Gesamt-Uebersicht der Einzel-Kolonien. 



225 



Frankreich. 


qkm Umfang 


Einwohnerzahl 


Guadeloupe und Dependenzen 


1780 


212430 


Martinique 


987 


185 385 


Franz. Guiana 


88240 


48800 


Neukaledonien und Loyalty-Inseln 


16 120 


50 608 


Chesterfield-Inseln 


M 


— 


Wallis-Inseln und Futuna 


220 


6 000 


Ozeanische Besitzungen 


4 390 


31477 


Clipperton-Insel 


6 


— 


Großbritannien und Irland. 






I. Mittelmeer. 






Gibraltar 


5 


18446 


Malta 


306 


216 617 


Cypern 


93i8 


282 388 


II. Asien. 






Kaiserreich Indien 


4 843 400 


316 008 000 


Ceylon 


65 993 


4 189 246 


Malediven (Prot.) 


300 


30000 


Straits Settlements 


4238 


728635 


Malaiische Schutzstaaten 


133 000 


1 935 900 


Nord-Borneo 


31 106 


80 560 


Sultanate Brunei und Sarawak (Prot.) 


119 200 


522 000 


Sprattley-Insel und Amboyna Cay 


? 


unbewohnt 


Hongkong mit Pachtgebiet 


1 048 


500098 


Kamaran-Inseln 


130 


100 


Pachtgebiet von Wei-hai-wei 


74i 


1 50 000 


Bahrein-Inseln (Prot.) 


213 


55 2 


III. Afrika. 






Gambia 


9409 


138 401 


Sierra Leone 


83 160 


1403 132 


Goldküste 


208 611 


1 5°3 386 


Nigeria 


868 900 


17 124000 


Somaliland (Prot.) 


176800 


346 809 


Ostafrika (Prot.) 


641 200 


4 000 000 


Uganda (Prot.) 


578 800 


2 893 494 


Sansibar 


2 652 


197 250 


Nyassaland (Prot.) 


10.3 483 


1 021 651 


Britisch Südafrika (Union) 


3 119 800 


8 195 799 


Mauritius und Dep. 


2093 


378 427 


Seychellen und Dep. 


406 


23507 


Tristan da Cunha 


116 


95 


St. Helena 


122 


3722 


Ascension 


88 


186 


IV. Amerika. 






Kanada (Dominion of Canada) 


9697 129 


7 758000 


Neufundland und Labrador 


421 200 


245 137 


Bermudas 


50 


18994 


Britisch-Honduras 


22355 


41 170 


Bahama-Inseln 


11 499 


56765 


Jamaika und Dep. 


11910 


866 832 


Valentin, Kolonialgeschichte. 




15 



226 Anhang III. Gesamt-Uebersicht der Einzel-Kolonien. 


IV. Amerika. 


qkm Umfang 


Einwohnerzahl 


Leeward Islands 


1847 


132406 


Windward Islands 


I 310 


160210 


Barbados 


432 


172203 


Trinidad und Tobago 


4840 


350 000 


Britisch-Guiana 


234 720 


299014 


Falkland-Inseln und Dependenzen 


423 400 


3298 


V. Australien und Südsee. 






Australischer Bundesstaat 


7 938 800 


1 115 069 


Neuseeland 


27039 


1 070 910 


Fidschi-Inseln und Rotumah 


19 331 


149 179 


Tonga-Inseln 


1 010 


22 527 


Salomon-Inseln 


38480 


150 500 


Kleinere Inselgruppen 


2308 


40 605 


Aegypten 


1 040 000 


1 1 000 000 


Aegyptischer Sudan 


2 559 752 


3 000 000 


Russisches Reich. 






Zentralasien 


3 488 530 


10 727 000 


Sibirien 


12393870 


9 577 9°o 


Bochara 


203 430 


1 500 000 


Chiwa 


67430 


800 000 


Vereinigte Staaten. 






Philippinen 


312 000 


8 831 618 


Porto Rico 


9 376 


1 184489 


Guam 


546 


12963 


Samoa-Inseln (Tutuila etc.) 


140 


7251 


Hawaii 


16767 


191 909 


Italien. 






Libyen 


1 155600 


1 000 000 


Eritrea 


119 080 


450 000 


Somalia 


365518 


400 000 


Pachtgebiet von Tientsin 


46 


17 000 


Dänemark 






Island 


103366 


85 188 


Grönland (gletscherloses Gebiet) 


121 529 


13 517 


Westindien. 






St. Croix 


218 


15467 


St. Thomas 


86 


10678 


St. John 


55 


941 


Deutsches Reich. 






Togo 


87 200 


1 032 368 


Kamerun 


790 000 


4 149 871 


Deutsch-Südwestafrika 


835 100 


98830 


Deutsch-Ostafrika 


997 000 


7 665 234 


Deutsch-Neu-Guinea 






Bismarck- Archipel und Kaiser- Wil- 






helmsland 


240 000 1 




Ostkarolinen, Westkarolinen Palau 




603 427 


und Marianen 


2476 ) 




Samoa 


2572 


38097 


Pachtgebiet von Kiautschou 


552 


196470 



Kolonialmächte. 



suta. 

[deira. 

reicht. Die 

ssiedelt. 

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.aps. 
landet 



in 



rasilien. 
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naus. 

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;en. 

rnambuco. 

lagoabai. 

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anda. 

n Brasilien. 

Deylon. 

Portugiesen 

rtugiesisch- 
ndelsgesell- 

it. 

uco. 
jramento. 



1602 

1603/05 

1610 

1615 

1619 
1623 

1624 
1624 
1625 

1633 
1634 
1637/44 



1638 
1641 
1641 
1646 

1654 

1658 
1662 
1674 
1710 
1753 



Holland. 
Gründung der holländisch- 
ostindischen Gesellschaft. 
Gründung von Forts auf den 
Molukken. 

Gründung von Neu-Niederland 
(Nord-Amerika). 
Sieg über die Spanier bei Ma- 
lakka. 

Verteidigung von Batavia. 
Blutgericht über die Engländer 
in Amboina. 
Bahia erobert. 

Festsetzung an der Goldküste. 
Unternehmungen der westindi- 
schen Kompagnie in Guyana. 
Entdeckung von St. Helena. 
Besetzung von Curacao. 
Verwaltung des Grafen von 
Nassau in Neuholland (Brasi- 
lien). 

Besetzung von Mauritius. 
Eroberung von Malakka. 
Eroberung von Loanda. 
Vertrag mit den führenden 
Staaten von Java. 
Untergang Neuhollands (Brasi- 
lien). 

Eroberung von Ceylon. 
Verlust von Formosa. 
Verzicht auf New York. 
Mauritius aufgegeben. 
Ganz Java in den Händen der 
Kompagnie, Ausdehnung auf 



Dr. Veit Valentin, 

Privatdozent a. d. Universität Freiburg i. Br. 

Frankfurt am Main und die Revolution 
von 1848|49. 

XIV. u. 554 S. 

Stuttgart und Berlin 1908. 

J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger. 



Fürst Karl Leiningen und das deutsche 
Einheitsproblem. 

XII. u. 240 S. 

Stuttgart und Berlin 19 10. 

J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger. 



Die Mächte des Dreiverbandes. 

22 s. 

München und Berlin 1914. 

Verlag von R. Oldenbourg. 



Bismarck und seine Zeit. 

134 S. 13. — 15. Tausend. 

Leipzig und Berlin 191 5. 
Druck und Verlag von B. G. T e u b n e r. 



Belgien und die große Politik der Neuzeit. 

24 s. 
F. Bruckmann A.-G., München 191 5. 



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